Lemminge

Posted on Februar 6, 2007


Diese putzigen kleinen Tierchen müssen ja immer wieder für gesellschaftliche Vergleiche und schräge Witze herhalten. Gut, dass es sie gibt: Ansonsten wäre das Verhalten der Menschheit in überhaupt keiner Weise mehr mit dem anderer Tiere zu vergleichen!

Der IPCC-Bericht sagt es so deutlich, wie es ihm möglich ist, ohne unwissenschaftlich zu werden, und so ausführlich wie nötig, um es argumentativ überzeugend darzulegen: Die Welt geht unter.

Ja, DAS ist die Aussage!

Nein, der Planet Erde explodiert nicht, es wird nicht alles Leben ausgelöscht, und vielleicht gelingt es sogar der Menschheit zu überleben. Unsere Zivilisation jedoch wird aufhören zu existieren. Ein Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter, der alle Hafenstädte der Welt schluckt, eine Umleitung des Golfstroms, die uns Europäer daran erinnert, dass wir uns in den selben Breitengraden befinden wie Kanada (und da werden ein paar Grad globale Erwärmung auch nicht helfen), eine Erhöhung der Wassertemperatur, die ein weltweites Fischsterben verursacht – die paar zehntausend Todesopfer, welche jährlich durch überdurchschnittlich viele und schlimmere Stürme und Überschwemmungen angerichtet werden, sind da nicht einmal mehr erwähnenswert.

Die Fachleute sind sich einig. Politiker hingegen schwächen ab oder reden gar von Panikmache! Wem glauben die Menschen? Denjenigen, die sich auf diesem Gebiet tatsächlich auskennen, oder denjenigen, die gelernt haben, Mehrheiten hinter sich zu versammeln und Lobby-Interessen zu bedienen (die Qualifikationen eines Politikers)?

Oh, mir wird es ja auch immer wieder gesagt: Die Mehrheit hat ja Recht! Diese paar hundert besserwisserischen, rechthaberischen, arroganten Klimaforscher sollen sich mal nicht so wichtig machen. Was ist ihre detaillierte Analyse schon gegen das „gesunde“ Empfinden der Menschheitsmehrheit?

Ich weiß nicht, ob es Lemminge gibt, die sich den selbstmörderischen Wanderungen ihrer Spezies nicht anschließen oder aus dem Strom auszubrechen versuchen. Wenn sie es tun – ob ihre Artgenossen sie auslachen? Ob sie ihnen vorwerfen, dass sie nicht in der Lage sind, sich der Lemminge-Gesellschaft anzupassen?

Die Menschheit ist zu dumm, um ihre Probleme zu lösen. Ein paar hunderttausend Jahre Evolution haben den Homo Sapiens gelehrt, wie er sich als Teil der menschlichen Gesellschaft vermehrt. Unser Denken und Empfinden ist darauf eingerichtet, sich in diese Gesellschaft einzuordnen – möglichst weit oben, weil das die Chance, die eigenen Gene weiterzugeben, erhöht (in Wahrheit ist die Kausalität natürlich genau andersherum).

Leider hat uns die Evolution nicht die Zeit gegeben, unsere Intelligenz der Herausforderung des In-die-Zukunft-Schauens anzupassen – das war bislang nicht nötig! Einzelne Exemplare starben und sterben immer wieder an ihrer Dummheit oder der ihrer Mitmenschen, aber die Menschheit insgesamt hat sich schnell genug vermehrt, dass das statistisch einfach nicht ins Gewicht fiel. Der Mensch hat keine natürlichen Feinde: Seine Überlebens- und Fortpflanzungschancen hängen davon ab, wie er sich untereinander sozialisiert. Zwei Eigenschaften erhöhen diese Chancen:

1. Die Fähigkeit zu führen. Politiker und Manager besitzen sie. Sie hat nur sehr bedingt etwas damit zu tun, RICHTIGE Entscheidungen zu treffen – wichtig ist hingegen, POPULÄRE Entscheidungen zu treffen.

2. Die Fähigkeit sich anzupassen. Der größte Teil der Menschheit besitzt sie. Sie hat sehr wenig damit zu tun, selbständig zu denken und sehr viel damit, gleicher Meinung wie die Mehrheit zu sein.

Was ist mit der Fähigkeit, Entwicklungen vorherzusehen? Sie erfordert selbständiges, analytisches Denken. Nicht Recht BEKOMMEN, sondern Recht HABEN. Nicht die verbreiteten Ansichten zu teilen, sondern zu zutreffenden Einsichten zu gelangen.

Sie bietet keinen vergleichbaren evolutionären Vorteil, da sie den beiden ersten Eigenschaften im Weg steht. Was ist, wenn die richtige Entscheidung nicht die populäre ist, wenn die uninformierte Mehrheit widerspricht?

Die Antwort sehen wir aktuell an der Reaktion auf den IPCC-Bericht. Die Politiker beschwichtigen, die Wirtschaft lügt, die Bevölkerung ignoriert oder spricht von Panikmache. Die Minderheit derjenigen, die Recht hat, wird sich selbstverständlich nicht durchsetzen.

Zu dumm, dass diesmal die menschliche Dummheit nicht nur einzelne Individuen, ein einzelnes Dorf, einen einzelnen Stamm oder ein einzelnes Volk auslöschen wird, sondern die gesamte menschliche Zivilisation. Die Evolution hat wohl leider nicht berücksichtigt, dass die Menschheit dazu in der Lage sein könnte.

Wenn ein Lemmingszug sich ins Meer stürzt, bleiben genügend andere Lemminge übrig. (Soweit ich weiß, ist es gerade der Umstand, dass sie bereits zu zahlreich sind, der diesen Massenselbstmord auslöst.) Der Mensch hingegen ist in der Lage, Katastrophen zu verursachen, die seine Spezies (und ein paar hunderttausend andere, aber das ist ein ganz anderes Thema) komplett auslöschen. Wahrscheinlich wird es ihm jedoch nicht ganz gelingen, nicht einmal, wenn er in einer überfluteten Welt im Kampf um die letzten bewohnbaren Gebiete einen Atomkrieg beginnt. Irgendwo, irgendwie werden ein paar Menschen überleben und von vorne mit dem Aufbau einer Zivilisation anfangen, in der wiederum Mehrheiten Entscheidungen treffen und Vernunft überstimmt wird.

Ist das jetzt ein tröstlicher Gedanke?

Ich glaube, ich gehe ein wenig Magic spielen und ignoriere ihn einfach. Ich bin schließlich auch ein Mensch.

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