The Dark Knight – Rezension

Posted on September 5, 2008


Zu meinen bisherigen Batman-Rezensionen

Wie häufig kommt es vor, dass man an einen Film mit einer gigantischen Erwartungshaltung heran geht – und dass er diese dann tatsächlich auch erfüllt?

Return of the Jedi hatte dies bei mir geschafft, auch wenn ich damals noch recht jung war, und mit leichten Abstrichen Indiana Jones and the Last Crusade. Jedoch war keiner dieser Filme dermaßen gehyped worden, wie The Dark Knight.

Es muss klar ausgesprochen werden: Ohne Heath Ledgers mysteriösen und tragischen Tod hätte es diesen Hype nicht gegeben! Natürlich hat sich da ein hervorragender Regisseur eines höchst ergiebigen Stoffes angenommen, doch das war auch bereits bei Batman Begins der Fall gewesen – ein Film, der bereits auf dem selben Niveau wie sein Nachfolger stand, aber erheblich weniger Beachtung fand, insbesondere in Deutschland. Der unsäglich peinliche Batman & Robin hatte bei uns ein um die Hälfte höheres Einspielergebnis als Batman Begins!

Nun, der Hype war also vorhanden, und der Film ist tasächlich so gut geworden, wie man nach zahllosen Kritiken auch erwarten konnte. Ich will nur die wichtigsten Aspekte anreißen: Die Handlung bleibt (im Rahmen von Action-Kino) realistisch – keine Superkräfte oder Mutanten – und ist fest in einem stimmigen, düsteren Setting verankert. Die Psychologie der Figuren ist hervorragend, ganz besonders natürlich die des Jokers. Hier hat Nolan dankenswerterweise der Versuchung widerstanden, sich eine überzeugende Entstehungsgeschichte für den Joker auszudenken (auch wenn dieser selbst im Film damit kokettiert), sondern begriffen, dass das Wesentliche am Joker ist, dass er UNERKLÄRLICH ist, ein Albtraum, eine Naturgewalt, der personifizierte Wahnsinn. Ledger spielt den Joker noch eine Spur gewalttätiger, als er in den Comics angelegt ist: Während dort seine Verbrechen Ausdruck eines kranken Humors sind, steht hier das Bedürfnis des Jokers nach Chaos und Zerstörung im Vordergrund. Er macht sich über die Welt lustig, weil diese vorgibt, berechenbar zu sein, und er beweist, dass es keine Sicherheit und keine Kontrolle gibt. Er zerstört nicht nur unser Gefühl der trügerischen Sicherheit, er zerreißt auch das dünne Mäntelchen unserer Zivilisation mit seinen makabren Spielchen, indem er normale, „anständige“ Bürger dazu verleitet, zu Mördern zu werden. Der Joker in The Dark Knight erlaubt dem Zuschauer keine Distanz, wie es bei Nicholson im Batman von 1985 noch der Fall war, wo man sich noch über dessen makabren Scherze amüsieren konnte. Ledger spielt den Joker als Urgewalt, der eine Panik verbreitet, die sich auf den Zuschauer überträgt. Nicholsons Joker hat neugierig gemacht. Bei Ledger wünscht man sich nur, dass man die Augen schließen kann, und er dann verschwindet.

The Dark Knight ist deutlich gewalttätiger als Batman Begins, und die Mortalitätsrate ist erheblich höher. Dabei wird unter den Neben- und teilweise auch den Hauptfiguren des Films kräftig aufgeräumt. Mit dem Tod von Rachel wird eine Grenze überschritten: Selbst in Batman Begins starb keine wirklich WICHTIGE Figur (außer natürlich in der Rückblende). Da ist übrigens eine gewisse Parallele zu den Comics zu erkennen, in denen es auch in der Regel der Joker ist, welcher für die wirklich bedeutsamen Todesfälle (der zweite Robin, Gordons Frau) verantwortlich ist. Dadurch tritt das Dilemma, welches Batman im Umgang mit dem Joker hat, deutlich zu Tage: Wenn er ihn tötet, überschreitet er die Grenze vom Helden zum Schurken, aber wenn er ihn am Leben lässt, trägt er die Verantwortung für weitere Morde.

Das brilllianteste Zitat des Films stammt übrigens von Harvey Dent: „You either die a hero or you live long enough to see yourself become the villain.“ Die Figur von Dent ist ebenfalls hervorragend angelegt – der strahlende weiße Ritter, der im Gefühl seines eigenen Heldentums übermütig wird – ein guter Mann, aber eben zu sehr von sich selbst eingenommen, zu selbstsicher. Auch das Kippen hin zu der Persönlichkeit von Two-Face ist nachvollziehbar: Für Harvey Dent war das Leben beherrschbar, kontrollierbar – er entschied sein Schicksal selbst. Als der Joker ihm beweist, dass dies nur eine Illusion ist, gleitet er in den Wahnsinn ab.

Hier liegt aber einer meiner kleinen Kritikpunkte an diesem Film: Die Entwicklung von Dent hin zu Two-Face ist überzeugend, aber seine nächsten Handlungen sind nicht wirklich stimmig. Warum nimmt er Rache ausgerechnet an Gordon? Eine Rivalität zwischen den beiden, die auch bereits auf frühere Zeiten zurück geht, klingt an, wird aber nicht deutlich genug gemacht. Hier erhielt ich den Eindruck, dass Nolan die Dinge ein wenig überstürzt hat – offensichtlich lag ihm daran, den gesamten Handlungsstrang mit Two-Face noch in diesem Film abzuhandeln, und das war meiner Ansicht nach der falsche Weg. Two-Face hätte deutlich mehr Zeit benötigt, um sich zu entwickeln. Tatsächlich ist er eine der wichtigsten Figuren des Batman-Universums, weil er den Helden jederzeit daran erinnert, welche Konsequenzen es hat, wenn aus dem Kampf für das Gute ein Rachefeldzug wird, und man die Kontrolle über sich selbst verliert. Ebenso wichtig ist aber auch, dass Harvey Dent noch nicht vollständig verschwunden ist, und dass es Batman immer wieder gelingt, an diese Persönlichkeit zu appellieren. Batman fühlt sich am Schicksal von Dent mitschuldig und versucht alles, um dessen Psyche zu heilen – das ist es, was der Satz „I believe in Harvey Dent“ eigentlich bedeutet.

Nun wird zwar an keiner Stelle ausdrücklich gesagt, dass Two-Face tatsächlich tot ist, aber es wäre schon schade, wenn er auf diese Art in einem weiteren Teil (und natürlich hoffe ich, dass es einen solchen geben wird!) wieder eingeführt würde. Wenn die Szene im Krankenhaus, als der Joker Dent „umdreht“ dessen letzter Auftritt in The Dark Knight gewesen wäre, dann hätte dies eine viel stärkere Wirkung besessen und eine hervorragende Vorlage für den nächsten Film geliefert.

The Dark Knight ist nämlich tatsächlich ein wenig lang geraten. Er wird zwar nicht langweilig, das nicht, aber insgesamt drängt sich einfach etwas zu viel Geschehen in diesen Film. Der Handlungsstrang um Two-Face ist wohl hauptsächlich dafür verantwortlich.

Mein letzter, kleiner Kritikpunkt ist, dass The Dark Knight ein wenig stärker an Batman Begins hätte anknüpfen können. Der Ausbau der Bathöhle, welcher darin angedeutet wurde, hätte zumindest beiläufig gezeigt werden müssen, und die Beziehung zu Alfred wurde ein wenig vernachlässigt – der Butler darf zwar ein paar tiefgründige Weisheiten von sich geben, aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass er in diesem Film letztlich überschüssige Staffage ist. Das liegt natürlich daran, dass diesmal nicht Bruce Wayne im Mittelpunkt steht, sondern eben der Joker, aber die Entwicklung von Bruce Wayne zu Batman war noch nicht völlig abgeschlossen und verschwindet hier ein wenig zu sehr aus dem Blickfeld.

Insgesamt jedoch ist The Dark Knight nichts weniger als ein Meisterwerk und möglicherweise schlicht der beste Film aller Zeiten. Irgendwo auf Spiegel Online habe ich in einer der wenigen nicht völlig positiven Rezensionen gelesen, dass er zu viel moralischen Ballast besäße – was für ein Blödsinn! Genau das macht Batman eben aus: Keine andere Figur von DC oder Marvel hat dermaßen überzeugend den Schritt von infantiler Unterhaltung hin zur Literatur für Erwachsene vollzogen. Die Fragen „Wofür lohnt es sich zu kämpfen?“ und „Mit welchen Mitteln darf man dafür kämpfen?“ resultieren natürlich aus grundlegenden ethischen Fragestellungen, und Batman berührt diese nicht nur kurz – er definiert sich darüber. Batman steht nicht für den Kampf von Gut gegen Böse, sondern für die Schwierigkeit zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Dass Nolan dieses Thema im Rahmen von phantastischem, spannendem Action-Kino zu behandeln weiß, das macht die wahre Größe seines Films aus.

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