Feedback

Posted on Dezember 28, 2006


Die Internet-Community – wenn man die heterogene, chaotische und dauerhaft zerstrittene Gesellschaft des WWW überhaupt so bezeichnen kann – wird zu einem großen Teil durch Kommentare miteinander verbunden. News-Meldungen, Artikel, Geschichten, Blog-Einträge, ja selbst hochgeladenen Bilder besitzen eigene Kommentar-Threads.

Was schreibt man dort eigentlich hinein? Viele Poster erschöpfen ihre Kreativität im Verfassen solcher oder ähnlicher Beitäge:

lol

:-)

sux0r

Manche nutzen den Kommentar-Thread für zusammenhangfremde Unterhaltungen wie „Gehen wir Freitagabend wieder einen draufmachen?“ oder „Das müsst ihr euch anschauen – http://www.die-lustigste-seite-im-netz.de!“ (Hinweis: Die Seite gibt es noch nicht – sichert sie Euch jetzt!)

Erstaunlicherweise befasst sich aber ein nicht unbeträchtlicher Teil von Kommentaren im Netz damit, das Kommentierte tatsächlich zu kommentieren! Dabei kann man zwei Arten dieser Kommentare unterscheiden: Die inhaltliche Diskussion und Feedback.

Die inhaltliche Diskussion ist besonders typisch bei News-Meldungen. Hier spricht man über das Thema der News-Meldung und kümmert sich nicht um die Meldung selbst und wie sie geschrieben wurde, oder von wem. Natürlich kommt trotzdem gelegentlich auch Feedback, wie zum Beispiel „Wen interessiert das“, oder, weil man ja so kewl und l33t ist, „wayne“, aber das ist eher die Ausnahme.

Veröffentlichte Geschichten hingegen erhalten einen besonders großen Anteil Feedback. Dieses befasst sich nicht in erster Linie mit ihrem Inhalt, sondern damit, DASS und WIE sie verfasst wurde (und damit zwangsläufig auch, von wem), so wie „Die lustigste Geschichte, die ich je gelesen habe“, „Du solltest wirklich an Deiner Rechtschreibung arbeiten.“ oder, naja, „wayne“ eben.

Artikel, Blog-Einträge und Bilder stehen hier, je nach ihrer exakten Natur, zwischen News-Meldungen und Geschichten.

Feedback, auf Deutsch Rückmeldung oder Rückkopplung, bedeutet, dass der Kommentator das Gelesene auf sich wirken lässt und dem Autor von dieser Wirkung mitteilt. Warum geben wir Feedback? Nun, da ist einmal unser natürliches Mitteilungsbedürfnis, das uns dazu treibt, im Netz Kommentare zu verfassen. Zum anderen tun wir es, weil wir wissen, dass Autoren es sich wünschen (wenn wir selbst Autoren sind, wissen wir es besonders genau).

Die grundlegende Wirkung auf uns, die wir kommunizieren, bezieht sich darauf, ob und wie sehr der Text (oder das Bild) uns gefallen hat. Das kann von einem simplen Thumbs-Up-Icon zu Kommentaren, die länger als der kommentierte Text selbst sind reichen, wie ich sie ganz gerne verfasse. 8-)

Je ausführlicher dieses Feedback jedoch ist, desto mehr Information kann damit kommuniziert werden. Nicht nur ob und wie sehr, nein auch WARUM das Werk Gefallen gefunden hat.

Und dieses warum wiederum teilt sich in Fragen des Geschmacks, sowie eine Bewertung der Qualität auf. Dabei ist – in der Theorie – der Unterschied hierzwischen derjenige: Geschmack ist eben subjektiv. Der Verfasser kann hier nichts „falsch“ machen, außer, er geht irrtümlich von der Annahme aus, dass sein Werk den Geschmack seines Publikums trifft. Qualität hingegen lässt sich prinzipiell nach objektiven Kriterien beurteilen.

Ich will hier über Feedback zu Veröffentlichungen reden, bei denen der Autor sich Mühe gegeben hat (oder es zumindest behauptet), den Geschmack seines Publikums, beziehungsweise eines relevanten Segments davon, zu treffen, und gute Qualität abzuliefern. Das ist in der Hauptsache bei Geschichten und Artikeln der Fall. „Typische“ Blog-Einträge, die einfach nur mitteilen, was der Verfasser zum Frühstück gegessen hat, und welche Musik er gerade hört, fallen nicht in diese Kategorie, denn die schreibt man hauptsächlich für einen selbst und vielleicht noch für ein paar Menschen, die einen persönlich kennen.

Nein, Geschichten und Artikel (meine eigenen längeren Blog-Einträge sind zum Beispiel eher Artikel, während die kürzeren in ihrer Zuordnung schwanken) verfassen wir in der Regel, damit sie den Lesern gefallen – nicht ALLEN natürlich, denn das wäre ein hoffnungloses Unterfangen! – aber eben vielen. Und um zu erkennen, ob uns das gelungen ist, wünschen wir uns Feedback.

Und wir wollen selbstverständlich auch wissen, WARUM es gefallen oder wichtiger: NICHT gefallen hat, denn wir wollen uns ja verbessern!

…wollen wir?

Ich will es. Ich bemühe mich seit Jahren, meien Schreibe zu verbessern, und ich bin zuversichtlich, dass mir das auch bereits klar erkennbar gelungen ist. Wie gut ein einzelnder Text mir gelingt, hängt sicherlich von meiner „Tagesform“ ab, aber auch davon, wie viel Zeit ich mir dafür nehme. Zum Beispiel schreibe ich Blog-Artikel wie diesen hier im Wesentlichen hintereinanderweg herunter. Sie sind nicht für die Ewigkeit gedacht, und einen größeren Zeitaufwand daher nicht wert. Für eigenständige Artikel, wie ich sie zum Beispiel bei http://www.magicuniverse.de veröffentliche (macht Euch nicht die Mühe, diese URL aufzusuchen, wenn ihr keine Magic-Spieler seid – WENN ihr aber Magicspieler seid, solltet Ihr die Seite kennen!), und für die ich in der Regel auch bezahlt werde, nehme ich mir bereits erheblich mehr Zeit, schreibe sie Stück für Stück und überarbeite sie mehrfach. Bei meinen Geschichten wiederum feile ich an jedem klitzekleinsten Detail, bis sie so perfekt sind, wie ich sie hinbekomme, und auch wenn ich Jahre nach ihrer eigentlichen Fertigstellung noch ein Fehlerchen finde oder eine Idee habe, sie zu verbessern, dann werde ich noch einmal tätig, denn diese Geschichten SIND für die Ewigkeit gedacht. Ihr wisst schon, wie Goethes Faust und so.

In diesen Zusammenhang stelle ich daher auch meine Erwartung daran, wie gut mein Text geworden ist. Um nun aber herauszufinden, wie gut er denn nun wirklich ist, wünsche ich mir Feedback! Gewiss verlasse ich mich dabei auch auf mein eigenes Urteil: Ich habe gelernt, eine Balance zwischen dem Akzeptieren von Kritik und dem Festhalten an eigenen Maßstäben zu finden (ein Prozess, der fortwährend andauert, da diese Balance ständig droht, nach der einen oder anderen Seite hin aus dem Gleichgewicht zu geraten), aber für diese Balance benötige ich eben Feedback.

Ein Autor, der an ehrlichem Feedback nicht interessiert ist, ist ein Autor, der kein Interesse daran hat, sich zu verbessern.

Welche Art Feedback ist nun aber am nützlichsten? Bevor man diese Frage beantwortet, muss man sich vergegenwärtigen, in welchem Kontext sie gestellt wird!

Ein vierjähriges Kind, das mit Schaufelchen und Eimerchen einen Haufen auftürmt, den man mit viel Phantasie als Sandburg bezeichnen könnte, und das seine Mutter fragt, ob es nicht eine schöne Sandburg gebaut hat, bedarf offensichtlich einer ganz anderen Art Feedback als der Doktorand, welcher mit seinem Professor den Entwurf für seine Dissertation bespricht.

Die Frage lautet: Was ist die Zielsetzung des Feedbacks? Im Falle des Kindes geht es hauptsächlich darum, dass es Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten erlangt, Spaß an kreativer Betätigung behält und das Gefühl vermittelt bekommt, dass seine Mutter es liebt und stolz auf es ist. Hier ist es Hauptanliegen der Mutter, die Erwartungshaltung des Kindes an ihr Feedback zu erfüllen. Ihre eigene Erwartungshaltung an die Sandburg hingegen ist nahezu irrelevant.

In Falle des Doktoranden geht es darum, ihm zu helfen, eine Dissertation zu verfassen, welche vor dem Promotionsausschuss Bestand hat. Die Erwartungshaltung des Doktoranden an das Feedback ist nahezu irrelevant, entscheidend sind die Erwartungen, die an seine Dissertation gestellt werden.

Anders ausgedrückt: Die Mutter lügt das Blaue vom Himmel herunter, weil ihr Kind Streicheleinheiten benötigt. Der Professor ist brutal ehrlich, weil der Doktorand objektive Kritik benötigt.

Wo zwischen diesen beiden Extremen ordnet man sich als im Internet veröffentlichender Autor ein?

Nun, ich gehe hier wieder einmal von mir aus: Erheblich näher am Doktoranden als am Kleinkind! Ich erwarte von meinem Publikum keine auf Verwandtschaft gründenden Zuneigungsbekundungen. Ich benötige keinen externen Motivationsschub. Ich schreibe, weil ich Freude daran habe, und weil ich überzeugt bin, dass ich es gut kann (diese Überzeugung ist allerdings über einen sehr langen Zeitraum gewachsen). Ich will mich verbessern und benötige dafür möglichst objektive Kritik.

Objektiv, das bedeutet nicht, dass der Kommentator mir verschweigt, wie gut ich seinen Geschmack getroffen habe, auch wenn das eine subjektive Angelegenheit ist! Im Gegenteil benötige ich diese Information, um sein Feedback insgesamt einzuschätzen. (Und natürlich interessiert mich auch, ob ich anderer Leute Geschmack getroffen habe.) Es bedeutet allerdings, dass er sich bemüht, Geschmacksfragen und Qualitätsbeurteilung klar voneinander abzugrenzen und letztere möglichst schlüssig, in jedem Fall aber ehrlich zu begründen.

Was ich wissen muss, ist WIE SEHR/WENIG und WARUM dem Kommentator mein Text (nicht) gefallen hat. Das ist alles, was zählt! Wie er es formuliert, ist völlig egal, so lange er so deutlich wie möglich ist! Wenn er sich bemüht, mir eine bittere Pille zu verzuckern, indem er seine Meinung abschwächt, relativiert oder verleugnet, ändert das trotzdem nicht das Geringste daran, wie wenig ihm mein Text gefallen hat!

DAS muss ich wissen, das WIE und WARUM. Was habe ich davon, wenn ein wohlmeinender Kommentator mich vor zu harscher Kritik bewahren will und dabei nicht ehrlich sagt, wie mein Text auf ihn gewirkt hat? Nichts habe ich davon, denn diese Tatsache ändert sich dadurch nicht!

Deswegen kann ich nicht nachvollziehen, was verkehrt daran ist, als Kommentator seine Meinung unzweideutig und unmissverständlich darzulegen. Ich befinde mich nicht in der Situation des Ehemannes, der seiner Frau nach überstandener Schwangerschaft versichert, dass ihr außer Form geratener Bauch ihn nicht stört, selbst wenn er es tut, oder in der Situation der Ehefrau, welche ihrem Mann nach dem allsamstäglichen Sex vorschwärmt, wie schön es doch für sie gewesen ist, selbst wenn sie sich gelangweilt hat. Ja, es gibt Lügen, die unsere Gesellschaft benötigt, damit ihr soziales Gefüge erhalten bleibt. (Auch hier kann man es aber offensichtlich übertreiben.)

Gehört das Schönreden eines Internettextes, den man schlecht fand, dazu? Meiner Ansicht nach nicht!

Ein Autor, der sich ehrlich bemüht, gute Texte zu verfassen, ist für möglichst klares, unverfälschtes Feedback dankbar. Ein Autor, der sich nicht bemüht, hat es auch nicht verdient, gebauchpinselt zu werden.

Deswegen bitte ich um diese Art Feedback, und deswegen liefere ich sie auch. Wie genau man auf die Qualität eingehen kann, hängt – abgesehen von der Zeit, die man sich zum Verfassen eines Kommentars nehmen will – natürlich auch vom eigenen Wissensstand ab. Wenn mir in einem Restaurant ein kompliziertes, vom Chefkoch neu kreiertes Gericht vorgesetzt wird, dann beschränkt sich mein Feedback auf „Schmeckt mir sehr gut/nicht so gut/gar nicht“, vielleicht noch ergänzt durch ein „ist mir zu süß / zu sauer / zu bitter“. Ganz bestimmt kann ich nicht sagen „Der Fond ist zu scharf angebraten, die Kartoffeln waren nicht festkochend genug, und beim Abschmecken hätte es eine Prise mehr Rosmarin sein dürfen“, oder was immer Köche sagen, wenn sie einander kritisieren, und das erwartet auch niemand von mir.

Dementsprechend erwarte ich auch von Kommentatoren zunächst einmal schlicht die ehrliche Meinung, mit einem Hinweis darauf, wie sehr ich ihren Geschmack getroffen habe. Alles weitere, die Qualität betreffende, ist jedoch ein gern gesehener Bonus!

Daran halte ich mich. Ich verstehe einiges vom Verfassen von Geschichten. Ich verstehe eine Menge vom Verfassen von Magic-Artikeln. Ich verstehe kaum etwas vom Verfassen von Gedichten. So fallen meine Kommentare dann auch aus: Immer ehrlich, immer deutlich, und je nach meiner eigenen Kompetenz und der von mir in den Kommentar investierten Zeit mehr oder weniger ausführlich.

Wer damit nicht zurechtkommt, der darf sie gerne ignorieren und stattdessen seine Mutter fragen.

Advertisements
Verschlagwortet: , ,