Drückreif

Posted on August 28, 2009


Zu den Dingen, die ich wirklich nicht gebrauchen kann, wenn ich gerade nackt in meiner Wohnung herumturne, gehört ein Mensch mit Dienstausweis, der an meiner Tür klingelt und meine Frage, worum es geht, mit der Gegenfrage: „Haben sie denn den Aushang im Hausflur nicht gelesen?“ kontert.

Nun neige ich ärgerlicherweise tatsächlich dazu, solche offiziellen Aushänge zu übersehen. (Ich verstehe auch nicht, warum solche Mitteilungen nicht den Mietern in die Briefkästen gesteckt werden – so teuer sind ein paar Kopien ja nun wirklich nicht!) Deswegen entwickle ich in entsprechenden Situationen rasch ein schlechtes Gewissen, werfe mir einen Bademantel über und öffne die Tür. Auf meine erneute Frage, worum es denn eigentlich geht, entgegnet mir der offensichtlich türkischstämmige, aber akzentfrei deutsch sprechende Herr mit dem eingeschweißten Dienstausweis in sicherer Gewissheit, dass ich doch Kunde bei Vattenfall sei. Das ist richtig, und ich bestätige dies. Als nächstes weist er mich darauf hin, dass Vattenfall ja seine Preise jetzt erhöhen würde. Das hatte ich zwar nicht mitbekommen, aber ich höre weiter zu, als er mir sagt, dass ich mit meinem Wohnsitz in 12049 Berlin allerdings in einem sozialen Brennpunkt leben würde, und dass ich deswegen vom Staat ein Anrecht auf eine Ausgleichszahlung von 75 Euro hätte.

Dies klingt wiederum sehr interessant, und ich schäme mich bereits dafür, dass ich den entsprechenden Aushang offensichtlich ignoriert habe, und dass deswegen ein Herr von Vattenfall persönlich vorbeikommt, um mir die Beantragung dieser Ausgleichszahlung, die ich ansonsten gewiss verschlafen hätte, zu ermöglichen. Nichtsdestotrotz frage ich an dieser Stelle sicherheitshalber nach, was genau der Herr von mir denn nun benötigt, denn schließlich hat Vattenfall ja meine Postanschrift und deswegen eigentlich gar keinen Grund, mir diesen Bonus nicht automatisch zu gewähren. Nun, der Herr antwortet mir, dass er meinen Namen und meine Zählernummer bräuchte. Das sind offensichtlich Dinge, die Vattenfall von mir weiß, aber in diesem Moment stelle ich mir vor, dass diese Daten noch einmal auf ihre Korrektheit überprüft werden müssen. Vor allem aber bin ich, wie ich dort im Bademantel stehe, ein wenig überrumpelt und denke nicht weiter nach.

Nun ist es so, dass der Stromzähler zu meiner Wohnung sich im Keller befindet. Als ich dem Herrn dies mitteile, erwähne ich dabei auch, dass ich einen Gaszähler in der Wohnung habe, und prompt weist er mich darauf hin, dass es bei meinem Gasanbieter ja ebenfalls einen entsprechenden Bonus gäbe. Ich muss da also offensichtlich etwas falsch verstanden haben: Der Herr scheint ja nicht von Vattenfall zu kommen, sondern von einer staatlichen Behörde! Was hatte da noch einmal auf seinem eingeschweißten Dienstausweis gestanden? Ich kann mich nur noch an „V.I.M.“ erinnern, und das sagt mir nichts.

Wie auch immer, er schreibt sich die Nummer meines Gaszählers schon einmal auf, während ich verzweifelt in meinen Unterlagen (die ich ironischerweise zur Zeit gerade neu sortiere, was bedeutet, dass ich auf Anhieb überhaupt nichts finde) nach meinem Vertrag mit Vattenfall suche. Dieses hektische Suchen unterbindet für eine weitere Minute das Funktionieren meines Gehirns.

Schließlich finde ich das gesuchte Dokument und kann dem offiziellen Herrn meine Zähler- und Vertragskontonummer präsentieren. Auch diese trägt er nun ein, und zwar in einem anderen Formular. Wieso aber steht auf dem einen Formular „FlexStrom“ und auf dem anderen „eprimo“? Und wenn ich genauer hinsehe, lese ich da auch noch „Mein Stromauftrag“ und „Auftrag zur Gaslieferung“?

Ich frage den Herrn noch einmal genau, woher er denn kommt, und er sagt mir, er „arbeite mit den entsprechenden Stellen zusammen“. Dann frage ich ganz gezielt, ob ich denn gerade dabei wäre, meine Anbieter zu wechseln, und er bejaht das. Ich weise ihn darauf hin, dass er dies zum ersten Mal erwähnt, und er entgegnet mir in beleidigtem Tonfall, er habe mir doch gesagt, dass er von „Flexstrom“ komme!

Hat er das? Ich kann mich nicht erinnern. Nun ja, vielleicht habe ich das wirklich überhört – auch wenn ich es nicht glaube – aber in jedem Fall wurde mir NICHT gesagt, dass ich meinen Anbieter wechseln solle, sondern lediglich, dass ich Geld vom Staat bekäme! Unterdessen sind die beiden Verträge schon zur Hälfte ausgefüllt, aber ich tue nun das, was ich sofort getan hätte, wenn mit klar gewesen wäre, was genau eigentlich gerade vor sich geht: Ich schmeiße den Kerl raus. Selbst wenn ich mich damit tatsächlich um einen günstigeren Vertrag bringen sollte – mit Anbietern, die solche Methoden einsetzen, um an Kunden zu gelangen, will ich nichts zu tun haben!

Nun habe ich „flexstrom eprimo“ mal gegooglet, und der erste Eintrag, auf den ich dabei stieß, war dieser hier. Warum nur wundert mich das nicht?

Das erinnert mich an einen ähnlichen Fall vor ein paar Wochen, als ein sehr gut aussehender Farbiger im Maßanzug an meiner Tür geklingelt hatte und auf meine Frage, was er denn wolle, vorwurfsvoll entgegnete, man habe mich doch angeschrieben! (Hatte man nicht; zumindest hatte ich nichts erhalten.) Bei diesem Herrn allerdings war es mir noch vor Öffnen der Tür gelungen, genügend Zweifel an seiner offiziellen Funktion zu äußern, dass er sich mit einem pikierten „Wenn Sie das Geld nicht wollen!“ von meiner Tür abwandte, um sein Glück im nächsten Stockwerk zu versuchen. Auch bei diesem Herrn habe ich zu keinem Zeitpunkt verstanden, in welcher Angelegenheit genau er mich eigentlich sprechen wollte.

Ich sehe da einen Zusammenhang. Ich hege keinerlei Zweifel daran, dass diese Herrschaften ganz bewusst so lange wie möglich den Anschein aufrecht erhalten, im Auftrag des bisherigen Anbieters, der Hausverwaltung oder des Staates unterwegs zu sein, um einem erst im allerletzten Augenblick die unterschriftsreifen Verträge unter die Nase zu halten. Ich glaube weiterhin, dass es kein Zufall ist, dass es sich in beiden Fällen um Menschen mit offensichtlichem Migrationshintergund, aber perfekter Beherrschung der deutschen Sprache handelte (eine Kombination, die man selten genug findet, dass man aufmerksam werden darf), sondern dass diese Mitarbeiter gezielt auf den „sozialen Brennpunkt“ in Berlin-Neukölln angesetzt werden. Insgesamt habe ich den starken Verdacht, dass es sich um Drückerkolonnen handelt.

Ich muss hier wieder einmal an das Thema „Grundeinkommen“ denken. Wer ist eigentlich der größere Sozialschmarotzer – der Arbeitslose, oder derjenige, der sein Geld auf eine solche Weise verdient?

Ach ja: Einen Aushang im Hausflur gibt es nicht. Ich bin extra rasch im Bademantel hinunter gegangen, um nachzusehen.

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