Oberflächliche Gedanken

Posted on Dezember 5, 2006


Manchmal, ja eigentlich meistens vergeht mir die Lust, mich mit den „wichtigen“ Meldungen der Nachrichtenwelt zu befassen. Ich lese eine schlechte Nachricht nach der anderen, und ich reagiere darauf so wie die meisten Menschen, die sich überhaupt noch um Nachrichten kümmern (es ist erschreckend, wie viele Leute es gibt, die sich GAR NICHT informieren!): Ich ziehe mich zurück. Es betrifft mich (glücklicherweise) nichts direkt, und ändern kann ich daran ja eh nichts, höchstens gaaaaaanz langsam und unmerklich, indem ich mein Leben ändere, mich an Kommunalpolitik beteilige, ein politisch angehauchtes Blog schreibe… Ach, wen will ich hier verarschen? Gar nix kann ich ändern. Das ist ja das Frustrierende.

Stattdessen suche ich mir Meldungen, die mich interessieren. Die USA gewinnen den Irakkrieg nicht – komisch, das war, mit Ausnahme der US-Regierung, schon zu Kriegsbeginn eigentlich jedem klar. Die Reichen werden immer reicher (2% der Menschheit besitzen mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens der Welt) – das weiß eigentlich auch jeder, der „Nachrichten“ nicht für die nachträgliche Korrektur eines schief hängenden Bildes hält, auch wenn die Politik diese Tatsache beharrlich ignoriert und die Schuld für die Verarmung der Armen bei diesen selbst sucht. Der bayrische Innenminister versucht sich als besonders hirnloser Hardliner, indem er die Hersteller und Verkäufer von Counterstrike kriminalisieren will – nun, wer einmal gelesen hat, was dieser populistische, reaktionäre Schwachkopf von sich gibt, kann sich davon auch nicht mehr überraschen lassen. Die Arktis könnte bis 2080 frei von Meereis sein – tja, die Klimakatastrophe, von der unterdessen sogar die amerikanische Regierung eingesehen hat, DASS sie kommt, muss sich ja irgendwie auswirken, und bis dahin lebe ich eh nicht mehr.

Dann gibt es da noch ein paar Meldungen, deren Tragweite ich nicht begreife, weil ich mich nicht wirklich detailliert mit den Subtilitäten von Politik und Ökonomie auskenne. Das deutsche Schulsystem soll reformiert und die Hauptschule möglicherweise abgeschafft werden? Mir fehlt die Kompetenz, das wirklich zu beurteilen. Dass es so, wie es jetzt ist, schlecht ist, ist offensichtlich. Welche anderen Konzepte besser wären, kann ich nicht einschätzen. Britische Ermittler in der Litwinenko-Affäre werden in Moskau behindert? Das überrascht mich zwar nicht, aber welche diplomatischen Zwänge da genau bestehen, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Zwei Vorstandsmitglieder der Telekom wurden zurückgetreten? Ich habe nicht die Bohne Ahnung, welche Folgen das haben wird.

Deswegen bleibe ich bei Meldungen hängen, die keine Katastrophen ankündigen, und die ich verstehe. Deep Fritz besiegt Kramnik! Irgendwie gehöre ich zu der anscheinend geringen Minderheit, die auf einen solchen Ausgang gehofft hat. Insbesondere freue ich mich, dass Fritz nach dem unglaublichen Blackout Kramniks in der zweiten Partie (er hat ein einzügiges Matt übersehen – wann ist DAS einem Weltmeister schon einmal passiert?) sich jetzt auch einen „richtigen“ Sieg erspielt hat. Nein, ich habe nichts gegen Kramnik – ich kenne ihn kaum, nicht einmal aus der Fan-Perspektive, denn eigentlich mache ich mir nicht allzu viel aus Schach. (Mich schreckt einfach die Notwendigkeit ab, die ganze Zeit still sitzen und mich konzentrieren zu müssen – pfui Spinne!) Trotzdem, immer mal wieder beschäftige ich mich damit, denn eigentlich ist dieses Spiel ja verdammt interessant. Und ich finde es völlig faszinierend, wie es den Computerprogrammen in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, menschliche Spieler zunächst ein-, und nun sogar zu überholen! Den Abschluss dieser Entwicklung konnte ich jetzt miterleben, und das hat mir gefallen – wäre es diesmal nicht passiert, wäre dieser Schlusspunkt nur hinausgeschoben worden. So wurden klare Verhältnisse geschaffen: Computer spielen heute besser Schach als Menschen. Unwichtig, klar, aber irgendwie trotzdem ein Häppchen Wissen, das ich gerne abspeichere.

Apropos Abspeichern: Man kann eigentlich kaum durchs Netz surfen, ohne über einen Kommentar zu Britney Spears‘ schlüpferlosen Auftritten in der Öffentlichkeit zu stolpern! Die junge Dame hat also Fotografen Bilder von ihrer nackten Möse machen lassen, soso! Ich finde das, ehrlich gesagt, äußerst erfrischend! Der sexuellen Verklemmtheit unserer Gesellschaft stehe ich sowieso mit Unverständnis gegenüber. Hier hat also ein sehr hübscher (ihre Musik kann ich kaum einschätzen, ich kenne nur zwei Songs von ihr, die gar nicht einmal so übel sind, aber sexy ist sie auf jeden Fall!) weiblicher Superstar Vergnügen daran gefunden, ihre Scham zu präsentieren. Ich sag’s ganz ehrlich: Ich find’s gut! Ich kann einfach ums Verrecken nicht nachvollziehen, wie irgendjemand dadurch einen Nachteil haben soll (außer möglicherweise Britney selbst, die in Amerika jetzt sicher einen schwereren Stand haben wird, das Sorgerecht für ihre Kinder einzufordern). Dafür bin ich mir ganz sicher, dass ich nicht der einzige bin, der diese Geschichte einfach geil findet. Oh, es ist natürlich uncool, so etwas offen zuzugeben! Was soll’s, „cool“ war ich eh noch nie.

Frustrierend allerdings ist es, dass überall über diese Fotos geschrieben wird, aber nirgends eine unzensierte Version davon zu finden ist! Erst nach einer Viertelstunde angestrengter Google-Benutzung habe ich Bilder entdeckt, die jemand auf einer Online-Marktplattform zum Verkauf anbietet, und der Versionen davon hochgeladen hat. Hey, da gibt sich Britney solche Mühe, der Weltöffentlichkeit ihr Geschlecht zu zeigen, und dann traut sich keiner, diese Fotos auch zu veröffentlichen? Aber wer weiß, welche rechtlichen Stolperfallen da alles lauern…

Und dann ist da natürlich Sport. Während ich dies hier schreibe, geht Bremen in der Champions League gerade gegen Barcelona ein. Äußerst schade, das! In einer wirklich unglaublich schweren Gruppe mit Barcelona und Chelsea (meiner Ansicht nach die beiden stärksten Vereinsmannschaften in Europa) haben sie sich wirklich heldenhaft geschlagen und bis zum letzten Spieltag ihre Chance auf ein Weiterkommen bewahrt. Warum interessiert mich das eigentlich? Ich habe in meinem Leben insgesamt zwei Mal, glaube ich, ein Fussballstadion betreten (einmal als Achtjähriger oder so in Begleitung meiner Eltern), und in Ermangelung eines Fernsehers habe ich auch seit der WM keinen Fussball mehr geschaut, nicht einmal die Zusammenfassungen der Spiele.

Trotzdem verfolge ich den Verlauf der Bundesliga, der Zweiten Liga, ja selbst der Regionalligen, aber auch der europäischen Wettbewerbe. Immer mal wieder schaue ich sogar in die Ligen anderer Verbände wie England, Italien, Spanien und Frankreich hinein. Einmal spielt meine Faszination für Tabellen hier eine Rolle, aber es ist mehr als das: Im Fussball laufen Prozesse ab, die ich größtenteils verstehe, die mich aber trotzdem immer wieder überraschen – das sind die Grundzutaten für Spannung. Wenn ich hier Partei ergreife, dann kann ich mich immer, wenn mein Favorit ein Spiel gewinnt, freuen, aber wenn er verliert, kann ich einen Schritt zurückmachen und sagen: Hey, es ist eigentlich gar nichts passiert – das betrifft mich nicht und wird mich nie betreffen.

Sport ist eben viel angenehmer als Politik. Gute und schlechte Nachrichten halten sich die Waage, und egal was dort passiert, die Welt geht davon nicht unter.

Als begeisterter „Paper & Pen“- (ich hasse diesen Begriff eigentlich, aber nur so wissen viele, was gemeint ist) Rollenspieler bin ich früher gelegentlich mit dem Vorwurf der Realitätsflucht konfrontiert worden. Diese Ehre wird heute eher den Computerspielern zuteil, insbesondere den MMORPG-Fans.

Was aber ist da beim Interesse für Spitzensport (im Unterschied natürlich zu selbst ausgeübtem Sport) anders? Man verfolgt Nachrichten aus einer abgeschotteten, überschaubaren, nachvollziehbaren kleinen Welt. Was immer da passiert, es schadet uns nicht wirklich, kann uns aber trotzdem Freude bereiten. Fussball ist bereits seit Beginn der Fernsehübertragungen eine virtuelle Realität.

Ja, das sind also die Nachrichten, die mich wirklich beschäftigen: Ein Mann verliert im Schach gegen in Plastik eingeätzte Silikonspuren, eine Sängerin spreizt vor Fotografen ihre Beine, und elf Millionäre in kurzen Hosen erweisen sich im gegen den Ball Treten als weniger erfolgreich als elf andere Millionäre in kurzen Hosen.

Was mich nachdenklich stimmt: Ich weiß genau, dass ich eigentlich weniger oberflächlich bin als mindestens 90, vermutlich sogar 95% der deutschen Bevölkerung. Trotzdem beschäftige ich mich gedanklich zum größten Teil mit den unwichtigsten Meldungen des Tages.

Ist es da ein Wunder, wenn die Berichterstattung in unseren Medien immer oberflächlicher wird?

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