Hase, Wolf, Puma, Rind… und Zahngold

Posted on Juli 15, 2007


Magic-Karten zu sortieren ist eine langandauernde und unglaublich öde Beschäftigung.

Deswegen habe ich heute Mittag dazu den Fernseher angemacht. Ich schaltete rasch durch die Öffentlich-Rechtlichen durch, die bereits nach wenigen Sekunden langweiliger zu werden drohten als die Tätigkeit, von der sie mich ablenken sollten, übersprang ein paar Werbespots und landete plötzlich bei Diana.

Welche Diana? Nicht die tote Prinzessin – ich spreche von Diana Herold! Wenn Euch das nichts sagt: Ich musste den Namen auch googlen. Ihr kennt sie aber wahrscheinlich: Erinnert Ihr Euch an die Bullyparade? An diese scharfe Blondine, die immer nur im Hintergrund herumtanzte und (fast) nie ein Wort sagen durfte? Ja, das war Diana! Ihre Rolle in der Bullyparade war natürlich die einer Selbstpersiflage – sie sollte eine Frau darstellen, die einfach NUR sexy ist und sonst gar nichts, und das gestaltete sie mit so viel Verve, Selbstironie und Überzeugungskraft, dass ich oft tatsächlich nur auf sie schaute, während ich Bully immerhin noch zuhörte. Diese Frau ist SEXY.

Wie auch immer, ich habe die Bullyparade seit Jahren nicht mehr gesehen und auch nicht weiter an Diana (deren Name ich nicht kannte) gedacht. Heute aber lächelte mir plötzlich eine blonde Frau entgegen, die mich mit enthusiastischen Körperbewegungen, einem gewinnenden Lächeln und eindringlicher, aber sehr angenehmer und natürlicher Stimme aufforderte… mich aufforderte… wozu aufforderte? Nun, da blickte ich zunächst einmal nicht durch! Im Hintergrund – fast schon im Vordergrund – lief billige, hektische, aufdringliche Musik und neben ihr im Bild war irgendeine Telefonnummer eingeblendet, sowie einige kurze Wörter und Geldbeträge.

Ich unterbrach mein Kanäle Durchklicken und fragte mich, ob das nicht die umwerfende Blondine aus der Bullyparade war. Währenddessen ließ ich mich von ihrer gleichzeitig gekünstelt überdrehten und doch natürlich überzeugenden Körpersprache gefangen nehmen – ich weiß ja nicht, wie diese Frau das macht, aber sie lässt zwar keinen Zweifel daran, dass sie ihre Rolle mit falscher Theatralik inszeniert, tut das aber gleichzeitig mit offensichtlicher echter Begeisterung!

Dann setzte die hektische Musik plötzlich aus, und in die relative Stille hinein forderte sie mich eindringlichst auf, sie doch endlich anzurufen – sie wartete nur auf meinen Anruf, ich könne EINTAUSENDDREIHUNDERT EURO gewinnen, und sie hätte doch bald Feierabend und wolle nach Hause!

Jetzt war ich neugierig geworden, wovon sie eigentlich sprach und richtete meinen Blick auf die andere Bildschirmhälfte. Dort las ich:

HASE 50€
WOLF 100€
PUMA 150€
RIND 200€

und darunter ein freies Feld, neben dem 1300€ blinkte. Aha, also ein Quiz! Was wollte Diana (nein, noch wusste ich ihren Namen nicht) von mir? Ich sollte anrufen und ein Tier mit vier Buchstaben sagen! Nun, das erschien mir ein wenig einfach. Dann aber klärte sie mich auf (während sie mit einigen störenden 500€-Geldscheinen vor ihrem hübschen Gesicht herumwedelte), dass dieses Tier keinen Buchstaben der anderen Tierbezeichnungen in der selben Spalte wiederholen durfte. So schied zum Beispiel HUND aus, weil HASE bereits ein „H“ an erster Stelle hatte.

Ich dachte angestrengt 5 Sekunden lang nach – vier Sekunden davon darüber, ob das nicht wirklich die heiße Blondine aus der Bullyparade war – und fand FLOH. War doch gar nicht so schwierig. Und dafür sollte es 1300€ geben? Da musste doch ein Hasen-, äh Pferdefuß dran sein!

Ich schielte auf die eingeblendete Telefonnummer. Wie teuer genau war es, dort anzurufen? 50 Cent pro Anruf? Das klang eigentlich wie ein kalkulierbares Risiko. In diesem Moment begann eine Sirene zu ertönen und Diana überschlug sich damit, mich zum Anrufen aufzufordern, weil sie doch unbedingt den Gewinn noch loswerden wollte, bevor die Sendung zu Ende war (was jetzt jeden Moment der Fall sein würde). Sie warnte mich auch noch einmal eindringlichst davor, eine falsche Antwort zu geben (also eine, bei der sich ein Buchstabe bereits in der entsprechenden Spalte befand), und ich dachte mir, was soll’s, 50 Cent Einsatz kann ich mir gerade noch leisten. Ich begriff allerdings immer noch nicht, wo der Haken an der Sache war – ich war doch bestimmt nicht der einzige, der dieses Quiz lösen konnte?

Nun, ich rief also an. Zu meiner nicht wirklichen Überraschung ging nicht etwa Diana ans Telefon, sondern eine automatische Stimme, die mir mitteilte, dass ich leider Pech gehabt hätte und mich in Leitung 39 befände.

Häää???

Diana beklagte sich hingebungsvoll darüber, dass niemand sie anrief, und ich legte sicherheitshalber erst einmal wieder auf, falls diese Verbindung doch teurer sein sollte, als ich dachte und begann nachzudenken. Die Sirenen hörten wieder auf, und in die plötzliche relative Stille hinein bat, nein flehte Diana mich an, doch endlich anzurufen, weil doch die Sendezeit gleich zu Ende sei, und sie nach Hause wollte – aber nicht, ohne die 1300 Euro, die sie sich unterdessen in den Gürtel gesteckt hatte, losgeworden zu sein!

So langsam begriff ich: Hektische Musik, Sirenen und ominöse Stille wechselten sich ab, um möglichst lange den Eindruck aufrechtzuerhalten, dass JETZT GERADE die letzte Chance war anzurufen und den Gewinn einzustreichen. Wieso aber ging niemand ans Telefon – war das nicht eine allzu billige und offensichtliche Betrugsmethode?

Da fiel mir das kleine Textband auf, das oben durchs Bild lief, und in dem noch einmal die Spielregeln erzählt wurden. Die Sache mit den Tiernamen und den Buchstaben pro Spalte hatte Diana mir in der Zwischenzeit schon vier Mal erklärt, aber da stand ja noch etwas: Es gab offenbar nur eine bestimmte Anzahl von Leitungen, die ins Studio führten! Die 38 zum Beispiel war dabei. Die 39 nicht.

Ach so war das! Man musste also nicht nur eine richtige Lösung parat haben, sondern auch noch das Glück, in der richtigen Leitung zu landen! Komisch, dass Diana das nicht erwähnte… Sie sprach in den nächsten zehn Minuten noch mindestens zwanzig Mal die Schwierigkeit, einen geeigneten Tiernamen zu finden an (und schimpfte sogar ein bisschen auf die Macher des Rätsels, weil es ja diesmal besonders schwer sei!), jammerte, dass sie doch eigentlich gleich Schluss hätte und doch ihr Geld noch loswerden wollte und bat mich dermaßen eindringlich und sympathisch, sie doch endlich von ihrer Qual zu erlösen und anzurufen, dass ich sie hätte knuddeln mögen (aber nicht anrufen, mein Gehirn funktioniert auch in Gegenwart weiblicher Reize noch so halbwegs) – aber sie erwähnte nicht mit einem einzigen Wort, dass nicht alle – in der Tat wohl nur die wenigsten – Anrufe überhaupt zu ihr durchdrangen!

Ich war fasziniert. Da stand (hüpfte, tanzte) diese Frau und balbierte ihre Zuschauer nach Strich und Faden über den Löffel (gemischte Metaphern geben Abzüge in der B-Note, ich weiß). Sie klagte darüber, dass niemand sie anrief, während gleichzeitig vermutlich Hunderte Zuschauer genau das taten und nicht durchgestellt wurden. Und ich konnte ihr nicht einmal böse sein, weil sie das Ganze so verdammt NIEDLICH und SEXY tat! Gott, was sind wir Männer doch leicht manipulierbar…

Jedenfalls zog sie diese Farce bestimmt eine halbe Stunde lang durch, während in dieser Zeit ZUFÄLLIG niemand eine der freien Leitungen erwischte. Musik – Sirenen – Stille – Musik – Sirenen – Stille. Dazwischen immer wieder ein „Jetzt sollte aber langsam wirklich mal was passieren!“ und „Also gleich ist hier wirklich Schluss!“ oder so von Diana. Immer und immer wieder. Das Erstaunlichste daran war, dass es mir nicht einmal langweilig wurde! (Na gut, im direkten Vergleich sortierte ich auch Karten.)

Iregndwann begann sie, GANZ LANGSAM (GANS ging nicht, wegen HASE und RIND) einen Countdown von 15 herunter zu zählen – jetzt meinte sie es aber wirklich ernst, oder?

15 (viel verzweifeltes Flehen und Herumgehample) – 14 (mehr davon) – 13 (noch mehr davon) – … – 1…

Und dann, genau bei eins, klingelte doch tatsächlich das Studiotelefon! Was für ein Timing – wie bei James Bond! Und was für ein UNGLAUBLICHER Zufall! Eine Hanna oder so war am Apparat und sagte: IGEL.

Stimmt ja, das ging ja auch. FLOH wäre übrigens auch noch weiterhin gegangen (unter 1300€ befanden sich noch höhere Geldbeträge), aber die Sendung war ja leider vorbei.

Ist das nicht erstaunlich? Man beachte die Progression der Gewinnbeträge: 50-100-150-200-1300! Was für ein Sprung! Und ausgerechnet hier schafft es leider kein Anrufer ins Studio zu gelangen, bis hin zur allerletzten Sekunde, obgleich es bestimmt Tausende Mal versucht wurde. Ob diese „Hanna“ (oder wie auch immer sie hieß) nicht vielleicht zum Sender gehörte? Ach nein – das wäre ja Betrug…

Nun, ich hatte zwei wichtige Dinge gelernt. Einmal, wie telefonische Gewinnquizspiele im Fernsehen ablaufen. Und zum anderen, dass der süße Zappelphilipp mit der angenehm natürlichen Begeisterung in der Stimme Diana Herold heißt (eingeblendet wurde nur „Diana“, aber für alles Weitere gibt es Google). Da konnte ich Kabel Eins jetzt ja beruhigt ausschalten.

Wusste ich jetzt also über Kommerz am Bildschirm Bescheid? Nein, da gab es noch mehr Überraschungen… Vorhin habe ich beim Abendessen kurz in Comedy Central hineingezappt. In der Werbepause lief ein Spot für www.zahngold-direkt.de.

Zieht es Euch rein.

Ja, Ihr habt es richtig verstanden! Ihr schickt denen Euer Zahngold (oder wo auch immer Ihr Euer Gold herhabt – sie stellen Euch ja keine Fragen dazu) in einem versiegelten Umschlag. (Ich habe übrigens nichts davon gelesen, dass dieser Umschlag versichert ist, oder dass Ihr eine Möglichkeit habt zu dokumentieren, wie viel Gold er tatsächlich enthält). Eine Woche später kriegt Ihr dann von denen Geld dafür.

Nein, wie praktisch! Da muss man ja gar nicht mehr zum Pfandleiher an der Ecke gehen. Der stellt nachher noch unbequeme Fragen oder will gar Euren Personalausweis sehen. Oder auch nicht – keine Ahnung, nie Gold besessen, nie Gold verkauft. In den Micky-Maus-Heften brauchte man dafür jedenfalls immer einen Hehler.

Was ich allerdings vermisst habe, war ein anschließender Werbespot für Edelstahlzangen. Wer sofort bestellt, bekommt eine DVD-ROM mit den Adressen aller deutschen Friedhöfe kostenlos mitgeliefert. Aber vielleicht nimmt Comedy Central seine Werbespots ja zu ernst. Oder nicht ernst genug.

Wie auch immer: Fernsehen bildet! Was habe ich heute nicht alles gelernt!

Und meine Karten, die sind jetzt auch fertig sortiert.

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