Mit ist da etwas aufgefallen.
Auf meinem Magic-Blog Zeromagic (nein, das folgende Link braucht Ihr nicht anzuklicken, wenn Ihr dieses Spiel nicht kennt, denn dann versteht Ihr eh kein Wort!) schreibe ich darüber, wie ein einst als Denksport vermarktetes Spiel langsam, aber unaufhörlich in den virtuellen Raum emigriert und sich in der realen Welt immer stärker einer immer jüngeren Zielgruppe zuwendet.
Auf meinem kreativen Blog Ein Platz für Andi blogge ich davon, wie das klassische Rollenspiel durch das Aufkommen der Online-Rollenspiele obsolet gemacht wurde.
Und hier, auf Andis Andersartige Ansichten, habe ich vor nicht allzu langer Zeit das Verhältnis von Online- zu Printmedien thematisiert.
Alle diese Themen – und noch einige mehr – fallen letztlich unter den selben Oberbegriff: Die Virtualisierung unserer Gesellschaft.
Okay, das ist jetzt keine bahnbrechende Erkenntnis – jedem ist diese Entwicklung bekannt, und es wird auch immer wieder darüber geschrieben. Was mit allerdings kürzlich erst mit aller Wucht klar wurde, ist wie grundlegend und in alle Bereichen meines Lebens hinein reichend diese Entwicklung stattfindet! Vor allem aber war mir vorher nie klar, dass die Netzwelt nicht einfach eine Ergänzung meiner Lebenswirklichkeit darstellt, sondern dass sie andere Aspekte, die ich als selbstverständlich angenommen habe, verdrängt.
Rollenspiele waren immer schon ein Nischenprodukt, deswegen wurden sie von diesem Effekt am heftigsten betroffen. Sammelkartenspiele folgen nun. Bei konventionellen Spielen ist es mir vermutlich nicht aufgefallen, weil ich generell kein großer Fan davon bin (damit beziehe ich mich jetzt nicht auf vergelichsweise simple Karten-, Brett- und Würfelspiele, sondern auf etwas bis erheblich komplexere Strategiespiele), aber ich habe keinen Zweifel daran, dass es hier genau so ist. Printmedien allgemein kämpfen mit immer größer werdenden Problemen – immer mehr Zeitschriften und Zeitungen stellen sich auf Online-Versionen um. Und wenn ich lese, dass Harry Potter bewiesen hat, dass Bücher eine Renaissance erfahren, dann erinnere ich mich an Meldungen aus den Achtzigern, als es zum Beispiel hieß, dass Vinylschallplatten ihren Marktanteil neben den aufkommenden CDs weiterhin behaupteten…
Das Internet gibt uns viel, aber es nimmt auch furchtbar viel. Bücher und konventionelle Spiele werden nicht komplett aussterben, aber sie werden wirtschaftlich immer unrentabler, und das bedeutet, dass Verleger und Hersteller immer weniger Risiken eingehen dürfen, den Publikumsgeschmack zu verfehlen. Neben dieser Massenware können Nischenprodukte kaum noch bestehen.
Das Problem hierbei ist, dass „Massenware“ immer den kleinsten gemeinsamen Nenner des Publikums bedient! Gute Qualität und Individualität verkaufen sich IMMER schlechter. Wenn ein Markt groß genug ist, dann ist es trotzdem noch möglich, solche Produkte anzubieten. Was aber, wenn der Markt schrumpft?
Die Antwort liegt auf der Hand: Die Vielfalt wird geringer. Nischenprodukte sterben aus.
Natürlich verschwindet diese Vielfalt nicht – sie findet sich im Internet wieder. Allerdings unterscheiden sich Internet-Inhalte von realen Produkten maßgeblich insbesondere in einem Punkt: Sie besitzen keine Dauerhaftigkeit! Ein Buch, eine CD, ein Kartenspiel, das ich besitze, geht mir nicht verloren, wenn ich gut darauf achtgebe. Was ebenfalls nicht unwichtig ist: Gerade WEIL ich in der realen Welt nur begrenzten Platz für Bücher, CDs und Spiele habe, beschäftige ich mich mehr damit! Und auf diese Weise lerne ich auch, welche dieser Dinge es wert sind, sich intensiver damit zu befassen. Qualität benötigt Zeit bei der Erstellung eines Produktes, aber gerade bei Medien und Spielen erfordert diese Qualität auch die Zeit des Konsumenten, sich damit zu beschäftigen.
Das Internet gewöhnt uns die Beurteilung von Qualität ab. Wenn wir mit einem „guten Buch“ in der Hand ins Bett gehen und beim Lesen merken, dass wir einige Passagen zwei Mal lesen oder zurückblättern müssen, um sie zu verstehen, oder dass wir mit einem Kapitel nicht allzu viel anfangen können, dann ist die Chance immer noch größer, dass wir uns durchbeißen und weiterlesen (und dabei möglicherweise feststellen, dass es sich gelohnt hat!), als wenn wir im Internet einen Text lesen, wo Milliarden anderer Inhalte und Beschäftigungsmöglichkeiten nur wenige Klicks entfernt sind.
Gute Bücher, gute Filme, gute Musik und gute Spiele verlangen oft, dass man sich erst eine Zeit lang mit ihnen auseinander setzt, bevor man für diesen gedanklichen und zeitlichen Mehraufwand belohnt wird. Diese Zeit geben wir ihnen bereits im realen Leben immer seltener. Im Internet neigen wir aber zu der Aufmerksamkeitsspanne von Dreijährigen. Deswegen ist die extreme Vielfalt des Internets leider kein Garant dafür, dass es Qualität beinhaltet.
Hier soll es kein Missverständnis geben: Das Internet ist sowohl ein extrem wichtiger, als auch äußerst sinnvoller Bestandteil unseres Lebens – auch meines Lebens! Es stellt aber gleichzeitig ein gigantisches schwarzes Loch dar, welches allerlei Dinge anzieht und verschluckt, die darin nicht in sinnvoller Form existieren können.
Die meisten Bücher und viele Spiele gehören nicht ins Internet. Sie verlieren dort einen essenziellen Teil ihres wahren Wesens. Ich denke, dass das sogar auch für Musikalben gilt: Eine selbst zusammen gestoppelte, vielleicht noch in zufälliger Reihenfolge abgespielte Playlist einzelner Songs ist etwas völlig anderes als ein Konzeptalbum, das man von vorne bis hinten hört.
Ich wünschte, Musik-CDs wären nicht so absurd, unverschämt, unbezahlbar teuer! Ich BIN generell bereit, Geld für DCs auszugeben, anstatt mir Songs im MP3-Format irgendwo herunterzuladen, aber bei diesen Fantasiepreisen kann ich mir das nicht leisten. Mit welcher Rechtfertigung sind Musik-CDs nur teurer als Film-DVDs?
Trotzdem will ich mir eine kleine private Mediathek aufbauen: Echte DVDs, CDs Bücher, Comics und Spiele – keine Kopien! Ich will diese Produktformen unterstützen, so lange es sie noch gibt. Ich lehne das Internet als Informationsquelle, Kommunikationsmedium und auch zur Unterhaltung nicht ab (wie man an der Tatsache, dass ich mittlerweile bereits drei Blogs führe, wohl auch klar erkennen kann!), aber ich verweigere mich seinem totalen Anspruch auf sämtliche Unterhaltungsformen. Manche Dinge funktionieren virtuell tatsächlich besser, und manche sind nur virtuell überhaupt möglich, aber für die übrigen besinne ich mich auf Handfestes zurück.
Das Problem, dass wir zu viel Zeit im Internet verbringen (ja, ich auch), ist letztlich ein Problem, dass wir uns mit den falschen Dingen beschäftigen. Das Netz ist bequem und willfährig – es gibt uns das, was wir wollen, wann wir es wollen, und verlangt dafür als Gegenleistung kaum gedanklichen oder Arbeitsaufwand. Magic-Turniere (mit echten Karten) sterben daran, dass es zu umständlich ist, sie zu besuchen, wenn man doch einfach abends den Computer einschalten und virtuell drauf los spielen kann. Rollenspielrunden sterben sowohl an der Notwendigkeit, sich regelmäßig mit anderen Menschen zu treffen, als auch daran, dass sie gedankliche Eigenleistung erfordern. Geschriebene Texte werden immer unattraktiver, weil sie mehr Konzentration erfordern als das Schauen eines Youtube-Videos.
Hier kann man nur ganz bewusst gegensteuern, ansonsten fällt man ganz automatisch der Bequemlichkeit des Internets zum Opfer. Ich will mir Mühe geben!
31 Antworten bis hierher ↓
Charly // Februar 8, 2009 um 8:19 |
Guter Text, wahr. Schade ist es um die Papier Rollenspiele. Aber die haben seit ich sie kenne einen schweren Stand.
PS: Mir ist aufgefallen, das du hier stilistisch milder schreibst. Absicht, Zufall? :-)
Andreas Pischner // Februar 8, 2009 um 9:49 |
Wohl eher eine Frage der Wahrnehmung. Auf Zeromagic schreibe ich über Dinge, die Dich unmittelbarer betreffen (gelegentlich ja sogar direkt über Dich), da interpretierst Du meinen Stil eher als aggressiv. Tatsächlich würde ich sogar behaupten, dass ich hier tendenziell noch eine Spur schärfer formuliere!
Charly // Februar 8, 2009 um 6:14 |
Vielleicht war es ja auch nur dieser Eintrag. Resignation war hier eigentlich der spürbarste Unterton.
Juzam // Februar 8, 2009 um 7:35 |
Da möchte ich aber auch nochmal erwähnen, dass durch das Internet manches „Nischenprodukt“ erst ermöglicht wird. Ich denke dabei natürlich zuallerst an die Blogs, in denen man fern von kommerziellen Interessen Qualität in verschiedenen Formen liefern kann, für die es im „Druckzeitalter“ keine (bezahlbare) Plattform gab.
Ich bilde mir übrigens ein, dass ich besser Magic spiele, wenn ich die Karten in der Hand habe und vor mir sehe, als online oder mit Proxis.
Andreas Pischner // Februar 8, 2009 um 9:39 |
Ja, Charly, bei diesem Eintrag hier ist ein gewisses Maß Resignation nicht zu leugnen…
Juzam: Wie ich ja auch schreibe: Manche Dinge macht das Internet natürlich besser bzw. ermöglicht sie erst, und Blogs sind eines der besten Beispiele!
Chickenfood // Februar 9, 2009 um 12:45 |
so wie du es teilweise mit dem internet beschreist geht es mir bei anderen öffentlichen informationsquellen.
z.B.Ich will gute Bücher (in mienem Fall SF/Fantasy etwa P.J: Farmer oder Orwell) im Schrank stehen haben anstatt sie in der Bücher für lau zu lesen. Und das auch wenn ich sie vllt. nie mehr lese trotzdem.
Fast wie ein Metagame: es dreht sich solagen weiter bis es auf einemal gefühlt „zurückspringt“. In diesem Fall wird solage alles ins I-net ausgelagert bis man alles wieder Stofflich in der Hand halten können möchte.
btw ein guter Text (z.B. von Nestor R. oder Arne Fricke) würde ich immer(!) lieber als text haben als als video.
P.S: wie kann ich denn eigenlich abstellen das sich eine Linkbeschreibung direkt in einen link umwandelt? (bezogen auf das letzte Video das ich gepostet habe)
Andreas Pischner // Februar 9, 2009 um 4:24 |
Das kannst Du vermutlich nur abstellen, indem Du das Format änderst, also zum Beispiel das voran gestellte http usw. weglässt, sonst konvertiert die Software das automatisch.
Das bringt’s aber auch nicht – sobald es erkennbar ein Link ist, glaube ich nicht, dass es rechtlich einen allzu relevanten Unterschied macht, also muss ich es eh anklicken (was mir dnn halt ein paar Sekunden mehr Arbeit macht), und sobald ich es dann freigeschaltet habe, ist es ja auch widersinnig, wenn andere Leser es nicht direkt anklicken können…
Was ich eigentlich nur sagen wollte: Links in den Kommentaren, insbesondere zu Videos, bitte auf das Notwendigste beschränken!
Was dieses „Stoffliche“ angeht: Wir nehmen die Existenz des Internets als gegeben hin, aber was passiert, wenn das Ganze einmal zusammenbricht? Wir könnten eines Tages mit einem gigantischen Haufen Konserven ohne Büchsenöffner dastehen…
Udo // Februar 9, 2009 um 5:19 |
„Und wenn ich lese, dass Harry Potter bewiesen hat, dass Bücher eine Renaissance erfahren, dann erinnere ich mich an Meldungen aus den Achtzigern, als es zum Beispiel hieß, dass Vinylschallplatten ihren Marktanteil neben den aufkommenden CDs weiterhin behaupteten…
“
Tun sie jetzt aber wieder verstärkt. In jeden Saturn den ich kenne, gibt es mindestens ein Regal mit Vinykschallplatten. Es werden zwar nie weider so viele werden wie früher, aber die ZAhl ist dennoch in den letzten Jahren gestiegen.
Was die Bücher angeht: Da brauchst du dir absolut keine Sorgen zu machen, wie es scheint. SChließlich hat es das Internet in mehr als einenhalb Jahrzehnten nicht geschafft, die Printmedien zu verdrängen oder auch nur nennenswert zurück zu drängen und zwar in einem Zeitraum, der mindestens doppelt so lange ist, wie derjenige, in dem DVDs die Marktposition NR. 1 von den Videos erobert haben und die CDs die Platten phasenweise komplett verdrängt haben.
Udo // Februar 9, 2009 um 5:21 |
Übrigens: Was sind eingentlich „Papier-Rollenspiele“? Solche wie „Call of Cthulhu“? Das feiert nämlich nach wie vor fröhliche Urständ…
Andreas Pischner // Februar 9, 2009 um 5:30 |
Naja, die Vinylschallplatten, die es heute gibt, das sind sozusagen die Oldtimer im Straßenverkehr – klar gibt es noch welche, aber sie besitzen kaum noch Bedeutung.
Printmedien wurden nicht nennenswert zurück gedrängt? Kannst Du das irgendwie belegen? Ich lese nur immer wieder, wie Zeitschriften ein- bzw. Zeitungen online gehen. (Und bei „Papier-Rollenspielen“ gibt es da gar keine Zweifel!) Klar ist das ein langsamerer Prozess als bei der Schallplatte, denn hier wurde letztlich nicht das Medium grundlegend geändert, sondern lediglich auf einen technisch höheren Stand gebracht. Andererseits bin ich mir ziemlich sicher, dass die Musik-CD im Zeitalter der MP3-Player auch bereits deutlich rückläufige Tendenzen besitzt.
Und ja, Call of Cthulhu gibt es noch, aber „fröhliche Urständ“ halte ich da für weit übertrieben – es hält sich (noch) am Markt (hoffentlich noch lange!), als eines von immer weniger Rollenspielen!
TobiH // Februar 9, 2009 um 6:20 |
Ich weiß nicht. Muss es denn wirklich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hinauslaufen?
Immerhin schafft die weltweite Vernetzung auch riesige Absatzmärkte, die wiederum Nischen beherbergen können. (Sogar entsprechend größere, was manche Nischen-Produkte überhaupt erst rentabel werden lässt.)
Seitdem ich neulich festgestellt habe, wie viel Musik ich heute höre, die unter meinen RL-Bekannten sonst NIEMAND auch nur kennt… – seitdem blicke ich eher vorsichtig optimistisch in die Zukunft, was die Gefahr des allesverschlingenden Blobs (des kulturellen Einheitsbreis) angeht.
Andreas Pischner // Februar 9, 2009 um 6:48 |
Ein bisschen gilt für das Internet auch, was Reich-Ranicki über das Fernsehen gesagt haben soll: Es macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer.
Was jedoch den kleinsten gemeinsamen Nenner angeht – welche Zweifel hast Du? Welches Beispiel brauchst Du – Tageszeitungen, Kinocharts, Musikcharts, Bestsellerlisten, Einschaltquoten im Fernsehen, Fast Food…
Natürlich schafft das Internet auch Nischenprodukte, aber es vernichtet eben andere Nischenprodukte im RL.
TobiH // Februar 9, 2009 um 7:48 |
Ach je, Charts! Dass von deren Spitze der kleinste gemeinsame Anspruch befriedigt wird, das… das ist doch quasi eine Tautologie. So definiert sich das Ganze schließlich. (Wobei auch es löbliche Ausnahmen gibt; wenn ein Produkt verschiedenen Gruppen wirklich Verschiedenes bietet.)
Aber für mich klang es so, als ob bei der Virtualisierung Nischenprodukte benachteiligt wären. So negativ muss man das aber keinesfalls sehen. Ohne Zweifel sind sie von ihr STÄRKER betroffen, ja, aber ob das eine Benachteiligung oder gar eine Bevorzugung darstellt, ergibt sich erst aus dem persönlichen Erfahrungshorizont.
Ich bin z.B. traurig, dass sich Magic mehr ins Virtuelle verlagert, und würde den Prozess gerne verlangsamen/aufhalten. Bei anderen Dingen geht es mir aber genau andersherum, da kann es mir gar nicht schnell genug gehen mit dem „Fortschritt“.
Und jetzt frag mal Magic-Spieler in Teilen der Welt, die niemals eine solch gute RL-Infrastruktur bzgl. Magic erlebt haben. Für unsereiner mag MOL bestenfalls ein schwacher Trost und schlimmstenfalls das Übel (TM) sein – für die ist es ein Geschenk des Himmels.
Andreas Pischner // Februar 9, 2009 um 9:22 |
Mich stört ja die Existenz von Magic Online an sich überhaupt nicht (im Gegenteil ärgere ich mich, dass es so unzulänglich umgesetzt ist) – ich bedaure den Verlust der realen Magicszene.
Zu den Charts: Einfaches Gedankenspiel – nehmen wir an, vor 20 Jahren hätten sich Bücher deutlich besser verkauft als heute, und zwar so gut, dass ungefähr die ersten 100 Plätze der Bestsellerlisten sich für die Verlage rentiert haben, während es heute nur noch die ersten 40 sind (wem diese Zahlen sehr krass vorkommen, der sei daran erinnert, dass Verkaufszahlen eine Pyramidenstruktur besitzen).
Das ist die Reduktion auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, die ich fürchte.
Udo // Februar 9, 2009 um 10:57 |
Nunja, soweit ich weiß sind früher auch schon Magazine in Konkurs gegangen. Das liegt für mich weniger am Internet.
Was „Call of Cthulhu“ angeht, dieses Spiel feiert tatsächlich fröhliche Urständ. Es gibt so weit ich weiß zwei regelmäßig erscheinende Magazine dazu, es kommen laufend neue Bücher raus (auch exklusive für den deutschen Markt) und verkauft sich anscheinend wie warme Semmeln. ;)
Andreas Pischner // Februar 10, 2009 um 12:18 |
Ich finde es auf die Schnelle gerade etwas schwierig, Statistiken zu finden, aber ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass es mit dem Zeitschriftenmarkt rapide abwärts geht! Ein Link zu diesem Thema habe ich gefunden:
http://www.spielenutzen.de/?p=188
Dou // Februar 11, 2009 um 1:38 |
„Das Problem hierbei ist, dass “Massenware” immer den kleinsten gemeinsamen Nenner des Publikums bedient! Gute Qualität und Individualität verkaufen sich IMMER schlechter.“
Dozer // Februar 11, 2009 um 2:07 |
„Das Problem hierbei ist, dass “Massenware” immer den kleinsten gemeinsamen Nenner des Publikums bedient! Gute Qualität und Individualität verkaufen sich IMMER schlechter.“
Es gibt einen Bereich, in dem das nicht gilt, der auch direkt mit dem Online-Space verbunden ist: Videospiele. Während du die Virtualisierung des Marktes und unserer Welt beklagst, übersiehst du meiner Meinung nach den neuen Content, der sich insgesamt auch im qualitativ hochwertigen Bereich ergibt.
Es gibt schließlich Unterhaltungs- und Informationsformen, die analog gar nicht funktionieren. Und das beste Beispiel dafür sind Spiele wie Braid, Castle Crashers, Portal, The Last Guy, The Maw, World of Goo und viele weitere, die heute über die gängigen Online-Portale, mithin Xbox Live Arcade, Playstation Network, Wiiware/ DSware und Steam (für den PC) vertrieben werden, um nur die bekanntesten zu nennen. Jedes dieser Spiele (die alle nur in digitaler Form vorhanden sind, also kein physikalisches Medium mehr anbieten) können eine Erfahrung bieten, die von keinem anderen Medium repliziert werden kann. Statt etwas zu verdrängen, erweitert das Medium Videospiele den Raum der möglichen Erfahrungen.
Und diese Spiele existieren nur, weil Portale bereitstehen, über die einzelne Entwickler ohne Logistik-Aufwand und physikalische Produktionskosten ihre Ideen verbreiten können. Dazu kommt, dass gerade bei den nur downloadbaren Spielen Qualität sich ziemlich schnell durchsetzt, weil die Verbreitung weitgehend über Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert. Schlechte Spiele werden schlichtweg nicht weiterempfohlen, gute hingegen schon, und da das über jede social-network-application (die in den oben erwähnten Portalen schon drin ist) viel schneller geht als offline, funktioniert der Selektionsprozess auch.
Natürlich ist gerade im Bereich des user-generated content ganz viel schwachsinniges Zeug dabei. Aber der Peer-Review als Methode zur Selektion funktioniert allein durch die kritische Masse an Reviewern schon ziemlich gut, man schaue nur mal auf diverse Counterstrike-Mods und Maps oder die Level zu Little Big Planet. Gute Ideen, die funktionieren, schwimmen da ziemlich schnell auf.
Ein wesentlicher Punkt in deinem Text ist die „Dauerhaftigkeit“ des jeweiligen Mediums. Aber ist es nicht vielmehr die Dauerhaftigkeit der Erfahrung, die da mitschwingt? Ich kann zum Beispiel stundenlang über den Einzelspieler-Modus von Call of Duty 4 schwärmen, genau wie ein Freund von mir von alten Shadowrun- oder D’n'D-Abenteuern erzählt. Wo ist da der wesentliche Unterschied? Wichtig ist doch vielmehr, dass wir uns darüber unterhalten. Das ist aber keine Frage der Physikalität des Mediums, sondern der Qualität der Erfahrung — und natürlich der sozialen Einbindung des einzelnen, die durch das Internet vielleicht andere Formen (eMail, ICQ, Skype, MMORPGs etc.) annimmt, aber in ihrer grundlegenden Funktion nicht verschwindet.
„Rollenspielrunden sterben sowohl an der Notwendigkeit, sich regelmäßig mit anderen Menschen zu treffen, als auch daran, dass sie gedankliche Eigenleistung erfordern.“
Aber warum kommen dann Tausende zu einem Magic-Grand-Prix nach Paris? Warum gibt es so viele Gilden in Online-Spielen wie z.B. dem „worst offender“ WoW? Beides erfordert das Treffen und Interagieren mit anderen Menschen, beides braucht eine gute Prise gedankliche Eigenleistung.
Gerade diese Eigenleistung scheinst du ja zu vermissen. Ich gebe zu, dass es in meinem Studium mehrmals vorkam, dass ich mir wünschte, mehr Leute wären in der Lage und willens, sich über bestimmte Dinge mit zu echauffieren oder einfach nur der Diskussion zu folgen. Das ist aber leider häufig nur einer Minderheit gelungen. Und dennoch steckt in jedem anderen Menschen irgendwo ein Interessenfeld, das man nur wecken muss und dann vor lauter Unterhaltung nicht mehr weg kommt.
Ich kenne Leute, denen gesamtgesellschaftliche Entwicklungen ebenso egal sind wie Quantenphysik, die aber stundenlang über die Feinheiten japanischer Küche philosophieren können und in der Lage sind, aus dieser Perspektive auch die so genannten „großen“ Fragen einzubeziehen.
Aber das ist auch nur ein kleines Sample meiner persönlichen Lebenswelt und daher im Grunde nicht relevant außer zur Illustration.
Ich meine nur, um hier mal zu einem Punkt zu kommen, dass der Mangel an Qualität, den du konstatierst, so durch die Bank nicht da ist. Das Internet ist mehr als nur ein Webbrowser, und ob jemand Shakespeare als eBook am Bildschirm oder als Buch in gedruckter Form liest, macht Shakespeare nicht schlechter.
Dozer // Februar 11, 2009 um 2:17 |
Kleiner Nachtrag, weil es nicht deutlich wird: Die Videospiele, von denen ich da schrieb, werden alle verkauft. Nichts davon ist kostenlos, und die Spieler nehmen es trotzdem an.
Was im Übrigen Bücher angeht, ist das unrentabelste daran die Produktion, also der Druck. Der Content, der da produziert wird, ist aber in digitaler Form genau der gleiche wie in analoger Form. Ein Beispiel sind Webcomics: Die Comics in Zeitungen sterben (in den USA) weitgehend aus, dafür wechseln die Autoren ins Internet. Da verdienen sie dann Geld nicht, weil jemand sie für den Strip bezahlt, sondern weil sie Merchandising, On-Demand-Bücher und Art-Prints etc. verkaufen. Sie müssen sich nur drauf einlassen.
Es gibt für den meisten Content auch eine sinnvolle digitale Verbreitungsmöglichkeit. Bücher kann man sich z.B. schon on demand selbst drucken lassen. Ich vermute, dass Produkte jeglicher Art auf diese Weise noch mehr fragmentiert und individualisiert werden: Bücher beispielsweise kauft man dann (genau wie Musik inzwischen) online, aber statt sich eine CD zu brennen, lässt man sie beim Printshop um die Ecke oder online ausdrucken und binden. Oder man bestellt sie gleich statt elektronisch auch gebunden, was dann fünf Euro mehr kostet.
Statt einer Buchhandlung macht man dann (wieder, gab’s schon mal zur Zeit der Industrialisierung) Buchclubs oder Leselokale auf, in denen dann Bücher ausgetauscht werden.
Andreas Pischner // Februar 11, 2009 um 9:11 |
Dozer, Du sprichst hier so viele Punkte an…
1. Ja, klar gibt es Content, der nur im Internet funktioiniert. Das habe ich nie bestritten.
2. Du hältst hier ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, dass bei Computerspielen sich Qualität auf Grund von „Mund-zu-Mund-Propaganda“ durchsetzt – aber definierst Du hier nicht einfach, dass das, was sich durchgesetzt hat, demenstprechend gut gewesen sein muss? Ich kenne mich ja mit Computerspielen nicht aus, deswegen kann ich Dir hier nicht auf die Ebene der Beispiele folgen. Ich hatte nur vor ca. 10 Jahren einen ganz kurzen und sehr oberflächlichen Einblick in die damalige Spieleszene, als Serious Games einen Versuch mit einem Computernetzwerk gestartet hatte. Da habe ich zum Beispiel das absolut brilliante Halflife kennen gelernt… das nicht annähernd den Erfolg seines Ablegers Counterstrike hatte, welches die Spielidee auf das massentaugliche Konzept des Shootouts reduzierte. Oder Nox, welches im Gameplay sowohl Diablo als auch Diablo 2 himmelweit überlegen war, aber nie auch nur ansatzweise ähnlichen Erfolg hatte, da es nicht auf den stupiden Sammeln-und-Leveln-Modus ausgelegt war. Oder das fantastische No One Lives Forever, von dem ich ansonsten nie gehört hätte.
Wenn Du sagst, die besten Spiele setzen sich auf Grund dieses Selektionsprozesses durch, dann frage ich mich wirklich, wieso hier andere Ergebnisse entstehen sollten, als bei Einschaltquoten im Fernsehen oder Verkäufen von Zeitungen.
3. Dauerhaftigkeit beziehe ich auf das Produkt, nicht auf die Nachhaltigkeit einer damit gemachten Erfahrung. Medien mit unveränderlicher physikalischer Form sind logischerweise beständiger als nur virtuell existierende. Hier gibt es auch den Aspekt der einfachen Benutzbarkeit: Ein Buck kann man auch in hundert Jahren noch lesen, selbst dann, wenn unsere technische Zivilisation zusammen gebrochen sein sollte. Bei einer CD benötigt man ein geeignetes Abspielgerät, was problematisch werden kann, aber tendenziell noch zu erwarten ist. Für ein Computerspiel hingegen kann ich mir vorstellen, dass es mit vertretbarem Aufwand noch möglich sein wird, es laufen zu lassen.
4. Einen Magic Grand Prix (einmaliges Großereignis) mit einem regelmäßigen Treffen zu vergleichen, das ist nun wirklich Humbug! Auch ist es wohl einfacher, sich zu einem Raid bei WOW zu Hause vor dem Bildschirm zu verabreden, als zu einer Spielrunde im realen Leben. Und wenn Du die gedankliche Eigenleistung, die man beim Zocken von MMORPGs investierst, mit der vergleichst, die man bei einer klassischen Rollenspielrunde einfließen lassen muss, dann will ich nicht wissen, wie Deine Rollenspielrunden abgelaufen sind… Das ist ja ungefähr so, als wenn man Karaoke-Auftritte mit den Sessions einer Band, die ihe eigenen Songs schreibt, vergleicht! (Und da gestehe ich dem MMORPG bereits das Recht des Zweifels zu, dass die Teilnehmer da wirklich mehr machen, als nur stumpfsinniges Monsterplätten.)
5. Bücher: Das Problem ist doch,d ass im Internetzeitalter immer weniger gelesen wird! Klar könnte man sich ein E-Book ausdrucken und binden lassen, aber das setzt überhaupt erst einmal Interesse an diesem Medium voraus! Klar, für Webcomics reicht die Aufmerksamkeitsspanne noch aus. Bücher aus dem Internet hingegen haben auf Dauer bestenfalls als Hörbücher eine Chance, die man laufen lässt, während man afk ist.
6. Buchclubs oder Leselokale klingen toll, und so etwas würde ich mir wünschen (auch für andere Medien und Spiele) – aber sie bringen nicht die benötgte Nachfrage, damit Bücher in größerer Zahl überhaupt noch geschrieben und verlegt werden. Treffen von Buchfreunden wären dann bald so etwas Ähnliches wie Treffen von Modelleisenbahnfans, mit entsprechender Wirkung auf die Verlage (siehe Märklin).
Boneshredder // Februar 11, 2009 um 2:00 |
Bislang werden hauptsächlich die Teile der Print-Medien ins Internet verdrängt, die dem Endverbraucher dadurch irgend eine Art von (relevantem) Effizienzgewinn bringen. Auf Belletristik trifft das beispielsweise afaik bislang nicht zu.
Die entscheidenden Kriterien, die ich sehe, sind:
1) Aktualität (die Online-Meldung wird immer schneller sein als der Umweg über Druck und Auslieferung)
1a) Eliminierung des Update-Problems (eines der Kriterien, weshalb die vielfältigen Wiki-Projekte höchstwahrscheinlich zu einer kompletten Verdrängung der Enzyklopädien in Buchform führen werden)
2) Management-Erleichterung (look-up & copy-paste ist die so unglaublich viel zeiteffizientere Zitierweise gegenüber in die Bibo rennen, Buch suchen und abschreiben / ähnlich läßt sich eine virtuelle Sammlung sehr viel leichter nach jedem beliebigen Kriterium sortieren und durchsuchen, während bei einer großen Echtzeit-Sammlung allenfalls ein Umzug o.ä. ein Anlaß sein könnte, das Sortierprinzip zu erneuern)
3) Verteilungsökonomie (Nach dem Lektorieren ist man beim Online-Medium mit der Produktion fertig. Kein Satz, kein Druck, keine Verteilungslogistik notwendig.)
4) Platzökonomie (Ist Dir schonmal aufgefallen, daß so eine Magic-Sammlung, die auswahltechnisch was hermachen soll, ziemlich die Bude vollstellt? Hier finde ich auch das Stichwort „Märklin“ sehr passend. Der Trend geht mE ziemlich klar weg von (im Wortsinne) materieller und platzraubender Habe)
Dozer // Februar 11, 2009 um 2:32 |
Eine kurze Antwort auf ein paar Punkte:
2. „Du hältst hier ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, dass bei Computerspielen sich Qualität auf Grund von “Mund-zu-Mund-Propaganda” durchsetzt – aber definierst Du hier nicht einfach, dass das, was sich durchgesetzt hat, demenstprechend gut gewesen sein muss?“
Nein. Nicht alles, was oben landet, ist gut. Musik ist das beste Beispiel: Kein Charts-Hit gefällt allen. Bei Download-Spielen ist es aber so, dass zurzeit die Spiele mit den besten Kritiken sich auch durchsetzen. Das ist (noch) anders als bei Retail-Produkten, wo ein großer Marketing-Aufwand stärker wirkt als beispielsweise Kritiken, so etwa geschehen bei Alone in the Dark. Das ist aber ein Phänomen, das sich nicht auf Videospiele im Allgemeinen übertragen lässt, sondern im Moment bei user-generated content und online verfügbaren, „kleinen“ Spielen sich manifestiert.
Die Frage, was „gut“ ist, ist natürlich schwer zu beantworten. Wenn aber kritische Betrachtung und Nutzerzahlen übereinstimmen, ist das für mich ausreichend.
3. „Medien mit unveränderlicher physikalischer Form sind logischerweise beständiger als nur virtuell existierende.“
Da stelle ich mal eine andere Hypothese dagegen: Die Informationsverteilung durch das Internet bzw. Online-Systeme ist ein entscheidender Faktor bei der Erhaltung von Inhalten, die anders nicht mehr existieren.
Früher haben die Menschen Tontafeln zur Informationsspeicherung verwendet, die Tausende von Jahren gehalten haben. Im Mittelalter gab es Pergament, das ebenfalls hunderte von Jahren hält. Papier heute hat nach Jahrzehnten schon Probleme. Da ist physikalisches Medium relevant.
Andererseits sind die Schriften der Antike alle nur virtuell erhalten geblieben. Wir kennen keine Originale von Aristoteles, Plato, Catilina, Alexander dem Großen etc. All das wurde über informationelle Systeme übertragen; abgeschriebene Bücher dienten als gesellschaftliches Gedächtnis, waren aber in der Regel nur in ein paar Exemplaren erhalten und mussten ständig erneuert werden. Jedes neue Exemplar enthielt neue Fehler. Was Speichersysteme für gesellschaftliches Wissen angeht, war Schrift der erste Schritt, Buchdruck der zweite, digitale Speicherung ist der dritte, und dezentrale Speicherung per Internet im Grunde der vierte.
Es gibt beispielsweise Software, die nur noch über das Internet verfügbar ist, weil irgendjemand sie privat erhalten hat und wieder verteilt, so dass sie anderswo repliziert wird und dadurch nicht verschwindet.
Inhalt, der einmal im Internet gespeichert ist, verschwindet in der Regel nicht mehr. Irgendwo hat irgendjemand eine Kopie davon abgelegt, die vielleicht nicht unmittelbar zugänglich, aber immer noch erreichbarer ist als ein antiquarisches, vergriffenes Buch, das nicht neu aufgelegt wird.
Das ist übrigens ein Grund, warum ich für die Digitalisierung von Bibliotheken bin (ZUSÄTZLICH zum Papierbestand). Und wenn sie schon digitalisiert sind, gibt es keinen Grund, warum man den Bestand nicht auch online verfügbar machen sollte.
4. „Und wenn Du die gedankliche Eigenleistung, die man beim Zocken von MMORPGs investierst, mit der vergleichst, die man bei einer klassischen Rollenspielrunde einfließen lassen muss, dann will ich nicht wissen, wie Deine Rollenspielrunden abgelaufen sind…“
Es hängt ein bisschen davon ab, WIE du online rollenspielst. Schließlich gibt es ganze Server, die nur von Rollenspielern benutzt werden, die genauso das Einleben in eine Rolle erfordern wie ein anspruchsvoller Pen-and-Paper-Abend. Es ist sicherlich richtig, dass die Mehrheit der Spieler diese Möglichkeit nicht nutzt.
Das geht aber auch beim klassischen Rollenspiel. Auch da kannst du eine ganze Bandbreite an Intensität reinstecken. Manche Gruppen treffen sich nur für einen Run, um eine Horde NPCs plattzumachen. Manche Leute spielen gigantische Trolle in rosa Windeln mit einem Riesen-Lutscher als Waffe, die eine Flugzeugentführung verhindern müssen (so geschehen bei einem Shadowrun-Abend unter Bekannten).
Ich würde sagen, das erfordert immer noch weniger gedankliche Leistung, als beispielsweise einen akzeptablen Ranger für eine RPG-Gilde in Guild Wars abzugeben.
Das ist aber im Grunde ein Problem der Spieler, nicht des Mediums. Das World Wide Web (das ja wirklich nicht das ganze Internet umfasst) bietet jede Möglichkeit, sich auf jede erdenkliche Weise zu amüsieren, oder eben nicht. Dass die Nutzer einen Teil des Angebots nicht nutzen, ist deren Problem. Und da kommen wir zu dem Kern deines ursprünglichen Posts:
„Das Internet gewöhnt uns die Beurteilung von Qualität ab.“
Ich würde es anders formulieren:
„Menschen gewöhnen sich andere Qualitätskriterien an.“
Da stelle ich die Frage, um die Diskussion mal weiterzubringen: Warum ist das schlecht? Die Diskussion erinnert mich ganz stark an die Diskussion um das Privatfernsehen. Das hat möglicherweise den allgemeinen Qualitäts-Standard im TV gesenkt, andererseits aber auch andere Kriterien des Erfolgs eingeführt (nämlich die schon kritisierten Einschaltquoten).
Aber auch das Privatfernsehen hat es nicht geschafft, die Tagesschau abzuschaffen. Leider hat es auch nicht geschafft, das Musikantenstadl zu versenken.
Jede Entwicklung hat ihr Gutes und ihr Schlechtes. Bei der von dir angesprochenen Virtualisierung der Lebenswelt sehe ich erstmal nur eine Veränderung, mit der die Gesellschaft als Ganze gerade lernt, zurecht zu kommen. Während auf der einen Seite das World Wide Web neue Kommunikationsformen schafft, die anders sind als beispielsweise Briefwechsel aus dem 18. Jahrhundert, erschließen sich Menschen darüber neue Wege, miteinander zu interagieren und für sie persönlich relevante Erfahrungen zu machen.
Das einzige, was das Internet tut, ist, die Signal-to-Noise-Rate der verfügbaren Informationen zu verschlechtern. Und das teilt die Gesellschaft in diejenigen, die daraus die relevanten Informationen filtern können, und die, die daran scheitern. Diese Aufteilung gab es schon immer, nur wird sie durch das Internet noch deutlich prononcierter.
Ich teile deinen Pessimismus nicht, weil ich auf dem Standpunkt stehe, dass guter Content in jeder Form fesselt. Wer im Internet nicht bei Shakespeare hängenbleibt, wird das auch zu Hause am Bücherregal nicht tun (wenn es denn eines gibt). Nur weil jemand auf einmal ein Buch im Internet statt im Laden findet, hört er doch nicht auf, das zu lesen! Wenn das Buch langweilig ist, ist es das auch auf Papier.
Warum sollte das Internet, wo hinter jedem Link neue Ablenkung lauert, schlimmer sein als das Fernsehen, wo hinter jedem Kanal neuer Schwachsinn wartet?
Bei der Einführung der Eisenbahn hatten die Leute Angst vor Lokomotiven, weil der Fahrtwind ihnen die Köpfe abzureißen drohte.
Mönche haben die ersten gedruckten Bibeln und Gesangbücher auf der Suche nach Fehlern durchgeblättert, weil sie nicht glaubten, dass jemand identische Kopien machen könne.
Jede neue Entwicklung hat ihre eigenen Probleme. Bisher hat es die Menschheit immer noch geschafft, diese Probleme in Schall und Rauch aufgehen zu lassen. Und das wird auch mit dem Internet so sein.
romanmoeller // Februar 11, 2009 um 2:56 |
Ein sehr guter und lesenswerter Artikel (um ehrlich zu sein, beneide ich dich manchmal um deine langen Artikel, die meinen zumeist wesentlich kürzeren Beiträgen substanziell in nichts nachstehen – mindestens!)!! Doch ich muß dir zumindest teilweise widersprechen:
Das Internet raubt denen, die sich damit befassen, Zeit – und die könnte man zum Beispiel dazu nutzen ein Buch zu lesen, anstatt im Netz herumzusurfen. Aber: das ist nicht die erste (zumeist technische) Errungenschaft, von der man das gedacht hat. Trotzdem gibt es Bücher (auch mit hohem Anspruch, abseits des Mainstream) noch immer. Ich möchte als Beispiel die Erfindung des Fernsehens nennen. Bücher haben die Erfindung des Fernsehens doch locker überdauert – du kannst dir noch heute alles in gedruckter Form besorgen, was du möchtest.
Letztendlich wird alles durch den Bedarf geregelt. Und solange ein Mindestbedarf da ist, wird es Medien auch immer weiter geben, bei denen man „dank“ der einen oder anderen technischen Errungenschaft vielleicht ein baldiges Verschwinden befürchtet.
Damit sind wir bei den Schallplatten! Das der Saturn jetzt wieder überall einen Vinylstand hat, das freut mich seeehr. Die Schallplatte hat überlebt, weil weiter Bedarf da war – bei der Musikkassette (die inzwischen weit hinter der LP rangiert) war das anders. Neben Wirtschaftlichkeit wird der Bedarf alles weitere regeln! ;-)
Udo // Februar 11, 2009 um 10:40 |
„Ich finde es auf die Schnelle gerade etwas schwierig, Statistiken zu finden, aber ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass es mit dem Zeitschriftenmarkt rapide abwärts geht! Ein Link zu diesem Thema habe ich gefunden:
http://www.spielenutzen.de/?p=188
“
Nur das Computerzeitschriften hier ein schlechtes Beispiel sind, da diese an Leser gerichtet sind, die ohnehin schon regelmäßig vor dem Computer sitzen und sich so quasi nebenher die Inhalte ansehen, die ihnen in diesen Magazinen präsentiert werden (via gamezone.de z.B.). Bei Tageszeitungen und politischen Magazinen wie dem Spiegel sieht die Sache glaube ich anders aus.
Udo // Februar 11, 2009 um 10:41 |
BTW @Andi: Du schreibst immer sehr gute Artikel, aber dieser hier ist – auch wenn ich ein wenig anderer Meinung bin – einer deiner besten überhaupt!
Andreas Pischner // Februar 12, 2009 um 5:15 |
Udo: Du brauchst mich nicht zu loben, damit ich Deinen Kommentar freischalte!
(Ernsthaft: Links in Kommentaren zu zitieren ist unpraktisch, weil der Kommentar dann automatisch in der Moderationsschleife landet, obwohl Du gar kein neu zu überprüfendes Link benutzt hast.)
Übrigens halte ich diesen Beitrag hier – wenn er auch auf viel Interesse stößt, was gut ist – eher für einen meiner weniger gelungenen, weil ich es (nach meinem eigenen Dafürhalten) nicht geschafft habe, meine Gedanken schlüssig zu formulieren, sondern mehr oder weniger herunter geschrieben hatte, was mir gerade eher ungeordnet durch den Kopf ging. Aber nu, es ist ja auch ein Blog hier…
Mal noch ein Link: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,606593,00.html
Da werden auch einige interessante Aussagen über den Buchmarkt getroffen.
Boneshreeder: Du sprichst viele Punkte an, WARUM virtuelle Objekte bequemer sind als reale, was ich ja auch festgestellt habe. Diese Argumentation führt aber eben in letzter Konsequenz unweigerlich zu Tütensuppen und Tiefkühlpizzen als einzigen Nahrungsmitteln…
Dozer: Dass jahrtausende alte Texte sich nur mit Hilfe des erst seit einem Vierteljahrhundert bestehenden Internets bis heute erhalten konnten, da muss schon irgendwo ein Denkfehler drinstecken, oder? Aber natürlich sehe auch ich die Archivierung, Katalogisierung und Bereitstellung von Wissen in virtueller Form positiv. Nirgends bestreite ich die positiven Aspekte des Internets!
Dauerhaftigkeit, die sehe ich allerdings anders als Du. Kennst Du nicht die bekannte Frage „Du darfst drei Dinge auf eine einsame Insel mitnehmen – welche?“ Dein Lieblingsbuch, das ist ein Ding. Deine Lieblings-CD, ein CD-Player, ein Verstärker und ein Dynamo… hoppla, schon zu viele! Dein Lieblingscomputerspiel… naja, VIEL zu viele.
Klar, Papier hält nicht ewig, aber sein Nutzen ist nicht abhängig vonanderen, sich verändernden Umständen. Ein Buch, ein Kartenspiel – für die brauchst Du nichts weiter. Für virtuelle Medien musst Du auf Beständigkeit Deiner Lebensumgebung hoffen. Kann sich eigentlich irgendjemand von Euch die Konsequenzen eines Whiteouts im Internet, und sei es auch nur für eine Millisekunde, vorstellen?
Übrigens, ich finde Trolle in rosa Windeln, die mit einem Riesenlutscher eine Flugzeugentführung verhindern, zwar unsagbar albern und dämlich, aber nichtsdestotrotz steckt hinter dieser Idee immer noch mehr eigene Kreativität der Beteiligten, als im Ausfüllen der vorgegebenen Rollen in einem MMORPG! Die Gruppe wollte diesen Unfug spielen (welche Drogen wurden an dem Abend da eigentlich verteilt?), und sie haben diese Geschichte gemeinschaftlich erzählt. Im MMORPG wäre das nicht gegangen.
Signal-to-Noise-Rate, das ist jedenfalls ein gutes Stichwort: Es gibt VIEL zu viel „Noise“! Dazu habe ich auch schon einmal gebloggt:
http://allesandi.wordpress.com/2007/09/07/ich-habe-genug/
Das Fernsehen in seiner heutigen Form sehe ich übrigens auch kritisch, aber es ist gegenüber dem Internet noch „harmlos“ (und außerdem mittelfristig eh dazu bestimmt, von diesem verdrängt zu werden).
Deinen grenzenlosen Optimismus, Dozer, kann ich jedenfalls nicht teilen:
„Jede neue Entwicklung hat ihre eigenen Probleme. Bisher hat es die Menschheit immer noch geschafft, diese Probleme in Schall und Rauch aufgehen zu lassen.“
„Knall und Rauch“, meinst Du wohl eher… Bisher hat es die Menschheit noch immer geschafft, jede Waffe, egal wie fürchterlich sie ist, auch tatsächlich einzusetzen. Hat die Menschheit es überlebt? Sicher! Waren die Waffen bisher denn in der Lage, die gesamte Menschheit auszulöschen? …wir arbeiten daran…
Ja, über Waffen im engeren Sinne habe ich hier nicht geschrieben, obwohl Massenbeeinflussung heute wohl durchaus als die mächtigste Waffe überhaupt bezeichnet werden könnte! Eine Fortschreibung der bisherigen Geschichte in die Zukunft vorzunehmen, das bedeutet allerdings vorauszsuetzen,d ass die Rahmenbedingungen sich in jüngster Zeit nicht grundlegend geändert hätten. Sie HABEN aber! In kaum mehr als hundert Jahren hat der Mensch die Welt erheblich grundlegender verändert, als in den Zehntausenden Jahren seines Bestehens als moderner Mensch zuvor, und er stößt jetzt an die Grenzen seiner Entwicklungsfähigkeit. Ein medium, welches in weniger als einer Sekunde weltweit abrufbar ist, das ist mit keinem früheren Medium zu vergleichen, ebenso wenig wie eine Waffe, welche die gesamte Welt unbewohnbar macht, mit früheren Waffen zu vergleichen ist. Das Internet droht, innerhalb der nächsten Jahrzehnte die GESAMTE menschliche Gesellschaft gleichzuschalten. Das besitzt eine völlig neue Qualität. Was seit Beginn der industriellen Revolution passiert ist, das lässt sich nicht mit Blick auf die Jahrtausende menschlicher Geschichte zuvor erklären, ebenso wenig, wie ein Wirbelsturm und seine Folgen erklärbar sind, wenn man nur die „normalen“ Windmuster kennt, aus denen er entstehen wird. Die Annahme, dass unsere Gesellschaft nicht außer Kontrolle geraten kann, weil sie bislang noch nicht außer Kontrolle geraten sei (worüber man auch streiten kann), ist extrem naiv!
Habt Ihr Wall-E gesehen? Ein netter Film, gewiss kein Must-See – aber das Modell der zukünftigen menschlichen Gesellschaft, welches dort in naivster Weise entworfen wird, illustriert eine reale Bedrohung!
Boneshredder // Februar 13, 2009 um 2:28 |
„Diese Argumentation führt aber eben in letzter Konsequenz unweigerlich zu Tütensuppen und Tiefkühlpizzen als einzigen Nahrungsmitteln…“
Ist das die verkappte Frage danach, wann zu erwarten ist, daß die aktuell rasende Entwicklung wieder abflaut? Bei den Tiefkühlpizzen und Tütensuppen kann man wohl davon ausgehen, daß deren Invasion ihre heiße Phase bereits hinter sich hat.
Bei den Printmedien sehe ich z.B. die Buchware (alles was inhaltlich keinen oder geringeren Aktualitätsanforderungen unterworfen ist) als relativ immun gegenüber dem virtuellen Sog an. Das hat damit zu tun, daß es doch noch beschwerlicher ist, für etwas, das man wirklich „bloß“ auf den Lauf des Tages verteilt lesen und nicht textlich weiterverarbeiten will, immer erst den Laptop hochzufahren. Und natürlich eben damit, daß es sich nicht um Wegwerfware handelt.
TobiH // Februar 14, 2009 um 5:10 |
@Boneshredder: Laptop hochfahren??? Der Normalzustand für einen Laptop ist eingeschaltet. (Nein, vielleicht noch nicht jetzt, aber das kommt garantiert.)
@Topic: Bei der Virtualisierung entsteht ja an sich nichts Neues, sondern bestehende Inhalte werden bloß ins Netz verlagert. (Ausnahmen sind jene Inhalte, die im RL nicht „machbar“ sind, und die tendieren dann wohl zu höherer Qualität.)
Insofern sehe ich nicht einmal, wieso das Verhältnis von Noise zu Signal zugunsten von Noise kippt. Es gibt sicher einen größeren Mainstream, aber es gibt ebenso größere Nischen – an deren Verhältnis zueinander ändert sich kaum etwas. Das bedeutet zwar, dass man ausgehend von der Mitte des Stroms einen weiteren Weg zu den Nischen zurückzulegen hat – dafür gibt es digital aber wesentlich bessere Filter als analog jemals verfügbar wären! (Und sie werden besser…)
Meine Ansprüche an Entertainment sind mit dem Internet jedenfalls eher gewachsen. Wie war das? Mit dem Internet ist es für die Dummen leichter, dümmer zu werden, und für die Schlauen leichter, schlauer zu werden. Kürzen wir dumm und schlau heraus, dann bleibt stehen: Mit dem Internet ist es leichter!
Und das ist wohl einzig unbestreitbar: Das Internet ist eine grandiose Erleichterung.
Andreas Pischner // Februar 14, 2009 um 5:32 |
Ja, genau wie die Tütensuppe.
Andreas Pischner // Februar 17, 2009 um 12:22 |
Zum Thema Online- vs. Printmedien habe ich gerade wieder etwas gelesen:
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,607889,00.html
Andreas Pischner // Februar 18, 2009 um 11:08 |
Und gleich noch etwas:
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,608375,00.html
Auch hier wird wieder das allgemeine Zeitungs- und Zeitschriftensterben angesprochen.