Ich habe genug!

Posted on September 7, 2007


Naja, nicht gerade genug Geld, und es gibt auch noch ein paar andere Sachen, wo meine Ansprüche nicht gerade übererfüllt werden. Aber bei den allermeisten Dingen gilt: Es reicht mir!

Wir leben in Deutschland in einer Überflussgesellschaft. Ich hatte heute bei Aldi die Wahl zwischen sieben verschiedenen Sorten Würstchen – und Aldi ist ein Discounter, der eine geringere Auswahl zu Gunsten eines besseren Preis-Leistungverhältnisses bietet! Ebenfalls maximal 5 Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt befinden sich Kaisers, Lidl und Plus sowie ein türkischer Supermarkt, außerdem bestimmt ein Dutzend weiterer Lebensmittelläden (Bäcker, Metzger etc…) und Drogerien. Mein Bedarf an Lebensmitteln und Hygieneartikeln wird mehr als nur gedeckt. Im selben Radius befinden sich drei Dönerbuden, fünf weitere Imbisse und ein halbes Dutzend Internetcafes.

Ich habe Kabelfernsehen. Wie viele Sender ich da genau empfange, müsste ich nachprüfen – eingestellt habe ich knapp dreißig, glaube ich. Mit Annas DV-BT kommen noch ein paar weitere hinzu. Am Zeitungskiosk kommen jede Woche mehr verschiedene Zeitungen und Zeitschriften an, als ich in diesem Zeitraum lesen könnte. Pro Woche starten mehr als sieben Kinofilme – selbst wenn ich jeden Abend ins Kino ginge, könnte ich sie nicht alle sehen! Wie viele Bücher erscheinen, kann ich nur erahnen, aber ich gehe stark davon aus, dass es in einem Jahr mehr sind, als ich in meinem ganzen Leben lesen könnte.

Und das Internet ist randvoll mit Internet-Seiten. Nee, ehrlich, das ist Euch doch bestimmt auch schon aufgefallen? Nachrichtenseiten, Communityseiten, Spieleseiten, Foren, Blogs… Das Internet ist ein Ozean an Kommunikation, Information und Unterhaltung, der sich in irrwitzigem Tempo vergrößert.

Was immer mir an Dingen fehlt, die ich konsumieren oder rezipieren kann, es ist nicht MEHR. Ich brauche keine weiteren Würstchensorten, zusätzlichen Wochenzeitschriften oder neue Internet-Artikel, nur um mehr von allem zu haben.

Was ich brauche, ist BESSERES.

Von den sieben Würstchensorten bei Aldi war nicht eine einzige, der kein Milchzucker beigemengt war. Bei ca. 10% erwachsenen Kaukasiern mit Milchzuckerunverträglichkeit (90% bei anderen Rassen) finde ich das schon irritierend! (Weil ich Appetit auf Würstchen hatte und mit meinem vollen Rucksack nicht noch einen weiteren Laden aufsuchen wollte, habe ich dann einfach mal die Sorte, die am leckersten aussah, probiert. Ich habe sie vertragen, aber sie hat nach absolut gar nichts geschmeckt.) Was Fernsehsender angeht, kommt es ab und zu vor, dass ich Lust habe, abends einfach den Fernseher einzuschalten und einen guten Film oder eine interessante Sendung zu sehen – und dann blättere ich online die Programme durch und stelle fest, dass es einfach nichts gibt, was mich interessiert! Wie kann das sein, bei 20-30 Sendern?

Naja, und was das Netz anbetrifft… ich erzähle wohl niemandem etwas Neues, wenn ich darauf hinweise, dass sich das meiste einfach nicht zu lesen lohnt! Die meiste Zeit verbringe ich auf Seiten, die sich mit meinem zweitliebsten Hobby, Magic, befassen. Klar, je mehr mich ein Thema interessiert, desto eher bin ich natürlich bereit, bei Artikeln darüber über kleinere Unzulänglichkeiten hinwegzusehen. Und trotzdem finde ich immer wieder Texte, bei denen ich nicht nachvollziehen kann, warum sie überhaupt geschrieben wurden! Moment – die Antwort ist hier natürlich, dass es immer noch viele Leute gibt, die sie lesen wollen – aber genau das kann ich eben nicht nachvollziehen!

Was ist so toll daran, VIEL Müll zu haben? Warum schrauben wir in einer Gesellschaft, in der fast alle Dinge im Überfluss zu haben sind, unsere Ansprüche derart zurück?

Wir werden in der Konsumgesellschaft dazu erzogen, VIEL zu wollen und dafür nicht genau hinzusehen, wie GUT es eigentlich ist. Wenn eine Firma vor der Wahl steht, Geld darin zu investieren, ein Produkt zu entwickeln, das deutlich besser ist als das von der Konkurrenz, oder dieses Geld in eine Werbekampagne zu stecken, welche ein bestehendes, weniger gutes Produkt bekannter macht, dann fällt die Entscheidung leicht. Qualität kann sich nur durchsetzen, wenn sie auch vom Verbraucher eingefordert wird! Das versäumen wir aber in der Regel, einfach, weil es mühsam und zeitraubend ist, Qualität selbständig zu beurteilen.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir in einer Welt der Vielfalt, aber mangelnden Qualität leben. Kaufen wir lieber im Internet oder beim Fachhandel, wo wir eine kompetente Beratung bekommen, aber dafür etwas mehr zahlen müssen? Die Antwort auf diese Frage fällt dermaßen eindeutig aus, dass diese Art von Fachhandel schon beinahe ausgestorben ist. Wir haben uns daran gewöhnt, Software zu kaufen, die nicht wirklich funktioniert und Telefonverträge bei Firmen abzuschließen, deren Kundenservice diesen Namen nicht verdient. Wir haben uns daran gewöhnt, im Fernsehen superdämliche Sendungen anzusehen, die durch eingestreute Werbeblöcke auf die doppelte Laufzeit verlängert werden. Die Alternative, einfach WENIGER zu akzeptieren (zum Beispiel auch deswegen weniger, weil wir es teurer bezahlen müssen) ergreifen wir nicht!

Ich sehe nicht relativ wenig fern (weniger als eine Stunde pro Tag im Schnitt, denke ich), weil ich es nicht prinzipiell gern täte, oder weil ich es aus hochgestochenen prinizipiellen Erwägungen ablehnte, sondern weil ich einfach so selten etwas finde, was mir wirklich gefällt (zugegebenermaßen muss es mir sogar besonders gut gefallen, damit ich die Werbe-Unterbrechungen ertrage).

Heute habe ich mir Total Recall angeschaut, weil das einfach ein unglaublich brillianter Film ist (um so unglaublicher, da Arnold Schwarzenegger die Hauptrolle spielt!) Ich schätze, ich habe ihn zum dritten Mal gesehen, aber lieber sehe ich mir einen Film, von dem ich weiß, dass er gut ist, öfter an, als einen schlechten Film einmal. Nur – um neue gute Filme zu entdecken, muss ich natürlich immer wieder unbekannten Filmen eine Chance geben! Wenn ich aber keine sehr strenge Vorauswahl anlege, werde ich meistens enttäuscht, und das bedeutet verschenkte Zeit (besonders, da ich in der Regel den Film trotzdem zu Ende sehe, um ihm nicht Unrecht zu tun).

Genau so kann ich auch bei Internet-Artikeln die Einstellung nicht nachvollziehen „hey, sei doch dankbar, dass derjenige überhaupt etwas geschrieben hat!“ Warum? Im Internet steht eine Milliarde mal so viel Zeugs, wie ich lesen könnte – warum soll ich mich also darüber freuen, dass dieser Wust um ein weiteres bisschen vermehrt worden ist?

Wer etwas veröffentlicht (echte Blogeinträge nehme ich davon natürlich aus, denn die schreiben Leute für sich selbst und erlauben lediglich anderen, die sich dafür interessieren, sie mitzulesen – da weiß der Leser, dass sie nicht verfasst wurden, um ihn zu unterhalten!), der stellt damit die Behauptung auf: Leser, dieser Beitrag ist die Zeit, die Du benötigst, ihn zu lesen, auch wert!

Diese Zeit ist nämlich kostbar. Man kann sie verwenden, um etwas anderes zu lesen, oder auch um etwas völlig anderes zu tun! Noch etwas, woran es uns in unserer Gesellschaft überhaupt nicht mangelt, sind Beschäftigungsmöglichkeiten! Wenn jemand etwas veröffentlicht, dann stelle ich den Anspruch daran, dass es auch lesenswert ist, und wenn das nicht der Fall ist, freue ich mich nicht etwa darüber, dass es veröffentlicht wurde, sondern ÄRGERE mich, denn es hat mich Zeit gekostet, die ich auch angenehmer und/oder sinnvoller hätte verwenden können!

Es gibt mehr als genug Mist im Supermarkt, am Kiosk, im Fernsehprogramm und im Internet. Ich will nicht noch mehr. Macht etwas Gutes oder macht gar nichts!

Weil unsere Gesellschaft immer mehr auf Quantität und immer weniger auf Qualität ausgerichtet ist, ist Kritik auch so wichtig. Ich habe es langsam satt, mich immer wieder dafür rechtfertigen zu müssen, wenn ich schlechte Artikel auch entsprechend rezensiere! Wenn dadurch tatsächlich, wie mir immer wieder vorgehalten wird, insgesamt weniger geschrieben wird, dann ist das GUT! Und wenn dadurch der Qualitätsstandard dessen, was geschrieben wird, wirklich ein wenig ansteigt, dann ist das sogar SEHR GUT!

Ein gutes Buch ist tausend schlechte wert und ein guter Internet-Artikel trotz der höheren Flüchtigkeit dieses Mediums schätzungsweise immer noch zehn schlechte.

Ich weiß nicht, ob es genügend gute Bücher gibt; ich komme nicht dazu, sie zu suchen. Wahrscheinlich gibt es genügend gute Internet-Artikel, wenn man weiß, wo man sie findet.

SCHLECHTE allerdings gibt es von beidem garantiert genug. Mehr als genug. VIEL MEHR als genug!

Vielleicht geht es Euch ja anders – aber ich habe es satt, in Müll zu ertrinken!

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