Kino auf Hochglanz

Posted on Dezember 7, 2007


Star Wars.

Nein, das ist eigentlich falsch geschrieben: STAR WARS!

Eine der vielen Kleinigkeiten, die mich immer wieder erbarmungslos daran erinnern, wie alt ich geworden bin, ist die fehlende Reaktion der jungen Generation auf diese magischen Worte. Oh, die meisten – aber schockierenderweise nicht einmal mehr alle! – kennen diese Filme (und damit meine ich zunächst einmal die ursprüngliche Trilogie, die Teile 4-6 also) noch, aber das Gefühl der Ehrfurcht, die Erkenntnis über etwas ganz Besonderes zu sprechen, ist nicht mehr vorhanden.

Wie könnte es auch? Star Wars IST heute nichts Besonderes mehr, und um zu verstehen, wieso das damals anders war… muss man wohl so alt sein wie ich, fürchte ich!

Der Plot von Star Wars ist zugegebenermaßen an Trivialiät schwer zu überbieten (obgleich so manchem neueren Film das durchaus gelungen ist): Das ultimative Böse will das Universum beherrschen, aber ein Häuflein tapferer Rebellen stellt sich ihm entgegen und gewinnt einen aussichtslos erscheinenden Krieg. Ist das nicht abgeschmackt?

Die Antwort lautet: Nein, es ist nicht abgeschmackt – es ist archetypisch! Witzigerweise bin ich gerade beim Lesen einer Magic-Seite auf dieses Thema gebracht worden: Die Geschichten, die wir erzählen, besitzen leztlich immer wieder die selben Elemente; die selben Themen, die selben Charaktere, die selben Handlungsstränge. Ich habe sie als „Werkzeuge“ beschrieben gesehen, mit deren Hilfe der Erzähler seine Kunstwerke formt, aber ich finde, „Bausteine“ ist passender. Wir wollen Geschichten hören/lesen/sehen, die wir nachvollziehen können, die uns betreffen – wenn schon nicht persönlich, so doch psychologisch. Wiederkehrende Muster in Geschichten spiegeln wiederkehrende Muster in unserem Geist wieder. Wir interessieren uns immer für die selben Dinge: Was ist uns wichtig; wie können wir erreichen, was uns wichtig ist; was bedroht uns; wie können wir bekämpfen, was uns bedroht; was müssen wir dafür aufgeben, um diesen Kampf aufzunehmen; und welches Schicksal ereilt uns, wenn wir ihn verlieren.

Diese Fragen finden wir in einer Vielfalt von Rahmenbedingungen, Entwicklungen und Entscheidungen wieder. Ein Rebell, der sich der Armee des Imperators im Starfighter entgegenstellt; ein Boxer, welcher sich mit den Fäusten den Weg zum Ruhm erarbeitet; ein Schüler, der sich gegen gehässige Klassenkameraden und ungerechte Lehrer behaupten muss – die Abläufe sind die selben. Welche Motivation einen Charakter antreibt, und mit welchen Mitteln er seine Ziele verfolgt, das unterscheidet diese Figuren voneinander, aber letztlich stehen sie aller der selben Art von Entscheidungen gegenüber.

Ich wage mich hier auf ein Gebiet vor, von dem ich nicht wirklich etwas verstehe, aber ich bin überzeugt davon, dass es in der Ästhetik im Wesentlichen zwei Wege gibt, etwas Ansprechendes zu gestalten: Simple Eleganz und opulente Vielfalt. Man kann das Wesen eines Bildes etc… entweder besonders klar herausarbeiten, oder man kann mit Hilfe zahlreicher Zwischentöne und Subtilitäten ein komplexes Werk erschaffen. Beides hat seinen Reiz.

Vielfalt äußert sich in Geschichten im komplex angelegten Figuren, welche in verworrener Beziehung zueinander stehen, sowie nichtlinearen Handlungssträngen. Doch auch hier verwendet der Erzähler immer die selben Bausteine. Eine komplexe Persönlichkeit besteht aus vielen, möglicherweise widersprüchlich erscheinenden Aspekten, die sich in ihr überlagern bzw. zusammenfügen; aber diese Aspekte sind immer noch archetypisch: Der liebende Familienvater, der erfolgreiche Geschäftsmann, der gewissenlose Serienmörder – eine Figur wie Mr. Brooks erhält ihre Komplexität durch die Vereinigung simpler Konzepte, ihre Tiefe durch deren überzeugendes Zusammenspiel. Auch wenn die Figuren einer Geschichte sich nicht dem Schema „Gut gegen Böse“ zuordnen lassen, gibt es doch in jedem Konflikt zwischen ihnen ein „moralisch richtig“, welches wir als Zuschauer zu erkennen meinen, und dementsprechend einen Ausgang des Konfliktes, den wir uns wünschen. Einem geschickten Erzähler mag es gelingen, die Sympathie des Publikums auf die Seite eines Mörders oder Terroristen zu ziehen (und der Grat zwischen Rebellen und Terroristen ist auch bei Star Wars, wenn man einmal darüber nachdenkt, reichlich schmal), und vielleicht gelingt es ihm sogar, unsere moralischen Vorstellungen zu überlisten, indem er uns etwas „Böses“ wie einen Mord als wünschenswertes Ziel schmackhaft macht, aber letztlich geht es immer wieder darum, dass die Figuren in Geschichten sich Entscheidungen und Herausforderungen gegenüber sehen, bei denen wir eine Vorstellung davon haben, wie sie getroffen werden bzw. ausgehen sollten. Selbst der klassische Fall, in dem es nur möglich scheint, sich zwischen zwei inakzeptablen Möglichkeiten zu entscheiden, birgt immer die Hoffnung, dass der Held (denn in solche Situationen geraten per Definition immer die Helden) einen Weg findet, aus einer falsch erscheinenden Entscheidung eine richtige zu machen.

Ziel einer jeden Geschichte ist es, ihre Figuren in Konflikte zu bringen und uns beobachten zu lassen, auf welche Art sie diese Konflikte zu lösen versuchen und welche Konsequenzen das für sie hat. Es gibt also immer eine „Auflösung“, selbst wenn sie nur angedeutet sein sollte. Ein Konflikt, dessen Ausgang wir nicht mitverfolgen können, stellt keine Handlung dar. (Fehlende Konflikte tun das erst recht nicht!) Dieser Ausgang aber ist es, welcher für den „Aha!“-Effekt sorgt, der uns das Gefühl gibt, die Geschichte hätte uns „etwas gebracht“. Er kann simpel emotional beruhigend sein (wie das klassische „Happy End“), zutiefst verstörend (wenn das Gegenteil der Fall ist) oder intellektuell fordernd (Was ist da eigentlich tatsächlich passiert, und welche Bedeutung hat es?)

Dieses Schema von Konflikt und Auflösung liegt also jeder Geschichte zu Grunde, aber ob eine Geschichte uns befriedigend erscheint, hängt davon ab, ob sie nachvollziehbar ist, sprich: Ob wir uns in die Situation der Figuren, welche Entscheidungen treffen, hineinversetzen können. Und dafür gibt es eben jene zwei universell gültige Möglichkeiten aus der Ästhetik: Simplizität oder Komplexität. Die eine spricht uns emotional an, die andere intellektuell. Eine komplexe Figur erlangt ihre Stimmigkeit durch Glaubwürdigkeit, sie überzeugt uns als „echte“ Person. Eine simple Figur hingegen resoniert in unserem Geist als Archetyp. Wir „verstehen“ sie, weil wir das Konzept verstehen: Der tapfere Rebell, der Dieb mit dem goldenen Herzen, die verliebte Prinzessin… Sie alle stehen für einen fundamentalen, in ihrer Persönlichkeit angelegten Konflikt. Der Rebell muss sich entscheiden, ob er die Sicherheit seines einfachen Lebens aufgibt, um ein übermächtiges Unrecht zu bekämpfen, auch wenn dieser Kampf ihm aller Wahrscheinlichkeit nach nur den Tod bringen wird. Der Dieb muss sich entscheiden, ob ihm die eigene Sicherheit und materielle Vorteile wichtiger sind als die Gelegenheit, etwas Gutes zu tun. Die Prinzessin muss sich zwischen dem goldenen Käfig der gesellschaftlichen Zwänge und der Stimme ihres Herzens entscheiden.

Wir kennen alle diese Archetypen, und wir lieben sie, weil sie die Personifizierung von Entscheidungen darstellen, denen wir in kleinerem Maßstab täglich im wahren Leben begegnen. Wir lieben sie nicht zuletzt, weil sie für uns den Mut aufbringen, die „moralisch richtige“ Entscheidung zu treffen, für die uns in der Realität der Mut und die Erfolgsaussichten fehlen.

Star Wars benutzt solche Archetypen in geradezu exemplarischer Weise. Der Bauernjunge Luke, welcher zum Jedi-Meister aufsteigt; der Schmuggler Han Solo, welcher die Liebe von Prinzessin Leia erringt; der Ersatzvater Obi-Wan, der sich für Luke opfert; der weise Jedi-Meister Yoda; der tapfere, mutig vorstürmende Kämpfer Chewbacca; der schlaue kleine Droid R2D2; der für die komischen Momente sorgende C3PO; der auf die dunkle Seite geratene und von der Liebe zu seinem Sohn zuletzt bekehrte Darth Vader; und schließlich das personifizierte Böse, der Imperator: Sie stellen eine Art Who-is-who der erzählerischen Archetypen dar. Die Geschichte von Star Wars vereint sie alle und hebt sie mit einem paradox anmutenden Mittel besonders klar hervor, nämlich mittels der Verfremdung.

Die Figuren in Star Wars sind Jedi-Ritter, Raumschiffkapitäne, Androiden und Wookies. Sie befinden sich in einem Umfeld, welches von unserem Alltag extrem weit entfernt ist (nämlich in einem Fantasy-Weltraum, auch „Space Opera“ genannt). Gerade deswegen stechen die Parallelen in ihrem Verhalten so deutlich heraus! Jediritter sind die Paragone des noblen Kämpfertypes. Han Solo mit seinem Raumschiff ist der ultimative Pirat (okay, Schmuggler, aber das läuft aufs Gleiche hinaus). Chewbacca verkörpert den loyalen Berserker bis aufs Haar… alle Haare. Leia Organa ist die Prinzessin eines ganzen Planeten. Und der böse Imperator beherrscht und unterdrückt gleich die gesamze Galaxis.

Star Wars ist brilliant, weil es mit Hilfe der Weltraum-Thematik gängige Archetypen maximal überhöht hat. Krieg wird um die gesamte Galaxis geführt. Die ultimative Waffe der Bösen ist ein künstlicher Mond, der Planeten in Stücke sprengen kann.

Star Wars ist Gigantismus in Tateinheit mit höchster Vereinfachung. Es ist Hochglanz-Kino. Die Eröffnungssequenz des ersten Teils (also Episode Vier, jaja) ist deswegen so gigantisch, weil dieser Sternenzerstörer einfach unglaublich GROSS ist. Luke Skywalker ist nicht in die Wüste, sondern auf einen Wüstenplaneten (nein, nicht den) verbannt worden, die Rebellen ziehen sich nicht in die Arktis, sondern auf einen Eisplaneten zurück, und Yoda lebt nicht in einem Sumpf, sondern auf einem Sunpfplaneten. Die Sturmtruppen sind alle gesichtslos, böse und dumm und erstaunlich schlechte Schützen (und ihre Panzerung scheint ihnen auch nicht allzu viel zu nützen). Jabba ist im ganz konkret körperlichen Sinne schleimig. Die Ewoks sind klein, niedlich und tapfer (genau wie die Teddybären, welche kleine Kinder beschützen).

Die Filme schöpfen nicht aus Klischees, sie suhlen sich darin. Sie sind intellektuell von höchstmöglicher Einfachheit, weil sie den Bauch (die Emotionen) ansprechen sollen, nicht den Kopf. (Nichtsdestotrotz ist ihre Wirkung auf diesen „Bauch“ ein äußerst ergiebiges Diskussionsgebiet für Intellektuelle!) Das gelingt ihnen hervorragend. Oder besser: Es gelang.

Genau so, wie intellektuelle Komplexität überzeugend sein muss, muss auch eine Geschichte, welche den Bauch anspricht, überzeugend sein. Eine Leckerei darf nicht nur ein bisschen süß sein und eine Pfeffersalami nicht nur ein bisschen scharf. Star Wars muss seine Zuschauer in die Größe seines Universums hineinsaugen, sie nicht zum Nachdenken kommen lassen. Wir müssen mit offenem Mund den Filmen folgen und ihn erst wieder schließen, wenn am Ende die (endlosen) Credits eingeblendet werden. Und das bewerkstelligte Star Wars mit seinen damals unerreichten Spezialeffekten.

A New Hope wurde mit tischgroßen Modellen von Sternenzerstörern gedreht, mit Darstellern in Kostümen und gemalten Hintergründen. Heute, wenn komplette Filme aus dem Computer stammen, ist das nur noch in derselben Weise beeindruckend, in der wir die Leistung jener Insulaner anerkennen, welche mit einem Kon-Tiki-artigen Floß den Pazifik überquert haben. Kein Wunder, dass George Lucas seine ursprüngliche Trilogie noch einmal am Computer nachbearbeiten ließ, bevor er sich an die nächsten (vorigen, ist ja gut) drei Teile machte! Damals aber war Star Wars GROSSARTIG. Das Universum, welches uns gezeigt wurde, war lebendig und wirkte real. Liebe zum Detail spielte da eine große Rolle, wenn ein Sternenzerstörer Hunderte von Aufbauten hatte, wenn sich in der Kantine in Mos Eisley Dutzende unterschiedliche Aliens befanden, und wenn Raumfrachter, welche ja alleine durch ihre Kraftfelder vom Vakuum abgeschirmt wurden, verrostet und verbeult aussahen. Innerhalb des vollständig unglaubwürdigen Star-Wars-Universums wirkten die einzelnen Szenen glaubwürdig, überzeugend real. Die Action-Sequenzen, so unlogisch sie beim genauer drüber Nachdenken auch waren (Raumkämpfe auf Sichtweite? Explosionen und Schussgeräusche im Vakuum?) zogen den Zuschauer mit genialer Dramaturgie unmittelbar in den Bann.

Star Wars hat eine uralte, simple Geschichte mit enormen Aufwand an Kulissen neu erzählt, und das ist sein Verdienst. Die Archetypen, welche diese Filmreihe benutzt, wurden uns so ins Bewusstsein gerückt. Wir sprechen in völlig anderen Zusammenhängen vom bösen Imperium, von Darth Vader, von Han Solo. Wir erkennen diese Figuren in zahllosen anderen Geschichten wieder, welche diese Archetypen verwenden, und wir referieren sie mit den Namen aus der Star-Wars-Saga, welche vermutlich der prägendste Einfluss der Popkultur des 20. Jahrhunderts ist.

…aber wenn ich jetzt „wir“ tippe, dann meine ich: Meine Generation (plusminus)! Die Faszination der Jedi ist vergangen. Sicher, die Teile 1-3 waren noch einmal gigantische Kinoerfolge, aber sie waren nur noch ein paar Blockbuster unter vielen. Sie waren nichts Besonderes mehr – oh, für meine Generation schon noch, denn wir waren natürlich extrem neugierig, wie George Lucas dieses Thema anging, aber nicht für diejenigen, die nicht mit der originalen Trilogie aufgewachsen waren.

Star Wars war nicht mehr einzigartig. Es hatte die Welle phantastischer Filme, welche ungebrochen und, wie mir scheint, immer noch an Kraft zunehmend, bis heute durch die Kinos rollt, ausgelöst und konnte sich nun nicht mehr daraus erheben. Fremde Welten, ferne Galaxien? „Dutzendware“ wäre eine Untertreibung.

Viel entscheidender aber ist, dass die Optik moderner Filme nachgezogen hat! Industrial Light & Magic war jahrelang die führende Firma auf dem Gebiet der Spezialeffekte gewesen, aber heute kann sich jeder Film, der auch nur über ein mittelgroßes Budget verfügt, die Rechenzeit leisten, um alles auf die Leinwand zu bringen, was seine Macher auf die Leinwand bringen wollen. Star Wars war so faszinierend, weil es das „Make Believe“ auf eine neue Ebene gebracht hatte, aber diese Ebene ist heute ein längst allgemein überbotener Standard.

Und damit, nach über 2000 Wörtern, komme ich jetzt auch auf den Anlass zu diesem Blogeintrag zu sprechen: Brilliante Special Effects sind heute tatsächlich STANDARD, und ich habe ein wenig Zeit (sprich: einige Jahre) benötigt, mich daran zu gewöhnen! Ich gehe ins Kino, um mich unterhalten zu lassen, und das kann auf ein bis zwei Arten geschehen: Intellektuelles Vergnügen (das schließt Witze, Rätsel und Psycho-Spielchen ein) und emotionales Vergnügen (Spannung und Staunen) . Für das erste sehe ich mir Komödien, Krimis, aber auch Filme wie zum Beispiel Mr. Brooks an. Für das zweite sind James Bond oder sogar Harry Potter zuständig.

Ich gehe nicht ins Kino, um gesellschaftliche Probleme zu wälzen. Ich interessiere mich nicht für die Geschichte des kleinen, blinden Jungen aus der französischen Provinz, dem sein Fahrrad gestohlen wurde (frei nach Roseanne), oder der Querschnittgelähmten, die zögernd eine Beziehung zu einem am Keuschheitsgelübde gescheiterten Pfarrer beginnt, welcher ihr beibringt, mit den Füßen zu malen. Wenn solche Figuren in eine Geschichte passen, die mich interessiert, dann weiß ich sie zu würdigen; dann sind sie wie besondere Gewürze. Wenn der ganze Film aber mit Prädikaten wie „besinnlich“ oder „nachdenklich“ beschrieben werden kann, dann verschwendet er meine Zeit. (Gott, habe ich Forrest Gump verabscheut!) Ich beschäftige mich weiß Gott genug mit Nachdenken über die Welt; ich brauche nur die Nachrichten zu sehen, um Gesamtzusammenhänge zu erkennen und mich nur mit realen Personen aus meinem Umfeld zu beschäftigen, um Einzelschicksale kennen zu lernen.

Ein Film muss mich unterhalten. Humor, Spannung, Mysterien, Phantastik – darauf lege ich Wert, am besten in einer guten Mischung. Dabei bin ich in einer Zeit aufgewachsen, in der das phantastische Element im Kino Mangelware war. Deswegen stürzte ich mich jahrelang auf jeden Film mit phantastischer Thematik, der erschien. Selbst ansonsten eher mittelmäßige Filme konnten bei mir dadurch punkten, dass sie ihre phantastischen Elemente überzeugend darstellten. Jurassic Park war TOLL, denn da liefen DINOSAURIER herum – und die waren absolut klasse gemacht!

Diese Zeit ist vorbei. Ich habe begriffen, dass großartige Spezialeffekte heute eine Selbstverständlichkeit sind. Man kann alles darstellen; die Kunst liegt darin auszusuchen, WAS man darstellt, und in welchen Zusammenhang man es bringt. Es hat wirklich lange gedauert, bis diese eigentlich offensichtliche Beobachtung in mein Bewusstsein vorgedrungen ist. Es hat wohl bis Matrix Reloaded gedauert. Diesem Film ist etwas gelungen, was für mich ein absolutes Novum war: Er hat mich mit spektakulären Acion-Szenen gelangweilt! Ich LIEBE spektakuläre Action-Szenen. Sie sind der Hauptgrund, warum ich James-Bond-Filme mag (aber nicht so sehr die ältesten, in denen zu viel langweilig herumgeballert wird). Coole Stunts sind toll! Matrix Reloaded aber ist es gelungen, mein Gehirn zu tilten. Bei allem guten Willen, mich auf das Make Believe einzulassen – ich WUSSTE, dass der Kampf zwischen den Smiths und Neo keinen Sieger haben konnte, denn die Smiths wurden immer zahlreicher, und Neo war als Auserwählter unbesiegbar. Und wie sollten mich die immer knapper gelingenden Sprünge beim Kampf auf den fahrenden Autos begeistern, wenn mir doch bekannt war, dass sie nicht einmal in der Filmrealität stattfanden?

Der erste Matrix-Film hatte mir gut gefallen, wenn auch bei Weitem nicht so gut wie vielen anderen (man könnte die These aufstellen, dass er Star Wars als Leitstern der Popkultur abgelöst hätte). Der Grund war aber weniger das phantastische Element, sondern eher das intellektuelle. Was die Inszenierung anging, schlug „Die Mumie“, welche zur gleichen Zeit anlief, ihn um Längen! Im zweiten Teil jedoch trat das Rätselhafte der Handlung in den Hintergrund, während das Staunen über die gezeigten Szenen praktisch völlig ausblieb. Matrix Reloaded war es gelungen, das Rad zu überdrehen; die Süßigkeit war zu süß und besaß ansonsten keinen Geschmack mehr.

Andere Filme fallen mir ein: Independence Day zum Beispiel, bei dem alle Spezialeffekte und (durchaus nicht schlecht gemachte) Action-Szenen mich nicht über die superdämliche, widersprüchliche und zu allem Überfluss auch noch ekelhaft patriotisch-reaktionäre Handlung hinwegtrösten konnten. Oder die Chroniken von Narnia (Teil 1, was hoffentlich eine Drohung darstellt, die niemals wahrgemacht wird), die selbst für einen Kinderfilm einfach unglaublich bescheuert und spannungsarm waren! Ich weiß noch, wie ich in der Vorschau dachte: Wow, ein sprechender Löwe! Hätte ich doch gewusst, dass ich damit 100% der sehenswerten Szenen des Films bereits kannte…

Es ist ein bisschen schade: Früher konnte ich immer, wenn ich Lust auf einen Kinobesuch hatte, mir einen phantastischen Film in dem Bewusstsein heraussuchen, dass er mich amüsieren würde. Heute bin ich gewarnt. Manche Filme sehe ich mir immer noch ganz gerne wegen der liebevollen Spezialeffekte an, ohne jedoch insgesamt von ihnen begeistert zu sein. Tomb Raider (ich kenne nur den ersten Teil) und Harry Potter gehören in diese Kategorie – und genaugenommen auch Der Herr der Ringe, der auf Grund der Verhackstückung der Handlung und völligen Verwurstung der meisten Charaktere unerträglich wäre, wenn nicht die visuelle Umsetzung Mittelerdes so meisterlich ausfiele. Bei manchen hingegen komme ich hingegen bereits leicht enttäuscht aus der Vorstellung, so wie bei Spiderman zum Beispiel, wo ein dämliches Konzept auch bei sorgfältigster optischer Aufbereitung einfach nicht besser wurde. Und dann gibt es die Totalausfälle wie Narnia.

Hochglanz durch Handwerkskunst alleine ist nicht mehr genug. Die Bilder müssen auch atmosphärisch inspiriert, wie bei der tollen Lemony-Snicket-Verfilmung (ich habe die Bücher noch nicht gelesen und beziehe mich deswegen nicht darauf), oder durch liebevoll gestaltete Charaktere und originelle Handlung verbunden sein, wie bei „Sternwanderer“. Computerspielverfilmungen weiche ich daher zuletzt lieber aus, auch wenn mir dabei möglicherweise einmal ein Juwel entgeht, wie Silent Hill, aber die Dungeon-Siege-Umsetzung zum Beispiel tue ich mir lieber nicht an.

Sehr gespannt allerdings bin ich auf „Der goldene Kompass“ (erstaunlich, welch vollständig andere Assoziationen dieser Titel im Vergleich zum Original, „His Dark Materials“ doch erweckt!) Ich habe bislang nur Gutes darüber gelesen und gehört, und die Vorschau deutete genau das an, was aus Tricktechnik heute herauszuholen ist: Eine liebevoll detailliert ausgearbeitete, atmosphärisch dichte, ein wenig skurrile Welt. Vielleicht schreibe ich ja schon in meinem nächsten Eintrag darüber?

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