Ignoranz macht glücklich

Posted on Februar 8, 2007


Gerade habe ich wieder Frösche gerettet. Was kümmert mich die Welt.

Wenn Eure Freundin / Euer Freund mit Euch Schluss machte – was würdet Ihr bevorzugen? Noch einmal einen wundervollen Abend mit tollem Sex mit ihr/ihm zu verleben, bevor er/sie Euch mitteilt, dass es nicht mehr weitergeht? Oder ist es besser, wenn Euer letztes Beisammensein gleich mit dem Satz „Du, wir müssen reden“ beginnt?

Natürlich wäre dieser letzte schöne Abend eine Lüge, wäre Heuchelei. Aber er wäre SCHÖN, ein paar Stunden Glück, bevor die Traurigkeit einsetzt.

Wenn morgen die Welt unterginge – würdet Ihr es wissen wollen? Der Klimawandel zerstört unsere Zivilisation in den nächsten fünfzig bis hundert Jahren – wollt Ihr es wahrhaben?

Gestern habe ich eine Kritik zu einem Magic-Artikel verfasst. Der Artikel war hundsmiserabel, und dementsprechend ist meine Kritik auch ausgefallen. Wie es so meine Art ist, habe ich nicht einfach gesagt: „Der Artikel ist schlecht“, sondern genau begründet, WARUM er schlecht ist – welche Stilblüten der Autor sich geleistet hat, welche logischen Fehler, welche sachlichen Mängel.

Um es mit C3PO zu sagen (ich gehöre nicht zu den Leuten, welche die neue Star Wars Trilogie nicht mögen, aber die alte hatte eindeutig die besseren Dialoge!): Der Schreiber bekundete sein Nichteinverständnis mit meinen Aussagen. Ich würde die Eigenheit seines Schreibstils nicht anerkennen und sollte mich lieber wieder dem Schreiben von Geschichten zuwenden, in denen ich mit Spannungsbögen arbeiten könne (was genau er damit gemeint hat, ist schwierig zu erraten, aber in irgendeiner Form wollte er wohl darauf hinweisen, dass ich von seinem Artikel etwas erwartet hätte, was dort nicht hineingehörte).

Tja, der Autor nahm also die Kritik nicht an. Das ist sein gutes Recht. (Hätte er diesen Text in der Schule im Deutschunterricht als Aufsatz verfasst, wäre ihm hingegen keine andere Wahl geblieben: Schlechtes Deutsch, fehlerhafte Grammatik und Interpunktion, mangelnder Inhalt, Thema teilweise verfehlt – es gab hier keinerlei Ambiguität, der Text war objektiv schlecht, jenseits aller Geschmacksfragen.)

Darüberhinaus merkte man seiner Replik an, dass er sich ärgerte – und naiv, wie ich bin, frage ich mich, wieso eigentlich!

Die Seite, auf welcher der Artikel veröffentlicht wurde, verfügt über ein Bewertungssystem für einzelne Beiträge. Obwohl nur die Gesamtdurchschnittsnote angezeigt wird, kann man an ihrer Entwicklung gut abschätzen, wie die Leser im Einzelnen abgestimmt haben. Der fragliche Artikel hat offensichtlich zahlreiche Noten im Spektrum von 1-5 auf einer Skala bis 10 bekommen, und der Durchschnitt liegt bei fünfkommanochwas. Zum Vergleich: Praktisch alle anderen Artikel weisen Durchschnittsnoten zwischen 7,5 und 9,5 auf (die Leser sind insgesamt sehr zufrieden!)

Nun bin ich nicht der Ansicht, dass Durchschnittsnoten oder Mehrheitsmeinungen prinzipiell geeignet sind, die Qualität eines Textes zu beschreiben, aber ein wichtiges Faktum bleibt: Ein hoher Anteil der Rezipienten hat mit seinem Abstimmungsverhalten deutlich genug zum Ausdruck gebracht, dass sie den Artikel scheiße fanden. Ein paar haben diese Meinung auch in den Kommentaren in Kurzform zum Ausdruck gemacht, in Formulierungen wie „diesen Artikel braucht kein Mensch.“ Trotzdem bin ICH derjenige, über dessen Meinung sich der Schreiber ärgert!

Was ist schlimmer daran, anstatt „Dein Text ist scheiße“ zu sagen, „Dein Text ist scheiße, WEIL…“? Ist das nicht BESSER? Es gibt dem Autor erheblich mehr Informationen: Wenn er bereit ist die Kritk anzunehmen, dann erhält er Ansatzpunkte, wie er seine Schreibe verbessern kann. Wenn er nicht bereit ist, die Kritk anzunehmen, dann hat er Gewissheit, aus welchen Gründen der Kritiker seinen Text ablehnt und kann entscheiden, dass er diese Gründe für unzutreffend hält.

Ein unbegründeter Verriss oder einfach eine schlechte Bewertung hingegen lässt Fragen offen: Was hat dem Leser nicht gefallen? Eine solche Kritik kann ein Autor zwar registrieren, aber weder annehmen noch ablehnen, da er ihre Gründe nicht kennt und sich damit nicht auseinandersetzen kann!

Und doch ziehen die meisten Möchtegernautoren offenbar aussagelose Abwertungen ausführlichen Verrissen vor, und in einem großen Magic-Forum wurde ich von den Moderatoren wiederholt verwarnt, weil ich im Gegensatz zu vielen anderen Postern nicht einfach nur sagte, DASS ich Artikel schlecht fand, sondern WARUM.

Der Grund liegt wohl darin, dass Unwissenheit bequemer ist! Aussagen wie „Diesen Artikel braucht kein Mensch“ oder „2 von 10 Punkten“ kann man ignorieren: Man kann sich einreden, dass der Kritiker keine guten Gründe hat; dass er einfach einen schlechten Geschmack besitzt, oder nicht in der Lage ist, die Qualität des Geschriebenen zu beurteilen. (Das ist auch durchaus häufig der Fall!)

Wenn jedoch jemand den eigenen Text systematisch analysiert, dessen Schwächen schonungslos offenlegt und mit dem sprichwörtlichen Finger in stilistischen Wunden bohrt, dann kann man das nicht ignorieren! Selbst wenn man es möchte, es geht nicht: Man bekommt überzeugend vor Augen geführt, dass man Mist verzapft hat.

Und das will man als Autor eben nicht lesen. Auch nicht dann, wenn es stimmt – gerade dann nicht! Lieber lebt man in dem Glauben, dass die eigene Leserschaft nicht dazu in der Lage ist, das schreiberische Talent, welches man besitzt, zu erkennen, als mit der Wahrheit konfrontiert zu werden, dass man einfach nicht gut ist.

Seinem Nachbarn nicht auf die Nase zu binden, dass man ihn dabei beobachtet hat, wie er in seiner Nase nach Rosinen gebohrt und diese dann verspeist hat, ist Takt. Ihm hingegen zu sagen, dass sein Pimmel aus der offenstehenden Hose heraushängt, bevor er das Haus verlässt und auf die Straße hinaustritt, ist nett und hilfreich.

Ist es taktlos, oder hilfreich, einem Autor, der schlechte Texte veröffentlicht, unmissverständlich zu sagen, dass sie schlecht sind?

Ignoranz macht glücklich, aber manchmal ist der Schock der Erkenntnis später nur um so schlimmer.

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