Wo der Witz aufhört

Posted on August 9, 2007


Der Witz vom Pastor und vom Papageien, er ist einer von vielen. Ich meine jetzt nicht, dass es viele Witze mit Pastoren und Papageien gibt (obwohl das stimmen könnte, ich kenne mindestens einen weiteren), sondern einer von vielen, in denen die christliche Religion thematisiert wird. Wie viele Witze kennt Ihr, bei denen Menschen in den Himmel oder in die Hölle kommen und sich dort mit Petrus oder dem Teufel unterhalten? Wie viele Witze nach dem Strickmuster „Hitler, Stalin und der Papst stürzen mit dem Flugzeug auf einer einsamen Insel ab“? Wie viele höchst unanständige Nonnenwitze?

Mindestens Hunderte, vielleicht Tausende. (Nein, ich habe nicht danach gefragt, ob Ihr Euch noch an sie alle erinnert.) Sie sind ein selbstverständlicher Teil unserer Witzkultur. Man kann sie überall lesen, im Internet, in Witzbüchern, auf den Witzseiten von Zeitschriften.

Wie viele Islam-Witze kennt Ihr? Und wie viele davon habt Ihr veröffentlicht gefunden?

Aha.

Über den Islam macht man keine Witze. Die offizielle Begründung ist, dass man die religiösen Gefühle der Muslime nicht verletzen will. Die Wahrheit ist natürlich, dass man einfach Schiss hat! Wenn man Witze über Gott, Jesus oder den Papst veröffentlicht, dann erhält man keine Morddrohungen, es werden keine diplomatischen Beziehungen abgebrochen oder Flaggen verbrannt, und der Papst ruft nicht dazu auf, einen zu ermorden.

Um also endlich aufzulösen, warum ich den Papageien-Witz hier erzählt habe: Ich musste an ihn denken, als auf der Seite eines Magic-Spielers ein Cartoon veröffentlicht wurde, in dem eine Figur den Satz „Bin ich Allah?“ aussprach und natürlich postwendend jemand einen Kommentar schrieb, in dem er anmahnte, dass sich muslimische Gläubige davon beleidigt fühlen könnten.

Natürlich.

Wie viele Christen fühlen sich beleidigt davon, dass es Witze über sie und ihren Glauben gibt? Und wie viele davon machen einen Riesenaufstand deswegen?

In den USA würde die Antwort auf diese Frage gewiss anders ausfallen, aber hier in Deutschland haben sich die Christen zu 99+% mit dem Recht auf Meinungsfreiheit arrangiert, und es hat nicht einmal weh getan! Aber auf die Muslime, auf die müssen wir natürlich Rücksicht nehmen, weil… die schmeißen ja Bomben und so.

In einem säkularen Staat darf man sich über Religion lustig machen. Natürlich bedeutet das nicht, dass man in eine Moschee gehen und dort die Betenden mit den neuesten Mohammed-Witzen vertraut machen darf, aber man hat das Recht darauf, solche Witze zu veröffentlichen, und wer sie nicht lesen will, der muss auch nicht! Das Recht, sie zu erzählen, wird dadurch nicht berührt.

So viel zur Theorie. Praktisch jedoch kneift unser säkularer, auf einer freiheitlichen Grundordnung beruhender Staat den Schwanz ein. Wenn jemand islamkritische Karikaturen veröffentlicht, dann gibt es von allen Seiten (und ärgerlicherweise besonders aus dem linken Spektrum, dem der Schutz der Meinungsfreiheit doch ein besonderes Anliegen sein sollte) Stellungnahmen ala „man muss die Muslime doch nicht so provozieren“ oder „Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass man Geschmacklosigkeiten akzeptieren muss“. Wenn dann durch die islamische Welt wieder einmal eine Welle der Gewalt geht, schiebt man die Schuld schnell auf diejenigen, die von ihrem Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch gemacht haben.

Der Islam hat unsere Gesellschaft bereits tiefgreifend verändert. Damit meine ich nicht die wachsende Zahl von Moscheen in Deutschland, und auch nicht die verschleierten Frauen, denen man auf der Straße begegnet; ich meine die Auswirkungen auf die nichtislamischen Bürger unseres Staates, die in ihren Grundrechten auf Grund von Bedrohungsszenarien beschnitten werden!

Dabei ist das Erzählen von Witzen nur der Lackmus-Test für freie Meinungsäußerung. Ob ein Witz tatsächlich witzig ist, ob er satirisch ist, ob er geschmackvoll ist: All das darf keinen Einfluss darauf haben, ob man ihn erzählen darf! Es besteht keinerlei Verpflichtung dazu, im Umgang mit dem Islam besonders ernsthaft und sachlich zu argumentieren. Man darf hier genau so polemisieren und satirisieren, wie bei allen anderen Themen.

Theoretisch.

Diesen Artikel hier habe ich neulich gefunden. Er ist nur ein Beispiel unter vielen. Ich will hier keinerlei Bewertung darüber abgeben, ob jener Publizist in seiner Kritik vielleicht unsachlich oder unverhältnismäßig gewesen sein mag, denn das ist für sein Recht, seine Meinung zu äußern, ohne Repressalien befürchten zu müssen, irrelevant.

Theoretisch.

Praktisch unterdrücken die allgegenwärtigen Gewalt- und Terrordrohungen seitens fundamentalistischer Muslime seit Jahrzehnten bereits kritische und satirische Äußerungen.

Irgendwo gibt es einen Punkt, an dem das Prinzip einer freiheitlichen Gesellschaft mit dem Prinzip religiöser Bigotterie nicht mehr vereinbar ist. Eines von beiden muss Priorität haben.

Das Recht auf Religionsfreiheit muss seine Schranken in dem Recht auf Freiheit von Religion finden. Nicht umgekehrt!

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