Die spinnen, die Hamburger, und nicht nur die!

Posted on Mai 19, 2009


Fußball mag nur eine Nebensache sein, aber wie gut lässt sich doch an ihr die Denkweise der Menschen beobachten…

Zur Zeit ist beim HSV die große Suche nach dem Schuldigen an der derzeitigen Misere im Gang: Hat die Vereinsführung zu viele Leistungsträger verkauft? Ist der Kader nicht breit genug besetzt? Waren die Spieler letztlich doch nicht engagiert genug? Oder hat wieder einmal der Trainer etwas falsch gemacht?

Auf jeden Fall muss sich etwas ändern! Nachdem noch vor wenigen Wochen der Dreifachtriumph von Meisterschaft, DFB-Pokalsieg und UEFA-Pokalsieg möglich erschien, droht der HSV jetzt sogar zum Ende der Saison hin mit völlig leeren Händen dazustehen: In beiden Pokalwettbewerben ist man im Halbfinale gegen Werder Bremen ausgeschieden, und eben jene Bremer haben auch in der Bundesliga dazu beigetragen, dass Hamburg hinter Dortmund zurückgefallen ist und jetzt nur noch auf Platz 6 steht, womit es nicht einmal mehr für das internationale Geschäft qualifiziert wäre – was für eine Katastrophe! Welch eine Krise!

Moment mal…wieso jetzt eigentlich? Worum dreht sich die ganze Aufregung? Also, da ist ein Klub, der hat im DFB-Pokal und im UEFA-Pokal das Halbfinale erreicht, und der spielt bis zum letzten Bundesligaspieltag noch um einen Platz im internationalen Geschäft mit. Platz 6 ist bereits sicher, womit man unter anderem vor Schalke, Leverkusen, Hoffenheim und Bremen platziert ist. Klar, nachdem es zwischenzeitlich in der Saison noch viel besser aussah, ist verständlich, dass sich Enttäuschung breit macht – aber wie kann der HSV, ja, wie kann IRGENDEIN Bundesligaverein mit Ausnahme der Bayern mit einer solchen Saison in ihrem Gesamtverlauf unzufrieden sein? Neben den Bayern, die alles in allem prinzipiell immer noch ein wenig stärker als der Rest der Liga einzustufen sind, gibt es nun einmal seit dem Aufstieg von Hoffenheim neun weitere Mannschaften, die alle gut genug sind, um Platz 1 bis 5 – und damit eben auch um Platz 6 bis 10 – mitzuspielen. Von diesen zehn Mannschaften können nun einmal nur fünf die Plätze belegen, welche für die internationalen Wettbewerbe qualifizieren. Und sicher ist es ärgerlich, wenn am Ende für den HSV feststehen sollte, dass er bei der Reise nach Europa einer derjenigen Vereine ist, die es nicht geschafft haben, sich einen freien Platz zu ergattern – ein Schicksal, welches sie sich dann mit Schalke, Hoffenheim und möglicherweise Bremen oder Leverkusen teilen (gewinnt Bremen den UEAF-Cup, sind beide qualifiziert, ansonsten nur der Sieger des DFB-Pokalfinales). Aber ist das ein Anlass, nach „Schuldigen“ zu suchen? Der HSV hat eine gute Saison gespielt, und am Ende fehlte dann das letzte Quäntchen Erfolg. Ja – und? Wenn das Elfmeterschießen im Pokalhalbfinale gegen Bremen gewonnen worden wäre, oder wenn Dortmund in einem Spiel mehr das Pech gehabt hätte, anstatt eines Sieges wieder einmal nur ein Unentschieden einzufahren und daher hinter den Hamburgern stünde, hätte man dann beim HSV alles richtig gemacht?

Die spinnen, die Hamburger, aber nicht nur die. Leider ist es im Profifußball offenbar absolut unmöglich, die Leistung einer Mannschaft oder die Arbeit ihres Trainers anders als an nackten Ergebnissen zu messen. Ansonsten würde man vermutlich erkennen, dass gemessen an realistischen Vorgaben nur sehr wenige Mannschaften wirklich enttäuscht haben: Der FC Bayern hat sich unter Jürgen Klinsmann zwar fußballerisch zurück entwickelt (und deswegen war dessen Entlassung auch die überfällige Korrektur einer falschen Entscheidung gewesen), aber selbst für die stärkste Mannschaft der Liga liegt ein Jahr, in dem man jeweils im Viertelfinale von DFB-Pokal und Champions League ausscheidet und am letzten Spieltag um Platz 1-4 der Liga mitspielt, noch im unteren grünen Bereich. Man kann nicht jedes Jahr Meister werden, man kann im Pokal auch einmal gegen eine andere starke Mannschaft wie Leverkusen (im Gegensatz zu beispielsweise Vestenbergsreuth) ausscheiden, und man kann ganz bestimmt auch vom FC Bayern nicht wirklich erwarten, über das Champions League Viertelfinale hinauszukommen (wohl aber, dort besseren Fußball zu spielen)! Solche Jahre gibt es, und wenn die Bayern mit einem Sieg über Stuttgart doch noch die direkte Champions-League-Qualifikation erreichen sollten, ist zumindest ergebnismäßig letztlich alles doch noch im Lot.

Bei Wolfsburg kann man zwar bemäkeln, dass sie in den Pokalwettbewerben nicht annähernd so stark aufgetreten sind wie in der Meisterschaft, aber wer könnte hier ernsthaft unzufrieden sein, selbst wenn sie die Meisterschaft noch vergeigen und „nur“ als Zweiter der Bundesliga in die Champions League einziehen sollten? Stuttgart und Hertha haben beide alle realistischen Erwartungen, die man an sie stellen konnte, übertroffen, und Dortmund und Hamburg haben ebenfalls NICHT enttäuscht, egal welches dieser beiden Teams am Ende mit leeren Händen dasteht. Schalke, okay, die liegen nicht im Soll, was aber wohl weniger an einer realistischen Erwartungshaltung liegt, sondern eher an dem teuren Kader, der zusammengestellt wurde, und dem man leider nicht ansieht, wohin das ganze Geld denn nun eigentlich geflossen ist: Bei diesen Investitionen hätte es ein internationaler Startplatz sein müssen. Ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, stattdessen maßvoller (und mit mehr Augenmaß) zu investieren, anstatt sich dermaßen unter Druck zu setzen, das ist eine andere Frage… Eine katastrophale Saison hat aber auch Schalke nicht gespielt, lediglich eine schlechte. Mal sehen, was Wunderwirker Magath da auf die Beine stellen wird!

Dann Hoffenheim und Leverkusen – wiederum zwei Vereine, die eigentlich nur deswegen unzufrieden sein können, weil sie zwischendurch überraschend so unglaublich gut dastanden! Über den gesamten Saisonverlauf betrachtet allerdings wurde in beiden Vereinen sowohl guter Fußball gespielt als auch ein völlig akzeptables Ligaergebnis erreicht. Gerade Hoffenheim darf jetzt nicht größenwahnsinnig werden: Sich als zehnte Mannschaft im Club der Bundesligagrößen etabliert zu haben, ist ein gewaltiger Kraftakt gewesen, und jetzt sollte es erst einmal gelten, diese Position zu konsolidieren! Was Leverkusen angeht, so wäre der Weg in die Euro League via DFB-Pokal letztlich auch nur das Sahnehäubchen. Es können eben nur 5 Mannschaften unter den ersten 5 landen.

In der Liga enttäuscht hat hingegen Werder Bremen, obwohl sie zum Saisonende hin doch noch den Rückstand zur oberen Tabellenhälfte deutlich verkürzt haben, aber das sind schon ein paar Siege zu wenig für die Qualität, die diese Mannschaft besitzt. Dafür aber haben sie in den Pokalwettbewerben in großem Maßstab aufgetrumpft, und selbst wenn sie in zwei Versuchen nun keinen Titel holen (und damit auch nicht nächstes Jahr international spielen) dürfen sie zwar enttäuscht, aber mit dem Saisonverlauf insgesamt nicht unzufrieden sein.

Auch auf den nächsten vier Plätzen wäre Unzufriedenheit fehl am Platz: Hannover, Köln und Frankfurt haben sich alle drei nie ernstlich in Abstiegsgefahr befunden, und das ist eine keineswegs selbstverständliche Leistung! Klar hätten alle gerne im Club der Großen mitgespielt, aber so viel Realismus SOLLTE man in diesen Städten eigentlich besitzen, dass man noch nicht so weit ist. SOLLTE. Naja.

Und dann ist da Bochum, das nicht absteigen wird, obwohl es lange deswegen zittern musste, aber auch dies ist ein Erfolgserlebnis, denn Bochum befand sich nun einmal seit Beginn der Saison auf einer kurzen Liste mit den wahrscheinlichsten Abstiegsaspiranten, ebenso wie Bielefeld, Cottbus und Karlsruhe. Gerade Karlsruhe hat übrigens nicht ganz so schlecht Fußball gespielt, wie ihre erzielten Punkte vermuten lassen, aber Pech gehört eben dazu. Dass allgemein auf den untersten Plätzen die Punkte dieses Jahr besonders mager ausgefallen sind, liegt gar nicht einmal in erster Linie an der Schwäche dieser Mannschaften, sonder auch an der Verbreiterung der Spitze: Wenn zehn Clubs nun einmal größeres Potenzial besitzen als der Rest, dann zerfällt die Tabelle eben mehr oder weniger in zwei Punkteregionen. Sowohl Cottbus als auch Bielefeld hätte von Saisonbeginn klar sein müssen, dass sie das Schicksal Abstieg ereilen könnte, und das wurde auch immer wieder angesprochen, aber wieder einmal scheint diese Möglichkeit nirgends WIRKLICH akzeptiert worden zu sein.

Bleibt noch ein Verein anzusprechen: Borussia Mönchengladbach. Hier darf man enttäuscht sein, ganz besonders wenn die Klasse tatsächlich doch nicht mehr gehalten werden sollte, denn von den spielerischen Möglichkeiten her gehört dieses Team doch eher ins Tabellenmittelfeld. Nun ja, shit happens, und es wurden eben die entscheidenden Partien der Rückrunde nicht gewonnen: Bochum, Bielefeld, Karlsruhe – ein Sieg gegen einen dieser Gegner hätte vermutlich bereits alles klar gemacht, aber ausgerechnet in den direkten Vergleichen mit den anderen Abstiegskandidaten zeigte das Team Schwäche. Trotzdem: Jeder Aufsteiger, der nicht Hoffenheim heißt, darf einen Abstieg nicht als Versagen werten. Wobei ich mich allerdings frage, welchen Sinn es hat, nächstes Jahr ohne die Leistungsträger Marin und Baumjohann überhaupt noch in der Bundesliga anzutreten… Letztlich wird auch Gladbach ohne einen gewaltigen Kraftakt in nächster Zeit erst einmal wieder dem Kreis der Abstiegsaspiranten zuzurechnen sein.

Wie auch immer: Allein von den Ergebnissen her ist das ständig wieder hochkochende Krisengerede bei unseren Bundesligavereinen einfach nicht zu begründen! Wenn bei den Bayern der Trainer die Mannschaft nicht taktisch einzustellen weiß; wenn bei Werder Bremen die Motivation im Alltagsgeschäft Bundesliga nicht so hoch ist wie in den Pokalwettbewerben; wenn in Karlsruhe die Stürmer einfach nicht das Tor treffen – dann sind das natürlich Baustellen, an denen gearbeitet werden muss. Ein Untergang des Hauses Usher allerdings war nirgends zu beobachten, lediglich überzogene Erwartungshaltungen und hektische Selbstdemontage!

And now for something completely different: Auf Ein Platz für Andi habe ich eine Rezension zu Star Trek verfasst. Vielleicht interessiert das ja so manchen von Euch mehr als Fußball?

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Posted in: Sport