Der verheizte Hinterbänkler

Posted on November 9, 2008


Roman hatte in seinem Blog die Frage gestellt: Wird Ypsilanti nochmals Spitzenkandidatin?? In einem Kommentar gab ich damals schon meinen Senf dazu:

Ich habe keine rasche Antwort auf diese Frage – und ich denke, der SPD geht es genau so! Vermutlich deswegen wurde die Pressekonferenz abgesagt: Hinter den Kulissen reden sich die Leute gerade heiß darüber, wie es weiter gehen soll.
Letztlich wird es gar nicht weiter gehen. Die SPD hat sich absolut brilliant in eine Situation gebracht, in der sie weder mit einer Annäherung an die Linke (denn da hat sie ja bewiesen, dass sie das nicht auf die Reihe kriegt), noch mit einer deutlichen Abgrenzung (denn die hat sie ja bereits gründlich revidiert) in den Wahlkampf ziehen kann. Praktisch könnten sie eigentlich bei der nächsten Wahl ganz aussetzen, denn egal wie unpopulär sich Koch gemacht hat: Die SPD hat demonstriert, dass sie im höchsten Maße unfähig ist, Politik zu machen! Wer soll sie denn jetzt noch wählen?

Was sie jetzt bräuchte, wäre ein unverbrauchtes Gesicht – jemand, der in dieser ganzen Diskussion weder auf Seiten Ypsilantis, noch auf Seiten der Rebellen gewesen ist. Am besten jemand von außerhalb der Landespartei. Der müsste dann ganz konsequent einen sachbezogenen Wahlkampf machen und klar sagen, dass er NICHT vor der Wahl über Koalitionen oder Regierungskonstellationenn nachdenkt, sondern ausschließlich bemüht ist, so viele SPD-Positionen (so was haben die doch noch, oder?) wie möglich durchzusetzen, ohne Kompromisse einzugehen, die er als SPD-ler nicht vertreten kann. Das wäre zumindest (mehr oder weniger) ehrlich.
Diese ganze Kinderkacke, eine Zusammenarbeit mit der Linken ach-so-kategorisch abzulehnen, wenn doch eh jeder weiß, dass bei geeigneten Mehrheitsverhältnissen doch wieder die Gespräche beginnnen, das ist der Partei einfach nur unwürdig. ERST die Gespräche, DANN die Entscheidungen, das ist gesunder Menschenverstand!

Nun, ganz so haben sie es nicht gemacht – vermutlich wollte sich auch kein halbwegs profilierter Politiker eines anderen Landesverbandes hier verheizen lassen. Genau dies wird nämlich mit Herrn Schäfer-Gümbel (was für ein Name – nicht einmal Loriot hätte sich den ausdenken können!) passieren: Er wird in einem hoffnungslosen Wahlkampf als Bauernopfer gebracht! Dieser Hinterbänkler mit ca. einem Viertel der persönlichen Ausstrahlung eines typischen Schalterbeamten bei der Post mag sich freiwillig zu diesem Opfer bereit erklärt haben, oder er mag tatsächlich glauben, dass sich hier für ihn die große politische Chance seines Lebens auftut (denn WENN er ein gutes Wahlergebnis einführe, bedeutete dies natürlich einen gigantischen Karriereschub!) – einen Unterschied macht es nicht.

Frau Ypsilanti tut diesmal das Richtige: Sie zieht sich für eine Wahlperiode aus dem Rampenlicht zurück und lässt Schäfer-Gümbel an ihrer Stelle die Bauchlandung machen. An ihren sonstigen Ämtern hält sie ja fest. Nach der zu erwartenden Klatsche für die SPD bei der Wahl wird Schäfer-Gümbel dann mit einem freundlichen Schulterklopfen und einigen nichtssagenden Floskeln ala „Er hat einen hervorragenden Wahlkampf geführt, aber es war natürlich eine schwierige Situation für ihn und die Partei“ wieder zurück aufs Hinterbänkchen geschickt, und Frau Ypsilanti kann dann vier Jahre später einen erneuten Anlauf starten, zu einem Zeitpunkt, wenn die jetzigen politischen Querelen im Rückblick völlig irrelevant erscheinen, und möglicherweise auch in einem veränderten politischen Klima – denn in der Zwischenzeit WIRD sich die SPD der Linken weiter annähern und zusätzlich zu Berlin neue Präzedenzfälle schaffen – sie hat ja gar keine andere Wahl!

Die Chance, dass wir uns den Namen Schäfer-Gümbel länger als bis ein paar Tage nach den Neuwahlen merken müssen, sind also sehr gering. Frau Ypsilanti hingegen scheint ihr politisches Gespür, welches ihr im Taumel der möglich erscheinenden Machtübernahme in Hessen vorübergehend verloren gegangen zu sein schien, wieder gefunden zu haben. Leidtragende werden jedoch in der Hauptsache wohl die Bürger Hessens sein, welche eine weitere Amtszeit Kochs erdulden müssen.

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Posted in: Politik