Das Stroboskop des Lebens

Posted on Mai 5, 2009


Gestern Abend lief eine DSDS-Sondersendung, „Deutschlands tragischster Superstar“. Ein anrührendes menschliches Schicksal: Eine todkranke Frau, die tapfer ihr Leben meistert; zwei kleine Kinder, eines davon mit vier Jahren bereits gezwungen sehr selbständig und mit noch unerschüttertem kindlichen Optimismus; eine Familie, zu der die Frau ein gespaltenes Verhältnis hat, und der sie die Obhut ihrer Kinder nach ihrem Tod nicht anvertrauen will. In einer Nebenrolle ein deutsches Jugendamt, welches zwischenzeitlich angedroht hatte, der Mutter ihre Kinder fortzunehmen, weil sie sich nicht genügend um sie sorgte. Ach ja, der Bezug zu DSDS war natürlich ein Auftritt der bereits im Rollstuhl sitzenden Frau in dieser Sendung, wo sie mit ihrem Gesang – obwohl dieser nicht ganz den Ansprüchen der Juroren genügte – vor allem aber mit ihrem Schicksal das Publikum zu Tränen rührte. Für sie und ihre Kinder war dieser Auftritt ein erfüllter Lebenswunsch, hieß es.

Warum tat ich mir diese Mischung aus Tragik, Kitsch und Selbstbeweihräucherung von DSDS an? Aus dem einzigen für mich denkbaren Grund: Die Sängerin, um die es ging, Lori Mai, ist mir persönlich bekannt. Nicht allzu nah – ich hatte sie nur ein paar Mal persönlich getroffen und gelegentlich mit ihr telefoniert. Dann schlief der Kontakt mangels gemeinsamer Interessen ein. Das war etwa ein halbes Jahr, bevor bei ihr ALS diagnostiziert wurde.

Kurz vor ihrem Auftritt bei DSDS empfing ich eine Rundmail von ihr, in der sie diesen ankündigte, aber ich verpasste ihn. Gestern schließlich sah ich zufällig eine Ankündigung dieser Sendung und schaltete ein. (Und das war auch das einzige Mal, dass ich jemals bei einer DSDS-Sendung zuschaute.)

Wie wohl jeder von Euch auch habe ich bereits erlebt, wie Menschen aus meinem persönlichen Umfeld krank wurden und starben. Lori allerdings gehört nicht wirklich zu meinem persönlichen Umfeld – eine frühere kurzzeitige Zufallsbekanntschaft, mehr nicht. Gerade deswegen wirkte ihre traurige Geschichte auf mich in besonderer Weise: Sie ist kein Mensch, an dessen Schicksal ich echten persönlichen Anteil nehme, aber sie ist auch keine völlig Fremde. Ich empfinde ihrem Leiden gegenüber die gleiche Distanz, die ich gegenüber all den anderen schlimmen Schicksalen in der Welt empfinde, mit denen die Medien uns tagtäglich bombardieren und auf die man ohne durchzudrehen nur mit Abstumpfung reagieren kann, aber bei ihr empfinde ich diese Distanz BEWUSST. Lori ist mir nicht wirklich fremd, aber auch nicht wirklich vertraut, und ich frage mich, wie ich auf ihre Situation reagiert hätte, wenn wir in Kontakt geblieben wären.

Vielleicht ist es der Kontrast zwischen zwei so unterschiedlichen Momentaufnahmen: Einmal die lebenslustige, experimentierfreudige junge Frau, die ich kannte – zum anderen die schwerkranke Mutter, die am Ende ihrer Kraft darum kämpft, den Rest ihres Lebens zu meistern. Bei einer mir wirklich nahe stehenden Person hätte ich die Entwicklung von der einen zur anderen miterlebt. Eine völlig fremde Frau hingegen hätte ich kaum als reale Person wahrgenommen.

Die Lori von früher ist eine flüchtige Erinnerung, die nur durch die Konfrontation mit der Lori von heute überhaupt wieder in mein Bewusstsein gerückt ist. Die Aussparung der dazwischen liegenden Zeit macht es mir beinahe unmöglich, diese beiden Personen miteinander zu vereinen. Der DSDS-Bericht erschien mir wie ein Blick in ein Paralleluniversum, oder wie ein verzerrter Traum.

An diese Stelle gehört ein Schlusssatz, der meine Gedanken in geordneter Form zusammenfasst. Leider weiß ich nicht, was darin stehen könnte.

Advertisements
Posted in: Weltschmerz