Pans Labyrinth

Posted on Mai 9, 2007


Da war ich doch neulich im Kino und habe einen ganz hervorragenden Film gesehen. Sollte ich nicht vielleicht ein paar Zeilen darüber schreiben? Ich denke, ich sollte!

Pans Labyrinth ist eine spanisch-mexikanische Produktion, die zur Zeit des spanischen Bürgerkriegs, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, spielt. Schauplatz ist ein kleiner Ort im Gebirge. Hier kommandiert der selbstgerechte Captain Vidal einen Trupp von Francos Soldaten, dessen Aufgabe es ist, die letzten republikanischen Widerständler, welche sich in den Bergen verstecken, aufzuspüren. Die Handlung beginnt mit der Anreise seiner hochschwangeren Frau Carmen und deren 11 Jahre alten Tochter Ofelia aus ihrer vorigen Ehe, die Protagonistin. Vorher jedoch erzählt uns der Film kurz die Geschichte einer Prinzessin aus dem Märchenreich unter der Erde, welche auf der Suche nach dem Sonnenlicht in die Welt der Menschen kam, dort ihre Erinnerungen verlor und starb, deren Seele jedoch eines Tages in einem anderen menschlichen Körper wiedergeboren werden und den Weg zurück in das Reich ihres Vaters, der sie hoffnungsvoll erwartet, finden würde.

Von Anfang an besteht also für den Zuschauer kein Zweifel daran, dass Ofelia die wiedergeborene Märchenprinzessin ist, und diese Vermutung wird auch sofort mit dem Hinweis auf ihre verträumte Natur und ihre Vorliebe für Märchenbücher unterstrichen. Ich vermute übrigens, dass eine echte Märchenprinzessin, die im Märchenreich Geschichten von der Menschenwelt zu hören bekäme, sich für Fastfood, Realityshows und Flatrateparties interessierte, die sie ebenso romantisierte wie wir die pseudomittelalterliche Märchenwelt, aber das gehört nicht hierher – oder vielleicht doch?

Ofelia wird dem Zuschauer nicht als voll entwickelter Charakter präsentiert, was meiner Ansicht nach keineswegs am Unvermögen ihrer Darstellerin Ivana Baquero liegt, sondern Absicht ist: Alle anderen (menschlichen) Figuren werden, klar, deutlich und überzeugend, teilweise mit einer schmerzhaft realistischen Härte gezeigt. Der Film scheint zunächst zwei völlig unterschiedliche Geschichten zu erzählen: Von der Brutalität und Unmenschlichkeit des Bürgerkriegs, sowie von den magischen Prüfungen, denen sich die Prinzessin unterziehen muss, um ihre wahre Herkunft zu bestätigen. Zunächst werden diese beiden Handlungsstränge nur wie zufällig durch die Übereinstimmung von Ort und Zeit lose verwoben, doch dann durchdringen sie einander stärker, ohne jemals zu einem harmonischen Ganzen zu finden. Ofelia ist in der unwirklichen Welt der Märchen zu Hause, aber in der Realität besitzt sie keinen Platz. Sie ist kein realer Mensch, sie ist das Selbstbildnis, das so viele Mädchen (und, in etwas abgewandelter Form, auch Jungen) von sich haben: In Wahrheit sind sie eine Prinzessin, sie gehören nicht in diese Welt der Mühen; Leiden und Sachzwänge. Deswegen ist die Rolle der Ofelia auf einen Archetypen reduziert, letztlich dieselbe Figur wie Harry Potter, ihr männlicher Widerpart, und Hunderte andere (Prinzessin Alisea, Bastian aus der Unendlichen Geschichte…): Aschenputtel (Cinderella für die Disney-Generation)! Sie steht für unseren Wunsch, der grausamen, lieblosen Welt, in der wir leben, zu entkommen, weil wir doch in Wirklichkeit etwas Besseres seien. Im Gegensatz jedoch zu der kindlichen Geschichte von Cinderella (oder der infantilen von Harry Potter) kontrastiert Pans Labyrinth diesen Wunsch unbarmherzig deutlich mit der Realität. Wenn die Botschaft jener anderen Geschichten lautet: Märchen sind wahr! lautet seine Botschaft: Märchen haben keinen Platz in dieser Welt – und kleine Mädchen, die sich in eine Märchenwelt träumen, auch nicht.

Damit will ich nicht behaupten, dass der Film kein gutes Ende nähme! Falls Ihr ihn noch nicht kennt, will ich da nichts vorwegnehmen, dann könnt Ihr selbst einschätzen, ob es ein eher glückliches oder trauriges Ende ist, und wie es zu interpretieren ist. Sein entscheidendes Merkmal ist aber, dass er Märchen und Realität einander gegenüberstellt – nicht als zwei Seiten einer Medaille, die ohne die jeweils andere nicht existieren könnten, wie es in den letzten Jahrzehnten die übliche Aussage phantastischer Filme war, sondern als zwei Welten, die einander ausschließen, und von denen die eine unzweifelhaft realer ist als die andere, welche sich nur bewahren kann, indem sie vor dieser Realität flieht. Der Weg, welchen Ofelia am Ende geht, er ist der einzige, welcher aus unserer Welt hinausführt. Pans Labyrinth entlarvt den Mythos der Märchenprinzessin als ebendies, als einen Mythos, einen schönen Gedanken, dem wir alle gerne nachhängen, dessen wir uns aber letztendlich nicht als würdig erweisen können. Ofelia kann die Prüfungen nur bestehen, weil sie eben nicht real ist, sondern lediglich die Projektion einer Wunschvorstellung.

Pans Labyrinth ist wunderschön, trotz oder gerade wegen seiner teilweise brutalen Szenen, welche den notwendigen Kontrast schaffen, um den Eskapismus der Märchenhandlung intensiv miterleben zu können. Seine realistische Kulisse atmet Authentizität, wird den Anforderungen gerecht, nicht nur Verankerung für eine phantastische Handlung zu sein, wie in diesem Genre üblich, sondern allgegenwärtig und unmittelbar. Hier ist das Märchen die Randerscheinung, der es nicht gelingt, die wahre Welt zu durchdringen, welche hässlicher, aber unzweifelhaft lebendiger, echter, eben real ist. Die wichtige Geschichte ist die des spanischen Bürgerkriegs, die Ereignisse um Ofelia sind unbedeutend für jeden außer ihr. Prinzessin kann sie nur in ihrer eigenen Welt oder Gedankenwelt sein. Auch das unterscheidet sie von Cinderella oder Harry Potter: Sie steigt nicht in unserer Welt zu Bedeutsamkeit auf, sie flieht stattdessen aus ihr und wird vergessen. Der Film entlarvt den Wunsch nach dem Phantastischen als Eskapismus, bekennt sich aber gleichzeitig dazu.

Übrigens ist die Filmmusik toll und die Hauptdarstellerin superniedlich – beides ist nicht ausschlaggebend für die Qualität des Films, bietet aber zusätzliche Beweggründe, ihn sich anzusehen!

Schwächen: Die Rebellen kommen bei der Darstellung zu positiv weg. Während die arroganten, sadistischen Soldaten Francos und die korrupte Oberschicht nur leicht überzeichnet – eigentlich lediglich den Bedürfnissen eines Films angepasst pointiert – dargestellt werden, liegt etwas zu viel Sympathie des Regisseurs bei den Guerilla und der einfachen Bevölkerung. Vielleicht gibt es in Spanien ein Bedürfnis, Gegner Francos sympathisch darzustellen, welches mit unserem Zwang, den Widerstand gegen Hitler zu idealisieren, vergleichbar ist. Das ist schade, aber kein allzu schlimmer Mangel: Da die einzelnen Figuren durchweg glaubhaft angelegt sind, stößt er während des Zuschauens nicht unangenehm auf. Erst im Nachhinein wird einem richtig bewusst, wie einseitig doch positive und negative Charaktere hier verteilt wurden. Ein Francogetreuer, dessen ehrliche Bemühungen um eine bessere Gesellschaft zu erkennen sind, und etwas mehr Fanatismus und blinder Haß bei den Guerilla hätten die Handlung noch authentischer gemacht und die Sinn- und Ausweglosigkeit des Krieges stärker betont. Andererseits habe ich gerade gelesen, dass der Regissuer seinen Film als verschlüsselte Darstellung des Faschismus versteht. Ich kann dem nicht zustimmen: Hier ist nichts verschlüsselt; die Darstellung ist authentisch und nüchtern. Wäre dies das grundlegende Anliegen des Films gewesen, wäre er eine detailgetreue, aber letztlich uninteressante Schilderung von Gräueltaten. Tatsächlich funktioniert Pans Labyrinth jedoch auf einer ganz anderen Ebene und trifft viel allgemeingültigere und komplexere Aussagen als „Seht her, so schlimm ist Faschismus“. Vielleicht hielt es der Regisseur aber aus medialen Gründen für angebracht, auf die „ernsthaften“ Aspekte seines Werkes hinzuweisen, nachdem seine letzten beiden Produktionen, „Blade 2“ und „Hellboy“ nicht wirklich in den Verdacht geraten konnten, Tiefgründigkeit zu besitzen…

Ansonsten stört es mich als Liebhaber phantastischer Geschichten eminent, dass Ofelia „einem“ Pan begegnet! Hier wurde das Wort „fauno“ nicht als „Faun“ übersetzt. Auf der Website des Films findet sich der Hinweis, dass „Faun“ der römische Name des griechischen Gottes „Pan“ ist – und vermutlich dachten sich die Übersetzer, dass dieser Name in Deutschland geläufiger sei, ließen dabei aber außer Acht, dass „Faune“ als phantastische Geschöpfe bereits eine literarische Tradition besitzen, Pans… Pane… Panini… naja, (Pan im Plural) hingegen nicht!

Damit sind, denke ich, meine kritischen Anmerkungen aber auch bereits erschöpft: Ich möchte Pans Labyrinth jedem wärmstens empfehlen, der wie ich der Ansicht ist, dass „phantastisch“ nicht zwingend „niveaulos“ bedeutet!

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