Rant

Posted on Juni 4, 2007


Manchmal ist alles einfach nur zum Mäuse melken, oder besser mit Kettensägen zerschnetzeln. Wenn man zum Beispiel WIEDER EINMAL Stunden damit verbracht hat, seinen Computer hoch- und runterzufahren, um seine Internetverbindung so einzurichten, dass sie nicht wieder futsch ist, wenn man den Rechner ausschaltet. Und besonders, wenn man Nachrichten liest, oder Artikel auf anderen Seiten. Oder fernsieht.

Vielleicht geht es einfach nur darum, dass irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem einem die ganze Scheiße zum Hals heraushängt (das ist eine zugegebenermaßen eklige Metapher, die kein Hinweis darauf sein soll, dass ich an schwerwiegender Verstopfung litte oder bestimmte, besonders ausgefallene sexuelle Präferenzen besäße). Dann war da gar kein bestimmter Auslöser schuld, sondern irgendwann hat die schlechte Laune eben ihre kritische Masse erreicht. Und wenn man nicht gewalttätig veranlagt ist, schreibt man dann halt einen sogenannten „Rant“, einen Artikel, in dem man mehr oder weniger unzusammenhängend herummeckert.

Es ist aber auch wirklich alles zu blöd, und erstaunlicherweise regen mich Kleinigkeiten dabei am meisten auf! Forum-Admins, die ihren deutschen Forumsnamen durch einen (orthographisch nicht korrekten) englischen ersetzen, obwohl sie gar kein Englisch lesen können. Blogger, die sich in Leserbeleidigung üben, während sie der Welt klarzumachen versuchen, wie unglaublich intellektuell sie doch seien, obwohl ihre Einträge beweisen, dass sie über weniger sprachliche Kompetenz verfügen, als die Instanzen, die sie deswegen kritisieren.

Und wie ist es damit: Da lese ich von einem Gerichtsprozess gegen Aktionskünstler, die vor Publikum zwei Kaninchen geschlachtet haben. Die armen Viecher – und das meine ich auch so! Es tut mir immer Leid, wenn Tiere getötet werden, und ganz besonders kleine, bepelzte Tiere, die einen aus ihren kleinen Äuglein so furchtbar hilflos anschauen können. Ich würde niemals auf die Idee kommen, ihnen etwas Schlimmes anzutun.

Aber ich esse Fleisch, sogar sehr gerne. Ich habe nur ein paar Mal Kaninchenfleisch gegessen, doch letztlich ist das egal: Kleine Lämmer oder Ferkel, oder auch Hühner und Enten tun mir nicht weniger Leid. Ich esse sie trotzdem, wenn jemand anders sie geschlachtet hat.

Und nun werden diese Künstler in erster Instanz verurteilt, weil sie diese beiden Tiere nicht geschlachtet haben, um sie zu essen, sondern „nur“ um eine künstlerische Aussage zu treffen. Das ist offensichtlich ein viel schlechterer Grund, als die massenweise Produktion von Überschüssen in der Landwirtschaft, die dazu führt, dass Berge von toten Tieren vernichtet werden.

Wie ist das also: Wenn ich in einem exklusiven Restaurant zusehen darf, wie ein bestimmtes Tier extra für mich frisch geschlachtet und zubereitet wird, dann ist das strafrechtlich gewiss kein Problem. Wenn ich mich dann umentscheide, weil ich doch keinen Appetit mehr habe, mit Sicherheit immer noch nicht. Wenn ich dem Koch aber Geld zahle, weil ich einfach nur zusehen will, wie er das Tier tötet, dann ist das strafbar?

Ich finde es gut, dass wir unterdessen Gesetze haben, welche die sinnlose Tötung von Tieren unter Strafe stellen. Ich finde es unsagbar albern, diese Gesetze auf einen solchen Fall anzuwenden, bei dem die Künstler die Brutalität des Schlachtens von Tieren demonstrieren und somit letztlich kritisieren.

Und dann war da ja noch der G8-Gipfel, bei dem wie üblich einige Leute der Ansicht waren, Polizisten mit Pflastersteinen zu bewerfen sei eine Form des politischen Protests. Natürlich liest man dann davon, dass die Polizei stärker hätte deeskalieren sollen, und durch ihre offensichtliche Präsenz die Demonstranten provoziert habe…

Ich habe gelegentlich mit Polizisten zu tun gehabt. Leider hat sich bei mir dabei der Eindruck durchaus festgesetzt, dass nicht wenige von ihnen tatsächlich dümmer sind, als sie es sich selbst erlauben sollten. Und ich glaube unbesehen, dass es immer wieder zu unentschuldbaren Übergriffen von Polizisten gegen unschuldige Bürger kommt, was klar von entschuldbarem, oder zumindest erklärlichem Fehlverhalten in Stresssituationen, das es sicherlich noch häufiger gibt, abzugrenzen ist. Ich bin weiterhin sicher, dass viele politische Entscheidungsträger sowie Einsatzleiter vor Ort bei Demonstrationen falsche, dumme und möglicherweise für alle Beteiligten gefährliche Entscheidungen getroffen haben.

Ich sehe nichtsdestotrotz genau nullkommanull Prozent Rechtfertigung dafür, Polizisten mit Steinen zu bewerfen! Sogenannte „gewaltbereite Autonome“ besitzen um keinen Deut eine andere Motivation als Krawallmacher in Fussballstadien, oder Jugendliche, die Obdachlose jagen und totprügeln.

Was haben eigentlich all diese Leute, über die ich mich hier aufrege – Forumadministratoren, Blogger, Tierschützer und Demonstranten – gemeinsam? Wieso kommt mir in solchen Fällen, bei teilweise absoluten Nichtigkeiten, stärker die Galle hoch, als wenn ich einen Bericht über die neueste Aussitztaktik von George Bush zum Klimawandel lese, oder einen Artikel über Folterungen von Kindern und Frauen in irgendeinem afrikanischen Land?

Weil ich mich VERRATEN fühle. Weil das alles Personen sind, mit denen ich Gemeinsamkeiten zu haben glaubte: Solche, die ein ursprünglich sehr nettes und liebevoll ausgestaltetes Forum geführt haben, in dem ich mich wohl fühlte. Die an einem kreativen, intelligenten und kritischen Blog mitgearbeitet haben. Die für Ziele kämpfen, mit denen ich mich identifiziere, wie den Tierschutz, oder für Positionen demonstrieren, die ich unterstütze, wie die Globalisierungsgegner.

Ich wollte mich mit diesen Leuten identifizieren, aber dann werde ich daran erinnert, dass Übereinstimmungen in gewissen Ansichten lediglich Zufall sind. Niemand, wirklich niemand ist wirklich meiner Meinung.

Ich kann die Verlockung nachempfinden: Mich einfach in eine Menschenmenge zu begeben und zu brüllen, was die anderen brüllen. Mir in jedem Konflikt eine hinreichend einflussreiche Interessengruppe zu suchen und mir deren Standpunkte zu eigen zu machen, ohne über die Schlüssigkeit weiter nachzudenken. Aussagen von Leuten, die ich nicht leiden kann, unbesehen in Grund und Boden zu verdammen, während ich denjenigen Menschen, die mir sympathisch sind, zu Munde rede.

Eben meine Meinung davon abhängig zu machen, wer sie noch vertritt, und nicht umgekehrt zu versuchen, Menschen zu finden, die meine Ansichten teilen. Es wäre so viel einfacher.

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