The Big Picture

Posted on Februar 7, 2009


Mit ist da etwas aufgefallen.

Auf meinem Magic-Blog Zeromagic (nein, das folgende Link braucht Ihr nicht anzuklicken, wenn Ihr dieses Spiel nicht kennt, denn dann versteht Ihr eh kein Wort!) schreibe ich darüber, wie ein einst als Denksport vermarktetes Spiel langsam, aber unaufhörlich in den virtuellen Raum emigriert und sich in der realen Welt immer stärker einer immer jüngeren Zielgruppe zuwendet.

Auf meinem kreativen Blog Ein Platz für Andi blogge ich davon, wie das klassische Rollenspiel durch das Aufkommen der Online-Rollenspiele obsolet gemacht wurde.

Und hier, auf Andis Andersartige Ansichten, habe ich vor nicht allzu langer Zeit das Verhältnis von Online- zu Printmedien thematisiert.

Alle diese Themen – und noch einige mehr – fallen letztlich unter den selben Oberbegriff: Die Virtualisierung unserer Gesellschaft.

Okay, das ist jetzt keine bahnbrechende Erkenntnis – jedem ist diese Entwicklung bekannt, und es wird auch immer wieder darüber geschrieben. Was mit allerdings kürzlich erst mit aller Wucht klar wurde, ist wie grundlegend und in alle Bereichen meines Lebens hinein reichend diese Entwicklung stattfindet! Vor allem aber war mir vorher nie klar, dass die Netzwelt nicht einfach eine Ergänzung meiner Lebenswirklichkeit darstellt, sondern dass sie andere Aspekte, die ich als selbstverständlich angenommen habe, verdrängt.

Rollenspiele waren immer schon ein Nischenprodukt, deswegen wurden sie von diesem Effekt am heftigsten betroffen. Sammelkartenspiele folgen nun. Bei konventionellen Spielen ist es mir vermutlich nicht aufgefallen, weil ich generell kein großer Fan davon bin (damit beziehe ich mich jetzt nicht auf vergelichsweise simple Karten-, Brett- und Würfelspiele, sondern auf etwas bis erheblich komplexere Strategiespiele), aber ich habe keinen Zweifel daran, dass es hier genau so ist. Printmedien allgemein kämpfen mit immer größer werdenden Problemen – immer mehr Zeitschriften und Zeitungen stellen sich auf Online-Versionen um. Und wenn ich lese, dass Harry Potter bewiesen hat, dass Bücher eine Renaissance erfahren, dann erinnere ich mich an Meldungen aus den Achtzigern, als es zum Beispiel hieß, dass Vinylschallplatten ihren Marktanteil neben den aufkommenden CDs weiterhin behaupteten…

Das Internet gibt uns viel, aber es nimmt auch furchtbar viel. Bücher und konventionelle Spiele werden nicht komplett aussterben, aber sie werden wirtschaftlich immer unrentabler, und das bedeutet, dass Verleger und Hersteller immer weniger Risiken eingehen dürfen, den Publikumsgeschmack zu verfehlen. Neben dieser Massenware können Nischenprodukte kaum noch bestehen.

Das Problem hierbei ist, dass „Massenware“ immer den kleinsten gemeinsamen Nenner des Publikums bedient! Gute Qualität und Individualität verkaufen sich IMMER schlechter. Wenn ein Markt groß genug ist, dann ist es trotzdem noch möglich, solche Produkte anzubieten. Was aber, wenn der Markt schrumpft?

Die Antwort liegt auf der Hand: Die Vielfalt wird geringer. Nischenprodukte sterben aus.

Natürlich verschwindet diese Vielfalt nicht – sie findet sich im Internet wieder. Allerdings unterscheiden sich Internet-Inhalte von realen Produkten maßgeblich insbesondere in einem Punkt: Sie besitzen keine Dauerhaftigkeit! Ein Buch, eine CD, ein Kartenspiel, das ich besitze, geht mir nicht verloren, wenn ich gut darauf achtgebe. Was ebenfalls nicht unwichtig ist: Gerade WEIL ich in der realen Welt nur begrenzten Platz für Bücher, CDs und Spiele habe, beschäftige ich mich mehr damit! Und auf diese Weise lerne ich auch, welche dieser Dinge es wert sind, sich intensiver damit zu befassen. Qualität benötigt Zeit bei der Erstellung eines Produktes, aber gerade bei Medien und Spielen erfordert diese Qualität auch die Zeit des Konsumenten, sich damit zu beschäftigen.

Das Internet gewöhnt uns die Beurteilung von Qualität ab. Wenn wir mit einem „guten Buch“ in der Hand ins Bett gehen und beim Lesen merken, dass wir einige Passagen zwei Mal lesen oder zurückblättern müssen, um sie zu verstehen, oder dass wir mit einem Kapitel nicht allzu viel anfangen können, dann ist die Chance immer noch größer, dass wir uns durchbeißen und weiterlesen (und dabei möglicherweise feststellen, dass es sich gelohnt hat!), als wenn wir im Internet einen Text lesen, wo Milliarden anderer Inhalte und Beschäftigungsmöglichkeiten nur wenige Klicks entfernt sind.

Gute Bücher, gute Filme, gute Musik und gute Spiele verlangen oft, dass man sich erst eine Zeit lang mit ihnen auseinander setzt, bevor man für diesen gedanklichen und zeitlichen Mehraufwand belohnt wird. Diese Zeit geben wir ihnen bereits im realen Leben immer seltener. Im Internet neigen wir aber zu der Aufmerksamkeitsspanne von Dreijährigen. Deswegen ist die extreme Vielfalt des Internets leider kein Garant dafür, dass es Qualität beinhaltet.

Hier soll es kein Missverständnis geben: Das Internet ist sowohl ein extrem wichtiger, als auch äußerst sinnvoller Bestandteil unseres Lebens – auch meines Lebens! Es stellt aber gleichzeitig ein gigantisches schwarzes Loch dar, welches allerlei Dinge anzieht und verschluckt, die darin nicht in sinnvoller Form existieren können.

Die meisten Bücher und viele Spiele gehören nicht ins Internet. Sie verlieren dort einen essenziellen Teil ihres wahren Wesens. Ich denke, dass das sogar auch für Musikalben gilt: Eine selbst zusammen gestoppelte, vielleicht noch in zufälliger Reihenfolge abgespielte Playlist einzelner Songs ist etwas völlig anderes als ein Konzeptalbum, das man von vorne bis hinten hört.

Ich wünschte, Musik-CDs wären nicht so absurd, unverschämt, unbezahlbar teuer! Ich BIN generell bereit, Geld für CDs auszugeben, anstatt mir Songs im MP3-Format irgendwo herunterzuladen, aber bei diesen Fantasiepreisen kann ich mir das nicht leisten. Mit welcher Rechtfertigung sind Musik-CDs nur teurer als Film-DVDs?

Trotzdem will ich mir eine kleine private Mediathek aufbauen: Echte DVDs, CDs Bücher, Comics und Spiele – keine Kopien! Ich will diese Produktformen unterstützen, so lange es sie noch gibt. Ich lehne das Internet als Informationsquelle, Kommunikationsmedium und auch zur Unterhaltung nicht ab (wie man an der Tatsache, dass ich mittlerweile bereits drei Blogs führe, wohl auch klar erkennen kann!), aber ich verweigere mich seinem totalen Anspruch auf sämtliche Unterhaltungsformen. Manche Dinge funktionieren virtuell tatsächlich besser, und manche sind nur virtuell überhaupt möglich, aber für die übrigen besinne ich mich auf Handfestes zurück.

Das Problem, dass wir zu viel Zeit im Internet verbringen (ja, ich auch), ist letztlich ein Problem, dass wir uns mit den falschen Dingen beschäftigen. Das Netz ist bequem und willfährig – es gibt uns das, was wir wollen, wann wir es wollen, und verlangt dafür als Gegenleistung kaum gedanklichen oder Arbeitsaufwand. Magic-Turniere (mit echten Karten) sterben daran, dass es zu umständlich ist, sie zu besuchen, wenn man doch einfach abends den Computer einschalten und virtuell drauf los spielen kann. Rollenspielrunden sterben sowohl an der Notwendigkeit, sich regelmäßig mit anderen Menschen zu treffen, als auch daran, dass sie gedankliche Eigenleistung erfordern. Geschriebene Texte werden immer unattraktiver, weil sie mehr Konzentration erfordern als das Schauen eines Youtube-Videos.

Hier kann man nur ganz bewusst gegensteuern, ansonsten fällt man ganz automatisch der Bequemlichkeit des Internets zum Opfer. Ich will mir Mühe geben!

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Posted in: Medien