Der einzige mögliche Glaube

Posted on November 5, 2009


So viel ist in den letzten Wochen in der Welt passiert, wozu ich hätte bloggen sollen, aber so wenig, wozu ich bloggen wollte – es ist alles nur negativ, und was bringt es schon, immer wieder darüber zu jammern? Da sind die Terroranschläge im Irak, in Afghanistan und in Pakistan, die beweisen, dass es im Umgang mit Al-Qaida oder den Taliban für den Westen letztlich nur darum geht, ob man sie durch militärische Präsenz und Widerstand zum Morden ermutigt, oder ob man sie durch Nichteinmischung und Gewährenlassen zum Morden ermutigt. Da ist das unvermeidliche Auffliegen der Steuersenkungslüge unserer schwarzgelben Regierung, die völlig überraschend nach genauer Analyse der Haushaltssituation nach und nach zu der Einsicht gelangt, dass eigentlich gar kein Geld dafür da ist. Da ist die Pleite von Quelle, sowie die gescheiterte Rettung von Opel – beides ein Zeichen dafür, dass das Idealmodell einer vollbeschäftigten Gesellschaft nichts weiter als eine Utopie ist, weil einfach nicht genügend Arbeit VORHANDEN ist; weil wir bereits in allen Bereichen überproduzieren und Arbeitsplätze, die überhaupt nicht benötigt werden, mit Subventionen verschiedenster Art künstlich am Leben zu erhalten versuchen.

Über all dies könnte ich ausführlich bloggen, und vielleicht sollte ich es auch, aber ich will heute einmal eine der wenigen positiven Nachrichten, welche das Weltgeschehen zu bieten hat, in den Blickpunkt rücken:

Das Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte

Ja, das Recht auf Religionsfreiheit bedeutet in erster Linie ein Recht auf Freiheit von Religion! Und etwas Wichtigeres als diese Feststellung und als diesen weiteren Etappensieg für die Säkularisierung unserer Gesellschaft gibt es vielleicht überhaupt nicht: Letztlich wären vermutlich alle Probleme dieser Welt, zumindest langfristig, lösbar – prinzipiell ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis es der Menschheit gelingt, Energie in unerschöpflichen Mengen zu erzeugen, und darauf aufbauend lassen sich letztlich ALLE Probleme der Menschheit lösen – wenn, ja WENN die Menschheit sich endlich tatsächlich damit befassen würde, sie tatsächlich zu lösen! Dafür aber benötigen wir eine allgemeine Geisteshaltung, die sowohl von Humanität, als auch von Rationalität geprägt ist. Guter Wille und klarer Verstand, darauf kommt es an – keine wertelose Gesellschaft, aber eben auch keine hirnlose.

Alle Konflikte unserer Welt haben ihre Wurzeln entweder in materiellen Bedürfnissen oder in Bigotterie. Das erste Problem könnten wir prinzipiell lösen – wenn es uns doch nur gelänge, das zweite zu überwinden! Ein Bekenntnis zur Humanität lässt keinen Platz für die Anerkennung einer übernatürlichen Autorität, es sei denn, diese verlangte ausschließlich Humanität und Rationalität als Leitlinien menschlichen Handelns (und machte sich somit selbst überflüssig).

Das größte und auf lange Sicht wohl einzige Problem der Menschheit ist die menschliche Natur, ist unsere Dummheit und Gemeinheit, welche uns daran hindert, uns die richtigen Ziele zu setzen und dafür die richtigen Wege zu beschreiten – unsere Weigerung, Menschlichkeit über alles andere zu stellen und unseren Verstand zu benutzen, um menschlich zu handeln. Menschlichkeit wiederum bedeutet dabei nichts anderes als die Einsicht, dass andere Menschen Abbilder von uns selbst sind – keine Abbilder eines Gottes, sondern von uns selbst – und dass wir uns daher für ihr Wohlergehen ebenso einsetzen müssen wie für das eigene. „Was Du nicht willst, das man Dir tu‘, das füg‘ auch keinem andren zu“- dieser Spruch fasst alles, was sämtliche Religionen der Welt an „Werten“ zu bieten haben, bereits zusammen; alles Weitere ist unsinnig, irreführend oder unmenschlich; ist wertlos.

Gewiss, vom philosophischen Standpunkt aus betrachtet, gibt es keinen Beweis; ja gibt es keine Beweismöglichkeit dafür, dass andere Menschen uns gleich sind; dass sie überhaupt existieren – wir erfahren immer nur singulär unsere eigene Existenz, alles andere ist Vermutung. Vielleicht gibt es Gott, und ICH bin Gott, und diese ganze Welt ist meine Schöpfung, existent ausschließlich in meiner Vorstellungskraft (und auweia, bin ich gestört!) – das lässt sich nicht widerlegen!

Insofern kommt an dieser – und NUR an dieser! – Stelle „Glaube“ ins Spiel: Glaubt man an seine Einzigartigkeit, oder glaubt man daran, nicht allein in der Welt zu sein? Ist man selbst der einzige wahre, tatsächlich existierende, fühlende und denkende Mensch, oder ist man Teil einer Menschheit, welche zwar aus Individuen besteht, doch deren Mitglieder einem im Grunde alle gleichen? Jedes Aussagensystem benötigt eine Axiomatisierung, und dies ist die grundlegende ethische Frage: Ist man ein singuläres Individuum, so ergibt es Sinn, ausschließlich im eigenen Interesse zu handeln. Ist man jedoch Teil eines größeren Ganzen, so muss man auch im Interesse seiner Mitmenschen handeln. Wer sich auf den ersteren Standpunkt stellt, ist „böse“; wer sich auf den zweiten stellt, „gut“ nach gängigen Definitionen.

Ich glaube nicht daran, dass ich die Summe aller menschlichen Erfahrungen im Universum ausmache – ich glaube, dass es andere Menschen gibt, die ebenso wie ich Gefühle und Gedanken besitzen (und das ist eine absolut erschreckende Vorstellung, wenn man bedenkt, wie vielen Menschen es weit, weit schlechter geht als mir!) – das ist mein Glaube, und deswegen betrachte ich mich, unter Anerkennung all meiner Fehler und Schwächen, prinzipiell als „guten“ Menschen. Beweisbar ist dieser Standpunkt jedoch nicht, ebenso wenig wie widerlegbar; in jedem Fall aber ist er notwendig, denn eine Grundmaxime für sein Handeln benötigt jeder (denkende) Mensch. Das ist es, wofür der biblische Baum der Erkenntnis steht: Man erkennt die Notwendigkeit, sich zu entscheiden – stellt man sich über andere, oder stellt man sie sich gleich? Handelt man „böse“ oder „gut“?  „Einfach nicht darüber nachdenken“ ist keine Alternative mehr, sobald man auch nur einmal diesen Gedanken hatte, und dieses Nachdenken ist es ja gerade, welches uns zu Menschen macht und welches uns dazu verpflichtet uns zu entscheiden, welches uns mit gutem oder schlechten Gewissen leben lässt.

Dieser Glaube ist unumgänglich, denn eine Antwort auf die Frage, ob man alleine ist oder nicht, ist prinzipiell nicht beantwortbar; und darauf muss jeder Mensch seine eigene Antwort finden. Sobald diese aber gefunden ist, ist es an der Zeit für den Verstand, die Lenkung zu übernehmen! Die Frage „Will ich gut sein?“ ist eine grundlegende, ist eine Glaubensfrage; die Frage „Wie handle ich gut?“ ist es NICHT – sie muss vom Verstand beantwortet werden, und sie verlangt ständiges Hinterfragen und Selbstkritik – mit anderen Worten, genau das, was jede Religion mit ihrem Hinweis auf höhere Autoritäten unterbindet! Kein Glaube darf über die grundlegende, notwendige Frage hinausgehen, und darauf allein gründet sich keine Religion; darauf gründet sich die humanitäre Ethik. Religiöse Verkleidung ethischer Argumente ist selbst im besten Fall überflüssig und in der Realität kontraproduktiv. Es ist der Glaube, welcher die grundlegende Zielsetzung „gut“ oder „böse“ festlegt, aber es ist der Verstand, welcher unsere Handlungsmöglichkeiten mit „richtig“ oder „falsch“ bewertet.

Ich bin froh, dass es in Europa eine Instanz gibt, welche die Menschenrechte an allererste Stelle setzt. Das ist ein winziger Lichtblick Hoffnung in unserer finsteren Welt!

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Posted in: Religion