Bücher, die die Welt nicht braucht

Posted on August 2, 2007


Um einmal ein wenig Abwechslung zu all den ernsthaften Themen zu bieten:

Neulich war ich mit Anna einkaufen, und wir landeten in so einem Krimskramsladen. Ihr wisst schon: Die Sorte, wo es allerlei bunten Tand zu Schleuderpreisen gibt.

Und ich hatte nichts zu lesen dabei.

Daher ließ auch ich meine Blicke über die langen Regalreihen mit nutzlosem Zeugs schweifen, und dieser blieb an einem Notizbuch-großen Heftchen mit dem Titel:

Dating
* Kennenlernen leicht gemacht
* Die wichtigsten Spielregeln

von Heidi Sonja Ross hängen.

Langeweile und Neugierde ergänzten sich, und ich begann, darin zu blättern. Der allererste Satz lautete:

„Sie möchten auf ihre Fragen kurze, prägnante und vor allem verlässliche Antworten erhalten.“

Gell, Ihr erwartet jetzt doch auch einen Folgesatz ala: „Dann versuchen Sie lieber nicht, Frauen zu daten“?

Kurze, prägnante uns vor allem verlässliche Antworten, soso. In mir wuchs der Verdacht, ein Juwel der unfreiwilligen Komik in der Hand zu halten.

Als nächstes gab es ein „Last-Minute-Programm“, untertitelt mit „Die wichtigsten Punkte im Überblick“. Das war im Wesentlichen ein vorangestelltes Inhaltsverzeichnis (ohne Seitenzahlen), bei dem einige Punkte farblich hervorgehoben wurden. Aufgeteilt waren die Punkte in 5 Oberkategorien: Selbstcheck, Woher ein Date nehmen?, Während eines Dates, Nach einem Date und Service.

Unter Selbstcheck fanden sich dann zum Beispiel 6 Punkte: Was suche ich?, Wer bin ich?, Welche Werte sind mir wichtig?, Woran erkenne ich meinen Wunschpartner?, Was will ich von mir zeigen? und Wie wir Partner auswählen. Der 5. Punkt war hervorgehoben.

Insgesamt waren es 44 Punkte (die den Kapiteln des Buches entsprachen), darunter immerhin einer namens Gleichgeschlechtliches Dating. Besonders ins Auge stachen mir die Punkte 34 und 35 unter Während eines Dates: Sex beim ersten Date? gefolgt von Bezahlen!

Das versprach doch, äußerst interessante Lektüre zu werden. Anna näherte sich unterdessen tatsächlich der Kasse, und so beschloss ich, 50 Cent in diese Broschüre zu investieren, um sie mit nach Hause zu nehmen und eines Tages einen Blogeintrag darüber zu verfassen, was ich hiermit tue.

Wunderbar war bereits in Kapitel eins die folgende Passage:

„Bevor Sie sich also auf den Weg machen, ist die allererste und vielleicht wichtigste Frage, die Sie sich überhaupt stellen können:
Was wünsche ich mir?
Wie soll mein Hafen sein?“

Wie, das mit dem Hafen versteht Ihr nicht? Nun, fies wie ich bin, habe ich das vorangestellte Seneca-Zitat weggelassen, aber weniger dämlich würde es dadurch auch nicht!

Schön auch der Satz „Es gibt einige beratungsresistente Singles, die meinen, man müsse doch erst einmal abwarten, was man da für ein Gegenüber hat.“ Harter Tobak, nicht wahr?

Witzigerweise kommt das Kapitel Wer bin ich? nach Was suche ich? – wie soll ich wissen, was ich suche, wenn ich nicht weiß, wer ich bin? Immerhin wird mir hier auf zwei nicht ganz DINA-6-Seiten geholfen, mich kennen zu lernen!

Für die nächste Absurdität ist die kleine Broschüre vielleicht nicht verantwortlich – schieben wir es auf meine Angewohnheit quer zu lesen, aber wenn mein Auge von der Kapitelüberschrift weiter zu dem Text auf gleicher Höhe auf der anderen Seite wandert, dann steht da:

„Woran erkenne ich meinen Wunschpartner? Er/sie pult ganz ungeniert Essensreste aus den Zähnen.“

In einer Seitenrubrik „Partner-Check“ auf der selben Seite finde ich: „Der beste Freund ist zu Besuch, von dem man sich wünscht, er möge das Objekt der Begierde auch toll finden … Würde Ihr Dating-Partner in einer solchen Situation „bestehen“?“

Schön, dass der Wunschpartner mit so einfachen Mitteln zu erkennen ist, nicht wahr?

Querlesen ist überhaupt böse. So finde ich unter der Abschnittsüberschrift Was sie vermeiden sollten im nächsten Kapitel unter anderem die die Merkpunkte
*Abtreibungen/Unfruchtbarkeit
*Vergewaltigung und sonstige Gewalterfahrungen

Ich stimme zu, das sind alles Dinge, de man vermeiden sollte!

Um der Gefahr zu begegnen, den Inhalt des kleinen Büchleins mehr oder weniger komplett wiederzugeben, überspringe ich mal ein paar Kapitel. Hängen bleibe ich jedoch an Netiquette & Codeausdrücke – hey, da werden mir Smileys erklärt! Da diesem Thema genau so viel Raum eingeräumt wird, wie der Frage, wer ich bin, muss es für erfolgreiches Dating wohl wichtig sein.

Weiter vorblättern. Im Kapitel Singlepartys (schreibt man das nicht mit ie?) finde ich:

„Beispiele für freundliche Abfuhren sind:
[…]“Welches Sternzeichen bis Du?“ Antwort XY. „Oh, das tut mir jetzt aber leid, aber mit denen komme ich nie klar!““

Das ist sicherlich eine Nuance freundlicher als „Verpiss Dich, Du Wichser, oder mein Zuhälter kommt und haut Dir eins aufs Maul!“, oder?

Blättern… Nächster Stopp: Das Kapitel Sicherheit beim Heimweg. Daraus:

„Manche Frauen schwören immer noch auf das berüchtigte Tränengasfläschchen in der Tasche.[…]Sollten Sie den Kauf einer Flasche erwägen, wählen Sie bitte nicht die allerkleinste Version, so handlich sie auch sein mag. Denn für den Fall, dass Sie das Gas tatsächlich einsetzen müssen, ist diese kleine Flasche leer, bevor Sie richtig gezielt haben.“

Hoffen wir, dass auch der Vergewaltiger freundlich genug ist abzuwarten, bis frau sich die Zeit genommen hat, richtig zu zielen! Aber da er immerhin bereits abgewartet hat, bis die Frau das Fläschchen aus ihrer überfüllten Handtasche herausgekramt hat, wird er sich sicherlich auch hier kooperativ zeigen.

Vorspulen, dieser Eintrag wird schon wieder viel zu lang… Kapitel 30, Das Bestellen: „Es kann eine sehr nette Geste sein, zwei Gläschen Champagner oder Prosecco vorab zu bestellen. Mit dem Satz: „Ich dachte, ich bestelle schon mal etwas gegen die Nervosität“ hat ein Mann sicher schnell einen Stein im Brett.“

Ja, Frauen stehen total auf Männer, die Nervenflattern mit Alkohol bekämpfen! Sonst haben sie noch Pech und landen NICHT in einer Ehe mit einem gewalttätigen Säufer. Und dann bleiben nachher noch die ganzen Frauenhäuser leer!

Worüber reden? wird übrigens in drei Kapitel, Verzeihung, „Phasen“ aufgeteilt. So heißt es jedenfalls in den Kapitelüberschriften. Im Text allerdings wird dann angedeutet, dass die Unterhaltung nicht etwa Phasen, sondern Zonen hat:

„Haben Sie Zone eins durchschifft, können Sie zu Zone zwei übergehen.“

Vorsicht übrigens beim Schiffen: Nicht auf die Frau, bevor man sie nicht besser kennt! Erst sicher gehen, dass man seinen Hafen gefunden hat, nicht wahr?

Nach endlosen sechs Seiten über das Gequassel nähern wir uns endlich dem interessanten Teil: Sex beim ersten Date? Allerdings verdirbt mir die Abschnittsüberschrift Risiken und Nebenwirkungen ein wenig die Laune. Wie auch immer, die Autorin beantwortet diese Frage sowieso mit einem klaren „jein, aber“… Die Vermutung, dass sie vielleicht ein wenig konservativ eingestellt sein könnte, widerlegt sie aber gleich im Folgekapitel Bezahlen:

„Kellner geben die Rechnung meist dem Mann. Dieser schaut drauf, nennt keinesfalls den Betrag und zahlt so dezent, dass seine Tischpartnerin nicht mitbekommt, wie viel es kostet.[…]Sollten Sie als Mann nicht wünschen oder einsehen, dass die Kosten allein bei Ihnen bleiben, genügt es in der Regel, die Rechnung in die Mitte zu legen und ihre Dating-Partnerin mit draufschauen zu lassen.“

Ja, so denkt eine moderne, emanzipierte Frau!

Richtig schön wird es noch einmal unter Persönliche Bestandsaufnahme:

„Was genau hat Ihnen an diesem Menschen gefallen, was nicht?

Äußerlich
* Statur?
* Hände?
* Gesicht und Augen?“

…und so weiter. Leider hat die Autorin vergessen, ein Punktesystem zu empfehlen, mit dessen Hilfe man ausrechnen kann, ob man seinen Datingpartner nun wiedersehen will oder nicht.

Kapitel 40, Umgang mit Fehlschlägen, lädt dann wieder dazu ein, aus dem Zusammenhang gerissen zu zitieren:

„Auch die kleinen Dinge wie die Auswahl des Weins können wichtig sein.“

Das liest sich ja beinahe so, als wenn eine falsche Weinauswahl daran Schuld sein könnte, dass man einen Korb gekriegt hat! Moment mal.. Hoppla, genau so ist es ja auch gemeint?

Ein „Wichtiger Hinweis“ findet sich in diesem Kapitel auch noch: „Grundsätzlich ist niemand „falsch“, sondern höchstens nicht passend! Das Wichtigste überhaupt ist also, Ablehnung nicht persönlich zu nehmen.“

Genau – niemand kann schließlich etwas für sein Sternzeichen, nicht wahr?

Im „Service“-Bereich finden sich dann auch Sieben goldene Regeln fürs Flirten. Das „Gebot 1“ lautet: „Seien Sie ehrlich“.

Günnauuuuu!!! Wie wir ja alle wissen, haben Hochstapler und Aufschneider bei Frauen ja keine Chance…

Ach, da steht übrigens ein wenig tiefer „Wer keinen anderen „Gott“ neben sich duldet, dem könnte es by the way passieren, länger allein zu bleiben, als ihm vielleicht lieb ist.“

Very cosmopolitan, diese Mixture aus Deutsch und english, ist es not?

In Kapitel 43, Adressen die weiterhelfen, findet sich jedenfalls der allerbeste Ratschlag für die Zielgruppe dieses Buches:

„Falls Sie eine Therapie erwägen, empfiehlt es sich im ersten Schritt, sich an ihre Krankenkasse zu wenden.“

Für alle, die der Meinung sind, diese Lektüre könne ihnen bei ihren privaten Problemen tatsächlich weiterhelfen: Sie ist in der Reihe GU Kompass erschienen und kostet bei KiK tatsächlich NUR FÜNFZIG CENT.

Das ist sie aber auch wert, oder?

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