Jugendbücher

Posted on November 15, 2007


Wenn ich Nachrichten oder Infotainment sehe, dann meistens nur nebenbei begleitend zu einer anderen Tätigkeit, wie essen oder Karten sortieren. Da geschieht es schon einmal, dass man Details einer Meldung verpasst. So gab es gestern zum Beispiel auf mehreren Sendern Beiträge über Astrid Lindgren, die gestorben ist. Ach nein, die ihren 100. Geburtstag hatte. Oder was denn nun?

Wikipedia hat mich heute aufgeklärt, dass Lindgren schon seit einigen Jahren tot ist, und dass also die ganzen Sendungen ausgestrahlt wurden, weil sie heute, wenn sie denn noch lebte, ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte. Aha!

Als ich den Sendungen folgte, welche den exakten Anlass ihres Entstehens so kunstreich verbargen, stellte ich wieder einmal fest, dass ich erstaunlicherweise kaum eines der berühmteren Lindgren-Bücher gelesen hatte. Dabei war sie mir keineswegs unbekannt: Wir Kinder aus Bullerbü, Kalle Blomquist, Karlsson vom Dach; das kannte ich. Pippi Langstrumpf? Das stand in meiner Grundschulzeit einmal auf meinem Geburtstagsgabentisch, aber ich sah wirklich überhaupt keine Veranlassung, es zu lesen – ein Mädchen, das in einer „Villa Kunterbunt“ lebte, und das wegen seiner roten Zöpfe und bunten Kleidung als „frech“ bezeichnet wurde? Liebe Buchverlage: Klappentexte sind wichtig! Ein Buch über ein Mädchen, dessen „Abenteuer“ darin zu bestehen scheinen, sich bunt anzuziehen – das musste ja wohl ein Mädchenbuch sein!

Auch den Michel aus der Suppenschüssel, Mio, Madita und Ronja Räubertochter habe ich nie gelesen. Als mir das bewusst wurde, dachte ich mir, ich könnte doch einmal einen Blogeintrag darüber schreiben, welche Kinder- und Jugendbücher ich denn gelesen hatte! Damit Ihr Leser diese Informationen einordnen könnt, muss ich wohl offenbaren, dass ich Jahrgang 1970 bin, und dass die Zeit, in der ich vorwiegend jugendgerechte Literatur rezipierte, ca. zwischen 1976 und 1986 anzusiedeln ist.

Bücher, die mich beeindruckt haben, las ich immer deutlich öfter als einmal – zum einen, weil meine Eltern vielleicht nicht so richtig mit dem Kaufen hinterherkamen (denn ich las sehr schnell), zum anderen, weil ich lieber eine Geschichte, die mir gefallen hatte, noch einmal las, als mich durch ein neues Buch zu quälen, das mir eigentlich nicht gefiel. Dieses Prinzip gilt für mich noch heute, und auch auf anderen Gebieten!

Astrid Lindgren stand dabei nicht im Mittelpunkt meiner Leseerlebnisse. Die Bullerbü-Geschichten waren dann doch zu harmlos, als sie mir mehr als vielleicht zwei Mal im einstelligen Alter vorzunehmen. Karlsson vom Dach punktete zwar mit seiner Skurrilität, aber die Hauptfigur Lillebror war doch zu eindeutig ein kleiner Junge mit den Problemen eines kleinen Kindes, und damit konnte ich mich nie wirklich identifizieren. Kalle Blomquist schließlich, der war schon eher nach meinem Geschmack, mit seinen Detektivgeschichten und der Fehde zwischen der „weißen Rose“ und der „roten Rose“ (die sich mir im Rückblick irgendwie wie ein direkter Vorläufer von LARP darstellt!) Leider gab es davon aber nur drei Bände, und außerdem war der Auftritt des ach so niedlichen kleinen Rasmus im letzten Band ein echter Abtörner. Nichts versaut Spannung und Stimmung so gründlich wie kleine Kinder!

Spannung, Stimmung, Skurriles – danach war ich auch bei Jugendbüchern schon nach der Suche. „Abenteuer“ war das Stichwort! Die mit Abstand größte Sammlung von Kinderbüchern hatte ich daher auch von der erfolgreichsten Kinderbuchautorin aller Zeiten, Enid Blyton.(Okay, in ein paar Jahren wird die Rowling sie wohl überholen – und das mit nur sieben Büchern!) Die Fünf-Freunde-Reihe, sowie Geheimnis-um…, Rätsel-um… und …der-Abenteuer hatte ich alle nahezu komplett.

Enid Blyton hat in den letzten Jahrzehnten einen sehr schlechten Ruf bekommen. Ihre Werke gelten als rassistisch, sexistisch und allgemein klischeehaft (und dann war da noch ihr Tick, ausführliche Mahlzeiten zu beschreiben – ich erinnere mich an die Passage mit einem Schäfer, der gerade ein „frugales Mahl“ zu sich nahm, welches aus Milch, Brot, Butter, Käse, Eiern, Zwiebeln und gekochtem Schinken bestand…) Kurz gesagt: Das stimmt wohl! Trotzdem ist es für mich ein künstlerisches Verbrechen, dass ihre Bücher umgeschrieben und „entschärft“ wurden.

Die Figuren Blytons erlebten spannende Abenteuer und lösten mysteriöse Geheimnisse, und sie wurden nie als kleine Kinder beschrieben, sondern als tatkräftige, selbständige, vernatwortungsbewusste Personen. Klar, sie waren klischeehafte Abziehbilder, aber ist das in anderen Kinderbüchern, ja selbst in vielen Erwachsenengeschichten wirklich anders? Mit zwölf, dreizehn Jahren erlosch meine Begeisterung für diese Bücher auch, aber in jüngeren Jahren wäre ich mit differenzierten Charakteren und verschwommenen Gut-Böse-Schemata gewiss überfordert gewesen. Für diese Altersstufe ist einfache Spannungsliteratur, die ab und zu ein paar Einsichten vermittelt, völlig in Ordnung!

Außerdem konnte ich noch so oft lesen, dass die Mädchen den Abwasch machten, während die Jungs auf Abenteuer auszogen, oder dass das Zigeunermädchen sich weigerte, sich zu waschen, ohne dass mein Weltbild dadurch geprägt wurde. Vielleicht liegt es daran, dass ich schon immer einen sehr unabhängigen Verstand besaß; vielleicht auch daran, dass ich so viele andere Leseeinflüsse hatte, aber ich übertrug diese Geschehnisse nicht auf meine Lebensrealität. In jedem Fall bin ich der Ansicht,.dass es besser gewesen wäre, Blytons Bücher unverändert, aber ergänzt durch einen kindgerechten Kommentar, der auf solche Unstimmigkeiten hinweist, zu veröffentlichen. So wie:

An alle großen und kleinen Leser dieser Bücher! Diese Geschichten sind spannend, nicht wahr? Aber ist Euch aufgefallen, dass sich die Figuren manchmal merkwürdig verhalten? Wieso machen eigentlich die Mädchen immer den Abwasch und nie die Jungs, und wieso ist das Kind der „Zigeuner“ (das ist eigentlich eine sehr unhöfliche Bezeichnung, die aus früheren Zeiten stammt, netter wäre „Fahrendes Volk“, und ganz korrekt „Sinti und Roma“) schmutzig und widerspenstig? Ist das in der wirklichen Welt auch so?

Nein, Jungen und Mädchen können beide Haushaltspflichten erledigen und Abenteuer erleben, und Menschen, die sich nicht gerne waschen, gibt es bei allen Völkern, aber der Normalfall ist hier wie dort, dass sie sauber und gut erzogen sind! Die Autorin hat sich beim Schreiben dieser Geschichten besondere Mühe gegeben, spannend und unterhaltsam zu schreiben und ist dabei bei der Beschreibung ihrer Figuren in Vorurteile abgerutscht, die viele Menschen früher hatten und manche Menschen auch heute noch haben.

Denkt immer daran: Wenn jemand Euch erzählt „Mädchen sind soundso“, oder „Ausländer sind soundso“, dann hat er oder sie vielleicht einmal jemanden kennen gelernt, auf den das zutrifft, oder einfach nur weitererzählt, was er oder sie gehört oder gelesen hat, aber natürlich gibt es ganz viele andere Menschen, auf die das nicht zutrifft! Glaubt nie etwas über andere Menschen, die Ihr nicht gut persönlich kennen gelernt habt, sonst werdet Ihr Euch oft irren!

Etwas in der Art eben. Eine politisch korrekte Welt ist nicht weniger eine Lüge als eine von Vorurteilen gezeichnete! Kindern nur Dinge zu lesen zu geben, die sie lesen sollen, ist der falsche Weg – viel wichtiger ist es, sie dazu zu erziehen, nicht alles zu glauben, was sie lesen, und sich eigene Gedanken zu machen!

Das ist übrigens eine gute Überleitung zu dem meiner Ansicht nach besten Jugendbuchautor aller Zeiten: Erich Kästner! Er hat sowohl für Kinder als auch für Erwachsene geschrieben, aber heute will ich nur auf seine Jugendbücher hinweisen: Emil und die Detektive, Emil und die drei Zwillinge, Das Doppelte Lottchen, Das Fliegende Klassenzimmer, Der 35. Mai, Pünktchen und Anton, Der kleine Mann, Der kleine Mann und die kleine Miss – das sind alles tolle Bücher! Sie sind alle spannend, und sie spielen alle (na gut, die meisten) in der realen Welt und handeln von realen Problemen. Sie fordern zum Nachdenken auf, und Kästner schafft es sogar, ab und zu den moralischen Zeigefinger zu erheben, ohne dass es allzu sehr stört. Spannung, Authentizität und Pädagogik in einem, das ist eine besondere Leistung.

„Mut ohne Klugheit ist Unfug; und Klugheit ohne Mut ist Quatsch!“ Niemand anders hat so genau auf den Punkt gebracht, welche Charaktereigenschaften junge Menschen herausbilden sollten. Selbst herausfinden, was das Richtige ist, und dann auch die Willensstärke besitzen es zu tun – das sind zwei Drittel der Eigenschaften, die der Mensch bräuchte, um sich und seinesgleichen auf der Welt ein menschenwürdiges Leben zu bescheren (die dritte Qualität, die Kästner unausgesprochen voraussetzt, weil es bei ihm keine wirklichen Bösewichte gibt, sondern nur fehlgeleitete Individuen, ist natürlich die Güte, also die Bereitschaft, die Interessen anderer zu achten). Kästner war zwar ein Moralist, aber er hat das nicht als Rechtfertigung gesehen, seine Leser zu langweilen, und dann ist das etwas höchst Positives!

Die Jugendbücher von Kästner lese ich auch als Erwachsener noch gerne, weil es ihm gelingt, verständlich für Kinder zu schreiben, ohne die Intelligenz von Erwachsenen zu beleidigen. Ein anderer Autor, dem das zumindest teilweise gelingt, ist Otfried Preußler. Seinen tollen, unheimlichen Krabat habe ich erst vor einigen Jahren wiederentdeckt (als Kind besaß ich ihn als Hörspiel, hatte das aber völlig vergessen, bis ich einmal im Fernsehen zufällig eine Inhaltsangabe dieser Geschichte wiedererkannte), aber die Geschichten, die mir immer im Gedächtnis bleiben werden, sind die vom Räuber Hotzenplotz. Wen stören klischeehafte Charaktere, wenn sie so herrlich skurril und selbstironisch beschrieben werden? Die Hotzenplotz-Bücher sprühen vor Phantasie und Einfallsreichtum und bringen immer wieder unerwartete Wendungen. Die kleine Hexe fällt dagegen meiner Meinung nach allerdings deutlich ab. Trotzdem: Wenn ich einmal Kinder haben sollte, werden Kästner und Preußler als Muß im Kinderzimmer stehen!

Was ich hingegen nicht von mir aus für meine Kinder kaufen würde, ist TKKG (wenn es dieses Zeugs dann überhaupt noch gibt)! Theoretisch sind diese Bücher von Stefan Wolf (ein Pseudonym von Jerry-Cotton-Autor und Vielschreiber Rolf Kalmuczak) eine Mischung aus modernem Kästner und moderner Blyton. Praktisch vereint es die eher unerfreulichen und uninteressanten Aspekte der beiden Richtungen: Wolf biedert sich in bereits für mich als Fünfzehnjährigen völlig unerträglicher Weise seinem Zielpublikum mit Pseudojugendsprache an, um Authentizität vorzugaukeln, und die Flachheit seiner Abenteuer- und Rätselgeschichten fällt durch dieses moderne Setting besonders auf. Am schlimmsten jedoch ist die Klischeehaftigkeit seiner Charaktere und Rollenverteilungen: Was bei Blyton durch das anachronistische Gefühl von Erzählungen aus einer früheren Zeit noch erträglich ist, sticht hier, obgleich nicht ganz so extrem, um ein Vielfaches stärker ins Auge, weil seine Bücher im Hier und Heute spielen (okay, für mich sind die Achtziger noch Teil des Hier und Heute, klar?), und weil der Autor hier nicht etwa wie Blyton ein den Vorurteilen seiner Zeit auf den Leim gegangener Gutmensch ist, sondern ein professioneller Fließbandschreiber, der aus finanziellem Kalkül auf gängige Stereotypen setzt. Gleichzeitig bemüht er auch noch immer wieder den moralischen Zeigefinger viel aufdringlicher und unglaubwürdiger als Kästner und propagiert reichlich fragwürdige Idealbilder von Jugendlichen (denn der Kampfsport betreibende Draufgänger Tarzan/Tim und die hübsche, schüchterne Gaby werden als Rollenmodelle vorgegeben, während der weltfremde „Nerd“ Klaus und natürlich der unsportliche Klößchen hauptsächlich als abschreckendes Beispiel dafür dienen, wie man als Kind lieber nicht sein sollte, wenn man nicht gerade das Glück hat, einen „Beschützer“ wie Tarzan zu haben).

Glücklicherweise gibt es ja auf dem Feld der Detektiv-Geschichten Die Drei ??? (Das wird „Die drei Detektive“ ausgesprochen, falls Ihr diese Serie nicht kennt!). Klar, sie spielen ein bis zwei Jahrzehnte früher als TKKG und in Kalifornien, aber sie sind einfach besser: Phantasievoller aufgebaut und spannender erzählt! Gerade die Folgen, in denen die drei ??? einer Serie von rätselhaften Hinweisen folgen müssen, zählen zu ihren stärksten. Alles in allem ist die Reihe kein Muss, und insbesondere die zahlreichen Nachahmungen und Varianten der Originalbücher, die es unterdessen gibt, dürften von sehr unterschiedlicher Qualität sein, aber für lesehungrige Kinder mit Appetit auf Detektivgeschichten ist diese Serie eine solide Wahl.

Wen gab es noch: Wolfgang Ecke! Kennt den heute eigentlich noch jemand, mit seinen Figuren Perry Clifton und Balduin Pfiff? Balduin, der Buttermilch trinkende Fettwanst, dessen Texten immer einfache Kochrezepte beilagen, war dabei deutlich unterhaltsamer. Vielleicht lag es daran, dass die Kurzgeschichten, die ich von Pfiff nur kannte, nicht auf Romanlänge ausgewalzt waren, und so die kleinen, teilweise äußerst feinen Ideen gut zur Geltung kamen. Vielleicht lag es auch daran, dass Ecke als Schreiber einfach die Klasse fehlte, komplette Romane aufzubauen. Vielleicht lag es aber auch an der äußerst gewollt wirkenden Platzierung Cliftons in London, das mir selbst als Kind bei Eckes Geschichten immer als notdürftig beschriebene Kulisse ohne authentisches Flair erschien. Ganz bestimmt aber lag es an der unfertigen und uninteressanten Figur des dreizehnjährigen Dicki, dessen einzige wirkliche Bedeutung für die Handlung in der Bewunderung des achsoschlauen (und wenn man genau hinliest, oft reichlich unfähigen) Perry bestand. Einige von Eckes Kurzkrimis sind echte Juwelen (Wer kennt die „Zwerg-Zirbel-Zypresse“ und die „Platte für eine Mark“ noch?), aber seine längeren Bücher erschienen mir immer etwas fad. Jedoch sind gerade seine Mitratekrimis ein hervorragendes Konzept für Jugendliteratur!

Michael Ende möchte ich noch erwähnen. Die Jim-Knopf-Bücher habe ich ganz nett in Erinnerung, aber ich weiß es nicht mehr genau, weil sie irgendwie aus meinem Bücherregal verschwanden. Momo ist ebenfalls ein nettes Buch, aber ich las es erst mit fünfzehn, sechzehn Jahren, und da stießen mir die teilweise doch sehr offensichtlichen Allegorien bereits sauer auf. Die Unendliche Geschichte hingegen fand und finde ich trotz vereinzelter netter Ideen doof: Als Tolkien-Leser hatte ich zu schätzen gelernt, dass eine Welt fremdartig und phantastisch, aber trotzdem einer inneren Logik unterworden sein kann, und die Beliebigkeit und Widersprüchlichkeit Phantasiens (was für ein phantasieloser Name übrigens!) sprach mich nicht an.

Und schließlich ist da natürlich noch Wolfgang Hohlbein. Unter anderem zusammen mit seiner Frau Heike hat er zahlreiche Jugendbücher geschreiben. Märchenmond hat mir, glaube ich, ganz gut gefallen. Die folgenden Bücher (zum Beispiel Elfentanz)… lasen sich irgendwie ganz genau so, nett, aber irgendwie nur Wiederholungen. Mit anderen Worten: Auch nicht anders als bei seinen Erwachsenenbüchern, wo er gute Ideen und Konzepte hat, sie aber in endloser Repetition auswalzt (und dabei gelegentlich den Faden verliert). Allerdings war ich auch bei der Lektüre von Hohlbeins Büchern bereits ein wenig älter.

Ich denke, das waren alle Autoren, von denen ich mehr als ein oder zwei Bücher gelesen hatte, die eindeutig Jugendbücher waren! (Einzeltitel kann ich weiß Gott nicht alle aufführen.) Dazu kamen natürlich noch jugendgerecht aufgemachte Ausgaben anderer Autoren wie zum Beispiel Jules Verne, Jack London oder Arthur Conan Doyle („jugendgerechte“ Umschreibungen sind eigentlich ein Verbrechen – habt Ihr „Gullivers Reisen“, diese bissige Gesellschaftssatire, als Jugendbuch gelesen? Was für ein Frankenstein-Monster!) Außerdem natürlich Comics! Ich wuchs mit Disney (die alten Geschichten, bevor die Lustigen Taschenbücher herauskamen, waren noch richtig gut!), Asterix, Lucky Luke sowie Tim und Struppi auf. Superhelden-Comics hingegen waren nur begrenzt mein Fall – Superman war damals schon langweilig! Helden, die einem bestimmten „Aspekt“ zuzuordnen waren, wie Roter Blitz, Grüner Pfeil oder Aquaman regten schon eher meine Phantasie an, und wenn ich damals bereits gewusst hätte, wie ich an Batman-Geschichten komme… aber dazu habe ich ja bereits gebloggt.

Dann habe ich mich noch durch einen großen Teil der Bücherregale meiner Eltern gelesen. Insbesondere Agatha Christie und Edgar Wallace habe ich dutzendweise verschlungen (aus heutiger Sicht weiß ich, dass die Christie-Krimis um Größenordnungen besser sind, weil sie nicht nur hervorragend ausgearbeitete Kriminalfälle sind, sondern gleichzeitig messerscharf zutreffende psychologische und soziologische Einsichten bieten), und auch Dorothy Sayers (auch sehr empfehlenswert!). Krimis, Abenteuergeschichten, Phantastik – das hat mich als Jugendlicher interessiert.

Was hat sich eigentlich in den letzten zwanzig Jahren getan? Welche neuen Autoren von Jugendbüchern gibt es, die das Potenzial besitzen, Generationen zu überdauern?

Na klar, da ist Harry Potter. (Ich habe die Bücher unterdessen gelesen und werde vermutlich einen eigenen Eintrag über sie verfassen. Wie auch immer: Es sind eindeutig Kinderbücher, auch wenn sie gegen Ende hin düsterer werden.) An dieser Stelle zitiere ich mal aus einem Forum meine Antwort auf die Frage eines Mitglieds, warum ich der Ansicht sei, die Zeit sei für diese Bücher einfach reif gewesen:

Die Zeit war deswegen reif dafür (nicht für die schreiberischen Schwächen, sondern für die Thematik), weil in den Neunzigern das Fantasy-Thema in den Mainstream gelangt war. Die Generation, die mit dem Herrn der Ringe und Star Wars aufgewachsen war, kam in die Elternrolle. Sieh Dir die Kinofilme dieser Epoche an! Selbst Fantasy-Rollenspiele, die noch Ende der Achtziger von der Bild-Zeitung als Grundlage einer satanistischen Sekte angeprangert worden waren, wurden über den Quereinstieg der Computerwelt salonfähig, und Das Schwarze Auge wurde zum Familienhobby.

Die Zeit war reif für eine Jugendbuchreihe, welche phantastische Themen nicht mehr mit dem Staub des Märchenhaften behandelte, so wie zum Beispiel Der Räuber Hotzenplotz (nichts gegen diese herrlichen Bücher, BTW!), sondern sie in das Gewand der modernen Phantastik einbettete, mit den Wurzeln nicht mehr in Märchen und Legenden, sondern in der modernen Popkultur.

Der Erfolg von Kinder- und Jugendbüchern wird immer von den Eltern bestimmt, und an Stelle der Elterngeneration, die in den Achtzigern ihren Kindern TKKG und Die drei ??? gekauft hatten, weil sie in ihrer Jugend Edgar Wallace und Agatha Christie gelesen und im Kino gesehen hatte, war eine solche getreten, die sich begeistert auf Harry Potter stürzte.

Was ist mit Artemis Fowl? Das sollen sehr erfolgreiche Bücher sein, und auch wenn man natürlich den Eindruck bekommen kann, dass Eoin Colfer hier auf den Potter-Zug aufgesprungen ist, erscheinen sie mir auf den ersten Blick eigenständig und interessant. Wer kennt sich damit aus?

Und dann ist da Lemony Snicket (Daniel Handlers) „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“, der mich im Kino begeistert hat. Sind die Bücher auch so gut?

Auf jeden Fall denke ich nicht, dass es ein Zufall ist, dass alle diese Reihen dem Gebiet der Phantastik zuzuordnen sind. Artemis und Lemony werde ich mir in nächster Zeit wohl näher ansehen, denke ich: Gute Jugendbücher kann man auch als Erwachsener noch gerne lesen, und außerdem betrachte ich das als eine Art „Fortbildung“, wie schon bei Harry Potter: Phantastische Literatur, Jugendbücher, Bestseller – das sind alles Dinge, die ich gerne einmal schreiben würde, da sollte es nichts schaden, mich mit ihnen auseinanderzusetzen!

Nachtrag: Es gibt unterdessen noch einen Nachschlag zu diesem Beitrag, und zwar hier.

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