Besser den Spatz in der Hand retten, als die ganze Welt

Posted on Dezember 16, 2008


(Dies hier ist der dritte Teil einer kleinen Reihe, in der ich mir Gedanken zum Drumherum der Wirtschaftskrise mache. Hier der erste und der zweite.)

Enttäuscht werden kann man ja nur, wenn man Besseres erwartet hat. Aber der Optimismus liegt uns Menschen nun einmal im Blut – was soll man da machen? Natürlich, als mit Barack Obama ein amerikanischer Präsident gewählt wurde (was genau genommen erst gestern geschehen ist, und was wir ganz genau genommen erst am 8. Januar erfahren werden), der sich doch tatsächlich offen für den Klimaschutz einsetzt, keimte wieder ein wenig Hoffnung auf – sollte die Menschheit doch tatsächlich noch die Kurve kriegen?

Aber nichts da! Jetzt, wo die Europäer mitbekommen, dass ihre Lippenbekenntnisse unter Umständen tatsächlich eingefordert werden können, bremsen sie eben wieder, allen voran ausgerechnet Deutschland. Bezeichnend ist insbesondere diese Aussage:

Der EU-Gipfel werde „keine Klimaschutz-Beschlüsse fassen, die in Deutschland Arbeitsplätze oder Investitionen gefährden. Dafür werde ich sorgen“, tönte Merkel Anfang der Woche.

Hach, da können wir doch alle beruhigt sein, dass Frau Merkel angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise kühlen Kopf bewahrt und für den überflüssigen Luxus Klimaschutz keine Gefährdung von Arbeitsplätzen oder Investitionen in Deutschland in Kauf nimmt?

Diese Denkweise ist eben nicht aus den Köpfen zu bekommen, und deswegen hat der Klimaschutz keine Chance: SELBSTVERSTÄNDLICH gehen die Interessen der Wirtschaft vor – Klimaschutz ist nur dann machbar, wenn er uns nichts kostet! Die immer wieder gestellte Frage lautet. Wie viel Klimaschutz können wir uns leisten?

Blöderweise richtet sich aber der Klimawandel nicht nach unseren Vorstellungen davon, wie viele Bemühungen, ihm zu begegnen, wir uns zumuten. Wieviel Klimaschutz ERFORDERLICH ist steht leider in keinerlei Zusammenhang damit. Was aber einfach nicht in die Köpfe der Leute will ist, dass Klimaschutz KEIN Luxus ist, sondern eine absolute Notwendigkeit, und dass der Klimawandel, wenn er denn nicht gestoppt wird, zukünftige Generationen ein Vielfaches von dem kosten wird, was wir heute als unzumutbare Kosten ablehnen!

Aber das ist es ja gerade: Was geht uns die Zukunft an? Es wird noch zwanzig oder dreißig Jahre dauern, bis die Bevölkerungsstrukturen so sind, dass die Mehrheit der Menschen von den katastrophalen Konsequenzen des Klimawandels betroffen wird. Klar, der Wandel selbst ist bereits erkennbar. Die großen Katastrophen lassen aber – wahrscheinlich – noch ein paar Jahrzehnte auf sich warten. Und bis dahin ist Klimaschutz eben ein Luxus, der unserer Wirtschaft nicht im Weg stehen darf. Sicher, unsere Kinder, spätestens aber unsere Enkel werden uns für diese Einstellung verfluchen – aber was kümmert UNS das?

Selbstverständlich wird es unmöglich sein, Wachstumsökonomien wie Indien oder China davon zu überzeugen, dass sie kostspielige Klimaschutzmaßnahmen ergreifen müssen, wenn bereits wir Europäer (und bei aller Rhetorik Obamas, letztlich wohl auch die Amerikaner) sie uns angesichts der aktuellen Krise leider nicht mehr leisten können. So ein Pech aber auch, diese Krise, gerade jetzt, wo man ansonsten ein klein wenig Geld für den Klimaschutz übrig gehabt hätte…

Dabei war Wirtschaftswissenschaftlern schon länger klar, dass diese Krise kommen würde, und selbst wenn es nicht DIESE Krise gewesen wäre, hätte man selbstverständlich in den kommenden Jahrzehnten  mit Krisen rechnen müssen, mal ganz abgesehen davon, dass der Klimawandel selbst weitere Krisen hervorrufen wird.

Die aktuelle (und immer noch kommende) Krise gilt bereits als die schwerste seit 1945 – das klingt ziemlich dramatisch, und das IST gewiss auch dramatisch, ganz besonders wenn man – so wie zum Beispiel ich – in der Bundesrepublik Deutschland zu ihren Wohlstandszeiten aufgewachsen ist.

Der Klimawandel allerdings wird WEITAUS dramatischer. Er ist halt nur noch ein bisschen weiter weg. Deswegen löschen wir jetzt erst einmal das Gartenhäuschen, während das Hauptgebäude weiter abbrennt.

Dabei stellt sich mir die Frage: Wäre es nicht vielleicht möglich, beides gleichzeitig zu löschen? Konkreter – könnte man vielleicht wirksame Konjunkturprogramme ins Leben rufen, indem man gleichzeitig in Klimschutz und Umwelttechnik investiert? Diese Idee ist ja im Umlauf, und zum Beispiel das Programm von Obama geht ja auch in diese Richtung, aber wird da auch nur annähernd genug gemacht? Wirklich (mit Hinblick auf den Klimaschutz) funktionierende Maßnahmen sind aus politischer und wirtschaftlicher Sicht doch einfach undenkbar. EIGENTLICH ist bekannt, dass unsere schwindenden weltweiten Ölreserven viel zu kostbar sind, um sie als Treibstoff zu verwenden. Aber ein Gesetz, welches Industrie und Verbraucher dazu zwingt, bis zum Jahr 2020 auf Elektroautos umzusteigen (und begleitende Gesetze, welche dafür sorgen, dass der dafür benötigte Strom umweltfreundlich hersgetellt wird)? Undenkbar. Völlig undenkbar. Utopisch. Die Technologie ist dafür noch gar nicht weit genug – okay, sie würde allerdings gewiss entwickelt werden, wenn den Automobilherstellern gar keine andere Wahl bliebe, als sich ausschließlich auf sie zu konzentrieren. Und viel zu teuer ist das ganze außerdem – aber eben auch nur, weil die Benzinautos im Vergleich billiger sind.

Es ist nicht deswegen utopisch, weil es nicht funktionieren würde, sondern weil es nie gemacht werden könnte – weil es aus heutiger Sicht ungeheure Kosten und unglaubliche Umstellungen erfordern würde, welche uns völlig unakzeptabel erscheinen. Ja, das würde bedeuten, dass sich viele Menschen in Deutschland auf einmal kein Auto mehr leisten könnten. Ja, das würde unsere gesamte Wirtschaft aus den Fugen geraten lassen, die sich vollständig neu aufbauen müsste, fast wie nach 1945. Nein, das wird nienienie passieren, schon gar nicht weltweit (denn ein Einzelvorstoß eines Landes oder Wirtschaftsraumes in diese Richtung wäre effektiv eine Bankrotterklärung). Dermaßen radikale Maßnahmen sind undenkbar.

…so lange jedenfalls, bis der Klimawandel dermaßen katastrophale Ausmaße annimmt, dass sie als das kleinere Übel erscheinen, was ein wirklich schrecklicher Gedanke ist! Noch schrecklicher aber ist der Gedanke, dass es dann längst zu spät sein wird.

Unsere politischen Systeme funktionieren dann am besten, wenn sie am wenigsten zu tun haben, wenn relativ geringe Veränderungen passieren, für die relativ kleine Korrekturen ausreichen. Wenn es nur darum geht, ein paar Schrauben fester anzuziehen oder zu lockern, dann kriegt die Politik das noch hin.

Wenn jedoch das ganze System aus den Fugen gerät, dann reagiert sie zu träge. Das ist kein „bug“, sondern ein „feature“, denn unsere parlamentarische Demokratie (und, mit Abstrichen, auch die präsidentiellen oder semipräsidentiellen Demokratien in den USA oder Frankreich) ist so konstruiert, dass sie radikale Veränderungen ausbremst. Gerade in der deutschen Geschichte haben wir ja bekanntlich äußerst schlechte Erfahrungen damit gemacht, wenn diese Bremswirkung nicht funktioniert hat.

Aber was passiert, wenn radikale Maßnahmen passieren MÜSSEN? Es gibt ja zahlreiche Stimmen, die Frau Merkel vorwerfen, dass sie zur Zeit zu verhalten agiert, um der Wirtschaftskrise entscheidend entgegen zu wirken. Auch hier ist die Politik möglicherweise bereits zu träge. Wie könnte sie dann auf die ungleich größere Herausforderung des Klimawandels reagieren?

Eine rhetorische Frage, eine Verneinung: Sie kann es natürlich nicht! Unsere Gesellschaft ist auf Stabilität gegründet, nicht auf Beweglichkeit. Selbst, wenn der Wille wirklich vorhanden wäre – und das wird auch noch viele Jahre dauern – wäre sie nicht in der Lage angemessen zu reagieren. Die Hilflosigkeit, mit der wir heute in die Wirtschaftskrise trudeln, ist nichts im Vergleich zu der Hilflosigkeit, in der wir dann zusehen werden, wie die Welt untergeht.

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Posted in: Politik