Rammstein reinigt die Seele

Posted on März 17, 2007


Auf meiner Vorstellungsseite Über den Andi steht nur das Allernötigste, um sich ein gewisses Bild von mir zu verschaffen (apropos, BILD, ja, das wäre wohl eine Idee, ich geb’s ja zu!) Sie ist eine der ersten Seiten, die ich verfasst habe – abgesehen von geringen Korrekturen stammt sie noch von meinem ersten Blog-Versuch auf MSN. Ich bin auch nicht richtig motiviert, sie weiter auszubauen – mal ehrlich, bin ich selbst denn so interessant?

Ich schreibe gerne (ach nee!), mag Storytelling, Magic: The Gathering, Volleyball, Sex, Depeche Mode und Buffy, the Vampire Slayer. Das ist wirklich wenig. Okay, ich nehme mir hiermit also vor, in näherer Zukunft zumindest ein wenig mehr zu meinen Vorlieben zu sagen!

Wie auch immer: Depeche Mode ist bereits ein Indikator dafür, dass ich musikalisch ein Kind der Achtziger bin. Damit meine ich NICHT die gequirlte Scheiße, die von Modern Talking oder Rick Astley verzapft wurde, und die leider für viele zum Synonym für die damalige Pop-Musik geworden ist. Meine Erinnerungen an die Musik der achtziger Jahre stützen sich außer auf Depeche Mode auf Prince, Peter Gabriel, Frankie Goes to Hollywood, Eurythmics, Bronski Beat, Duran Duran, The Cure, Propaganda etc… Gutes Songwriting untermalt mit poppigen Arrangements. Ich bin kein Fan von „Ein Mann, eine Gitarre und eine Botschaft“-Musik, wie ich sie zum Beispiel mit Bruce Springsteen verbinde. Ich will hören, dass sich der Künstler bei der Produktion seines Stückes Mühe gegeben hat, etwas Besonderes zu produzieren. Dabei bin ich nicht auf bestimmte Musikrichtungen festgelegt: Elektropop, Rock, Funk, Heavy, Punk, Techno, Reggae, Gothic – eigentlich gibt es in fast jedem Stil Beispiele dafür (zumindest, wenn man diese Stile hinreichend breit definiert). Selbst bei Hiphop, den ich zu 99% verabscheue, gibt es Ausnahmen: Ausgerechnet ein oder zwei Stücke von Eminem, die ich zufällig zu hören bekam, haben mich damit überrascht, dass sie einfach GUT waren. Trotzdem finden sich die meisten Stücke, die mir gefallen, in einem bestimmten Spektrum wieder. Ich bin kein Experte für Musikrichtungen, deswegen will ich es einmal so ausdrücken: Ein Club, der gelegentlich Depeche-Mode-Nächte veranstaltet, wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch an anderen Abenden Musik spielen, die mir gefällt.

Dass mein Musikgeschmack seine Wurzeln in den Achtzigern hat, ist zu erwarten, denn schließlich ist das die Zeit meiner Jugend. Nun könnte man allerdings mit einer gewissen Berechtigung behaupten, er sei da auch stehengeblieben! Jedenfalls bin ich einfach nicht Up-to-Date, was moderne Musik angeht. Musikrichtungen, die meine Ohren als „neu“ empfinden, habe ich seit dem Anfang der Neunziger nur eine ausgemacht, und das ist ausgerechnet Hiphop. Wenn ich heute über etwas stolpere, das mir gefällt, wie zum Beispiel Nightwish oder Pink (schon gut, wahrscheinlich bin ich auch damit nicht wirklich aktuell), dann sind das alles Stücke, die gut und gerne auch vor 15 Jahren bereits hätten aufgenommen werden können. Sie fügen sich nahtlos in meine bestehenden musikalischen Vorlieben ein.

Ein Grund dafür ist gewiss auch, dass ich Anfang der Neunziger aufgehört habe, Radio zu hören. Schuld war die für meine Ohren schlicht unerträgliche Kommerzialisierung. Alle 5 Minuten ein nervtötendes Jingle, alle 15 Minuten aufdringliche Werbung (ich VERABSCHEUE unerwünschte Werbung – wenn ich ins Kino gehe, ist sie Teil eines vorgegebenen Ablaufes und trägt zu meiner Unterhaltung bei, aber ich hasse es, wenn sie sich einfach dazwischendrängt!) Heute gibt es gewiss auch wieder angenehmere Sender, im Internetradio zum Beispiel, aber es ist zu spät: Ich habe es mir abgewöhnt und sehe nicht mehr die Notwendigkeit mir Musik anzuhören, die ich mir nicht selbst zusammengestellt habe.

Wie stark ich mich auf diese Weise von der Musikszene abgekapselt habe, überrascht mich selbst: Natürlich wird man trotzdem noch überall mit Radioprogrammen berieselt – im Kaufhaus, unfreiwillig in der U-Bahn etc… – aber da höre ich nicht HIN, sondern WEG, und das ist ein gewaltiger Unterschied! Deswegen ist es leicht möglich, mich mit Stücken zu „überraschen“, die bereits jahrelang im Radio rauf- und runtergelaufen sind.

Ende der Neunziger, auf einer langen Autofahrt (ich hatte mit Teamkollegen ein Magic-Turnier in einer anderen Stadt besucht) hörte ich zum ersten Mal Rammstein. Unglaublich, aber wahr! Und ich war begeistert.

Zu deutscher Popmusik habe ich ein ambivalentes Verhältnis. (Jetzt, wo ich diesen Satz geschrieben habe, weiß ich auch nicht mehr so 100%ig, was er aussagen sollte… Zweiter Versuch: Zu deutscher Popmusik habe ich ein gespanntes Verhältnis. Jepp, das bedeutet in diesem Zusammenhang tatsächlich das Gleiche!) Der Umstand, dass die Texte in meiner Muttersprache sind, beeinflusst mein Hörerlebnis fundamental: Bei englischsprachiger Popmusik nehme ich die Gesangsstimme als vollständig in das Gesamtarrangement integriert wahr. Sie ist ein Teil des Stücks. Der Text, selbst wenn ich ihn mühelos verstehe (mein Englischverständnis ist gut genug, dass das eigentlich immer der Fall ist, wenn einigermaßen deutlich gesungen wird), tritt nicht in den Vordergrund. Ich kann englische Lieder mitsingen, ohne dass sich mein Gehirn wirklich mit der Bedeutung ihrer Worte beschäftigt.

Bei deutschen Stücken sticht der Gesang heraus, so sehr, dass ich ihn in erster Linie wahrnehme und den Rest der Musik nur als Begleitung. Dadurch erscheint die Musik mir selten „rund“ und die Komposition oft unzusammenhängend. Ich denke, in den meisten Fällen ist das nicht die Schuld der Songwriter; es ist einfach meine Eigenart HINZUHÖREN. Ich lausche den Worten des Sängers.

Das allerdings ist ein Problem, denn natürlich ist der größte Teil aller Texte platt, dumm und langweilig! Bei vielen meiner englischsprachigen Favoriten ist das keineswegs anders. Gerade Texte von Prince, den ich musikalisch äußerst schätze, sind in der Regel geradezu unerträglich flach – aber das macht nichts, weil ich da eben nicht wirklich HINHÖRE. Bei deutscher Musik kann ich jedoch nicht anders.

Deswegen hat deutsche Musik bei mir nur eine Chance, wenn die Texte gut sind. Und das ist leider nur selten der Fall! Ein paar Beispiele kann ich da anführen: Die Ärzte (klar!), Rio Reiser, einige Sachen von den Fantastischen Vier oder von Herbert Grönemeyer (der allerdings mit „Kinder an die Macht“ einen absoluten intellektuellen Tiefpunkt gesetzt hat, der ihn mir auf Jahre hinaus verleidete, bis er sich mit einigen ausgezeichneten Stücken wieder rehabilitierte). Ein Paradegegenbeispiel sind die Toten Hosen, denen es tatsächlich gelegentlich gelingt, gleichzeitig Langeweile und Übelkeit bei mir hervorzurufen – auch eine Kunst!

Und dann sind da Rammstein. Sie begründen zunächst einmal eine Ausnahme zu dem, was ich ein paar Absätze zuvor gesagt habe: Ich kann sie keiner Musikrichtung zuordnen, die ich bis Anfang der Neunziger jemals zuvor im Radio gehört hatte. Sie sind vielleicht nicht völlig einzigartig, aber auf jeden Fall etwas Besonderes.

Und sie sind GUT. Nicht deswegen, weil die einzelnen Elemente ihrer Werke besonders herausstächen: Herausragend komponiert sind ihre Stücke eher selten, singen können sie nicht, und ihre Texte sollte man besser auch nicht als Lyrik veröffentlichen (insbesondere, da sie oft einfach KEINEN SINN ergeben, sondern lediglich Assoziationen aneinanderreihen, die in Bruchstücken immer wieder Interpretierbarkeit vorgaukeln, sich aber jedem schlüssigen Gesamtzusammenhang verweigern). Selbst ihre musikalischen Arrangements sind keineswegs großartig. Nein, es ist das Zusammenspiel des Ganzen, das „Gesamktkunstwerk“ Rammstein, welches mich überzeugt. Hier ist alles „rund“: Der Text passt perfekt zur Musik; das eine ist ohne das andere nicht vorstellbar. Auf ihre ganz eigene Art und Weise machen sie… ja, was denn eigentlich?

Sie brechen Tabus. Mit ihren Texten, mit ihrer Intonation, mit ihrem gesamten Auftreten. Sie „singen“ über diejenigen Dinge, welche die Gesellschaft so gerne verschweigt, und die doch im menschlichen Dasein allgegenwärtig sind: Mord, Gewalt, Perversion, Wahnsinn. Sie loten die Abgründe der menschlichen Seele aus. Ihre Musik wird oft als „krank“ bezeichnet, aber sie ist nicht kränker als das, wovon sie erzählt: Die menschliche Psyche. Die Gefühle und Gedanken, die sie vermitteln, existieren in uns allen. Wenn sie sich in der Realität Bahn brechen – was leider nur allzu häufig geschieht – dann reagieren wir mit Entsetzen und Fassungslosigkeit. Jedes mal wieder tun wir so, ja, vielleicht glauben wir es sogar selbst, weil wir es uns immer wieder erfolgreich einreden, als wäre etwas Unvorstellbares, etwas Unerklärliches passiert, etwas Einzigartiges und Unnatürliches, obwohl wir es eigentlich besser wissen müssten: Die Welt ist krank, die Gesellschaft ist krank, denn wir Menschen sind krank.

Rammstein schämen sich nicht für ihre Musik. Sie erzählen nicht nüchtern oder subtil. Sie überdrehen im Gegenteil, steigern ihr Pathos bis an die Grenze des Möglichen, versinken bis über die Köpfe im seelischen Eiter der Menschheit. Sie demonstrieren die Faszination des Perversen. Es ist gewiss kein Zufall, dass sie sich dabei oft einer Ästhetik bedienen, welche wir mit dem Nationalsozialismus assoziieren: Auch das Dritte Reich besaß diese Ausstrahlung, die Verlockung des Bösen, die Großartigkeit des sogenannten Unmenschlichen. Die Gruppe deswegen in die rechte Szene einzuordnen, ist ebenso großer Unsinn, als wenn man ihnen unterstellen würde, sie propagierten mit ihren Liedern Inzest und Kannibalismus: Sie zeigen unsere Anfälligkeit für das Diabolische auf. Die NS-Ideologie ist im Großen nichts anderes als der individuelle Wahnsin im Kleinen. Auch hier gilt: Wir sollten aufhören uns einzureden, Hitler sei eine singuläre Anomalie der Weltgeschichte gewesen! Wir erheben diese Zeit zu einer Legende und verschließen die Augen vor ihrer Allgegenwärtigkeit. Adolf Hitler ist tot, doch Hunderte anders benannte Hitlers leben.

Wenn ich Rammstein höre, tauche ich in die Abgründe meiner Seele ein, in ihre mörderischen, schänderischen, perversen, selbstzerstörerischen, irren Untiefen. Ich werde eins mit denjenigen Teilen meiner selbst, die ich nicht sein darf, die ich nicht sein WILL; die aber untrennbar zu mir gehören, weil ich ein Mensch bin. Ich besuche die Bestie im Kerker meines Gewissens und blicke ihr in die Augen.

Und dann, wenn die Musik endet, steige ich wieder auf in die lichten Sphären der Vernunft. Ich denke, das Fachwort dafür lautet „Katharsis“: Ich besorge mir keine Waffe und laufe in einem Altenheim Amok (hey, Schüler können viel zu leicht weglaufen!), ich suche mir keinen betrunkenen Obdachlosen und schlage ihn zusammen, ich fange keine kleinen Mädchen auf dem Schulhof ab und vergewaltige sie. All die Dinge, von denen Rammstein singen, und die in unserer Welt täglich passieren, tue ich nicht. Ich vermute auch nicht, dass ich sie täte, wenn es die Gruppe Rammstein nicht gäbe: Ich ziehe es vor zu glauben, dass ich meine psychopathischen und soziopathischen Triebe (die bei mir, das will ich hier sicherheitshalber klarstellen, mit Sicherheit nicht stärker ausgeprägt sind als bei den meisten anderen Menschen!) in jedem Fall kontrollieren könnte. Nichtsdestotrotz empfinde ich es als sehr angenehm, emotionale Spannungen durch das Hören von Musik abbauen zu können, und nichts ist dafür besser geeignet als jener psychedelische Teutonenrock: Rammstein reinigt die Seele.

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