Die Hinrichtung der Bayern

Posted on April 9, 2009


Für alle, die das Viertelfinalhinspiel der Bayern gegen den FC Barcelona nicht selbst gesehen haben: Das 0:4 WAR noch schmeichelhaft für sie! In der ersten Halbzeit hätte Bayern durchaus doppelt so viele Treffer kassieren können, ohne sich zu beschweren, und es war nur Glück, einer gewissen Leichtfertigkeit der Spanier im Umgang mit ihren Chancen und der einen oder anderen Schiedsrichterfehlentscheidung (wie bitter ist das, elfmeterreif gefoult zu werden und dafür eine gelbe Karte für eine Schwalbe zu erhalten?) zu verdanken, dass dies nicht geschehen ist. In der zweiten Halbzeit lag ebenfalls der eine oder andere spanische Treffer in der Luft, und nur weil Barcelona zwei Gänge zurück geschaltet hatte, hielt Bayern hier ein 0:0. Eine einzige Torchance hatten sie selbst, aus der dann ihre einzige Ecke resultierte, während die Spanier beides im zweistelligen Bereich verzeichneten.

Barcelona hat großartig gespielt, aber sie hatten es auch wirklich leicht mit ihrem Gegner! Die Anzahl der Fehlpässe, welche den bayrischen Spielern im Spielaufbau (und das bedeutete oft auf Höhe ihres eigenen Strafraums!) unterliefen, sieht man kaum jemals bei einer Jugendmannschaft. Das Zweikampfverhalten war erbärmlich: Meistens kamen sie gar nicht in die Zweikämpfe, weil die Spanier den Ball längst weitergespielt oder ihren Gegner umkurvt hatten. Stoppen ließen sie sich nur durch plumpe Fouls (und selbst das nicht immer), von denen die Bayern in dieser Partie genug für drei bis vier Spiele begingen. Die kläglichen bayrischen Offensivbemühungen versandeten sämtlich in Einfallslosig- und Mutlosigkeit. Ihr gefühlter Ballbesitz kam kaum über 10% hinaus. Sie hatten nicht den Hauch einer Chance, und man sah ihnen auch an, dass sie das wussten.

Dabei kann man ihnen ehrlicherweise nicht einmal ankreiden, dass sie sich nicht bemüht hätten! Sie rannten – nur immer in die falsche Richtung. Sie suchten die Zweikämpfe – kamen aber immer zu spät (deswegen die vielen Fouls). Sie versuchten, schnell nach vorne zu spielen – wurden aber immer abgefangen. Sie waren bemüht, aber überfordert.

Wie konnte das passieren? Klar, Barcelona ist die vermutlich zur Zeit stärkste Vereinsmannschaft der Welt, aber die Bayern sind ja auch nicht gerade eine Kreisligatruppe. Nach der Niederlage gegen Wolfsburg begann Klinsmann, die Spieler in Frage zu stellen – aber wieso eigentlich? Ganz ehrlich, die Bayern sind, für ihre finanziellen Verhältnisse (die im Vergleich zu europäischen Spitzenmannschaften bescheiden sein mögen, aber im deutschen Vergleich höchst komfortabel erscheinen), gut besetzt! Was ihnen vorzuwerfen ist, ist eine mangelhafte Talentförderung, aber diejenigen Spieler, die tatsächlich auf dem Platz stehen, haben alle ihre Qualität längst bewiesen.

Nein, es liegt nicht an den Spielern, wenn die Abstimmung in der Abwehr hinten und vorne nicht stimmt und reihenweise elementarste Zuordnungsfehler passieren. Es liegt auch nicht an den Spielern, wenn das Aufbauspiel hektisch und planlos erfolgt. Es liegt nicht an den Spielern, wenn in der Offensive keine Automatismen existieren und Ideenlosigkeit herrscht. (Und es liegt letztendlich auch nicht am Spieler Lucio, wenn sein Trainer ihn trotz einer offensichtlichen schweren Verletzung nicht vom Feld nimmt, wie es gegen Wolfsburg geschehen ist.) Es liegt am Trainer.

Wisst Ihr, ich mag Felix Magath nicht! Das ist nicht rational begründet – irgendwie hatte ich gegen ihn bereits zu seiner Zeit als Spieler beim HSV eine Abneigung entwickelt, und in seiner Trainerzeit besteht diese noch fort. Ich weiß, dass sie vermutlich ungerechtfertigt ist, aber da ich mit ihm nie persönlich zu tun habe und Fußball für mich nichts weiter als eine virtuelle Realität darstellt, gönne ich sie mir.

Jedoch komme ich trotzdem nicht umhin zu bemerken, wie unendlich dämlich sich die Bayern ihm gegenüber verhalten haben! Unter Magath haben die Bayern DAS DOUBLE VERTEIDIGT. Das ist eine in der Geschichte des deutschen Fußballs einmalige Leistung – und trotzdem wurde er bei der ersten Schwächephase der Mannschaft aus dem Amt gejagt (und sinnigerweise durch seinen Vorgänger ersetzt)! Warum? Weil die Vereinsführung jeden Sinn für Realitäten verloren hatte und den FC Bayern als europäische Spitzenmannschaft sehen wollte. In Deutschland klar zu dominieren, das war ihnen nicht genug – sie wollten auf Augenhöhe mit Barcelona oder Manchester United. Dafür aber fehlen den Münchnern nun einmal die Voraussetzungen, und das konnten daher nicht einmal absolute Spitzentrainer wie Hitzfeld oder Magath leisten! (Dass Magath tatsächlich ein Spitzentrainer ist, beweist er ja zur Zeit mit Wolfsburg noch einmal.) Obwohl: VIELLEICHT hätte es ja zum Beispiel ein Felix Magath geschafft, wenn sich der Verein an Manchester United ein Vorbild genommen und ihm eben solche Unterstützung zukommen lassen hätte, wie Sir Alex Ferguson sie dort erfährt – der Mann ist seit DREIUNDZWANZIG Jahren im Amt! Anstatt von Magath zu erwarten, innerhalb weniger Jahre Wunder zu bewirken, hätten sie ihm ja für ein Jahrzehnt freie Hand geben können, damit er von Grund auf etwas aufbaut… aber das geht in München nun einmal nicht! Verwöhnt und verblendet von den ständigen nationalen Erfolgen, konnte man den nächsten Schritt einfach nicht abwarten. Und was tut man, wenn selbst die besten Ärzte nicht über Nacht Wunder bewirken können? Genau – man holt einen Wunderheiler.

So kam dann also Jürgen Klinsmann zum Trainerposten bei den Bayern. Immerhin hatte er das Sommermärchen der deutschen Nationalmannschaft herbeigeführt, also würde er gewiss auch beim FC Bayern Träume wahr werden lassen, oder? Nur, ärgerlicherweise wurde dabei womöglich übersehen, dass Klinsmann als Trainer überhaupt nichts taugt!

Der Wechsel von Klinsmann zu Löw vollzog sich beim DFB möglicherweise nicht ohne Grund so nahtlos: Ich bin wahrlich nicht der erste, welcher der Vermutung Ausdruck verleiht, dass Klinsmann für neue Rahmenbedingungen und ein verbessertes Image gesorgt hat, dass aber Löw schon immer die eigentliche Trainerarbeit gemacht hat! Klinsmanns Verdienste um die Nationalmannschaft will ich hier nicht unnötig schmälern, aber sie lagen wahrscheinlich auf ganz anderen Gebieten.

Und als Klinsmann Cheftrainer beim FC Bayern wurde, war dies erst sein zweiter Trainerjob überhaupt, und vielleicht das erste Mal, dass er tatsächlich für den sportlichen Teil des Traineramtes zuständig war! Er versuchte es gleich mit frischem Wind – Wohlfühlatmosphäre (einschließlich der berüchtigten Buddhas), ausführliche Videoanalysen, der ganze psychologische Krimskrams. Nur: Die Psychologie alleine genügt nicht – sie muss die eigentliche Trainingsarbeit ergänzen, wie sie es beim DFB getan hatte! Hier aber versagt Klinsmann. Wo beim DFB zahleiche junge Spieler geformt und erfahrene Spieler weiterentwickelt und stabilisiert wurden, herrscht in München Stagnation und Konfusion. Wer erinnert sich noch daran, dass zu Beginn der Saison mehrere Spieler vom Trainer eine verstärkte Defensive forderten? Damals wurde das von der Presse ein bisschen als Widerstand des Establishments gegen den Radikalreformer Klinsmann gedeutet. Unterdessen frage ich mich aber, ob das nicht eher eine Art Hilferuf der Mannschaft war: „Trainer, wir brauchen weniger Parolen und mehr echtes Systemtraining!“? War es wirklich die Schuld der renitenten Spieler, dass sie das Konzept ihres Trainers nicht umsetzen wollten, oder war der Trainer Klinsmann vielleicht einfach nicht in der Lage, ein schlüssiges Konzept zu präsentieren?

Das Spiel gegen Barcelona sprach meiner Ansicht nach eine eindeutige Sprache. Was ich bei den Bayern sah, das war nicht Arbeitsverweigerung, das war Hilflosigkeit – ein Team, das sich ohne taktische Führung gegen einen exzellent geschulten Gegner allein gelassen sah. Ich habe gesehen, wie ein Schweinsteiger Zweikämpfe gesucht hat, wie ein Ribery Angriffsläufe gestartet hat, ja selbst wie ein Lell eifrig gerannt ist (nur meistens an die falsche Stelle). Die Mannschaft war nicht phlegmatisch, sie war konfus. Und das IST die Schuld des Trainers! Ich habe mich wiederholt darüber mokiert, wenn Trainer auf Grund übermäßiger Ergebnisorientiertheit entlassen wurden, anstatt ihre tatsächliche Arbeit zu würdigen. Diesmal allerdings liegt der Fall anders: Klinsmann hat versagt! Seine Spieler stagnieren oder verschlechtern sich, und seine Mannschaft fällt spielerisch auseinander.

Und auch seine psychologischen Tricks erscheinen ohne das Fundament einer soliden Trainerarbeit kontraproduktiv. War es wirklich sinnvoll gewesen, einen Spieler zum Kapitän zu ernennen, den man dann nicht aufstellt, so wie es damals mit Van Bommel geschehen war? Abgesehen von der fragwürdigen Signalwirkung des Ganzen und der möglichen Verunsicherung des Spielers – ist der Kapitän nicht der verlängerte Arm des Trainers auf dem Feld und sorgt dafür, dass dessen taktische Anweisungen umgesetzt werden? Aber vielleicht hat ein Trainer, der keine schlüssigen taktischen Anweisungen zu geben weiß, daran ja auch keinen Bedarf.

Und was sollte dieser völlig sinnfrei erscheinende Austauch von Rensing gegen Butt? Klar, Rensing ist nicht der Torhüter von internationalem Format, den die Bayern sich als Kahn-Nachfolger gewünscht hätten, aber er war auch bestimmt nicht schuld an den schlechten Leistungen der Bayern zuletzt, und wie die urplötzliche Hereinnahme des Edelreservisten Butt dazu beitragen sollte, die Mannschaft zu stabilisieren, darauf hat wohl niemand eine Antwort.

Ein Signal war es offensichtlich – aber was sollte es bedeuten? Klinsmann hat ja zuletzt davon gesprochen, dass nun die Mannschaft in der Pflicht stünde – irgendjemand muss ja schuld an der Misere sein. Sollte das Signal also lauten: „Niemand ist unersetzlich“? Nur – die Tatsache, dass Rensing offensichtlich der einzige ersetzliche Spieler WAR, weil Klinsmann tatsächlich keine Alternativen auf anderen Positionen besitzt, wenn einmal drei Stammspieler ausfallen (Klose, Lahm, Lucio), macht aus diesem versuchten Machtwort doch eine Posse! (Und wer, wenn nicht Klinsmann, ist denn verantwortlich dafür, dass die Reservespieler nicht bereit für einen Einsatz auf hohem Niveau sind?)

Ganz ehrlich: Ich glaube, die Herausnahme Rensings war ein Signal ganz anderer Art, und zwar in Richtung Robert Enke! Der ist zur Zeit wohl der Favorit auf den Posten des Nationaltorhüters und gilt auch trotz des höchst bescheidenen Abschneidens seines Teams Hannover als der beste Torwart der Liga (zum Beispiel hat er den besten Kicker-Notendurchschnitt aller Bundesliga-Torhüter – wenn man bedenkt, wie stark die Notengebung des Kicker normalerweise mit den Spielergebnissen korreliert, ist das höchst bemerkenswert)! Er hat auch schon angedeutet, dass er sich nach Ende der Saison nach Möglichkeiten umsehen wird, öfter international zu spielen (was bei Hannover gewiss nichts werden wird). Wo sonst sollte er da eigentlich hingehen, wenn nicht zum FC Bayern? Und wäre er nicht genau derjenige Torhüter, den die Bayern gerne verpflichten würden?

Nur, da ist dieses Bekenntnis, Rensing aufbauen zu wollen. Das stünde einem solchen Wechsel wohl im Weg. Wenn man aber nun Rensings Position bei den Bayern plötzlich unterminierte… Rensing würde unzufriedener, und Enke offensichtlich willkommener! Nein, ich sehe Rensings Degradierung weniger im Zusammenhang mit seinen Leistungen beim FC Bayern (die solide, aber eben nicht den Maßstäben des FC Bayern genügend ausgefallen waren), sondern mit der exzellenten Leistung von Enke zuletzt bei der Nationalmannschaft. So, wie es aussieht, wird am Ende dieser Saison der beste deutsche Torhüter auf dem Markt sein, und da muss der FC Bayern zugreifen können – auch wenn das bedeutet, Rensing dafür fallen zu lassen.

Robert Enke wiederum hat keine wirkliche Wahl: Hannover ist kein Ort für einen deutschen Nationaltorhüter, und um dauerhaft international zu spielen, gibt es in Deutschland trotz allem nur eine realistische Adresse, und das ist der FC Bayern.

Mittelfristig wird dieser auch seine Dominanz zurückgewinnen, aber zur Zeit besteht akuter Handlungsbedarf: Weder Ribery noch Toni können mit den Verhältnissen beim FCB zur Zeit zufrieden sein, und auch andere Spieler, welche die Substanz besäßen, sich bei anderen europäischen Vereinen durchzusetzen, so wie zum Beispiel Schweinsteiger oder Lahm, werden sich überlegen, ob sie sich dem Entwicklungsknick der Klinsmannschen Bayern weiter aussetzen wollen. Die Münchner Vereinsführung muss dringend den Traum des Wunderheilers begraben und einen wirklichen Trainer an seine Stelle setzen, den sie nach seiner Arbeit und nicht nach seinen an einer überzogenen Erwartungshaltung gemessenen Ergebnissen beurteilen. An Klinsmann halten sie derzeit ja eh nur fest, weil sie sich die Größe ihres eigenen Fehlers bei dessen Verpflichtung nicht eingestehen wollen. Dabei wird der angerichtete Schaden jedoch immer schlimmer.

Vielleicht erweist sich die bisher so überzeugend erscheinende Champions-League-Saison ja als Fluch, weil sie die bestehenden Probleme kaschiert hat: Die Bayern stagnieren zwar, aber sie stagnieren auf relativ hohem Niveau. Für die nicht übermäßig schwere Vorrundengruppe und den leichtestmöglichen Achtelfinalgegner hat die individuelle Klasse ihrer Spieler ja locker ausgereicht. Die Konkurrenz aber bleibt nicht stehen: In der Bundesliga haben Teams mit erheblich moderaterer spielerischer Substanz den FCB längst ein- und überholt, weil sie von ihren Trainern zu einer taktisch funktionierenden Einheit geformt worden sind, und in der Champions League mussten die Bayern einsehen, dass sie nicht annähernd mit den Topteams mithalten können. Zwar schwärmen sie heute von der Klasse zum Beispiel eines Henry, aber saß der nicht letzte Saison noch auf der Reservebank, während alle Welt den Wunderstürmer Toni bei den Bayern feierte? Topspieler enstehen nicht aus dem Nichts – sie werden von Toptrainern geformt. Wenn jedoch in einem Team praktisch jeder einzelne Spieler hinter seiner früheren Form zurückbleibt, nun, dann liegt das wohl eben am Trainer.

Magath wird nicht zurückkehren. Rangnick oder Klopp sind glücklich, wo sie zur Zeit arbeiten. Und echte internationale Toptrainer werden genau beobachtet haben, wie beim FC Bayern in dem letzten Jahren mit ihren Kollegen, die exzellente Arbeit geleistet hatten, umgesprungen wurde. (Und sie werden gewiss auch die Überalterung der Leistungsträger misstrauisch beäugen.) Vielleicht ist der wirkliche Grund, dass Klinsmann noch im Amt ist, einfach der, dass es nicht einfach ist, einen brauchbaren Nachfolger zu finden? Franz Beckenbauer jedenfalls ist unterdessen zu alt, um noch einmal als Nothelfer einzuspringen…

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Posted in: Erkenntnisse