Neulich, auf der Titanic

Posted on August 18, 2007


Passagier A(ndi): Ist das da vorne ein Eisberg? Nicht wirklich, oder? Ich meine – wir würden doch nicht tatsächlich so dicht an einen Eisberg heranfahren?

Passagier B: Nö, Quatsch, bestimmt nicht. Da könnten wir doch untergehen. Der Kapitän passt schon auf.

A: Aber der Kapitän passt doch gar nicht auf! Der ist doch die ganze Zeit unter Deck und pokert mit den Industriebossen. Das wisst Ihr doch!

C: Und wenn schon, da sind ja auch noch der Steuermann und der Rest der Mannschaft. Die werden schon aufpassen.

D: Mal wieder typisch, A, keine Ahnung von der Schiffahrt haben, aber groß herumbrüllen hier…

A: Ich frage dann mal den Steuermann…

(Pause.)

A: Also… Der Steuermann hat gesagt… wenn ich das jetzt richtig verstanden habe… Von so einem Eisberg ragt nur ungefähr ein Siebtel aus dem Wasser. Das Gefährliche an ihm ist also, dass auch wenn man glaubt, ihn relativ weiträumig umschifft zu haben, er einem Schiff unter der Wasserlinie noch den Rumpf aufschlitzen kann. Wir bewegen uns zur Zeit mit einer Geschwindigkeit von 21 Knoten auf einem Kurs, der uns bis auf etwa 60 Meter an den Eisberg heranführt. Erfahrungsgemäß sollte ein Schiff mit dem Tiefgang der Titanic zu einem Eisberg sicherheitshalber mindestens 80 Meter Abstand haben. Wir sind noch ca. eineinhalb Kilometer entfernt… Verdammt,.wie schnell ist noch einmal ein Knoten? Und wie lange braucht ein Schiff von der Größe der Titanic, um bei dieser Geschwindigkeit den Kurs zu ändern?

D: Ein Knoten sind 1,852 Stundenkilometer, A.

A: Danke schön, D! Das bedeutet dann aber… Moment mal, wir haben bestenfalls noch zweieinhalb Minuten, um auszuweichen! Müssten wir da nicht schon längst den Kurs geändert haben?

C: Bestimmt wurde der Kurs schon geändert. Es dauert eben ein bisschen, bis man das auch sieht.

A: Nein, der Steuermann hat mir gesagt, er darf den Kurs nur auf ausdrückliche Anweisung des Kapitäns ändern, so sei das Seerecht! Und der hat noch nichts gesagt.

B: Der weiß aber bestimmt Bescheid. Irgendjemand aus der Mannschaft wird ihn schon informiert haben.

A: Und was, wenn die Mannschaft sich nicht traut? An seiner Kabine hängt doch dieses Schild „Nicht stören!“

C: Mensch, A, Du tust ja so, als sei die ganze Mannschaft unfähig!

B: Genau! Wenn sie nichts von ihrer Arbeit verstünden, wären sie dann eingestellt worden?

A: Naja… aber Menschen machen doch immer wieder Fehler, oder? Ich gebe ja zu, ich will’s ja auch nicht hoffen, aber für mich als Laien sieht das halt tatsächlich so aus, als würden wir in Gefahr geraten, den Eisberg zu rammen…

(Pause. Die Titanic fährt weiterhin ungebremst auf den Eisberg zu und verfehlt ihn knapp – wie knapp, kann keiner der Passagiere erkennen.)

B: Siehst Du, alter Meckerer, ist doch nichts passiert.

A: Ja-ah. Aber da vorne ist schon wieder ein Eisberg!

D: Dann schau doch einfach nicht hin! Schau doch lieber, wie schön das Meer ist und der Himmel! Ich finde, mein Kleid sieht vor all diesem Blau ganz besonders reizend aus. Aber Du wartest doch nur darauf, dass das Schiff untergeht, um sagen zu können, Du hättest uns ja gewarnt!

A: Ich will doch nur nicht, dass das Schiff untergeht, weil jeder annimmt, irgendjemand anders würde sich darum kümmern… Schließlich gehen ja immer wieder Schiffe unter!

C
: Soll das Schiff doch untergehen, dann ist wenigstens mal etwas los hier!

B: Hey, im Tanzsaal fängt gleich die Musik an – lasst uns runtergehen!

A: Bin ich denn der einzige hier, der sich Sorgen macht, dass hier etwas nicht stimmt?

D: Natürlich, Du hältst Dich wieder für etwas Besseres!


(Disclaimer: Diese Geschichte ist frei erfunden. Insbesondere war ich nie auf der Titanic. Schon gar nicht neulich. Damit es da keine Missverständnisse gibt.)

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