Marie Antoinette einmal anders herum

Posted on November 28, 2008


(Dies hier ist der erste Teil einer geplanten kleinen Reihe, in der ich mir Gedanken zum Drumherum der Wirtschaftskrise mache.)

„Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie Kuchen essen.“ Dieses Zitat drückte in unvergleichlich treffender Weise die Ignoranz der französischen Königin Marie Antoinette gegenüber den Nöten ihrer hungernden Bevölkerung aus.  (Und natürlich hat sie dies niemals wirklich gesagt; es wurde ihr aus propagandistischen Gründen zugeschrieben.) Was geht eine Herrscherin das einfache Volk an?

Heute beobachte ich eine ähnliche Ignoranz, die jedoch in eine völlig andere Richtung zielt. Ob in den USA oder in Deutschland: Die finanziellen Hilfspakete und Konjunkturprogramme, welche angeschlagene Banken und Firmen stützen und die Wirtschaft allgemein stabilisieren sollen, werden oft so kommentiert:

„Warum sollte die Bevölkerung für die Fehlspekulationen der Manager aufkommen? Sollen die das doch alleine ausbaden!“

Außerdem liest man immer wieder Dinge wie

„Von dieser so genannten Krise habe ich noch nichts mitbekommen. Das ist doch nur Panikmache.“

Dochdoch, so etwas lese ich immer und immer wieder! Ignoranz geht eben nicht nur in eine Richtung…

Nein, die aktuelle Weltwirtschaftskrise ist noch nicht zu uns durchgeschlagen. Aus der Sicht von Wirtschaft und Politik ist sie bereits eingetreten, aber aus der Sicht der meisten Normalbürger steht sie noch bevor (bzw. ist noch nicht klar zu erkennen).

Kruzitürken, es ist doch aber wohl das mindeste, was wir erwarten können (und wir erwarten es ja auch!), dass die Politik diese Krise nicht erst dann thematisiert, wenn auch der letzte Forumsuser mitbekommen hat, dass wir uns in einer Rezession befinden! Wenn eigentlich die Vorwürfe, welche wir den Politikern machen müssten, diejenigen sein sollten, dass sie nicht weit genug vorausschauen, kritisieren wir sie jetzt zur Abwechslung einmal dafür, dass sie nicht sehenden Auges eine Katastrophe erst eintreten lassen, bevor sie etwas unternehmen?

Aussagen der Art „Was geht mich die Autoindustrie an!“ sind einfach dumm, dumm, dumm! Wenn jemand nicht begreift, auf welche Weise der Zusammenbruch einer Schlüsselindustrie eine Kettenreaktion auslöst, welche den gesamten Wirtschaftskreislauf zum Erliegen bringen kann…

…nun, dann willkommen im Club! Ich habe ebenfalls kein Studium der Wirtschaftswissenschaften hinter mir. Ich weiß es also auch nicht genau. Aber wie kann man sich denn ohne dieses Wissen auf den Standpunkt stellen, es würde schon nichts passieren, und die ganzen Fachleute (unter denen diesbezüglich schließlich weitgehend Einigkeit herrscht) redeten die Krise erst herbei? Man benötigt doch kein tiefer gehendes Fachwissen um zu begreifen, wie unglaublich komplex und verflochten die Zusammenhänge in der modernen Wirtschaft sind! (An dieser Stelle spare ich mir den laienhaften Versuch, über Schlüsselindustrien und von ihnen abhängige Zuliefererbetriebe, sowie über den Verlust von Kaufkraft bei rückläufigen Beschäftigungszahlen zu schreiben. Informiert Euch besser gleich direkt bei Fachleuten!)

Wenn in einem amerikanischen Forum irgendein unbelehrbarer Texaner erklärt, der Klimawandel sei ein von den Demokraten in die Welt gesetztes Ammenmärchen, schließlich erlebte er auf seiner Ranch sogar gerade einen besonders kalten Winter, dann schlagen wir Europäer angesichts von so viel Ignoranz zu Recht die Hände über dem Kopf zusammen. Dabei sind wir offenbar keineswegs aufgeklärter als die Amerikaner! Glaubt denn wirklich jemand, die Politik besäße ein Interesse daran, eine Rezession herbei zu reden?

Die Automobilindustrie ist nun einmal wichtig für unsere Wirtschaft. Und ja, solvente Banken benötigen wir auch! Die Frage kann daher nicht lauten: „Sollten diese ganzen Manager ihre Fehlleistungen nicht alleine ausbaden?“ Vielleicht SOLLTEN sie das unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten ja… aber wir KÖNNEN sie nicht hängen lassen, weil wir sonst alle die ganze Chose mit ausbaden müssen! Eine ausgewachsene Rezession, komplett mit hoher Arbeitslosigkeit und allem Pipapo, kostet den Staat nun einmal weitaus mehr als ein Konjunkturprogramm.

Die Politik befindet sich in einer Zwangslage. Sie MUSS, unabhängig von der Schuldfrage, die Wirtschaft stützen. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, muss man es wieder heraus holen. Dass jetzt vermehrt Diskussionen darüber geführt werden, warum zum Teufel man denn die Kinder überhaupt unbeaufsichtigt am Brunnenrand hat spielen lassen, und was man denn in Zukunft tun könnte, damit ein solcher Unfall nicht noch einmal passiert, ist unbestreitbar richtig und wichtig – aber die Rettung des Kindes muss jetzt erst einmal Priorität besitzen!

(Hier geht es zum zweiten Teil dieser Reihe.)

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Posted in: Wirtschaft