Natural Born Killers

Posted on September 9, 2007


Gerade eben, kurz vor dem Schlafengehen habe ich noch einmal den Fernseher eingeschaltet – eigentlich nur, um beim Aufräumen ein wenig Ablenkung zu haben. Fast überall lief Werbung, aber bei der ARD begann offensichtlich gerade ein Film. Normalerweise hätte ich weitergeschaltet (denn ich hatte nicht vor, einen kompletten Spielfilm zu sehen, und angefangene Filme mag ich nicht), da blieb mein Auge an Woody Harrelson hängen, den ich aus Cheers kannte, wo er den begriffsstutzigen, aber gutherzigen und sympathischen Trottel gespielt hatte. Was machte der in einem Kinofilm? Ich erinnerte mich daran, dass er in „Natural Born Killers“ mitgespielt hatte, den ich mir nie angesehen hatte. Würde die ARD tatsächlich diesen Film zeigen, auch wenn es schon spät war?

Sie würde. Ich beschloss, wenigstens so lange zuzusehen, bis ich mir zu diesem Film eine Meinung gebildet hatte. Nach ca. einer knappen halben Stunde hatte ich das: Der Film ist widerlich!

Das zentrale und vermutlich einzige Thema dieses Films (ich habe ihn ja nicht zu Ende gesehen) ist Gewaltverherrlichung. Das bedeutet nicht, dass er einfach nur ein gewaltverherrlichender Film wäre: Ein solcher Film hätte Gewaltdarstellungen zum Thema, würde aber nicht gerade diese Gewaltverherrlichung thematisieren.

Das tut Oliver Stone hier aber offensichtlich. Er vermeidet vollständig den reißerischen Pseudorealismus echter gewaltverherrlichender Filme; er parodiert, überzeichnet und verfremdet. Allerdings tut er all das mit Hinblick darauf, die dargestellte Gewalt und insbesondere das Töten von Menschen möglichst unterhaltsam darzustellen. Seine Botschaft ist: „Schaut her – das gefällt Euch, nicht wahr? Und jetzt denkt doch einmal daüber nach, wieso es Euch gefällt, und was das bedeutet!“

Nur, das tut niemand. (Fast niemand, okay.) Ich habe überhaupt keine Zweifel daran, dass die allermeisten Menschen diesen Film sehen wollten und gerne gesehen hatten, weil sie die Gewaltdarstellungen geil fanden – geil im Sinne von „geil“. „Natural Born Killers“ ist Gewaltpornografie! Seine künstlerische Leistung besteht darin, den Zuschauer dazu zu verführen, diese Tatsache zu akzeptieren. Letztlich erzielt er damit aber kaum eine andere Wirkung als „echte“ gewaltverherrlichende Filme – ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand seine Einstellung dazu durch den Konsum dieses Films ändert. Wer dargestellte Gewalt genießt, der tut es auch hier; wer sie ablehnt, tat es auch schon vorher.

Ich habe gerade bei Wikipedia gelesen, dass das ursprüngliche Drehbuch zu diesem Film von Quentin Tarantino stammt, und ich wundere mich nicht im geringsten. Tarantino mag ja mit dem Ergebnis nicht zufrieden gewesen sein und deswegen darauf bestanden haben, seinen Namen aus dem Film herauszuhalten, aber ich habe bei jeder Filmszene gedacht: Das ist ja wie bei Tarantino!

Ich gehöre zu der Minderheit derjenigen, die Tarantino-Filme verabscheuen. Sie beruhen nämlich ebenso wie „Natural Born Killers“ auf Gewaltpornografie, nur dass sie keine selbstreflexive künstlerische Aussage für sich beanspruchen, sondern die Gewaltdarstellung an sich mit künstlerischen Mitteln betreiben. Ebenso wie ein gut gefilmter und kreativ umgesetzter Porno ein besserer Porno als der Durchschnitt ist, aber eben immer noch ein Porno, sind Tarantinos Filme Gewaltverherrlichung – nicht plump, sondern sehr einfalllsreich umgesetzt, aber genau dies.

Ich lehne Gewaltdarstellungen nicht prinzipiell ab. Wenn sie Bestandteil einer Handlung sind, dann will ich sie sehen, und dann auch ungeschnitten und ungeschönt (ich ärgere mich jedes Mal wieder, wenn im Fernsehen der zweite Teil von Indiana Jones gezeigt wird und die Szene fehlt, in der der Priester dem Opfer das Herz herausreißt). Ich sehe mir aber Filme niemals in erster Linie wegen ihrer Gewaltdarstellungen an!

So ähnlich wird übrigens auch der Unterschied zwischen Erotik als Bestandteil einer Handlung und Pornografie als Wix-Vorlage für gewöhnlich festgemacht. Der Unterschied ist aber der: Ich kann absolut nicht Schlimmes daran finden, wenn man (oder frau) sich an der Darstellung sexueller Praktiken aufgeilt! Sex ist geil und Sex ist schön – wo ist das Negativum? Gewalt hingegen ist NICHT schön, und sie als antörnend zu empfinden (ich spreche hier nicht von SM in beidseitigem Einverständnis, sondern von Morden, Quälen, Vergewaltigen etc…) ist krankhaft, denn es führt zu Verhalten, das anderen Menschen schadet.

Ich werde das nie verstehen: Wenn ich auf einer Party davon erzähle, wie gut mir die Szene in einem Porno gefallen hat, als ein Haufen Kerle einer Darstellerin ins Gesicht spritzt, dann bin ich sofort als sozial gestörter Perversling verschrien. Wenn ich hingegen davon schwärme, wie in einem Tarantino-Film der Killer beiläufig einem Typen in den Kopf geschossen hat, so dass sein Gehirn überall hin spritzte, dann stimmen mir von allen Seiten Leute zu, wie cool das doch gewesen ist, weil Tarantino-Filme als cool gelten, und Leute, die sie cool finden, natürlich auch.

Nun, ich habe mich daran gewöhnt, nicht allgemein als „cool “ angesehen zu werden (da ich den Großteil der Leute, die als besonders cool gelten, für Idioten halte, kann ich auch gut damit leben), deswegen bekunde ich hiermit öffentlich, dass ich lieber Menschen beim Ficken zusehe als dabei, wie sie sich gegenseitig umbringen!

Au Mann, wie uncool von mir.

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