Realistisches Heldentum

Posted on März 29, 2009


Ich bin momentan wieder in einer Phase, in der ich nicht allzu viel Zeit in meine Blogs stecke, aber das sollte mich nicht daran hindern, zumindest gelegentlich einen Kurzeintrag zu verfassen. Heute möchte ich hierauf hinweisen:

Nationalstolz per Gesetz: Japanische Lehrer müssen Hymne singen

Ich will dabei über jene Lehrer sprechen, die finanzielle Einbußen und Disziplinarmaßnahmen in Kauf nehmen, um gegen die nationalistische Indoktrination in Japan zu protestieren. Eigentlich habe ich nicht viel über sie zu sagen, außer einem kleinen Satz: Sie sind Helden!

Über die Bedeutung von Heldentum in unserer westlichen, größtenteils friedlichen und auf Menschenrechte gegründeten Gesellschaft habe ich schon ab und zu gebloggt. Ein Zitat aus diesem Eintrag hier will ich wiederholen:

„Genau so, wie wir uns vormachen, dass wir keine Hitlers und keine Nazis sind, machen wir uns auch vor, dass wir keine moralischen Entscheidungen treffen müssten, weil wir uns nicht in Extremsituationen befinden. Oh, würde ich mein Leben opfern, um die Welt zu retten? Meine Antwort darauf ist… scheißegal, denn ich werde niemals in diese Situation kommen! Das Verlangen nach überdimensionalem Heldentum überdeckt letztlich nur die unbequeme Wahrheit, dass wir die Welt zumindest schrittweise durchaus verbessern KÖNNEN, es aber aus Egoismus und Bequemlichkeit nicht tun.“

Und dann ist da der Abschnitt Alex hat totalverweigert aus jenem Eintrag, in dem ich geschrieben habe:

„Er hat das getan, was ich mich nicht zu tun getraut habe, obwohl ich zum großen Teil seiner Meinung bin (und auch damals schon war): Er hat totalverweigert.[…]Ich bekenne mich schuldig, dass ich aus Angst vor den Konsequenzen den einfachen Weg gewählt habe. Alexander hat dies nicht getan, und deswegen ist er mein Held.“

Eine demokratische Gesellschaft ist NICHT frei von Unrecht – die japanische nicht, unsere deutsche nicht, und ganz bestimmt nicht diejenige in den Vereinigten Staaten. Im Gegenteil besteht ihr wichtigster Wert darin, dass man Unrecht bekämpfen kann und dabei vergleichsweise erträgliche Konsequenzen riskiert: Wer in Tibet, dem Iran oder Zimbabwe Unrecht bekämpft, der muss damit rechnen, gefoltert und getötet zu werden, und nicht nur dass – er setzt auch seine Freunde und Familie dem gleichen Schicksal aus! Man kann von niemandem verlangen, unter diesen Umständen zum Helden zu werden, doch wenn Menschen es tun, verdienen sie unsere um so größere Bewunderung.

Alex drohte für seine Totalverweigerung eine Gefängnisstrafe, die er unter vergleichsweise humanen Bedingungen absitzen würde. Die japanischen Lehrer erhalten gekürzte Bezüge und verlieren vielleicht ihren Job. Das ist nicht vergleichbar, und doch sind es große Opfer, denn diese Menschen setzen ein bequemes, gesichertes Leben aufs Spiel. Wer von uns wäre bereit, diese Opfer zu bringen? Uns erwartet weder Tod noch Folter, und trotzdem sind wir bereits dafür zu feige. Ich habe nicht totalverweigert, obwohl dies meiner Gewissenshaltung entsprochen hätte, und wenn ich Lehrer wäre und per Gesetz dazu gezwungen würde, den Unterricht mit Flaggengruß und Absingen der Nationalhymne zu beginnen, dann weiß ich nicht, ob ich meine Anstellung riskieren würde, indem ich mich weigerte, obwohl ich fest davon überzeugt bin, dass solche Gehirnwäsche-Prozeduren in der Schule nichts zu suchen haben.

Ich bin kein Held, jedenfalls meistens nicht. Um so mehr gilt meine Bewunderung denjenigen, die Helden SIND, und zwar nicht in für mich unvorstellbaren Szenarien wie dem Dritten Reich, sondern in Situationen, in denen ich mich auch befinde oder befinden könnte, die REALISTISCHES Heldentum beweisen: Die erkennen, dass unsere freiheitliche Gesellschaft es uns ermöglicht, mit vertretbaren Opfern Unrecht zu bekämpfen, und die den Mut aufbringen, es auch zu tun! Solche Helden sind es gewesen, die unsere freiheitliche Gesellschaft erkämpft haben. Wir, die wir einfach nur ihre Sicherheit und Annehmlichkeit genießen, haben sie uns nicht verdient. Das mindeste, was wir tun können, wenn wir uns schon nicht selbst zu Heldentum aufraffen ist, solchen Menschen unsere Unterstützung auszusprechen!

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Posted in: Grundrechte