Das Gefälle zwischen Bodo Wartke und Nessi Tausendschön

Posted on Oktober 25, 2008


Ich poste ja nicht so gerne zwei Beiträge so kurz hintereinander, weil ich immer befürchte, dass der neuere den vorigen aus dem Blickfeld der Leser verdrängt, aber manchmal brennt es mir eben auf den Fingerkuppen.

Trotzdem will ich sicherheitshalber, für den Fall, dass Ihr ihn noch nicht kennt, noch einmal auf Vom Fußball zum persönlichen Weltbild verlinken – das ist schließlich kein Privatblog hier, und ich wünsche mir daher für meine Mühe schon Aufmerksamkeit, Beachtung und Lob und so.

Zur Sache: Ich habe aus der Not eine Tugend gemacht und die vorübergehende Abwesenheit meiner Freundin dazu genutzt, an diesem Wochenende mal wieder die Sportschau zu gucken (denn ich sehe eigentlich ganz gerne Fußball, aber sie hasst ihn), und nach den anschließenden Nachrichten bin ich irgendwie auf eine Taste gekommen, die ich eigentlich gar nicht drücken wollte und hatte plötzlich RBB eingeschaltet, wo mich Dieter Nuhr zum „großen Kleinkunstfestival 2008“ begrüßte.

Nun gut – nach der sich an den von Marcel Reich-Ranicki verursachtem Eklat anschließenden Diskussion, und insbesondere auch nach Lektüre dieses Spiegelartikels hier, Comedy ist eklig, in dem eine bei Mario Barth sicherlich vollauf berechtigte Kritik der völligen Niveaulosigkeit meiner Ansicht nach unberechtigterweise auf ein gesamtes Genre der Unterhaltung ausgeweitet wurde, war ich neugierig darauf, wie dieses hier präsentiert werden würde.

Zwar ist Kleinkunst natürlich nicht das selbe wie Comedy, aber die Grenzen hier sind, wie in der Sendung auch noch angesprochen werden würde, fließend und teilweise willkürlich, und mit Nuhr moderierte ja nun ein eindeutig ausgewiesener Comedian das Ganze. Auch viele Beiträge waren unzweifelhaft der Comedy zuzurechnen, so jene von Dave Davis, Mirja Boes, Matthias Egersdörfer, Michael Genähr, Emil Steinberger und dem Gastgeber (die Veranstaltung fand in den Wühlmäusen statt) Dieter Hallervorden, und wirklich deplatziert wäre in einer Comedy-Sendung, wenn überhaupt, nur die spanische Pantomime-Gruppe Ylana gewesen – die restlichen Künstler (die ich der Vollständigkeit auch gleich aufzählen will: Tobias Mann, Gayle Tufts, Bodo Wartke, Christian Ehring, Nessi Tausendschön, Achim Knorr und Ralf Schmitz) präsentierten zwar auch musikalische Darbietungen (oder, im Fall von Schmitz, eine Improvisation mit Publikumsbeteiligung), entfernten sich aber dabei nicht allzu weit vom Comedy-Genre.

Nun, zunächst fühlte ich mich bestätigt, dass Comedy nicht gleich Comedy war – Nuhrs Moderationen waren witzig und intelligent, wenn auch natürlich nicht von weltbewegender Doppelbödigkeit oder kathartischer Einsicht, wie es Heinz Strunk (der im Spiegelartikel interviewte Künstler) von Humor forderte, und hoben sich so angenehm von den unoriginellen Plattheiten eines Mario Barth ab. Im weiteren Verlauf der Sendung würde sich das aber ändern, insbesondere als Nuhr sich mit seinen klischeehaften (und, was weit schlimmer wiegt, unoriginellen) Vorstellungen vom Gesprächsverhalten zwischen Mann und Frau Barth bedrohlich näherte, und am schlimmsten, als er sich über die medizinische Versorgung in Entwicklungsländern, wo viele Menschen tatsächlich an „harmlosen“ grippalen Infekten sterben, ohne Biss oder doppelten Boden lustig machte. Vielleicht war eine ganze Sendung für einen Künstler, der im Fernsehen ansonsten nur 5-Minuten-Acts bringen muss, dann doch zu viel?

Bereits die erste Nummer allerdings begeisterte mich. Bodo Wartke kann singen, er kann Klavier spielen, er hat witzige Texte, und vor allem versteht er es, diese höchst lebendig, abwechslungsreich, überraschend und pointiert zu präsentieren – welch eine Dynamik! Das war gleich ein ganz anderes Niveau als Nuhr (den ich eigentlich meistens auch ganz gerne sehe) – natürlich auch dadurch befördert, dass Wartke eben mehr als nur quatschen kann, aber das war es nicht alleine: Dieser Mann besitzt das Talent zum Entertainer! Insgesamt war er drei Mal zu bewundern, und alle drei Male (das Lied vom Möchtegern-Axtmörder, sein multilinguales Liebeslied, sein Song an Drea) war er einfach sensationell!

Dadurch höchst positiv eingestimmt, bemerkte ich in der Folge einen zunehmenden Niveauabfall bei den Kandidaten. Bei der genauen Reihenfolge ihrer Auftritte bin ich mir nicht mehr absolut sicher, auch da alle diese Künstler mindestens zwei mal auf die Bühne traten. Ich kann mich jedoch erinnern, dass Christian Ehring eine durchaus witzige, wenn auch nicht gerade weltbewegend komische Comedy-Nummer dazu, wie man Gefahrstatistiken fehlinterpretieren kann, sowie eine absolut treffende Grönemeyer-Parodie brachte, die mich restlos begeistert hätte, wenn mir nicht doch das Lachen im Hals stecken geblieben wäre, als er sich über den Seelenschmerz lustig machte, den Grönemeyer in seinen Liedern verarbeitet hat, nachdem seine Frau gestorben war – das war nun wirklich nicht nötig gewesen! (Man kann natürlich den Witz auch ausschließlich auf die Zeile „Alles tut weh“ aus Flugzeuge im Bauch beziehen, aber die umfassendere Interpretation drängt sich, gerade WEIL die Parodie ansonsten so treffend war, leider auf.)

Dave Davis trat zwei mal mit typischer straighter Comedy auf, wobei er seine ethnische Abstammung auch rücksichtslos einbrachte. Das führte zu einer sehr treffenden, wenn auch teilweise (besonders beim zweiten Auftritt) zu vorhersagbaren halb satirischen, halb albernen Interpretation des afrikanischen Asylsuchenden, deren Glanzpunkt natürlich das unerwartete perfekte Bayrisch aus seinem schwarzen Mund war.

Achim Knorr wiederum bot ein beinahe 100%iges Plagiat des jungen Otto Waalkes mit dessen auf Wortspielen basierenden Blödeleien und witzigen Minigitarrenstücken – und hey, der junge Otto war gut gewesen! Auch Knorr war nicht schlecht, wenn auch sein Humor einen gewissen „Retro-Charme“ versprühte, und die Anarchie von Ottos frühen Auftritten dreißig Jahre später natürlich nicht mehr nachzufühlen ist.

Den Tiefpunkt bot dann Nessi Tausendschön, die nach einem einigermaßen witzigen Auftakt mit ihren plumpen Versuchen, sich lasziv auf dem Klavier zu räkeln offenbarte, dass sie einfach nicht mehr anzubieten hatte, und mit einer gestöhnten Verhunzung von Je t’aime meine Peinlichkeitsschwelle kräftig durchstieß (und die liegt tief!) Auch ihre anderen Nummern später waren kaum besser, eine nur getragen von einem in überbetontem Russisch oder Pseudorussisch (ich kann das nicht unterscheiden) gesungenen Lied, die andere eine furchtbar platte Partnerwahl-Comedynummer, und alles durch die Bank schauspielerisch miserabel, weil plump und völlig überzogen, dargestellt.

In Schulnoten ausgedrückt, hatte sich Wartke eine 1 verdient, Ehring ebenso wie Knorr eine 3, Davis eine 4 und Tausendschön eine 5.

Dann gab die aus Til Schweiger, Inka Bause, Jeanette Biedermann, Thomas Koschwitz und Artur Brauner bestehende Jury ihren Sieger bekannt, und mit einem Schlag konnte ich die Kritik von Elke Heidenreich an ihrem Arbeitgeber (auch wenn ARD und ZDF natürlich nicht identisch sind) gleich viel besser verstehen, denn zielsicher (und angeblich nach einer achsoknappen Entscheidung mit Wartke) wurde natürlich ausgerechnet Nessi Tausendschön geehrt, vermutlich wieder einmal aus Gründen der „positiven Diskriminierung“, oder aber auch, um sicher zu gehen, dass Jurypreis und Publikumspreis (falls letzterer nicht bereits feststand) garantiert nicht an den selben Künstler gehen würden, denn hier wurde einfach der klar schlechteste Kandidat geehrt! Zu diesem Zeitpunkt beschloss ich dann, einen neuen Blogeintrag zu verfassen…

Immerhin entschied sich das Publikum für Wartke, dem Hallervorden auch sichtlich gerne diesen Preis überreichte. Ein Publikum, welches sich geschmackssicherer zeigt als die Jury – WTF? Nun ja, die Wühlmäuse sind als Kabarett natürlich auch geeignet, ein nicht allzu verblödetes Publikum anzuziehen (übrigens habe ich unter den Zuschauern einen Bekannten entdeckt – hallo Eini!)

Zwischendurch durften dann die Vorjahressieger noch einmal auftreten. Matthias Egersdörfer wurde zunächst mit einigen Ausschnitten angekündigt, und ich fragte mich, warum sie denn nicht wenigstens eine witzige Stelle zeigen konnten… nachdem er dann auftrat, wusste ich es: Er hatte keine! Die Nummer von Egersdörfer war einfach grausam. Sein Dialekt war keineswegs witzig, sondern einfach nur schwer zu verstehen, und ich wartete die ganze Zeit darauf, dass ich an irgendeiner Stelle einen Grund fände zu lachen und fand keinen. Oh, er kann mit Kursen in Origami oder Stricken keine Bewerbung bei Siemens aufhübschen – meine Güte, so schwer wäre es nicht einmal gewesen, daraus wenigstens eine witzige Situation zu konstruieren, aber seine unerträgliche Plattheit ließ ihn selbst da versagen. Er war natürlich der Jurypreisträger gewesen… Gibt es denn bei den Öffentlich-Rechtlichen eine Künstler-Mafia, welche absichtlich möglichst untalentierten Nachwuchs auszeichnet, um ihre eigene Stellung nicht zu gefährden?

Zugegebenermaßen war der Publikumssieger von 2007, Tobias Mann, allerdings auch keine Offenbarung, litt jedoch in meiner Wertschätzung wohl darunter, dass ich ihn auf Grund eines ähnlich angelegten Auftritts mit dem in einer gänzlich anderen Liga spielenden Wartke verglich. Tatsächlich fand ich ihn nicht witzig, zumindest aber auch nicht so peinlich wie Egersdörfer.

Weiterhin wurde Ralf Schmitz mit dem Berlin-Preis geehrt (was ist das?), und dem muss ich zugestehen, dass er mich einfach zum Lachen brachte! Zwar fand ich seine Tricks eher durchsichtig (für welches Verbrechen wird sich das Publikum wohl entscheiden, wenn nicht für „Mord“?) und letztlich billig, wenn er seine Witze darauf basierte, dass eine von ihm zufällig ausgewählte Zuschauerin natürlich nicht in der Lage war, professionelle Geräuscheffekte zu produzieren, und eine echte Improvisation sieht auch anders aus, da nichts von dem, was er vorführte, tatsächlich mit der vom Publikum vorgeschlagenen Lokalität eines Solariums zu tun hatte, aber tja, er war halt wtzig – er besaß das nötige Charisma und die Schlagfertigkeit, und die Situation mit der armen Zuschauerin auf der Bühne war nun einmal herrlich absurd.

(Ich hätte ja beim Aussteigen aus dem Auto mit mechanischer Stimme gesagt „Eine Tür steht offen. Eine Tür steht offen“, gefolgt von „Die Standleuchte funktioniert nicht“ und, sobald er sich beschwert „Bei Problemen mit der Technik starten Sie bitte das Selbstdiagnoseprogramm“, aber naja, ich habe wohl auch eine Comedian-typische Prifilneurose, und ich empfände es als Herausforderung, wenn sich jemand auf meine Kosten humoristisch profilieren wollte. Das würden wir ja noch sehen, wer da schlagfertiger ist!)

Der Ehrenpreis (whatever) ging an Emil Steinberger, der nach meinem Empfinden recht lustlos eine kurze Uraltnummer (die Bremsleuchte) abspulte. Apropos Uraltnummer: Auch den Schwimmbadbericht von Michael Genähr fand ich zwar amüsant, kannte ich aber schon – hey, so wenig wie ich fernsehe, will das etwas heißen!

Andere Gäste waren Mirja Boes, welche eine einigermaßen unterhaltsame Comedynummer mit plumpen Klamauk ausklingen ließ, sowie Gayle Tufts, die ich eigentlich nur furchtbar finde (aber eben leider nicht furchtbar witzig), wenn sie auch gewisse Einblicke über die amerikanische Einstellung uns Deutschen gegenüber gewährt: Nein, Frau Tufts, wir Deutschen erwarten nicht, dass es in Timbuktu oder Tahiti gutes Brot gibt, wohl aber in einer westlichen Industrienation wie den Vereinigten Staaten! Wenn dort sowohl Grau- als auch Schwarzbrot praktisch unbekannt sind, dann ist das ein Armutszeugnis für die Staaten (die ja zuletzt auch langsam beginnen, Sensibilität für ihr Ernährungsproblem zu entwickeln), nicht für die Erwartungshaltung der Deutschen.

Und dann waren da Ylana. Tja, was soll ich dazu sagen: Aufwändig inszenierter Klamauk unter völliger Ausschaltung des Gehirns? Ja, das trifft es wohl. Na schön, auch hirnloser Spaß kann Spaß sein, und zumindest originell waren sie ja, aber mein Ding ist das nicht.

Schließlich ließ sich auch Altmeister Dieter Hallervorden zu einer typischen Comedy-Nummer herab, und wie schon seit Jahrzehnten frage ich mich, ob dieser Mann wirklich einmal witzig gewesen ist, oder ob ich als Kind eben nur leichter zufrieden zu stellen war. Obwohl – den einen oder anderen „Didi“-Film hatte ich zuletzt noch einmal gesehen, und die waren eigentlich ganz amüsant, und einige der Nonstop-Nonsens-Sketche (z.B. die Flasche Pommes, die Kuh Elsa oder der Vater, der seinem Sohn das Telefonieren beibringt) sind echte Klassiker. Es geht ihm wohl wie Otto – er hat seinen Humor nicht mehr weiter entwickelt, und so ist dieser im Alter nicht gereift, sondern verflacht.

Alles in Allem hatte die (ziemlich lange – ich dachte zwischendurch zwei Mal, jetzt sei aber wirklich Schluss!) Sendung ein paar Höhepunkte und einige Beiträge, die ich jetzt auch verpassen hätte können, ohne dass mein Leben ärmer geworden wäre, deren Rezeption ich aber auch nicht als Zeitverschwendung einordnen würde – leider eben aber auch einige Peinlichkeiten, zu denen insbesondere die Preisvergabe der Jury zählte.

Es sieht wohl tatsächlich so aus, dass der Fisch von Kopf stinkt: Talente sind vorhanden, prämiert werden aber die Falschen! Dass Deutschland sucht den Superstar einen öffentlich-rechtlichen Fernsehpreis erhält, das ist natürlich ein Skandal (auch wenn es Reich-Ranickis richtige, jedoch falsch platzierte Kritk natürlich nicht rechtfertigt, ebenso wenig wie Frau Heidenreichs Profilierungsversuch). Da ist er wieder, der demokratische Gedanke: Auf keinen Fall darf man der Mehrheit sagen, dass sie einen schlechten Gescmack besäße bzw. sich irrte! „Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg“ ist Bohlens ebenso strunzdumme wie zutreffende Maxime, die im Fernsehen genau so Anwendung findet, wie im Wahlkampf – zeigt und sagt den Leuten, was sie hören und sehen WOLLEN, nicht was sie SOLLTEN! Abgestimmt wird in der Wahlkabine oder mit der Fernbedienung.

So gesehen musste die Jury vielleicht tasächlich ihr Publikum überstimmen, denn das niveaulose Gestöhne einer Nessi Tausendschön passt dann wohl doch besser in die Prime Time als die intelligenten Lieder eines Bodo Wartke, ebenso wie von Dieter Bohlen produzierte Musik sich letztlich besser verkaufen lässt als wirklich guter Pop.

Was allerdings auch nicht hilfreich ist, sind elitäre Standpunkte wie die von Reich-Ranicki, der alles an Brecht und Shakespeare misst, oder von Heinz Strunk, der Comedy pauschal verdammt. Die Kluft zwischen intellektueller Elite und anspruchsloser Masse immer mehr zu verbreitern ist der falsche Weg: Stattdessen muss den Publikum gezeigt werden, dass es eine höhere Stufe gibt, und dass sie die ein wenig höhere intellektuelle Anstrengung wert ist!

Bei Sendungen wie dem „großen Kleinkunstfestival“ auch tatsächlich die talentiertesten Künstler zu ehren, das wäre da schon ein guter Anfang!

(Und ein Blick zu den gerne gescholtenen Privaten hilft auch – von Switch Reloaded zum Beispiel bin ich jedes Mal wieder begeistert: Originell, frech und teilweise erstaunlich einsichtsvoll – so muss das sein!)

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Posted in: Medien, Rezension