Objektivität, Subjektivität und Relativität

Posted on Juni 17, 2008


Heile kleine Fußballwelt! (Zumindest, so lange wir nicht aus der EM ausscheiden.)

Und doch gibt es so viele Gründe, sich aufzuregen. Nicht nur krasse Fehlentscheidungen des Schiedsrichters, wie zum Beispiel der nicht gegebene Elfmeter für Tschechien gegen die Türkei beim Stand von 2 zu 0, der das Spiel kippte (natürlich haben die Türken sich dieses Kippen auch erarbeitet), sondern vor allem die Berichterstattung. Die deutschen Medien scheinen sich der Hopp- oder Topp-Masche britischer Zeitungen langsam annähern zu wollen.

Richtig auf regt mich im Moment, wie der arme Gomez von den Medien fertig gemacht wird, der gegen Polen viel geackert und viel mitgespielt hat und auch an guten Szenen (einschließlich eines Tores) beteiligt war, und der gegen Kroatien geackert hat und in einer enttäuschenden, aber keineswegs so grottenschlechten deutschen Mannschaft, wie die Medien es kolportiert haben, ein ordentliches Spiel mit wenig Fortune abgeliefert hat, und der auch gegen Österreich geackert hat und Torchancen bekommen hat.

Dieser unglaubliche vergebene Ball aus einem Meter Entfernung? Zunächst einmal war da natürlich eine Weltklasse-Vorarbeit von Klose gewesen. Dann aber machte Gomez fast alles richtig: Er war zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle, der Ball kam direkt auf seinen Fuß zu… und dann, wie auch kein Kritiker bestreitet, VERSPRANG er auf dem Rasen. Einen knappen halben Meter und eine Viertelsekunde, bevor er Gomez erreichte.

Was soll dieser Stuß „ein begnadeter Stürmer muss den trotzdem reinmachen“? Gomez besitzt immer noch eine menschliche Physiologie! Er HAT bereits mit einem superschnellen Reflex reagiert, der es ihm überhaupt ermöglicht hat, diesen Ball noch aufs Tor zu bringen! Vorwerfen kann man ihm nur, dass er danach konsterniert war und nicht mit genügend Einsatz das Kopfballduell auf der Torlinie bestritten hat.

Michael Ballack übrigens hat gegen Österreich fast genau so gut oder schlecht wie gegen Kroatien gespielt – weitgehend unauffällig, mit ein paar guten gewonnenen Zweikämpfen und zu wenigen wirklich gelungenen Pässen. Der Unterschied ist nur dieser eine, exzellente Freistoß, aber der war nun einmal im Tor, und plötzlich hat er alles richtig gemacht.

Wisst Ihr, was mich wirklich an dieser ganzen oberflächlichen, stimmungsmachenden Sportberichterstattung stört? Dass sie mir an Beispielen, die ich nachvollziehen kann demonstriert, wie Berichterstattung in den Medien ALLGEMEIN funktioniert. Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass wir über die Ereignisse in Politik oder Wirtschaft seriöser oder objektiver informiert werden?

Eines will ich noch sagen: Die Leistungen des deutschen Teams bei der WM 2006 werden im Nachhinein ja in den Himmel gelobt, und es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass das aktuelle Team bei der EM dieses Niveau nicht erreichte. Quatsch mit Soße! Auch 2006 hat Deutschland hauptsächlich gekämpft, gekämpft, Glück gehabt und gekämpft. Das Auftaktspiel gegen Costa Rica war höchst mäßig gewesen. Das 1:0 gegen Polen war genau so ein Krampf wie jetzt das 1:0 gegen Österreich, der Sieg gegen Ecuador deutlich müheloser als diesmal gegen Polen (denn der Gegner war noch schwächer). Schweden war ebenfalls kein erstklassiger Gegner. Gegen Argentinien hat Deutschland gemauert bis zum geht-nicht-mehr und sich mit viel Glück im Elfmeterschießen durchgesetzt. Und gegen Italien waren sie einfach klar schlechter, und das Glück ging ihnen aus. Das einzige wirklich gute Spiel gegen eine gute Mannschaft war der Sieg gegen Portugal, als es nur noch um Platz 3 ging.

Damals war aber die Erwartungshaltung niedriger – niemand hatte WIRKLICH daran geglaubt, dass Klinsmann dieses Team so weit nach vorne bringen würde! Heute erwarten wir mehr oder weniger den Titel, und die Mannschaft, die weder besser noch schlechter spielt als damals, wird an dieser überzogenen Erwartungshaltung gemessen.

Naja, wenigstens wird der Bundestrainer noch nicht vom Volk gewählt…

Advertisements