Das Ende der Cowboys?

Posted on November 6, 2008


Barack Obama hat es also tatsächlich geschafft – letztlich sogar so deutlich, wie die Umfragen es prognostiziert haben, auch wenn diese in Details durchaus nicht unwesentlich daneben gelegen haben. Letztlich hat sich das Ganze aber ausgeglichen.

Ich muss sagen, dass ich weiterhin immer noch völlig fassungslos bin, dass die Amerikaner dieses Wahlsystem für demokratisch halten. Wie kann es nur sein, dass nicht die absolute Anzahl der Wählerstimmen über den Präsidenten entscheidet? Dass der Wohnort eines Wählers darüber bestimmt, wie viel Gewicht seine Stimme hat?

Immerhin verstehe ich nach diesem Wahlspektakel jetzt die Faszination dieses Systems besser. Tatsächlich macht es die Wahl einfach viel, viel spannender, wenn es nicht etwa eine einzige Gesamthochrechnung der Wählerstimmen gibt, sondern wenn über die Wahlen in den einzelnen Staaten erst einmal viele Einzelentscheidungen fallen, die dann nach und nach ein Gesamtbild ergeben. Ist den Amerikanern hier wieder einmal die große Show wichtiger als das eigentliche Ereignis?

Irgendwie fand ich es bezeichnend, als in der Wahlnacht irgendwann die Schlagzeile zu lesen war „CNN erklärt Barack Obama zum Sieger der amerikanischen Präsidentschaftswahl!“! Da war noch kein Bezirk vollständig ausgezählt, und nur von den bislang bekannten Zwischenständen aus gesehen, war noch absolut keine Entscheidung gefallen, aber die Hochrechnungen der Sender, auch basierend auf allerlei Meinungsumfragen, wurden allgemein als feststehendes Ergebnis akzeptiert, was für mich die Macht der Medien in den USA deutlich unterstreicht. Noch während in beinahe allen Staaten die Stimmen ausgezählt wurden, ja in einigen Staaten sogar noch gewählt wurde (noch so etwas, was mich am Demokratieverständnis der Amerikaner zweifeln lässt), gratulierte McCain bereits Obama, und dieser begann seine Siegesrede. Übrigens erwies sich der Republikaner als höchst anständiger Verlierer, der gegen die Buhrufe seiner eigenen Basis ansprechen musste, die vermutlich lieber etwas in der Art gehört hätten: „Today is a black day for the United States of America, now that the leadership of this country has been put in the hands of a socialist and terrorist. I am afraid for this great nation and all the decent people who live here.“ Den Gefallen hat er ihnen aber nicht getan! Vielleicht hat McCain am Ende doch begriffen, dass es einfach nicht richtig gewesen sein konnte, seine Wahlkampagne auf der Unterstützung durch diese Fundamentalisten und Rassisten aufzubauen, welche die Basis der republikanischen Partei darstellen, und dass Barack Obama, dem es gelungen war, eine landesweite und vor allem bevölkerungsgruppenübergreifende Aufbruchstimmung zu vermitteln, letztlich der bessere Präsident sein würde, selbst wenn er in Sachfragen (nach McCains Ansicht) falsche Entscheidungen treffen würde – die Republikaner standen in diesem Wahlkampf für Abgrenzung und Hass, die Demokraten für Integration und Versöhnung.

Höchst aufschlussreich fand ich ja die nach Bevölkerungsgruppen aufgesplitteten Wahlumfragen! McCain hatte dort Vorteile bei den Männern (minimal), den Weißen (knapp), den Arbeitern (mäßig), der Landbevölkerung (deutlich, aber weniger deutlich als erwartet) und bei älteren (genauer, ALTEN) Wählern. Obama lag entsprechend bei den Frauen, den Farbigen, den Hispanos, den jüngeren Menschen und der Stadtbevölkerung vorne. (Letzteres kann man übrigens wunderbar sehen, wenn man zum Beispiel auf CNN die nach einzelnenen Distrikten aufgeschlüsselten Wahlergebnisse aufruft, die dort in Kartenform zu sehen sind: Die größeren Flächen sind fast immer in McCain-Rot gehalten, aber die entscheidenden blauen Obama-Tupfer befinden sich in den bevölkerungsreichen Ballungsgebieten. Bei den Bundesstaaten ist das natürlich genau so, mit den Flächenstaaten im Mittelwesten größtenteils in Rot, aber den Ballungsgebieten an West- und Ostküste, sowie an den Großen Seen in Blau.)

Insofern fand ich eine Aussage, die ich irgendwo in einem Spiegel-Artikel gelesen zu haben glaube, äußerst treffend: „Die Zeit der Cowboys ist vorbei.“ Das trifft es! Leicht überspitzt formuliert, ist der typische McCain-Wähler ein älterer, ungebildeter, weißer Mann vom platten Land. Man kann sie sich direkt vorstellen, diese typischen Farmer, die mit einer Schrotflinte ihren Grundbesitz verteidigen und auf Intellektuelle und Liberale schimpfen. Ja, diese Menschen konnten sich mit den Bushs und können sich mit McCain natürlich identifizieren!

Sie sind aber nicht mehr der ausschlaggebende Wahlfaktor, und das ist die entscheidende und äußerst zu begrüßende Änderung! Amerika befindet sich auf dem Weg zu einer moderneren, urbaneren Gesellschaft, in der die Minderheiten zu Mehrheiten werden, und in der „intellektuell“ kein Schimpfwort mehr ist. Hatte Bush gegen Gore noch  – aus europäischer Sicht absurderweise! – damit gepunktet, dass er mit seinem simplen Gemüt und Geist den Wählern einfach näher stand als der gebildete Gore, so hat Obama diesen Trend gebrochen – nicht zuletzt auch mit der kräftigen Mithilfe der Republikaner, die es mit der Nominierung der Superdumpfbacke Palin einfach übertrieben hatten.

Ja, Obama steht für ein neues Amerika – ein Amerika, in dem ein Kandidat trotz seiner dunklen Hautfarbe das Vertrauen vieler weißer Wähler geiwnnen konnte, und in dem ein Politiker, der Probleme anspricht, höher im Kurs steht als einer, der ausschließlich darauf baut, traditionelle Wert zu vertreten.

Ich hoffe nur, dass dieses Amerika nicht nur eine kuirze Momentaufnahme bleibt, sondern sich als nachhaltig erweisen wird! Wie erfolgreich Obamas Politik sein wird – und ob er seine Amtszeit er- und überlebt! – kann dafür entscheidend sein.

Advertisements
Posted in: Politik