Ferngesehen, nicht gern gesehen

Posted on März 20, 2009


Gerade habe ich zufällig in die SAT1-Krimireihe Niedrig und Kuhnt hinein geschaut. Die kannte ich noch nicht, aber nachdem ich im Fernsehprogramm gelesen hatte, dass jede dieser Folgen nur eine halbe Stunde lang war, war ich darauf neugierig geworden. Reicht diese kurze Zeit aus, um interessante Fälle zu präsentieren?

Die Antwort lautet jein. Die Handlung ist auf das absolut Notwendige verdichtet – keine Spannungsmomente, keine Actionszenen, keine tiefgehende Charakterisierung der Figuren oder persönliche Interaktion zwischen ihnen, aber die Kriminalfälle an sich sind komplex genug entwickelt und hinreichend detailliert beschrieben, um interessant zu sein, so lange man sich halt nur um den Plot kümmert und keinen Fernsehfilm erwartet.

Mir geht es hier aber nicht darum, diese Sendung zu rezensieren (sonst stünde dieser Eintrag auf Ein Platz für Andi), sondern um eine Beobachtung, die ich gemacht habe: Von dieser Sendung wurden heute zwei Folgen hintereinander ausgestrahlt. In der ersten ging es um den Tod einer Domina. Sie wurde von einem Freier umgebracht, der auf sie fixiert war, weil er sie in einem privaten Moment antraf, als sie menschliche Schwäche zeigte und damit seine Illusion zerstörte, dass sie eine jederzeit starke, dominante Person wäre. Er wurde schuldunfähig gesprochen, weil er in einer Phantasiewelt lebte, in der sie eine unnachgiebige und unnahbare Herrin war, die ihn wegen seiner vollständigen Unterwürfigkeit ebenso liebte, wie sie ihn (es ihm aber nicht zeigte, weil sie eben eine Domina war). Mit anderen Worten, er wurde zum Mörder, weil er die Illusion des sexuellen Rollenspiels nicht mehr von der Realität unterscheiden konnte.

In der zweiten Folge beging der Betreiber eines Internet-Computerspiels namens „Jagdinstinkt“ Sexualmorde an jungen Frauen. Er selbst war nicht der Programmierer (er hatte diesem die Rechte abgeluchst), und er spielte es selbst, nicht zuletzt auch mit dem Ziel, sich darüber mit den Frauen zu verabreden. Diese Frauen waren in der Phantasiewelt des Spiels vollständig gefangen (das jüngste Opfer hatte sich deswegen sogar von ihrem Freund getrennt, der ihr weniger wichtig war) und gingen ihm deswegen auch völlig ahnungslos in die Falle. Er wiederum lebte im richtigen Leben diejenigen Allmachtsphantasien aus, die er als Spieler von „Jagdinstinkt“ entwickelt hatte. Wieder war also offensichtlich die Unfähigkeit der Menschen, zwischen Illusion und Realität zu unterscheiden, das auslösende Moment für diese Verbrechen.

Ich weiß, zwei Punkte ergeben eine Gerade, kein Muster, aber bei einer Stichprobe von zwei Fällen, die auch noch direkt aufeinander folgten, ist mir das ein wenig zu viel Ähnlichkeit für einen Zufall. Wollen die Macher dieser Serie irgendeine Botschaft propagieren? Etwas in der Richtung von „SM-Spiele sind zwar heute gesellschaftlich akzeptiert, aber Ihr seht ja, wohin das führen kann“ und „Computerspiele sind die Ursache für reale Gewalt“?

Noch etwas ist mir aufgefallen: Im Vorspann der Serie dürfen beide Ermittler jeweils zu einem Verdächtigen einen markanten Satz sagen. (Offenbar sind das Wiederholungen – ich habe gerade gelesen, dass der Vorspann unterdessen geändert wurde.) Dabei kriegt Kuhnt die reichlich lahme Zeile „Eins kann ich dir garantieren: Ich krieg dich noch.“ Frau Niedrig hingegen sagt Folgendes: „Ich weiß doch, dass Sie lügen, Sie haben ein Motiv und kein Alibi!“

Hm. Wenn heute Abend der Papst erschossen würde, hätte ich auch ein Motiv und kein Alibi… Vielleicht sollte ich mir sicherheitshalber ab jetzt für jede Uhrzeit ein Alibi auf Vorrat verschaffen, falls jemand ermordet wird, den umzubringen ich ein Motiv hätte? Offensichtlich genügt das ja bereits, dass die Polizei glaubt, ich sei der Mörder, und wenn ich etwas anderes behaupte, lüge ich! (Und dann garantieren sie mir auch noch, dass sie mich kriegen werden. Wenn man sich vorstellt, man kriegt sie tatsächlich einmal von einem Ermittlungsbeamten zu hören, ist diese Zeile irgendwie nicht mehr ganz so lahm…)

Wie, das ist ja nur Fernsehen? Stimmt natürlich. Aber andererseits habe ich gerade herausgefunden, dass in dieser Serie, um möglichst nahe an der Realität des Polizeialltags zu bleiben, sogar echte Kriminaloberkommissare die Ermittler spielen, die dafür von ihrer regulären Arbeit freigestellt werden! Sollte man da nicht annehmen, dass die Kripo dann auch ein besonderes Augenmerk darauf legt, dass die beiden Kommissare lebensnah dargestellt werden? Sind diese Sätze aus dem Vorspann denn tatsächlich typisch für die Denk- und Arbeitsweise von Polizeibeamten? Und sollten vielleicht sogar die Drehbücher widerspiegeln, in welchen Bahnen sich Ermittlungen für gewöhnlich bewegen?

Ich hoffe doch wirklich, dass nicht! Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich kaum „Killerspiele“ am Computer zocke, und dass SM-Rollenspiele meine sexuellen Interessen nur peripher berühren. Da konzentrieren sich im Zweifelsfall die Ermittlungen hoffentlich doch stärker auf andere Menschen mit Motiv und ohne Alibi, denen die Kommissare ansehen, wenn sie lügen, und die sie schon noch kriegen werden!

Aber andererseits mache ich mir vielleicht einfach viel zu viele Gedanken – schließlich ist es ja nur eine Fernsehserie, und ich will ja nicht die Phantasiewelt des Fernsehens mit der Realität verwechseln, nicht wahr? Man sieht ja, wohin das führen kann…

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Posted in: Medien