Noch nie empfand ich den inneren Widerstreit dazwischen, mich einerseits verpflichtet zu fühlen, zu einem Thema etwas zu schreiben, und andererseits Unlust zu verspüren, es tatsächlich zu tun, so sehr wie dieses Mal. Je näher die Bundestagswahl rückte, desto apathischer wurde ich. Es war doch eigentlich schon alles gesagt, und nicht nur einmal; nun blieb nur noch zuzusehen, wie die Katastrophe pünktlich mit der ersten Hochrechnung sonntags um 18 Uhr auch tatsächlich hereinbrach.
Es gibt auch nichts zu beschönigen. Zwar haben manche Wahlprognosen der letzten Wochen noch versucht, falsche Hoffnungen zu wecken, aber ein Absturz von 34% auf 23% bei der SPD ist absolut eindeutig: Am 27. September 2009 ist in Deutschland eine Volkspartei gestorben.
Und das völlig zu Recht! Ich habe es im Vorfeld immer wieder gesagt, und diese Analyse bleibt auch bestehen: Einen CDU-Klon mit ein bisschen schlechtem sozialen Gewissen braucht niemand! Eine der Analysen des Wahlabends, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind, war diejenige: Die größte Stimmenabwanderung fand von der SPD zu den Nichtwählern statt. Ja, es gibt sie, die Menschen, welche schwarz-gelb verabscheuen, sich mit den Grünen nicht recht anfreunden können und dem Gespann Gysi/Lafontaine nicht trauen; die sozialdemokratischen Stammwähler, die auch bei dieser Wahl gerne eine sozialdemokratische Partei gewählt hätten, aber leider keine mehr auf ihrem Stimmzettel mehr vorgefunden haben. Sicher, es wäre immer noch vernünftig gewesen, diese SPD trotzdem zu wählen, weil schwarz-rot eben doch ein geringeres Übel als schwarz-gelb ist, und das ist ja auch passiert – 23% der Stimmen waren es ja immerhin noch. Nur – um eine Volkspartei zu bleiben, genügt es nicht, diejenigen Wählerstimmen auf sich zu vereinigen, welche einen für das kleinste mögliche Übel halten! Für eine Volkspartei stimmen die Menschenmassen aus tiefer, innerer, unreflektierter Überzeugung, aus ihrem Bauchgefühl heraus; aus der Gewissheit heraus, dass es RICHTIG ist, diese Partei zu unterstützen; aus politischem Patriotismus: Sozialdemokratie, das ist weniger ein politisches Programm als eine politische HEIMAT.
Dass ein Teil dieser politisch heimatlos Gewordenen jetzt als Nichtwähler ziellos herumirrt, und ein weiterer sich eine neue Heimat bei den Linken gesucht hat, das hat sich die SPD beinahe ausschließlich selbst zuzuschreiben. Nein, im Gegenteil zu vielen anderen, die über dieses Wahlergebnis ebenso entsetzt sind wie ich, will ich hier nicht auf CDU und FDP einprügeln! Wofür eine christlich-konservative und eine neoliberale Partei stehen, das sollte bekannt sein, und wer es bei dieser Wahl vorübergehend vergessen hat, der wird in den nächsten vier Jahren schmerzhaft daran erinnert werden. Den politischen Gegner braucht man in einer Analyse nicht detailliert zu kritisieren. Wichtiger ist es, die Unzulänglichkeiten im eigenen Lager aufzuzeigen. (Und wenn ich „eigenes Lager“ sage, meine ich damit nicht die Sozialdemokratie, sondern beziehe mich auf die grundlegende Lagerbildung zwischen der sogenannten „bürgerlichen Koalition“ und der Opposition.) Wenn Schwarz-Gelb die Wahl gewinnt, dann müssen die anderen Parteien die Fehler bei sich selbst suchen, und „die anderen Parteien“ bedeutet hier natürlich die SPD; denn die Linke, die Grünen und selbst die kleine Piratenpartei haben schließlich allesamt ihre besten Ergebnisse bei einer Bundestagswahl überhaupt eingefahren!
Es ist die SPD, welche die Schuld daran trägt, dass wir nunmehr schwarz-gelb regiert werden, denn sie hat sich verweigert, dem Wähler eine echte Alternative aufzuzeigen. Kaum zu fassen, dass es schon wieder zwei Jahre her ist, dass ich dies hier geschrieben habe! Die Linke geht nicht wieder weg, und es ist ein Offenbarungseid für die „Realpolitiker“ der SPD, dass sie es nicht rechtzeitig geschafft haben, sich darauf einzustellen. Welche Partei hat in den letzten Jahren nicht das angebliche Gorbatschow-Zitat „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ für sich vereinnahmt? Die SPD kommt nicht nur zu spät; sie hat sich noch gar nicht auf den Weg gemacht! Nein, natürlich soll sie mit der Linken keinen Kuschelkurs fahren, sondern weiterhin die politische Auseinandersetzung suchen, doch genau diese findet nicht statt! Was soll denn der Wähler von einer SPD halten, die offensichtlich mit der CDU mehr politische Gemeinsamkeiten sieht, als mit der Linken? Ach so, das ist ja unterdessen eine rhetorische Frage geworden – der Wähler hat ja nunmehr Gelegenheit gehabt, äußerst klar zum Ausdruck zu bringen, was er von dieser SPD hält…
Wisst Ihr, als ich in der Wahlkabine stand, habe ich mir tatsächlich noch einmal durch den Kopf gehen lassen, wer für mich als Wähler tatsächlich attraktiv ist. Die Grünen punkten mit ihrer vernünftigen, langfristigen Perspektive einer Gesellschaft mit ökologischem Verstand. Die Linke punktet mit ihrem Willen, sich den Automatismen der Globalisierung entgegen zu stemmen. Die Piratenpartei punktet mit ihrer Erkenntnis, dass das Internet zum primären Ort menschlichen Miteinanders geworden ist und dementsprechend behandelt werden muss. Das sind drei Parteien, denen ich aus bestimmten Gründen meine Stimme geben WILL. (Es gibt allerdings bei jeder dieser Parteien auch Gründe, warum ich sie NICHT wählen will.)
Mir fiel aber kein Grund ein, SPD zu wählen – jedenfalls keiner, der in der Programmatik dieser Partei begründet wäre. Es gab nur diese Stimme aus meinem Kleinhirn, die mich daran erinnerte, dass SPD zu wählen wohl der beste Weg war, schwarz-gelb zu verhindern. Wer weiß – hätte ich daran geglaubt, dass dies tatsächlich möglich wäre, hätte ich es vielleicht sogar gemacht. Vielleicht.
Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht hätte ich selbst dann lieber für eine Partei gestimmt, die tatsächlich etwas in die richtige Richtung bewegen will, anstatt sich nur als Bremsklotz bei einer weiteren Fahrt in die falsche Richtung anzubieten.
Es ist in jedem Fall frustrierend zu wissen, dass die eigene Stimme nichts Grundlegendes bewirken wird. Ich habe trotzdem gewählt, und sei es auch nur, um ehrlichen Gewissens sagen zu können: „ICH bin nicht daran schuld!“ Was die Schuldigen angeht: Entweder, die SPD vollzieht jetzt endlich mit Volldampf die überfällige Kehrtwende zurück zu einer sozialdemokratischen Partei, oder sie tuckert weiter auf dem Abstellgleis der Poltik vor sich hin. Sie hat jetzt vier Jahre Zeit für einen Neuanfang. Wenn es ihr nicht gelingt, diese zu nutzen, dann kann sie von mir aus auch ganz eingehen.
23 Antworten bis hierher ↓
arcanion // September 29, 2009 um 8:15 |
Sehr schöner Eintrag!
Ich glaube in den nächsten Jahren wird auch die SDP zu der Erkenntnis kommen, dass die Linken jetzt da sind und auch nicht mehr weggehen. Sobald einige überkritische Punkte aus dem linken Wahlprogramm raus sind (und manche sind wirklich lächerlich) und auch die SPD wieder etwas von der CDU wegdriftet, wird die Koalition Rot-Rot-Grün kommen.
Bis dahin muss man nun damit Leben, mit dem was schwarz/gelb da so macht.
Juzam // September 29, 2009 um 8:58 |
„Aus der Gewissheit heraus, dass es RICHTIG ist, diese Partei zu unterstützen“
Kann das heutezutage denn irgendjemand, der sich wirklich mit der Sache beschäftigt?
Andreas Pischner // September 29, 2009 um 10:22 |
Ich denke, sobald man auch nur beginnt, sich ernsthaft mit Politik zu befassen, verliert man diesbezüglich seine Unschuld. Das ändert aber nichts daran, dass die Mehrheit der Wähler schon immer nach einem bestenfalls oberflächlich begründeten Bauchgefühl abgestimmt hat und es immer tun wird.
endijian // September 30, 2009 um 8:44 |
Ich habe auch lange überlegt, ob ich SPD wähle, um schwarz-gelb zu verhindern. Dann ist mir eingefallen, dass „Schwarz-Gelb verhindern“ nur „Schwarz-Rot verlängern“ heißt, und dass es mit dieser SPD so nicht weiter gehen kann.
Sie musste einfach mal so richtig, richtig aufs Maul kriegen, und hoffentlich überlegt sie sich jetzt in der Opposition, wie es anders geht.
Da habe ich doch wen anders gewählt, und mich innerlich auf 4-8 Jahre Schwarz-gelb eingestellt. Harte Zeiten stehen an.
Boneshredder // Oktober 1, 2009 um 11:28 |
Das ist so ein typischer Fall von „Totgesagte leben länger.“ Wenn die neue Regierung nicht sehr viel Glück hat mit der sozio-ökonomischen Entwicklung Deutschlands innerhalb ihrer Legislaturperiode, wird die SPD nur ein winziges Stückchen nach links rücken müssen, damit die nächste Wahl (mindestens) genau die Art von Patt ergibt, die sich die sozialen Parteien diesmal als Wahlziel gesetzt hatten. Daß dabei die Linken bereits wieder aus dem Bundestag gedrängt werden können, glaube ich allerdings nicht, so daß auch dann eine soziale (nur-)zwei-Parteien-Mehrheit alles andere als ein sicheres Szenario sein wird.
Innerhalb der SPD ist der einzige, dem ich nachtrauere, Peer Steinbrück. Es war ein immenser Fehler der SPD, einen relativ profillosen Kanzlerkandidaten aufzustellen, wo sie einen so viel besseren hätte haben können. (Zumindest vom Ziel her, die Wahl zu gewinnen; außenpolitsch hat er sich ja nicht gerade überall beliebt gemacht.)
endijian // Oktober 1, 2009 um 1:19 |
Steinbrück war der beste in dem Haufen. Word.
Nur hat er halt die Wahl in NRW verloren, damit kann man sich in der SPD eigtl. gleich aufhängen. Oder Finanzminister werden. Was aufs selbe hinausläuft.
Andreas Pischner // Oktober 1, 2009 um 2:58 |
Die Zeiten haben sich aber geändert. In der Nachkriegszeit (die ich jetzt einfach einmal mit der Wiedervereinigung enden lasse) war das das politische Schema: Eine der beiden großen Parteien war in der Regierung, enttäuschte den Wähler (zwangsläufig?) und wurde von der anderen abgelöst. Man wählte (zu 80%) eben entweder SPD oder CDU, eine der beiden VOLKSPARTEIEN, je nachdem, in wen man gerade weniger Hoffnung setzte. Ein bisschen so wie in Staaten mit Mehrheistwahlrecht, wo man weiß, dass es letztlich doch immer auf eine Entweder/Oder Entscheidung hinausläuft.
Aber diese Zeiten sind vorbei! Wer mit der Regierung nicht zufrieden ist, der hat Optionen. Die SPD wird NICHT automatisch alle Stimmen derjenigen einsammeln, die schwarz-gelb ablehnen. Da ist die Linke; da sind die Grünen; da sind in vier Jahren vielleicht sogar schon die Piraten – und in einem Klima, in dem mehrere kleinere Parteien bewiesen haben, dass sie Politik tatsächlich mitgestalten können, droht auch immer wieder das Gespenst einer rechtsextremen Partei.
„Ein winziges Stückchen nach links rücken“ – genau das hat die SPD bei dieser Wahl versucht und die entsprechende Quittung bekommen!
Boneshredder // Oktober 1, 2009 um 3:41 |
Damit die Piraten jemals in den BT kommen, müßten sowohl die FDP als auch die Grünen ihr liberales Profil verspielen. Auch wenn deren Prioritäten bei dieser Wahl bei eigenständigen vs. sozial-ökologischen Wirtschaftsentwürfen lagen, sehe ich das noch lange nicht. Zudem läßt die 5%-Hürde in Verbindung mit den relativ begrenzten politischen Inhaltsräumen nur eine sehr begrenzte Anzahl an wirkungsfähigen Parteien zu. Fünf oder sechs ist da möglicherweise bereits das Maximum, auch wenn ein Mathematiker wohl einwenden würde, daß das theoretische Maximum neunzehn beträgt.
Daß ein Stückchen nach links gerückt wurde, davon habe ich nichts mitbekommen, und ich habe wöchentlich drei oder mehr solcher Polit-Talkshows konsumiert. Die SPD hat in meinen Augen einen Nullprofil-Wahl“kampf“ gemacht, was damit zusammenhängen mag, daß der politische Inhaltsraum, den sie besetzt, mittlerweile auch von drei anderen Parteien eingenommen wird: Die CDU steht mit dem Anspruch da, „Die Mitte“ zu sein, und das gelingt ihr weitaus besser als der SPD, was v.a. mit der Besetzung des Kanzlerpostens zusammenhängt. Die Grünen nehmen den sozial-ökologischen Raum ein, wer hatte den wohl früher mal? Und die Linken gab’s in dieser Stärke früher auch nicht; die sind so erfolgreich, weil die Distanz zwischen SPD und ihnen größer ist als die zwischen SPD und CDU (oder wenigstens so wahrgenommen wird).
Durch die aktuelle Konstellation verschiebt sich aber das Profil der regierenden Parteien relativ automatisch wieder nach rechts, weil nun dort das soziale Ausgleichsgewicht SPD fehlt (sofern es eines war). Außerdem wird man bei der nächsten Wahl nicht mehr aus Protest gegen die Ununterscheidbarkeit von CDU und SPD (die sich demnächst in ihren gegensätzlich angelegten Rollen wieder beharken dürften wie in alten Zeiten) a) zu Hause bleiben, b) ganz links wählen oder c) die liebe Kanzlerin dem braven Herrn Steinmeier vorziehen, weil unterschiedlos. Das nächste SPD-Wahlergebnis geht dadurch mal flugs zurück auf 35% oder noch höher, während sich die Wählerschaft der Linken wieder halbieren wird, weil Protestwechselwahl keinen Sinn mehr macht, wenn man eine (dann wieder glaubwürdigere) soziale Partei mit realistischen(!) Zielsetzungen wählen kann.
Andreas Pischner // Oktober 1, 2009 um 5:16 |
Du verkopfst da zu sehr, wenn Du beschreibst, warum die Piraten nicht genügend Stimmen bekommen sollten… Aus Sicht der jüngeren Wähler sind die Grünen längst eine etwablierte Partei und haben mit ihrer Regierungsbeteiligung in der Schröder-Ära auch bereits einen Sündenfall hinter sich. Die Piraten werden nicht nur wegen ihrer Themen gewählt, sondern weil sie neu sind, weil sie jung sind, und weil sie für Aufbruch stehen! Sie sind ein Gegenentwurf für die politikmüde Jugend. Mit den Piraten kann sie sich identifizieren.
Ein SPD-Wahlergebnis von 35%? Das halte ich für ausgeschlossen. Die Linke ist kein vorübergehender Trend; sie füllt eine Lücke im bundesdeutschen Parteienspektrum. Auch wenn sie sich selbst (in einem höchst bemerkenswerten Interview mit Gregor Gysi) teilweise als „Korrekturfaktor“ begreift, kann sich das nur auf ihre übertrieben radikalen Forderungen beziehen, nicht jedoch auf ihre Existenz an sich. Du sagst, die Distanz zwischen SPD und der Linken ist größer als die zwischen SPD und CDU? Natürlich ist sie das, Captain Obvious, aber ich sage Dir mal noch etwas: Die Distanz zwischen der heutigen SPD und der original sozialdemokratischen SPD ist auch größer als die Distanz zwischen den heutigen Linken und der original sozialdemokratischen Idee! Die Linken sind nämlich gar nicht sooo weit links, wie sie sich geben. Sie sind keine Kommunisten und keine Marxisten. Sie sind allerdings, dass muss man klar sagen, Populisten. Man hat aber in Koalitionen auf Landesebene bereits gesehen, dass sie auf ihre absurdesten populistischen Positionen auch nicht bestehen, sondern linke Realpolitik machen.
Diesen politischen Raum wird die SPD nicht mehr besetzen können, und diese Stimmen werden ihr langfristig fehlen. Die Chance, diesen politischen Raum aus der Mitte heraus zu besetzen und zu gestalten, hat sie vertan. Die Linke ist dabei, ihr aus der Gegenrichtung zuvorzukommen.
Boneshredder // Oktober 1, 2009 um 6:30 |
>>Du sagst, die Distanz zwischen CDU und SPD >>ist größer als die zwischen SPD und der >>Linken?
Genau anders herum, sage ich. Wer zusammen eine zeitlang regiert, von dem entsteht der Eindruck eines Kompaktkörpers. ;) Und daß dieser Eindruck sich mit der Oppositions-SPD wieder auflösen wird, sofern sie nur halbwegs kompentent geführt wird und ihre Kontrapunkte gegen antisoziale Regierungsmaßnahmen richtig setzt, wird sie für ein Drittel bis die Hälfte derer, die diesmal linksaußen gewählt haben, wieder wählbar machen. Einer von uns beiden täuscht sich da über die Substanz, die hinter den 10 Prozent Linken wirklich steckt. Wer das ist, erfahren wir aber leider erst in vier Jahren. Das Szenario, daß Lafontaine in der Opposition eine kompetentere Figur macht als Steinmeier und dadurch wählbar bleibt, ist natürlich nicht vollends ausgeschlossen. Mehrheitlich bevorzugen Wähler aber eine weniger radikale Alternative, wenn es eine solche gibt, und da sehe ich keinen Grund, weshalb die SPD das nicht in vier Jahren wieder sein sollte.
Andreas Pischner // Oktober 1, 2009 um 9:06 |
Bäh, den Satz habe ich natürlich falsch herum formuliert! Ich meine ja gerade (ebenso wie Du), dass die SPD zu nahe an der CDU und zu weit weg von linker Politik ist. Ich werde das mal korrigieren.
romanmoeller // Oktober 2, 2009 um 1:28 |
Ich lese da einen Widerspruch heraus! Dein beitrag heisst:
Tod einer Volkspartei
Aber du schreibst auch:
Entweder, die SPD vollzieht jetzt endlich mit Volldampf die überfällige Kehrtwende zurück zu einer sozialdemokratischen Partei, oder sie tuckert weiter auf dem Abstellgleis der Poltik vor sich hin. Sie hat jetzt vier Jahre Zeit für einen Neuanfang.
Diese Chance hätte sie nicht, wenn sie bereits verblichen wäre. Was auf den ersten Blick wie Haarspalterei klingt, trifft den Kern meiner Meinung dazu.
Die SPD ist nicht tot. Meinst du, das 23% diese Partei aus Mitleid gewählt haben, weil sie das kleinere Übel ist? Diese 23% kann man nach diesen Zumutungen an die Klientel wohl als harte Stammwählerschaft bezeichnen – von einer solchen Stammwählerschaft kann die FDP bis in alle Ewigkeit hoffen. Ich bin überzeugt: die SPD ist weiterhin eine Volkspartei. Und da es der SPD zwar im Moment schlecht geht, der Sozialdemokratie selbst aber nicht, wird auch die SPD wieder kommen. Ach was, jetzt widerspreche ich mir selbst: weg ist sie ja gar nicht.
The Truthspeaker // Oktober 3, 2009 um 11:42 |
die europäische sozialdemokratie steckt in der größten krise ihrer geschichte…
so viel zu deinem kommentar, dass es der sozialdemokratie nicht schlecht ginge.
Die deutsche parteienlandschaft verändert sich… und wird sich der parteienlandschaft der meisten anderen europäischen länder anpassen…
die volksparteien haben über kurz oder lang ausgedient… bleiben vielleicht weiterhin die stärksten parteien aber über kurz oder lang wird es zu einem 6 parteien system kommen.
wohl auch mit einer rechtsaußen partei…die von der cdu abbröckeln wird…
so wie in anderen ländern auch… dorst sind solche parteien sogar in der regierung… in spanien hingegen regieren die „sozialisten“…
in deutschland kommt dieser trend wegen unserer geschichte wohl leicht verspätet an… rechts und links außen ist aus bekannten gründen ein schwieriges thema in deutschland… aber mit der zeit wird sich das legen und wir haben ein system mit spd, cdu, den grünen, den linken, fdp und einer rechtsaußen partei… vielleicht geht etwas von diesen pro köln spinnern aus…wer weiß das schon?
gibt ja wohl einige leute die angst vor dem islam und so haben… guckt euch mal „politically incorrect“ an… übelster blog… stefan herre ist n spinner… ^^
naja wie dem auch sein…das demokratische spektrum verträgt und braucht vielleicht auch ein paar extreme parteien… mit extrem meine ich nicht verfassungsfeindlich… aber halt extrem genug, damit wirklich alle themen angesprochen werden können… damit die parteien sich an einander reiben können.
Und die Wähler dabei zusehen.
Ich denke das ist sehr viel gesünder als der bisherige Umgang mit zum beispiel der linkspartei.
Andreas Pischner // Oktober 3, 2009 um 2:26 |
Das ist ein Thema, welches wir auch bei Roman schon diskutiert haben: Was ist schlimmer – eine starke rechtsextreme Partei; oder KEINE starke rechtsextreme Partei, mit der Folge, dass deren Wählerpotenzial von anderen Parteien umworben wird?
Allerdings stellst Du diese Frage meiner Ansicht nach in einen unpassenden Kontext. Die Linke ist nicht das Gegenstück zur NPD oder DVU (da sollte man vielleicht eher bei der MLPD oder so nachsehen). Eine von der CDU/CSU rechts abbröckelnde Partei, nun ja – wir hatten ja einmal diese Schill-Partei gehabt. Insgesamt scheint uns unsere Geschichte aber immer noch zumindest davor zu bewahren, dass rechtsextremes Gedankengut bedenkenlosen Massenzulauf findet, wie es in so ziemlich allen anderen europäischen Ländern der Fall ist.
romanmoeller // Oktober 4, 2009 um 9:19 |
Ich halte es auch für falsch, das man die Linkspartei quasi von der „Extremität“ hermit der NPD oder der DVU gleich setzt. Das sind für mich Linkspopulisten. Wie Andi ganz richtig sagt, finden NPD und DVU am linken Rand in MLPD und DKP ihre Entsprechungen!
The Truthspeaker // Oktober 4, 2009 um 11:25 |
Ich hab niemals die Linkspartei als linkes Pendant von NPD oder DVU bezeichnet.
Ich habe extra geschrieben, dass es sein kann dass noch eine rechts außen Partei dazu kommt… vielleicht aus der pro köln oder sonst was bewegung… habe extra betont, dass eine solche partei nicht verfassungsfeindlich sein darf (was die linkspartei nicht ist) und das schließt ja NPD und DVU auch schon aus. ^^
Ich meine eine rechtskonservativ liberale Partei.
-Gegen Überfremdung, gegen den Islam und so weiter… da gibts wirklich einige menschen die harte angst vor ausländern und besonders dem islam haben. Die wählen zwar gewohnheitsgemäß cdu oder csu aber fühlen grade diesen bereich der politik vernachlässigt.
Da könnte also etwas entstehen, nationalkonservativ… irgendsowas…
nicht nationalsozialistisch… denn eine nationalsozialistische partei haben wir derzeit nicht… auch die NPD ist keine…
wirklicher nationalsozialismus (ich will jetzt keine nazi scheiße des 3. reiches rechtfertigen… ich weiß es ist ein schwieriges thema) ist nämlich viel näher an linken extremen positionen als die meisten leute wahrnehmen.
Nationalsozialismus schließt auch nicht unbedingt antisemitismus und weltkriegshunger ein… das sind historische entwicklungen.
Antisemitismus war zur damaligen Zeit sehr verbreitet in europa, auch bei liberalen, konservativen und sozialisten oder kommunisten.
naja zum thema… ich rechne mit einer weiteren zersplitterung… 6 parteien könnten es werden… ob die piratenpartei noch dazu kommt weiß ich nicht… weiß nicht ob die auf dauer festen boden haben… vielleicht… aber mir persönlich haben sie eine zu geringe themenvielfalt… und ic hweiß auch nicht ob sie genügend wähler für 5 % haben.
alte leute wählen sie wohl eher nicht und die machen einen großen teil der wählerschaft aus.
Andreas Pischner // Oktober 4, 2009 um 11:40 |
Ja, „Nationalsozialismus“ setzt sich ja nicht zufällig aus „national“ und „Sozialismus“ zusammen… Wir sprechen heute oft auch von „Nazis“, wenn wir eigentlich eher „Faschisten“ meinen. Und ob es Menschen, welche den Kommunismus stalinistischer Prägung erleben durften, in der Praxis so viel anders erging als den Menschen im Dritten Reich, das ist auch noch die Frage.
Allerdings geht das Gebrabbel, welches NPD- oder DVU-Politiker so von sich geben, auch durchaus in diese nationalsozialistische Richtung – der Staat soll ja für sein Volk sorgen, aber eben für SEIN Volk, und um das Geld dafür aufzutreiben, werden halt „Ausländer“ fortgejagt. (Mit solch abstrusen Ideen wird zwar das moralische Niveau der NSDAP-Führung ganz gut approximiert, aber so dämlich waren die Typen damals – leider! – nicht ansatzweise gewesen!)
Zu den Piraten: Sie erinnern mich doch in vieler Hinsicht an die Grünen der 80er Jahre. In gewisser Weise sind ihre Chancen, die 5%-Hürde zu nehmen, wohl auch schlicht in zeitlicher Abhängigkeit zu sehen: Pro Bundestagswahl vergehen 4 Jahre, und so kommen weitere Jungwähler dazu. Ich kann nicht einschätzen, wie Name und Programm der Grünen heutzutage auf Jugendliche wirken, aber damals wurden sie auf Grund dieser Bezeichnung zunächst vom Großteil der älteren Bevölkerung auch nicht viel ernster genommen als die Piraten heute, wenn ich auch zugeben muss, dass deren Name langfristig einfach nicht politikfähig ist. Aber keine Sorge – sobald (und sofern) sie das erste Mal wirklich an realer politischer Macht schnuppern, werden sie sich garantiert auch umbenennen!
TobiH // Oktober 4, 2009 um 12:43 |
Wenn wir schon von Extremitäten sprechen, sollten die radikalen Elemente innerhalb der Union nicht vergessen werden. Die Gefahr, die u.a. von Schäuble und Bosbach ausgeht, ist nun einmal größer als die von links oder rechts. Ob sich in der Zusammenarbeit mit solch verfassungsfeindlichen Kräften die FDP durchsetzt, oder ob sie ihren Standpunkt in Bezug auf Freiheitsrechte aufgibt – in dieser Frage hoffe ich auf Ersteres, befürchte jedoch Letzteres.
Als Ergebnis dessen müsste den Piraten ein weiterer Zulauf eigentlich sicher sein.
Andreas Pischner // Oktober 4, 2009 um 2:01 |
So etwas meine ich, wenn ich die Frage aufwerfe, was schlimmer ist: Eine starke rechtsradikale Partei oder im Mainstream versteckter Rechtsradikalismus.
romanmoeller // Oktober 4, 2009 um 5:40 |
Letztendlich ist es aus heutiger Sicht wohl eher versteckter Extremismus im „Mainstream“ (entschuldigt, aber eine christlich orientierte Partei ist für mich heute kein Mainstream – aber die CDU hat nunmal letzte Woche die meisten Wähler auf sich vereint!), der als gefährlicher einzustufen sind. Dies ist ganz einfach aus dem Grund so, weil die dort geäußerten Vorstellungen eher eine Umsetzungsperspektive haben. Die Vorstellungen selbst würde ich jedoch nicht gleichsetzen wollen, denn was z.B. die NPD vor hat ist bei weitem extremer als die Vorhaben der Union. Wenn z.B. die DVU die Wiedereinführung der Todesstrafe fordert, dann sagt das ja alles. Das würde Schäuble wohl kaum fordern, nichtmal für Terroristen!
Andreas Pischner // Oktober 4, 2009 um 7:45
Eine Partei, die (CDU/CSU zusammengerechnet, was man auch tun muss, wenn man ehrlich ist) ein Drittel der (abgegebenen) Wählerstimmen auf sich vereinigt, IST Mainstream. Da gibt es kein Drumherumreden! Dass diese Mainstream-Partei sich nach einer religiösen Ausrichtung benennt, ist sicherlich höchst bedenklich, aber eben kein Grund, nach dem Prinzip „was nicht sein darf, das nicht sein kann“ daraus zu schlussfolgern, sie sei NICHT Mainstream!
Roman, realistische linke Politik muss die Tatsache akzeptieren, dass sie Dinge GEGEN die aktuelle Mehrheit im Land bewegen will. Und komme mir nicht mit den Nichtwählern! Wer nicht wählt, hat keine Meinung geäußert und fällt aus der Bilanz heraus. Das ist ebenso eine „souveräne“ Entscheidung des Wählers wie das Abgeben einer Stimme. Nichtwähler kann und darf niemand für sich vereinnahmen – für das nächste Mal aufrütteln, ja, aber eben NICHT der Opposition zurechnen! Sie HÄTTEN sich gegen schwarz-gelb aussprechen können. Sie HABEN es nicht getan. Schwarz-Gelb HAT (fast) die absolute Mehrheit im Land. Das musst Du endlich einsehen, egal wie bitter es ist!
Zum eigentlichen Thema: Die Umsetzungsperspektive ist ein gewichtiges Argument. Dem gegenüber steht aber die Sogwirkung einer erfolgreichen offen rechtsextremen Partei, und natürlich die reale politische Macht – wie andere Länder beweisen, können rechtsextreme Parteien bis in die Regierung gelangen! So schlimm ein Schäuble auch ist, ein Haider war schlimmer.
Todesstrafe: Das ist ein eigenes, schwieriges Thema. Natürlich stellt die DVU ihre Forderung in einem ganz bestimmten rechtspopulistischen Kontext, und natürlich ist die Todesstrafe kein typischer Bestandteil linker politischer Programme (auch wenn „linke“ Diktaturen in aller Welt immer gerne Gebrauch davon gemacht haben). Ob der Ruf danach jedoch zwingend mit rechtsextremem politischen Gedankengut einhergehen muss, da bin ich mir nicht so sicher.
wahrerjacob // Oktober 23, 2009 um 6:55 |
Sozialdemokratie war MAINSTREAM, solange sie spürbar sozialdemokratische Politik gemacht hat, oft auch nur, weil die Bürger die Schnauze voll hatten vom bürgerlichen „weiter-so-keine Experimente..“ MAINSTREAM darf keinen bewertenden Charakter haben, meistens ist er sogar schlecht, ist missbraucht, manipuliert und wird meistens von den Nicht-Informierten besetzt. 1932-1945 war MAINSTREAM die braunen Kohorten. In Hamburg war Schill einmal MAINSTREAM, auch Bild-Zeitung ist MAINSTREAM. Also, meistens bin ich froh, in keinem MAINSTREAM zu sein, lieber dann Non-Konformist, aber wie zum Teufel gelingt es uns mehr Individualisten hier im Blog und sonstwo nicht, viele viele MAINSTREAMLER von etwas anderem zu überzeugen?
Andreas Pischner // Oktober 23, 2009 um 7:28 |
Weil sich Menschen grundsätzlich viel lieber überredne als überzeugen lassen. Um sich überzeugen zu lassen, muss man sich eingestehen, dass man falsch gelegen hat, was unserem Ego widerspricht – wir haben immer Recht, und andere, wenn sie nicht unserer Meinung sind, unrecht. Der Trick beim Überreden ist es, dem Überredeten zu suggerieren, dass er selbst seine Meinung ändert – er ergibt sich nicht einem überlegenen argumentativem Standpunkt, sondern trifft eine freie Entscheidung.
Deswegen haben es Argumente generell schwer, weil sie darauf beruhen, jemandem Irrtümer nachzuweisen.