Intelligence vs. Wisdom

Posted on September 25, 2008


Ja, ich habe auch schon einmal über Rollenspiele gebloggt, aber heute geht es mir nicht darum, auch wenn vielleicht einige wenige meiner Leser an Hand der Überschrift jene alte Rollenspiel-Diskussion wieder erkannt haben mögen, und wenn ich mich zu Beginn dieses Eintrages tatsächlich darauf beziehe.

Heutzutage ist das Konzept von Rollenspielen ja „dank“ World of Warcraft & co. für die meisten Menschen kein Buch mit sieben Siegeln mehr, deswegen will ich kurz versuchen anzureißen, worum es damals ging: In Rollenspielen werden Charaktereigenschaften von Menschen (oder Elfen, Zwergen, Robotern etc…) häufig quantifiziert, also mit einem Zahlenwert versehen, um darzustellen, über welche Fähigkeiten derjenige verfügt, und um diese in die Spielregeln einfließen lassen zu können. Meistens gilt dabei, dass höher besser ist, und abhängig von der verwendetet Skala kann dies zum Beispiel bedeuten, dass ein Halblingkoch eine Stärke von 7 besitzt (was möglicherweise ungefähr derjenigen eines zwölfjährigen Menschenjungen entspricht, um einen Vergleich zu ziehen) – und ein Ogerkrieger eine von 19 (was so viel heißen könnte wie: „Vorsicht, der wirft mit Bäumen um sich!“)

Auf diese Art quantifizierte Eigenschaften werden oft als „Attribute“ bezeichnet und stellen das Skelett der regeltechnischen Beschreibung einer Spielfigur dar. Im ältesten, erfolgreichsten und weitestverbreiteten Rollenspiel, Dungeons & Dragons, werden seit jeher (neben zahlreichen zusätzlichen Werten und Eigenschaften) sechs grundlegende Attribute benutzt: Stärke, Geschicklichkeit, Konstitution, Intelligenz, Weisheit und Charisma.

Ist Euch ungefähr klar, was diese Attribute bezeichnen? Ja? Nun, möglicherweise habt Ihr Euch dann auch diejenige Frage gestellt, welche viele Spieler dieses Spiels sich gestellt haben, aber auch die Autoren anderer Rollenspiele: Sind Intelligenz und Weisheit nicht mehr oder weniger das Gleiche? Warum benötigt man zwei verschiedene Attribute dafür?

Nach kurzer Zeit haben die Macher von D&D diese nahe liegende Frage aufgegriffen und sie immer mal wieder auf verschiedene Weise beantwortet. Ich behaupte ja ganz zynisch, dass der wirkliche Grund für diese Aufteilung ursprünglich gewesen ist, die beiden magiekundigen Charaktertypen Priester und Zauberer irgendwie einigermaßen deutlich voneinander abzusetzen (denn ursprünglich unterschieden sie sich im Wesentlichen nur dadurch, dass Zauberer keine Heilsprüche wirken konnten und Priester keine Feuerbälle schleudern, aber auch diese Unterscheidung wurde später teilweise aufgeweicht). Tatsächlich aber fielen den Machern recht einleuchtende Beispiele zur Veranschaulichung der Verschiedenheit dieser beiden Attribute ein! Frei danach, aus meiner Erinnerung heraus, will ich zwei davon hier anführen:

1. Eine Gruppe Abenteurer auf der Flucht vor einer Horde Orks gelangt an eine tiefe Schlucht, die von einer offenkundig nicht mehr allzu stabilen Brücke überspannt wird. Sollen sie es wagen, diese zu überqueren?

Der Zauberer (der Intelligenteste in der Gruppe) untersucht diese Brücke genau. Aus welchem Material ist sie hergestellt, wie alt ist sie, welche Spuren von Benutzung lassen sich erkennen? Von seinen Beobachtungen ausgehend, schätzt er die Tragfähigkeit der Brücke ab und gelangt zu dem Schluss, dass sie die Gruppe mit einer Wahrscheinlichkeit von ungefähr 75% sicher auf die andere Seite bringen wird.

Die Priesterin (die Weiseste der Gruppe) stellt andere Überlegungen an. Wenn sie die Brücke nicht überqueren, welche Alternativen haben sie? Können sie es riskieren, einen Umweg zu machen und dabei von den Orks eingeholt zu werden? Sie kommt zu dem Schluss, dass eine Überquerung das Risiko wert ist, auch wenn sie dieses nicht genau einschätzen kann, denn ansonsten wäre ein Kampf mit den Orks, den sie nicht gewinnen können, unausweichlich. So aber könnten sie nach einer erfolgreichen Überquerung der Brücke diese hinter sich zerstören und sich in Sicherheit bringen.

2. Ein (natürlich sehr kluger) Gelehrter und ein (natürlich sehr weiser) Eremit befinden sich im Gebirge, als sie plötzlich ein merkwürdiges Phänomen am Himmel beobachten – es sieht aus, als würde es Feuer regnen!

Der Gelehrte betrachtet und analysiert dieses Phänomen aufmerksam. Anhand von dessen Farbspektrum und sonstiger Erscheinungsform, sowie in Verbindung mit seinem Wissen über die Geografie dieser Region kommt er zu dem Schluss, dass sich in der kleinen Seitenöffnung eines nahen Vulkans ein enormer Druck aufgestaut haben muss, durch den der sie bedeckende Fels abgesprengt wurde, und dass durch die entstandene Öffnung flüssiges Magma heraus geschleudert wurde, welches jetzt im hohen Bogen zu Boden fällt.

Während der Gelehrte diese Überlegungen anstellt, flüchtet der Eremit in eine nahe gelegene Höhle, wo er vor der herab fallenden Magma sicher ist, während der unvorsichtig im Freien gebliebene Gelehrte davon getötet wird.

Ich denke, nun ist es eindeutig, oder? „Weisheit“ bedeutet letztendlich hauptsächlich so etwas Ähnliches wie „Vernunft“ oder auch „gesunder Menschenverstand“ (ein Phänomen, von dessen Realität ich übrigens keineswegs überzeugt bin!), und das ist nun einmal nicht das Gleiche wie die Fähigkeit, Sachverhalte zu analysieren. Aber wie komme ich gerade jetzt und hier darauf?

Durch diese Meldung hier (eine von vielen, aber dieses Link wird gewiss genügen). Wie oft hört man in der Klimawandel-Diskussion Dinge wie „nur keine Panik!“ oder „so rasch geht das Ganze ja nun auch wieder nicht!“? Möglicherweise geht es eben DOCH so rasch, und wenn auch vielleicht nicht für Panik, so ist doch die Zeit für sehr drastische Maßnahmen gekommen (was bedeutet, auch solche, die wirklich viel Geld kosten und /oder Wirtschaftsstandorte schädigen).

Was kann ich übrigens nicht behaupten?

Ich hätte es gewusst!

Denn selbstverständlich habe ich es NICHT gewusst!

NIEMAND konnte es wissen, und auch jetzt WEISS es noch niemand wirklich. Das Klima unserer Erde ist ein dermaßen unglaublich komplexes System, dass es absolut unmöglich ist, einigermaßen seriös vorherzusagen, in welchem Tempo und mit welchen Auswirkungen sich der Klimawandel vollzieht, und ob er sich selbst beschleunigt oder möglicherweise doch selbst wieder abbremst.

Genau das ist aber immer wieder ein Knackpunkt in der Diskussion: Alle seriösen Wissenschaftler sind mit ihren Prognosen sehr, sehr vorsichtig (obwohl auch das, was unterdessen wissenschaftlicher Konsens ist, eigentlich bereits ziemlich spektakulär klingt!) Gegner umfassender Maßnahmen, allen voran natürlich die Lobbies der entsprechenden Wirtschaftsverbände, weisen immer wieder gerne darauf hin, dass man ja eigentlich nichts Genaues weiß. Das ist aber eben das Problem: Die Katastrophe lässt sich eben erst dann unwiderlegbar beweisen, wenn sie längst unaufhaltsam, vielleicht sogar bereits eingetreten ist!

Wie war das noch einmal mit Intelligence vs. Wisdom? Die Gegner radikaler Klimaschutzprogramme wissen höchst intelligent zu argumentieren, warum der Klimawandel (dessen Existenz sie unterdessen anerkennen müssen, nachdem sie ihn noch vor ein paar Jahren auf die gleiche Art in Zweifel gezogen haben) nicht nachweisbar drastisch genug ausfällt, um solche Programme zu rechtfertigen.

Aber kann es darum gehen? Eines ist doch offensichtlich: Die MÖGLICHKEIT der totalen Katastrophe besteht unzweifelhaft, eben WEIL das Klima der Erde ein so komplexes und unberechenbares System darstellt, welches wir durcheinander gebracht haben! Bei einer vernünftigen Betrachtung kann man daher nur zu dem Ergebnis gelangen, dass wir alles nur irgendwie Mögliche tun müssen, um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Die Klimakatastrophe ist kein akzeptables Risiko, auch wenn es höchst schwierig ist, dieses Risiko genau abzuschätzen.

Darum trumpft nämlich Weisheit Intelligenz (diese Aussage treffe ich für das echte Leben, nicht für Rollenspiele): Ein weiser Mensch wird immer sowohl seine Intelligenz, als auch die anderer Personen in seine Entscheidungen einfließen lassen. Ein intelligenter Mensch benutzt aber keineswegs immer seinen „gesunden Menschenverstand“.

Die Menschheit verfügt ganz bestimmt über genügend Intelligenz, um die meisten ihrer Probleme zu lösen, seien es Klimawandel, Armut oder Krankheiten. Leider magelt es ihr eklatant an der dazu nötigen Weisheit.

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Posted in: Erkenntnisse