Ausländer

Posted on Dezember 11, 2006


Ich habe ja etwas angestellt.

In einem Artikel habe ich in einem Nebensatz das Wort „Ausländer“ gebraucht. Nicht nur das, der Zusammenhang war auch nicht gerade ein positiver.

Ein Sturm der Entrüstung brach darufhin los! Was ich in der Sache gesagt hätte, sei zwar richtig, aber wie konnte ich es nur sagen, und vor allem, wie konnte ich den Begriff „Ausländer“ benutzen? Schließlich handele es sich doch nicht etwa um Menschen anderer Nationalität (gut, teilweise durchaus, aber darum ging es nicht) sondern um Deutsche, nur eben mit Migrationshintergrund?

„Menschen mit Migrationshintergrund“. Das war die Formulierung, die ich hätte benutzen sollen.

…hätte ich?

Die Diskussion, ob ich überhaupt im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Problemen von dieser Bevölkerungsgruppe reden dürfe, oder ob ich nicht generell darüber schweigen sollte, weil „ausländerfeindliche“ (Anmerkung: Es gibt keine „Ausländerfeindlichkeit“, es gibt nur Menschenfeindlichkeit, die sich einen Vorwand sucht!) Kreise solche Themen gerne für Hassparolen ausschlachten, führe ich gar nicht erst.

Über den Begriff „Ausländer“ hingegen will ich hier reden.

Ein Brite, Türke oder Chinese, das ist jemand, der die britische, türkische oder chinesische Staatsangehörigkeit besitzt, richtig?

Richtig. Aber gebrauchen wir diese Begriffe auch so? Gehen wir nicht zum Chinesen essen ohne danach zu fragen, ob der Wirt nicht vielleicht einen deutschen Personalausweis besitzt? Nehmen wir die südländisch aussehende Frau mit dem Kopftuch, die uns auf der Straße begegnet, nicht als Türkin war, selbst wenn sie längst eingebürgert sein sollte?

Gesellschaftliche Zuordnungen richten sich nicht nach Formalitäten.

Es heißt, Mitbürger mit Migrationshintergrund als Ausländer zu bezeichnen, grenze sie aus, leugne vielleicht sogar die Verantwortung des deutschen Staates für diese Personengruppe, denn Ausländer gehören ja offensichtlich ins Ausland.

Ist das wirklich die einzig mögliche Deutung dieses Begriffs? Offensichtlich nicht, denn so wird er ja nicht verwendet!

Jeder kennt hoffentlich die Kampagne „Mein Freund ist Ausländer.“ Sie lautet NICHT „Mein Freund hat Migrationshintergrund“, und dafür gibt es gute und einleuchtende Gründe! Diese politisch korrekte Formulierung benutzt nämlich außerhalb von politischen Diskussionen und Soziologie-Seminaren keine Sau. Sie ist umständlich, künstlich und auf abschreckende Art bemüht. Niemand spricht im täglichen Umgang so.

Die Sprecher einer Sprache verweigern sich solchen Wortgebilden. Per Anzeige wird vielleicht eine Reinigungsfachkraft gesucht, aber im Freundeskreis redet man davon, dass man eine Putzfrau braucht. Das Kinematografentheater heißt schon so lange Kino, dass kaum noch jemand weiß, wo dieses Wort ursprünglich herstammt.

Unhandliche Begriffe werden in der Umgangssprache entweder ignoriert oder verkürzt. „Menschen mit Migrationshintergrund“ wird zur Zeit ignoriert. Eine Verkürzung würde unweigerlich auf „Migranten“ hinauslaufen – ein Wort, über dessen semantische Exaktheit man sich auch bereits wieder streiten könnte, denn auch in Deutschland geborene Menschen können Migrationshintergrund besitzen, sind aber keine Migranten. Abgesehen davon klingt diese Wort häßlich und würde garantiert zum Schimpfwort mutieren – der gleiche Prozess, den „Asylant“ als Kurzform von „Asylbewerber“ durchgemacht hat.

Nein, wenn wir im täglichen Umgang von „Menschen mit Migrationshintergrund“ sprechen, dann reden wir von „Ausländern“. Und dieser Begriff ist nicht einmal zwingend sachlich falsch! Ausländer, kann das nicht jemand sein, der (oder dessen Familie) aus einem anderen Land, aus dem Ausland eben, zu uns gekommen ist? Es ist keineswegs ungewöhnlich, Menschen nach ihrer Herkunft einzuordnen.

Grenzen wir diese Menschen damit aus unserer deutschen Gesellschaft aus?

Das kommt darauf an. Wenn unsere Vorstellung eines „Deutschen“ beinhaltet, dass er blond und blauäugig ist, oder wenigstens hellhäutig, dann ja. Die physische Erscheinung alleine darf keinen Einfluss darauf haben, ob wir einen Menschen einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung zuordnen. Den orientalisch aussehenden oder dunkelhäutigen Mitbürger nicht als deutsch anzusehen, das ist ein Zeichen fehlender Toleranz und ein Tor zur Fremdenfeindlichkeit.

Wenn unsere Vorstellung eines Deutschen aber beinhaltet, dass er… deutsch spricht, dann ist das sicherlich nicht allzu weit hergeholt! Jeder, der bereits jahrelang in Deutschland lebt und vorhat, es auch weiterhin zu tun, sollte sich ganz selbstverständlich darum bemühen, die Sprache seines Gastlandes, das sein Heimatland werden soll, zu erlernen! An dieser Einstellung ist nichts Fremdenfeindliches. Im Gegenteil ist es ja eigentlich offensichtlich, dass Menschen ohne gute Deutschkenntnisse in Deutschland in allen Lebensbereichen schlechtere Chancen haben, also wünscht man ihnen ja nichts Böses! Und auch wenn es natürlich die Aufgabe der Politik ist, Gelegenheiten zum Erlernen des Deutschen zu schaffen und vielleicht sogar dahingehenden Druck auszuüben, liegt die Verantwortung dafür letztlich immer bei den Menschen selbst, zumindest bei den Familien (denn Kinder können eine solche Entscheidung nicht völlig selbständig treffen).

Um Verantwortung geht es mir jetzt aber nicht, sondern lediglich um die Feststellung eines Kriteriums, das die meisten von uns bewusst oder unbewusst nutzen, um Menschen als „Ausländer“ einzuordnen. Dieses Kriterium ist vollauf berechtigt! Ein Mensch, der des Deutschen nicht mächtig ist, ist (noch, hoffentlich) nicht vollständig in Deutschland integriert.

Ein anderes Kriterium sind kulturelle Merkmale. Nicht jede Form von kulturellen Merkmalen, natürlich! Ob uns türkisches Essen schmeckt oder nicht, ist vollständig belanglos. Ich denke, ich bin nicht der einzige Deutsche, der „typisch deutsche“ Gerichte wie Schweinskopfsülze, Saumagen oder Eisbein mit Sauerkraut verabscheut, dafür aber sehr häufig Döner konsumiert (der, wenn man es genau nimmt, auch eher ein deutsches als ein türkisches Gericht ist). Ob ich arabische Musik als Gejaule und Gelalle wahrnehme, ist ebenfalls belanglos. Ich nehme auch deutsche Volksmusik als Geplärre, Musik von Dieter Bohlen als Gedudel und sogar Kantaten von Bach als Geklimper wahr. Musikgeschmack ist subjektiv und eine Frage des Erfahrungshorizontes.

Auch Kleidung ist prinzipiell kein relevantes Merkmal. Afrikanische Männerröcke, japanische Kimonos, peruanische Ponchos: Der Anblick mag ungewohnt sein, oder vielleicht hat sich eine Mode sogar bei uns durchgesetzt. Was einige Menschen abends in der Disco oder sogar auch in der Schule oder am Arbeitsplatz tragen, ist teilweise erheblich ausgefallener und ungewöhnlicher, und die Trachtenkleidung einiger deutscher Volksgruppen lässt in punkto Albernheit auch keine Wünsche offen.

Mit Kopftüchern hingegen wird es bereits knifflig, und spätestens bei einer Bursa ist die Grenze zum relevanten kulturellen Merkmal überschritten.

Das Kopftuch als religiöses, aber auch als kulturpolitisches Zeichen kann nicht wertfrei gesehen werden. Es steht für die Unterdrückung der Frau in streng islamisch geordneten Gesellschaften. Zwangsheiraten sind in der Türkei immer noch allgegenwärtige Realität, und sogenannte „Ehrenmorde“ finden in erschreckend weiten Kreisen deutscher „Menschen mit Migrationshintergrund“ als erlaubte, ja sogar wünschenswerte Praxis Zustimmung.

Diese Symbolik muss, kann und darf man nicht ignorieren, auch wenn der Zusammenhang häufig geleugnet wird. Menschen, die diese Zeichen setzen, zeigen deutlich, dass sie nicht integriert sind.

Unsere Gesellschaft, unsere „Kultur“ ist eine weitestgehend säkulär geprägte, und darauf lege ich auch besonderen Wert! Auch wir haben da noch Relikte aus unaufgeklärten Zeiten. Damit meine ich insbesondere den Katholizismus. Die Positionen der katholischen Kirche zu Themen wie außerehelichem Sex, Verhütung, Aids, Homosexualität und dem Zölibat sind einer rationalen, aufgeklärten Gesellschaft nicht angemessen. Bei dem Versuch, die christlichen Merkmale unserer Gesellschaft als wesentlich anders im Vergleich zu denen des Islam zu definieren, verliert die Politik leider immer wieder an Glaubwürdigkeit. Trotzdem ist die erheblich stärkere Trennung von Religion und Staat in Deutschland im Vergleich zu allen islamischen Ländern Realität.

Menschen, die wir aufgrund sprachlicher und kultureller Barrieren nicht als integriert ansehen können, nehmen wir als „Ausländer“ wahr. Selbst wenn diese Wahrnehmung nicht berechtigt wäre – sie ist es! – ließe sie sich mit semantischen Mitteln nicht beseitigen.

Die Alltagssprache benötigt einen Begriff für „in Deutschland unzureichend integrierte Menschen mit Migrationshintergrund“, und dieser Begriff ist „Ausländer“, weil es keine Alternative zu ihm gibt.

Ob er überwiegend abfällig benutzt wird oder wertfrei, hängt davon ab, wie es unserer Gesellschaft gelingt, Konzepte wie kulturelle Vielfalt und menschliche Würde zu vermitteln. Aktionen ala „Mein Freund ist Ausländer“ helfen dabei. Das Totschweigen von Problemen und der Versuch, einen Begriff des allgemeinen Sprachgebrauchs zu eliminieren, sind hingegen kontraproduktiv.

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