V wie Vorabendprogramm

Posted on Juli 1, 2009


Ich habe es wieder einmal getan, ich habe Niedrig und Kuhnt gesehen.

Nun will ich nicht behaupten, dass ich das allzu selten täte. Tatsächlich neige ich dazu, diese ganzen billig produzierten Sat1-Sendungen (Richterin Barbara Salesch, Richter Alexander Hold, Niedrig und Kuhnt, Lenßen und Partner, K11 – Kommissare im Einsatz) im Nachmittags- und Abendprogramm nebenher laufen zu lassen, wann immer ich etwas tue, was nicht allzu viel geistige Aufmerksamkeit erfordert, und mir dabei ein wenig Ablenkung wünsche, insbesondere bei häuslichen Tätigkeiten.

Nun will ich mich hier nicht darüber aufregen, dass diese Sendungen schlecht sind: Klar, sie SIND natürlich schlecht, in fast jeder Hinsicht (auf dieses „fast“ komme ich gleich zu sprechen), aber das weiß ich ja. Ich schaue sie mir aber deswegen gerne an, weil sie mit diesem faszinierenden Prinzip arbeiten, einigermaßen komplexe Plots in zwanzig Minuten zu erzählen! (Die Zeit habe ich jetzt geschätzt, aber bei den ganzen Werbepausen wird das wohl ungefähr hinkommen.)

Vom erzählerischen Standpunkt aus, und insbesondere als Rollenspielleiter, finde ich das äußerst spannend. Die schauspielerischen Leistungen changieren zwar zwischen mäßig und furchtbar, und der Spannungsverlauf leidet unter einer gewissen Vorhersehbarkeit, aber die nackten Plots sind, wenn man in der Lage ist, ihre konkrete Umsetzung auszublenden, teilweise erstaunlich kreativ!

Doch ich schreibe hier ja, wie üblich, um mich über etwas aufzuregen: In der heutigen Folge ist ein ca. elfjähriger Junge verschwunden. Bei der Polizei geht ein Hinweis ein, dass dieser beim Betreten einer Wohnung gesehen wurde. Als die Kommissare das hören, reagieren sie zunächst uninteressiert, denn solche Hinweise sind bei ihnen am selben Tag bereits ungefähr ein Dutzend Mal eingegangen. Doch diesmal hat der Kollege eine zusätzliche Information:  Diese Wohnung gehört einem vorbestraften Pädophilen! In der nächsten Szene sieht man, wie ein halbes Dutzend schwerbewaffnete SEKler die Wohnung dieses Mannes stürmen.

Okay, so ist das also: In einem Dutzend anderer Fälle werden die Aussagen der Zeugen routinemäßig zu Protokoll genommen. Im Fall des Vorbestraften aber rückt gleich das SEK an. Sollte einem das zu denken geben?

Nun waren aber erst zehn Minuten Sendezeit vergangen, deswegen konnte dieser Mann, dessen Wohnung ausschließlich auf die Aussage einer angeblichen Augenzeugin hin gestürmt wurde,  nicht für das Verschwinden des Jungen verantwortlich sein. Tatsächlich hatte jene Augenzeugin sogar deswegen ihre Beobachtung erfunden, weil sie von der Vergangenheit des Mannes wusste und ihm auf diese Weise Schwierigkeiten bereiten wollte! Das ist auch alles andere als unrealistisch.

Unrealistisch hingegen ist, dass Blutspritzer in der Dusche des Mannes gefunden wurden, die zwischenzeitlich den Verdacht gegen ihn noch erhärteten, die jedoch vom Schlachten eines Huhns herrührten. Klar, so etwas KANN passieren, aber hier wird die Zufallsgöttin dann doch ein wenig überstrapaziert… Nun ja, wie gesagt: Das generelle Niveau dieser Sendung ist nicht mein Thema.

Mein Thema ist  ist allerdings die Art und Weise, wie die beiden Vorzeigekommissare über den Verdächtigen redeten, selbst nachdem die Verdachtsmomente gegen ihn bereits widerlegt wurden! Aus jedem Satz sprach der Ekel, und man man merkte überdeutlich, dass sie diesen Mann am liebsten einfach trotzdem ins Gefängnis gesteckt hatten. Wie krank ist das denn auch, ein Huhn zu schlachten! Ich frage mich, ob die Polizei nicht alle Metzger gleich auf Sicht erschießen sollten… (Aber selbstverständlich weiß ich, dass es nicht darum geht, sondern darum, dass Pädophile aus Prinzip lebenslang weggesperrt gehören, unabhängig davon, was irgendwelche gutmenschelnden Richter entschieden haben.)

Über bedenkliche Untertöne bei Niedrig und Kuhnt habe ich in meinem vorigen Beitrag ja bereits berichtet. Dieser Eindruck hat sich unterdessen noch einmal erheblich verstärkt: In jeder zweiten Folge kommt Prostituion ins Spiel, und die Bordellbetreiber sind IMMER in kriminelle Machenschaften verwickelt, auch wenn sie ihr Bordell eigentlich ganz legal betreiben. Prostituierte sind fast immer Mordopfer, Täter oder zumindest Mittäter.

Nicht nur das: Jeder Freier, der ein Bordell besucht hat, ebenso wie jeder Mann, der einen Seitensprung gemacht hat, wird von den moralisch aufrechten Kommissaren dafür auf dem Präsidium nach allen Regeln der Kunst heruntergeputzt, so als wenn er dadurch bereits auf einer Stufe mit überführten Mördern stünde!

Es ist nicht zu verkennen: Niedrig und Kuhnt propagiert, und das nicht einmal besonders unterschwellig, eine höchst restriktive Sexualmoral. Wie kommt das? Wollen die Macher dieser Sendung eine Botschaft unter das Volk bringen, oder zeigen sie den Zuschauern das, was diese ihrer Meinung nach sehen wollen? Letztlich macht es keinen Unterschied – solche Entwicklungen gehen immer Hand in Hand, und die Frage nach Henne und Ei zu stellen, bringt nichts.

Sexuelle „Moral“ (oder besser, „Bigotterie“) ist immer ein Indikator dafür, wie es um die Freiheitlichkeit einer Gesellschaft tatsächlich bestellt ist, und in unserer Gesellschaft hat eine Entwicklung begonnen. Ob Datenschutz, Privatsphäre oder Meinungsfreiheit: An allen Fronten beginnt es zu bröckeln. Zur Zeit sind es noch relativ geringe, aber bereits durchaus merkliche Verschiebungen (Jugendsexualität, Störerhaftung, Internetsperren…), doch es besteht die Gefahr einer Lawine.

Neulich lief im Fernsehen V for Vendetta, ein exzellenter Film, den ich als bedrückend und vor allem treffend in Erinnerung hatte, und der diese Erinnerung auch beim zweiten Ansehen bestätigt hat. (Dies ist eine uneingeschränkte Empfehlung, falls das nicht klar geworden sein sollte!) Eine der wahren Erkenntnisse daraus: Wenn Menschen Zukunftsangst haben, suchen sie Zuflucht in „traditionellen Werten“ – oder anders ausgedrückt, sie werden empfänglich für faschistische Parolen.

Und zur Zeit ist Zukunftsangst wieder angesagt, wenn auch keineswegs wegen des auf lange Sicht erheblich bedrohlicheren Klimawandels – der ist einfach immer noch ein paar Jahrzehnte zu weit weg, um als tatsächliche Gefahr begriffen zu werden – sondern wegen der aktuellen Weltwirtschaftskrise. Und kaum wittern unsere konservativen politischen Kräfte den Hauch von Zukunftsangst in der gesellschaftlichen Luft, nutzen sie auch bereits die Gelegenheit, an den bürgerlichen Grundrechten zu zündeln.

Ich hoffe nur, dass diese Entwicklung nicht dem selben Prinzip folgt wie die Reaktion auf den Klimawandel: So lange er nicht unbestreitbar und offensichtlich zu erkennen ist, wird er nicht ernst genommen – und wenn das Problem nicht mehr zu leugnen ist, ist es bereits zu spät!

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Posted in: Grundrechte