Meinungsfreiheit: Eine Einordnung in größere Zusammenhänge, Teil 1

Posted on Juli 24, 2007


Ich bin von verschiedener Seite gefragt worden: Wieso gerade jetzt? Was ist Besonderes passiert, dass ich plötzlich diese Angelegenheit thematisiere?

Es ist nichts Besonderes passiert, kein einzelnes Ereignis, welches den Ausschlag gegeben hätte. Stattdessen verhält es sich so, dass ich im Verlauf der letzten Monate mehr und mehr im Netz gestöbert habe und immer wieder auf bestürzende Fälle gestoßen bin, sowie auf immer mehr Betrachtungen von Leuten, die sich damit befasst und Überblicke über das Geschehen zu geben versucht haben. Leider habe ich nicht daran gedacht, alle wichtigen Seiten sofort abzuspeichern oder mit Lesezeichen zu versehen, deswegen trat stattdessen ein langsamer Prozess des Begreifens bei mir ein.

Mein letzter Blogeintrag markiert nur den Augenblick, als es bei mir KLICK gemacht hat, als mir plötzlich klar wurde, dass ich nicht eine Sammlung skurriler Einzelfälle verfolgte, sondern eine Entwicklung!

Dieses KLICK ist allerdings etwas Besonderes, denn normalerweise tut man (ich schließe hier von mir auf andere) sich eher schwer damit, die Bedeutsamkeit größerer Entwicklungen abzusehen, bevor sie ihr Ende gefunden haben.

Ich bin Jahrgang 1970, und meine ersten Erinnerungen daran, dass ich mich mit dem Weltgeschehen befasst hätte, sind noch einmal ca. zehn Jahre jünger. Ich wuchs in einer zeitlichen und geographischen Insel des Wohlstands und des Friedens auf, in der Bundesrepublik Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Welt zerfiel in den sicheren, reichen Westen und den demokratisch unterentwickelten Rest. Mir wurde beigebracht, dass es in Deutschland bis 1945 eine GANZ SCHLIMME ZEIT gegeben hatte, die nun aber vorbei war, und dass wir in Deutschland nun die Früchte von Grundrechten, Demokratie, Meinungsfreiheit und sozialer Marktwirtschaft genossen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die restliche Welt die gleiche Entwicklung durchmachte.

Diese paradiesische Periode nahm und nehme ich als ein unteilbar Ganzes wahr. Schreckliche Dinge geschehen entweder WOANDERS oder sind FRÜHER geschehen (oder werden IRGENDWANN geschehen). Wir Deutsche leben wie die Halblinge im Auenland abgeschirmt von allem Bösen, sorgen uns um unsere Luxusproblemchen uns gehen davon aus, dass jedermann ein Anrecht auf diese Art von Existenz hat, wenn nur alle so vernünftig wären wie wir!

Jedoch habe ich selbst in diesem Paradies bereits tiefgreifende Umwälzungen erfahren, aber ich habe sie nie als solche WAHRGENOMMEN. Jetzt, im Rückblick ist es offensichtlich, dass höchst bedeutsame Dinge geschehen sind, aber die Entwicklung selbst lief so selbstverständlich und kontinuierlich ab, dass ich zu keiner Zeit aufschreckte und mir sagte: „Hey, die Welt ändert sich gerade, und Du bist dabei!“

Gut, eine Ausnahme gab es natürlich: Die deutsche Wiedervereinigung markierte unmissverständlich einen Moment des Umbruchs. Aber selbst hier erschienen mir die Übergänge viel weicher, als ich es mir hätte vorstellen können, wenn ich in einem Geschichtsbuch davon gelesen hätte.

Welche grundlegenden Veränderungen meines Weltbildes gab es nicht alle, die ich erst im Nachhinein als solche identifizieren kann?

Da ist meine Einstellung zu den Vereinigten Staaten von Amerika, die sich von Bewunderung und Dankbarkeit für das große Land, welches uns nach dem Krieg demokratisiert und wirtschaftlich wieder aufgebaut hat, zu Misstrauen und Abscheu gegenüber dem enthusiastischen Vorreiter aller Fehlentwicklungen unserer westlichen Zivilisation gewandelt hat.

Da ist meine Ignoranz gegenüber umweltpolitischen Belangen, die sich von Zukunfstangst über euphorischen Optimismus, dass diese Probleme jetzt endlich erkannt und angegangen würden, zu der fatalistischen Einsicht entwickelt hat, dass die Menschheit gesellschaftlich nicht in der Lage ist, sie zu lösen.

Da ist meine Angst vor einem nuklearen Krieg, die während der Annäherung zwischen Ost und West abflaute und unterdessen durch die Gewissheit einer allgegenwärtigen Terrorbedrohung ersetzt wurde.

Da ist das Aufkommen von AIDS, welches als Schreckgespenst genau in die Zeit maximaler sexueller Freizügigkeit einbrach und zu einem festen Bestandteil des Alltags geworden ist.

Da ist das Internet, welches Information und Kommunikation revolutioniert hat. Von den Zeiten, in denen es nur Festnetzanschlüsse und öffentlich-rechtliches Fernsehen gab bis heute, habe ich niemals das Gefühl gehabt: „Wow, JETZT ändert sich etwas Grundlegendes!“

Die meisten Entwicklungen sind nur im Rückblick dramatisch, wenn man die Muße und den gedanklichen Abstand besitzt, ihren Anfangs- und (vorläufigen) Endpunkt miteinander zu vergleichen. Während sie passieren, nimmt man nur unzusammenhängende Einzelfälle war, die zumeist in der Vielzahl von Dingen, welche uns täglich beschäftigen, untergehen und uns in Ausnahmefällen (wie zum Beispiel dem elften September) zwar kurz den Atem anhalten lassen, aber bald wieder im Tagesgeschehen verschwinden.

Jede Entwicklung besteht aus Einzelfällen. Die Entstehung einer Diktatur, der Ausbruch eines Krieges: Sie neigen dazu, von ihren Zeitgenossen als plötzlich über sie hereingebrochenes Unheil wahrgenommen zu werden, auch wenn Historiker später akribisch die einzelnen Schritte dieser Entwicklungen nachzeichnen können.

Teils sieht man sie nicht, teils will man sie nicht sehen. Die grundlegende menschliche Einstellung lautet: Wie das Wetter heute ist, so wird es auch morgen. Und zumeist bewahrheitet sich das ja auch.

Deswegen sind wir aber so blind dafür, wenn sich tatsächlich etwas ändert! Wir erwarten, dass die Welt morgen immer noch genau so ist wie heute. Sie ist es nicht. Sie ändert sich fortwährend, und wir sind mittendrin.

Ich bin überzeugt, dass ich eine solche Entwicklung ausgemacht habe – eine Entwicklung, die erst am Anfang steht, und die deswegen vielleicht noch aufgehalten werden kann. Deswegen schlage ich JETZT Alarm und nicht erst später und riskiere auch, dass es möglicherweise falscher Alarm ist: Besser, zehn Mal falschen Alarm zu geben, als einmal die Katastrophe widerstandslos hereinbrechen zu lassen!

Es gibt keinen Grund darauf zu vertrauen, dass sich in Deutschland schon alles wieder von alleine einrenken wird. Das ist die Weltanschauung der Eintagsfliege: Die Sonne scheint bereits ihr ganzes Leben lang, also wird sie immer scheinen!

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Grundrechte in Deutschland sicher sind. Das einzige, was sie wirklich schützt, ist gerade die ständige Wachsamkeit, dass sie nicht verloren gehen!

Wenn wir sie jedoch als gegeben und selbstverständlich hinnehmen, dann WERDEN wir sie verlieren, denn es liegt einfach nicht in der Natur des Menschen, seinen Mitmenschen Rechte einzuräumen, wohl aber, sie ihm zu nehmen, wenn er sich einen Vorteil davon verspricht.

Ich beende diesen Eintrag an dieser Stelle; er wird schon wieder viel zu lang. Den zweiten Teil versuche ich in den nächsten Tagen zu posten.

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