Die Macht der Verweigerung

Posted on Oktober 8, 2008


Es muss ungefähr 1983/84 gewesen sein. Ich war in der siebten oder achten Klasse auf einem Tempelhofer Gymnasium und unterhielt mich mit einigen Mitschülern, als plötzlich Jörg – einmal sitzen geblieben und somit ein Jahr älter als der Rest der Klasse (fast zwei Jahre älter als ich, das Antragskind), der wohl als der coolste Typ der Klasse galt, mich unterbrach und fragte „Wer?“

Ich war ein wenig irritiert, weil ich die Frage nicht wirklich auf meinen letzten Satz beziehen konnte, versuchte aber trotzdem, darauf einzugehen, doch er unterbrach mich erneut: „Wer das wissen will!“

Ah ja.

Es gab zwar gewiss auch jemanden unter den Umstehenden, den meine Aussagen interessierten, aber das war jetzt irrelevant: Jörg hatte einige weitere Coolness-Punkte eingefahren und mich zum Schweigen gebracht (was ihm eigentlich ziemlich egal hätte sein können, denn er war gerade erst zu der Unterhaltung hinzu gekommen).

Kennt Ihr diese achsocoole Halbstarkengeste, bei der man so tut, als würde man dem anderen die Hand reichen, sich dann aber stattdessen nur durch die Haare streicht und sein Gegenüber, das jetzt mit ausgestreckter Hand dumm da steht, abfällig angrinst? Dieses „Wer?“ ist die verbale Entsprechung dazu. Man tut so, als wolle man auf den anderen eingehen, nutzt diese Gelegenheit aber nur dazu, ihn abzulehnen und somit bloß zu stellen.

Eigentlich ist das nichts anderes als unreifes Verhalten, aber es gewinnt IMMER den Coolness-Contest (den derjenige an dieser Stelle meistens überhaupt erst eröffnet). Es gibt keine wirklich coole Erwiderung darauf. Das beste, was passieren kann, ist dass ein anderer an dieser Stelle etwas in der Art von „MICH interessiert das, also sei still!“ sagt, aber das passiert nur dann, wenn derjenige den Mut aufbringt, gegen die Coolness des Störers aufzubegehren. Die einzige „coole“ Art, darauf zu antworten wäre, demjenigen kräftig eins auf die Nase zu geben, so dass er zu Boden geht, und sich dann umzudrehen und zu gehen. Abgesehen davon, dass dieses Verhalten moralisch natürlich nicht vertretbar ist, stellt es aber auch meistens keine realistische Option dar.

„Sprich mit der Hand.“ Es ist völlig egal, was der andere sagt! Man verweigert sich der Interaktion und wirkt dadurch cool. Eine der stärksten Szenen in Jäger des verlorenen Schatzes ist die Szene, in der Indy sich einem Krummsäbel schwingenden Ägypter gegenüber sieht, der offensichtlich ein weit überlegender Kämpfer ist und einfach die Pistole zieht und seinen Kontrahenten mit einem halb genervten, halb gelangweilten Ausdruck im Gesicht erschießt, während er sich bereits wieder von ihm abwendet. Nein, diese Szene sollte natürlich keine Vorbildfunktion im realen Leben besitzen, aber sie ist eben unzweifelhaft „cool“, genau so wie „Sprich mit der Hand!“, oder das immer wieder beliebte hochgezogene Knie, mit der eine Frau in einer romantischen Komödie dem arroganten Typen, der sie immer und immer wieder betrogen hat und sich jetzt ein weiteres Mal heraus zu reden versucht, wortlos endlich den Laufpass gibt.

Wieso ist so etwas cool? Weil derjenige, der die Interaktion sucht, Schwäche zeigt, und derjenige, der beweist, dass er sie zu ignorieren vermag, Stärke.

Insbesondere ausführliche Kommunikation ist uncool. Wenn jemand in einem Forum ausführlich darlegt, warum zum Beispiel der Klimawandel unterdessen ein wissenschaftlich belegtes Faktum darstellt, und der nächste Poster antwortet darunter mit einem witzigen, animierten Bild von einem großen Huhn, das aufgeregt gackert und aufgeregt hin und her läuft, dann hat er dessen gesamte Argumentation bereits geschlagen, ohne auch nur auf sie eingehen zu müssen. Je länger und ausführlicher jemand seine Ansichten begründet, um so prägnanter und vernichtender wirkt es, wenn im nächsten Post jemand einfach nur „Wayne?“ schreibt, oder halt den entsprechenden Smiley benutzt (wer das nicht kennt: Das ist der moderne Nachfolger von „Wer (das wissen will)?“, über „Wen interessiert’s?“ und das Wortspiel mit dem obercoolen Cowboydarsteller John Wayne hin zum Bild von Wayne mit über das Gesicht gezogenem Hut und dem Spruch „Wayne interessiert’s“).

Der Versuch einer Diskussion stellt das Gegenstück zum Angebot eines Friedensschlusses dar. Nur wenn beide Seiten mitmachen, kann sich der Erfolg einstellen. Setzt man auf Diplomatie an Stelle von Aufrüstung und Präventivschlägen, dann gibt man dem Gegner nur mehr Zeit für dessen Aufrüstung und Mobilmachung. Wer einem Krieger unbewaffnet entgegen tritt, der riskiert, einfach niedergemetzelt zu werden.

In der Geschichte wurde der Wille zum Frieden leider schon immer als Zeichen von Schwäche angesehen – wenn der Gegner glaubt, er könne den Krieg gewinnen, warum sollte er dann ein Friedensangebot machen? Genau so wird der Versuch, eine Diskussion auf sachlicher Ebene zu führen, als Zeichen von Schwäche angesehen. Der Kampf um die Coolness wird mit Einzeilern, Smileys und Bildbeiträgen geführt.

Selbst unser Balzverhalten funktioniert ähnlich. Wenn man auf einer Party im Freien Frauen kennen lernen will, dann ist sie anzusprechen zwar der nächstliegende, aber bestenfalls der zweitbeste Weg. Nein, man setzt sich in eine Ecke, fängt an Gitarre zu spielen und wartet darauf, dass die Frauen sich zu einem setzen! Man muss dazu auch keineswegs wirklich gut spielen können. (Wenn ich einmal einen Sohn haben sollte, dann wird er auf jeden Fall Gitarrenunterricht bekommen!)  Auch das Gespräch muss man so nicht selbst eröffnen.

Und wenn man dann die Telefonnummer einer Frau hat, dann sollte man den Teufel tun und sein ehrliches Interesse an ihr dadurch bekunden, dass man sie gleich am nächsten Tag anruft! Interesse deutlich zu bekunden, das ist wiederum ein Zeichen von Schwäche. Ein paar Tage verstreichen lassen, und dann mit einem souveränen („sorry, das ich mich jetzt erst melde, aber ich hatte so viel zu tun“) das Gespräch eröffnen, das ist schon deutlich besser. NOCH besser ist es natürlich, wenn die Frau zuerst anruft!

Ja, das sind alberne, unreife Spielchen, und ich verabscheue sie, aber so ist die Welt nun einmal. Auf andere zu zu gehen gilt als Zeichen von Schwäche und macht einen uninteressant. „Coole“ Typen brauchen niemand anders, oder zeigen dies zumindest demonstrativ und erringen gerade dadurch die Bewunderung anderer.

Wenig sagen, sich nicht um andere kümmern, Versuche der Annäherung abweisen  – das sind die Zeichen von Stärke, die unsere Gesellschaft honoriert. Vielleicht ist das auch ein Erklärungsansatz dafür, warum Pornografie gesellschaftlich geächtet ist, während Gewaltdarstellungen als cool gelten: Sexualität steht für das Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Gewalt gegen andere demonstriert, dass man seinen Weg allein gehen kann.

Ein anderes Ergebnis dieser Haltung ist, dass in jedem Forum, in dem die Forenleitung nicht rigoros gegen entsprechendes Verhalten vorgeht, Diskussionen unweigerlich durch Verweigerungsspam erstickt werden. „Wayne“, „Hast Du kein RL?“ oder Entsprechendes sind immer und immer wieder billige Punktsiege für Poster. Das ist einer der Gründe, warum ich es immer wieder aufgebe, in Foren aktiv zu sein: Die Spammer stellen selbstverständlich die Mehrheit und setzen sich irgendwann durch, wenn die Führung nicht eingreift.

Eine der Hauptkrankheiten unserer Gesellschaft ist es, dass „miteinander“ weniger cool ist als „gegeneinander“.

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Posted in: Gesellschaft