Widerwillige Zustimmung für Bohlen

Posted on Oktober 18, 2008


Ich kann Dieter Bohlen wirklich, wirklich nicht ausstehen, und er hat in seinem Leben bereits dermaßen viel Scheiße gelabert, dass man sich fragen muss, ob man es nicht vielleicht in Wirklichkeit mit Bohlen-Zwillingen oder -Drillingen zu tun hat, denn ein Mensch alleine kann doch nicht so viele dumme Sprüche ablassen – oder?

Reich-Ranicki hingegen verdient sich als ebenso intelligenter wie intellektueller Mensch, der seine Meinung für gewöhnlich unbekümmert ehrlich und klar verständlich äußert, meinen Respekt.

Und trotzdem komme ich als aufrichtiger Mensch leider nicht umhin zu sagen: Bohlen hat hier irgendwie nicht wirklich Unrecht!

Wer sich zu einer Veranstaltung einladen lässt, der ist eigentlich zu einer gewissen Höflichkeit und anständigem Benehmen verpflichtet. Eigentlich. Nein, obwohl ich diese Gala nicht gesehen habe, zweifle ich nicht wirklich daran, dass sie den Zuschauern tatsächlich genau so hirnlosen Mist vorgesetzt hat, wie es Reich-Ranicki behauptet hat. Die inhaltliche Berechtigung seiner Kritik stelle ich absolut nicht in Frage.

Nichtsdestotrotz hat Bohlen Recht (genießt diesen Satz – allzu oft werde ich ihn wohl in meinem Leben nicht tippen)! Reich-Ranicki hätte wissen müssen, was ihn erwartet. Gerade von jemandem, der das Fernsehen dermaßen fundamental kritisiert, muss ich erwarten, dass er nicht anlässlich dieser Veranstaltung zum ersten Mal damit in Berührung kommt. Als intelligenter Mensch hätte er auch schon im Vorfeld klären können, was genau ihn denn dort erwartet. In jedem Fall aber kann man auch von ihm die Höflichkeit erwarten, gute Miene zum bösen Spiel zu machen oder seine Kritik zumindest gemäßigter zu formulieren! Es stimmt schon: Er nutzt seinen Bonus als 88-jähriger altehrwürdiger Intellektueller ganz schön aus!

Übrigens kann man es durchaus auch GERADE als besondere Ehre und als Signal des guten Willens der Öffentlich-Rechtlichen deuten, dass ein doch höchst mainstreamferner Literaturkritiker wie Reich-Ranicki in diesem Umfeld überhaupt zu einem Preisträger auserkoren wurde! Für gute Einschaltquoten sorgt er jedenfalls beileibe nicht, und allgemein beliebt hat er sich – wie die Äußerungen von Günter Grass belegen – auch nicht wirklich gemacht (was allerdings schlicht eine zwingende Folge dessen ist, wenn jemand ehrlich seine Meinung sagt). Daher ist seine Ehrung in diesem Umfeld zumindest als Zeichen eines schlechten Gewissens zu bewerten, oder eben als Absichtserklärung, auch weiterhin neben quotenträchtigem geistigen Dünnschiss auch Sendungen mit Niveau im Programm zu haben.

Ach ja – dass Grass diese Gelegenheit ergreift, seinen alten Intimfeind Reich-Ranicki noch einmal anzugreifen, darf natürlich auch nicht verwundern, aber auch hier gilt, dass er schlicht und einfach Recht hat (vielleicht abgesehen von dem schwierigen Vorwurf der „Trivialisierung“ der Literaturkritik)!  Reich-Ranicki hat sich immer schon gerne selbst inszeniert – was aber wohl auch eine Notwendigkeit für Menschen ist, die etwas zu sagen haben, was Viele nicht hören wollen – und dieser skandalöse Auftritt stellt letztlich nichts anderes dar. Warum eigentlich entsteht hier plötzlich eine fundamentale Sinnkrise des Fernsehens? Das Fernsehprogramm ist schon seit Jahrzehnten schlecht. Besteht diese Krise nur deswegen, weil man es jenem armen alten Intellektuellen zugemutet hat, hautnah damit in Berührung zu kommen? Was immer Reich-Ranicki zu sagen hat – er hätte dafür einen anderen Ort, einen anderen Zeitpunkt und vielleicht auch eine andere Form wählen können (wobei ich seine klaren Aussagen prinzipiell durchaus okay finde – nur eben nicht aus dem Mund eines geladenen Gastes).

Schließlich ist auch Reich-Ranickis Standpunkt, soweit ich diesen aus seinen kolportierten Äußerungen erkennen kann, alles andere als unangreifbar. Shakespeare oder Brecht als Messlatte für das moderne Fernsehen heran zu ziehen – das ist einfach kompletter Blödsinn! Gutes Fernsehen kann und sollte sich unter anderem auch in Kriminalfilmen mit gutem Drehbuch, Infotainment-Sendungen mit sauber recherchierten Beiträgen oder eben gerne auch in nicht zwingend tiefgründigem, aber zumindest originellem Humor äußern können. Reich-Ranicki erweckt den zwingenden Verdacht, dass er das Konzept von Unterhaltung generell verdammt, anstatt das Niveau dieser Unterhaltung anzugreifen. Ich glaube ihm gerne, dass er mit Arte viele schöne Fernsehstunden verbracht hat, aber wenn er sich nicht auch bei ARD, ZDF und sogar bei Privatsendern wie RTL oder Pro7 gelegentlich gut unterhalten lassen konnte, dann ist sein Geschmack bei allem Respekt für dessen Kultiviertheit einfach deutlich zu abgehoben, als dass er seine Vorstellungen von gutem Fernsehen verallgemeinern dürfte.

Der Tenor im Internet zu dieser Angelegenheit scheint mir derjenige zu sein, dass sich fast alle darüber freuen, wie der alte Mann in respektlosester Weise die Fernsehanstalten brüskiert hat, aber ich habe nicht den Eindruck, dass sich jemand wirklich Gedanken dazu gemacht hat – im Gegenteil scheint mir diese Reaktion eher ein typischer unreflektierter Reflex (Sachen gibt’s!) zu sein, wie man ihn auch beobachten könnte, wenn Kritik an Josef Ackermann oder George Bush (egal, welchem von den beiden) geäußert würde – oder eben auch an Dieter Bohlen.

Tatsächlich aber, fürchte ich, liegen Bohlen und Grass (um Himmels Willen, welch eine Verbindung!) in ihrer Beurteilung der Situation sehr nahe dran: Ein gealterter Intellektueller, der möglicherweise auch ein wenig verbittert ist, dass er nicht mehr so im Mittelpunkt steht, wie er es zeitweilig gewohnt war, hat mit billigsten Mitteln einen überflüssigen Skandal produziert. Seine Kritik ist zwar gewiss berechtigt, fand aber letztlich genau auf dem selben Niveau statt und bediente sich der selben Mittel, wie das Medium, welches er kritisierte. Dass dieser Eklat aber offensichtlich notwendig war, um überhaupt eine konstruktive Diskussion in Schwung zu bringen, ist dabei wohl die wichtigste Erkenntnis des Ganzen!

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