Waschen und Rasieren

Posted on Dezember 16, 2006


(Wer Zwerge wäscht oder rasiert, oder sie zum Waschen oder Rasieren auffordert oder nötigt, wird mit Wutanfällen nicht über einen Meter vierzig bestraft.)

Nein, um alberne Fantasy-Witzchen soll es hier nicht gehen, sonden natürlich um das berüchtigte Zitat von Kurt Beck: „Waschen und rasieren Sie sich, dann haben Sie in drei Wochen einen Job!“

Erst war die Aufregung groß, und diese Äußerung wurde zum Skandal hochgespielt. Dann jedoch glätteten sich die Wogen in Rekordzeit. Was geht da vor?

Zunächst einmal sollte jeder, der mich kennt (und sei es auch nur durch meine Schreiberei) wissen, dass ich nicht viel von „politischer Korrektheit“ halte! Sachliche Richtigkeit ist mir wichtig, und natürlich die Vermeidung persönlicher Beleidigungen.

Beck war von einem offensichtlich angetrunkenen und augenscheinlich ungepflegten Menschen in der Öffentlichkeit angepöbelt worden. In dieser Situation sehe ich es auch für einen Politiker als zwar ungeschickt, jedoch durchaus legitim an, zum Waschen und Rasieren aufzufordern. Auch der von ihm später als Rechtfertigung angeführte Zusammenhang, dass es Menschen, die auf ihr Äußeres achten, leichter fällt, Arbeit zu finden, ist selbstverständlich richtig.

Trotzdem ist diese Äußerung ein Skandal, und dass die Diskussion darüber (nachdem sie sich zunächst auf dem Irrweg der politischen Korrektheit verlaufen hat) wieder einschläft, ein noch größerer!

Der entscheidende Knackpunkt ist nämlich die eindeutige Implikation eines kausalen Zusammenhangs: „WENN Sie sich waschen und rasieren, DANN haben Sie in drei Wochen einen Job!“ Diese Aussage ist gleichbedeutend mit „Wenn Sie innerhalb von 3 Wochen keinen Job finden, haben Sie sich nicht gewaschen und rasiert!“

DAS ist eine Unverschämtheit UND eine Beleidigung aller arbeitslosen Menschen! Beck unterstellt hier jedem Arbeitslosen mangelnde persönliche Hygiene als Ursache für seine Situation.

Am schlimmsten aber ist, wie nahtlos sich diese Unterstellung in das propagierte Denken unserer politischen Führung einordnet: Wer keine Arbeit hat, ist selbst schuld! Anstatt die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen oder Arbeitslose wirtschaftlich abzusichern, geht es nur darum, den Missbrauch von Sozialleistungen zu verhindern!

Dass weltweit Vermögen seit Jahren von unten nach oben umverteilt wird, dass Firmen, die Rekordgewinne machen, darauf mit Stellenabbau reagieren – das wird einfach ignoriert.

Noch können viele Menschen in Deutschland denken „arbeitslos, das kann MIR nicht passieren – ich wasche und rasiere mich ja regelmäßg!“ Unterschicht oder „soziales Prekariat“, wie immer man es nennt, man wird gewiss niemals dazu gehören!

Man regt sich eben immer erst dann auf, wenn man selbst betroffen ist.

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