Nachdenken über die NachDenkSeiten

Posted on März 15, 2010


Neulich verlinkte ich in meinem Eintrag Informationsquelle Internet: Ich bin überfordert unter anderem – oder genauer, auf dem Ehrenplatz – die NachDenkSeiten. Diese Seiten will ich Euch weiterhin ans Herz legen, und auch jenen Ehrenplatz haben sie sich zweifelsohne verdient – aber mein zuerst nahezu uneingeschränkt positives Verdikt muss ich unterdessen doch relativieren, fürchte ich.

An diesen Absatz schloss sich ursprünglich ein über 1000 Wörter langer Beitrag an, aber dann passierte etwas, was mir bislang bei WordPress noch nie passiert ist: Ich wurde ausgeloggt, und als ich meinen Entwurf wieder aufrief, war die Arbeit der letzten eineinhalb Stunden futsch! Dabei speichert WordPress doch eigentlich alle zwei Minuten automatisch jeden Entwurf… Das ist jetzt unendlich frustrierend und eine Warnung für mich, meine Blogeinträge von nun an wieder mit einem Textverarbeitungsprogramm zu schreiben. Deswegen folgt hier nur eine Kurzzusammenfassung meiner wichtigsten Gedankengänge:

Wie ich bereits in Schimpfen, nicht fluchen! ansprach, ist mir Kritik an Konzepten und Personen, die ich prinzipiell wertschätze, besonders wichtig. Diese Art Kritik allerdings lassen die NachDenkSeiten bedauerlicherweise vermissen. Ihre auffällige politische Nähe zu der Linken verüble ich ihnen nicht; im Gegenteil bin ich erfreut, dass Menschen mit Wurzeln in Volkswirtschaft und Realpolitik (im westlichen Deutschland, wohlgemerkt) grundlegende Kapitalismuskritik üben! Dass sie jedoch bei ihrer gnadenlos bissigen (und absolut berechtigten) Kritik an Vertretern des gesamten politischen Spektrums ausgerechnet bei der Linken einen blinden Fleck aufweisen, das stört mich sehr, und das untergräbt mein Vertrauen in ihre Objektivität und Integrität. Die Autoren kritisieren die systematische Meinungsmache der deutschen (und internationalen) Medien, aber sie bekämpfen hier Feuer mit Feuer! Vielleicht ist das notwendig – um ein Gleichgewicht wiederherzustellen, genügt es nicht, den Schwerpunkt zu unterstützen; man muss ein Gegengewicht schaffen. Enttäuscht bin ich trotzdem.

Weiterhin bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Schuld nicht bei mir liegt, wenn ich mich davon überfordert fühle, regelmäßig den Beiträgen der NachDenkSeiten zu folgen! Ich bin gewiss, trotz meiner eigenen Unzufriedenheit mit dem Aufwand, den ich in meine politische Information investiere, politisch interessierter als 90% der Bevölkerung, und auch gewiss nicht dümmer als maximal 10% davon. Wenn ich also überfordert mit dieser Lektüre bin, dann ist diese schlicht zu schwierig zu konsumieren.

Und das mag Absicht sein! Die unübersichtliche Struktur der NachDenkSeiten verbirgt, wie uneinheitlich Meldungen doch je nachdem, ob deren Grundtenor den Ansichten ihrer Macher entspricht, behandelt werden – entgegengesetzte Meinungen werden schonungslos zerrissen, genehme hingegen bestenfalls mit einem aussagelosen Kommentar versehen, auch wenn sie genauso fragwürdig sind.

Auch das wiederholte Herumreiten auf immer denselben Themen, ohne dass dieses durch aktuelle Meldungen wirklich gerechtfertigt wäre, wird so kaschiert. Auch hier spürt man, wie Meinungsmache mit Meinungsmache bekämpft wird. Bei einem Dauerbrenner wie Hartz IV wäre es doch so viel sinnvoller, eine Seite mit den grundlegenden Kernaussagen einzurichten, auf die man bei Bedarf verweist, anstatt sich ständig (und ohne analytischen Unterbau) zu wiederholen – aber Wiederholungen sind eben ein essenzielles Mittel der Propaganda, und die NachDenkSeiten sind offenbar nicht bereit, darauf zu verzichten.

Vor allem aber vermisse ich die Nachprüfbarkeit (teilweise auch die Nachvollziehbarkeit) vieler getroffenen Aussagen, auch wenn ich diese wirklich gerne glauben will! Satzanfänge wie „Obwohl Ökonomen bereits seit Jahrzehnten darauf hinweisen, dass…“ benötigen Quellenangaben. Ich würde ja gerne auf die Richtigkeit dieser Aussagen vertrauen, aber dieses Vertrauen ist nicht mehr vorhanden, seit ich die Tendenziösität der NachDenkSeiten erkennen musste.

Deswegen vermute ich, dass die Schwierigkeit, diese Seiten zu rezipieren, gewollt ist! Wenn erfolgreich der Eindruck vermittelt wird, dass deren Macher dermaßen klug sind, dass man ihren Gedankengängen kaum folgen kann, und dass deswegen die vielen Dinge, die dort als bekannt vorausgesetzt werden, auch selbstverständlich richtig und unangreifbar sein müssen, ist man wohl auch weniger geneigt, die hier vermittelten Ansichten zu hinterfragen.

So funktioniert das bei mir aber nicht! So sympathisch die meisten dort vertretenen Meinungen mir auch sind – die Art und Weise, wie sie mir vermittelt und präsentiert werden, erzeugt bei mir Misstrauen. Deswegen empfehle ich Euch die NachDenkSeiten zwar ausdrücklich als Informationsquelle und Gegengewicht zu den Mainstream-Medien, aber nicht ohne ein deutliches Wort der Warnung: Auch hier werdet Ihr manipuliert! Nichtsdestotrotz ist es immer noch leichter, aus zwei unterschiedlichen verzerrten Betrachtungsweisen ein Bild zu erahnen, als aus einer.

Ich nehme an, dass ich es bei Martin Buchholz, dem Meister des politischen Wortspiels, gehört habe (wenn nicht, habe ich es gerade eben in seiner Tradition erfunden): Nachdenken bedeutet NICHT, etwas nach zu denken, was jemand anders einem vorgedacht hat!

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Posted in: Medien