Menschen in artgerechter Haltung

Posted on April 11, 2010


Gelegentlich kommt es vor, dass ich im Internet etwas lese, mir ein paar Gedanken dazu mache, mich vielleicht auch ein wenig aufrege, und mich dann wieder anderen Dingen zuwende. Moment: Das passiert mir natürlich nicht gelegentlich, sondern STÄNDIG! Das ist der normale Gang der Dinge in einer Welt, in der ein Überfluss an Informationen herrscht.

Was hingegen GELEGENTLICH passiert ist, dass das Gelesene bei mir im Hinterkopf bleibt, immer wieder an die Oberfläche meiner Gedankenwelt tritt und diese schließlich derartig fest in seinem Griff hält (jaja, furchtbar gemischte Metaphern – ich steh‘ drauf!), dass ich es nur noch auf eine Art loszuwerden hoffen kann, nämlich, indem ich darüber blogge.

So auch diesmal: Ein vor einer knappen Woche auf Spiegel Online erschienenes Essay von Stefan Schultz mit dem Titel „Ende der materiellen Wirtschaft – Angriff der Körperfresser“ lässt mich gedanklich nicht mehr los.

Auf den reißerischen, bemühten, vor allem aber unpassenden Bezug des Textes auf jenen Science-Fiction-Klassiker will ich hier gar nicht eingehen, wohl aber auf dessen Kernaussage: Wir verbrauchen zu viele Rohstoffe (hier wohl absichtlich unpräzise mit „Material“ bezeichnet) und sollten nach Wegen suchen, diesen Verbrauch zu reduzieren.

So weit gehe ich mit Schultz gewiss konform! Sobald er jedoch ein bisschen mehr ins Detail geht, wird das Ganze merkwürdig. Wieso nimmt er ausgerechnet die Musikindustrie als Paradebeispiel? Was soll der geradezu als Schleichwerbung anmutende Verweis auf diese Möbelfirma? Was genau haben diese Dinge mit der Kernforderung von Schultz (der ich mich prinzipiell anschließen würde), nämlich der Nachhaltigkeit zu tun?

Als Essayist hat der Autor natürlich – ebenso wie ein Blogger – die Möglichkeit, eher peripher verwandte Themen in einem kurzen, aber umfassenden Schwenk miteinander in Zusammenhang zu stellen. Was aber ist hier das gemeinsame Element? Es ist die Forderung nach einer immer stärkeren Virtualisierung unserer Gesellschaft! Hier jedoch verliert Schultz mich.

Nachhaltigkeit, das bedeutet für mich, dass Produkte hergestellt werden, die lange halten, und die es auch wert sind, lange zu halten! Ich befürworte gewiss einen weitgehenden Konsumverzicht, einen Fokus auf Qualität an Stelle von Quantität – aber Schultz tut dies nicht! Stattdessen verlagert er den Konsum lieber in den virtuellen Bereich. Statt CDs und Bücher fordert er digitale Datensammlungen. Ein CD-Ständer mit hundert CDs, ein Bücherregal mit eintausend Büchern? Materialverschwendung – man könnte doch stattdessen Millionen Musikstück oder E-Books in elektronischer Form aufbewahren!

Warum wohl gefällt mir das nicht? Da ist einmal die Frage nach dem WOZU. Ich habe bereits in meinen Regalen mehr Bücher, als ich bislang gelesen habe – was soll ich mit noch mehr Büchern? Stattdessen beschränke ich mich doch lieber auf den Besitz von Büchern, die es wert sind, MEHRFACH gelesen zu werden. Bei CDs geht es mir ähnlich: Wenn mir die Musik gefällt, höre ich sie immer und immer wieder. Was ist also falsch daran, Text- und Tonträger hier in dauerhafter, in NACHHALTIGER Form zu besitzen?

Diese Nachhaltigkeit nämlich, und das ist mein zweiter Kritikpunkt, ist bei digitalen Daten keinesfalls gegeben! Da selbstverständlich die Produzenten auch virtueller Texte und Musikstücke Geld verdienen wollen, versehen sie diese mit elektronischen Signaturen, welche sicherstellen sollen, dass nur derjenige, welcher die Nutzungsrechte daran erworben hat, sie auch nutzen kann. Dies ist die Entwicklung, welche wir bereits aus dem Software-Bereich kennen, und die Schultz offensichtlich gerne auf alle Medien übertragen sehen möchte: Weg vom Besitz, hin zu bloßen Nutzungsrechten! Und diese Nutzungsrechte wiederum, die können natürlich auch wieder entzogen werden, denn sie befinden sich in den Händen derjenigen, welche die Software zur Verfügung stellen, mit der die genutzten Dateien sicht- oder hörbar gemacht werden. Ein Buch kann man ohne technische Hilfsmittel überall lesen, eine Schallplatte oder auch CD kann man mit nicht urheberrechtlich geschützten technischen Mitteln jederzeit abspielen. Gerade das ist der Industrie natürlich ein Dorn im Auge! Das Thema Kopierschutz ist in unserer Gesellschaft ja dermaßen allgegenwärtig geworden, dass eine ausgewachsene politische Partei aus der Beschäftigung damit entstanden ist. (Gut, eigentlich befassen sich die Piraten noch mit einigen Themen mehr, insbesondere auch mit den Belangen des Datenschutzes, aber wir müssen uns ja wohl nichts vormachen, worauf ihre Populariät in erster Linie beruht!) Was würde der Industrie denn gelegener kommen, als mit jedem routinemäßigen Update der Abspielsoftware erneut die Rechtmäßigkeit der Nutzung überprüfen zu können und gegebenenfalls diese Nutzung zu beenden? Und was würde sie daran hindern, alle paar Jahre eine neuen technischen Standard einzuführen, mit dem bisher heruntergeladene Daten nicht mehr kompatibel sind? Also, ich kann meine für Windows 98 entwickelten Spiele unter Windows 7 nicht mehr spielen (und das wird wohl auch niemanden wundern). Ich kann aber sehr wohl meine CDs aus den Achtzigern immer noch abspielen, und meine teilweise deutlich älteren Bücher fallen (trotz zugegebenermaßen nicht allzu sorgfältiger Behandlung) auch noch nicht auseinander!

Virtuelle Daten sind meiner Ansicht nach beinahe schon die Antithese zur von Schultz geforderten Nachhaltigkeit. Dabei ist der Umstand noch gar nicht berücksichtigt, dass „das Internet“, dieses weltumspannende Netz, tatsächlich größtenteils von einer US-amerikanischen Behörde aus verwaltet wird, und dass die Vorstellung eines allgemeinen Whiteouts auf Grund menschlicher Beeinflussung oder einer Naturkatastrophe keineswegs abwegig ist. Bereits heute wäre ein solcher Whiteout für die Welt nichts weniger als katastrophal. Forderungen, die Abhängigkeit der realen von der virtuellen Welt bewusst noch weiter zu forcieren, erscheinen mir da wie ein Aufruf, das Schicksal der Menschheit endgültig in die Hände einiger großer Konzerne zu legen, welche die technische Struktur des Netzes kontrollieren.

Nun mag die Virtualisierung unserer Gesellschaft unaufhaltsam sein, doch ich frage mich, ob man ihr auch noch in dieser Form applaudieren und ihre Beschleunigung fordern sollte, anstatt nicht besser zu mahnen, die Kontrolle über unsere Welt nicht vollständig aus der Hand zu geben. Schultz bezieht sich auf „Angriff der Körperfresser“ – aber hat er auch einen Gedanken an die Parallelen zu Skynet aus der „Terminator“-Serie verschwendet? Dieser Vergleich ist gewiss nicht weiter hergeholt!

Mir allerdings geht in Zusammenhang mit diesem Essay noch ein anderer Film nicht aus dem Kopf. Schultz schreibt: „In seinem „Bericht zur Lage der Welt 2010“ schreibt das Institut, dass ein durchschnittlicher Europäer 43 Kilogramm Materialien wie Metalle, Lebensmittel oder Öl verbraucht – täglich. Ein Amerikaner bringe es gar auf 88 Kilogramm. Würden alle Erdenbewohner wie US-Bürger leben – der Planet könnte gerade 1,4 Milliarden Leute ernähren. Der Rest der gut sieben Milliarden Menschen auf der Erde müsste verhungern. „

Ja, die Rohstoffverschwendung in den USA ist ein höchst abschreckendes Beispiel, und auch wir Europäer haben gewiss noch einigen Spielraum für Einsparungen. Ja, der Raubbau der Menschheit an den Rohstoffen unseres Planeten muss dringend eingeschränkt werden, die Vernichtung natürlicher Lebensräume und der menschengemachte Klimawandel dringend gestoppt werden. Ganz bestimmt kein Widerspruch von mir hier!

Aber nun nehmen wir einmal die hier gemachte Milchmädchenrechnung und führen sie konsequent fort: Wenn alle Menschen so lebten wie der durchschnittliche Amerikaner, könnte unsere Welt also nur 1,4 Milliarden Menschen ernähren. Lebten alle so wie wir Europäer, wären es immerhin 3 Milliarden Menschen. Wie müssen wir also leben, um 7 Milliarden Menschen zu ernähren? Und wie bei 8 Milliarden (was schätzungsweise in 15 Jahren der Fall sein wird), sowie bei 9 Milliarden (ca. 2050)? Und wie geht es dann weiter? Trägt unsere Welt auch noch 10, 12, 15, 20 Milliarden Menschen? Und wenn ja, wie sieht unser Leben dann aus?

Wenn ich die Ideen von Herrn Schultz konsequent weiterverfolge, dann gelange ich unweigerlich zu jenem Bild aus „Matrix“, in dem sich Menschen bewegungslos in lebenserhaltenden Behältern befinden, ihr Geist in einer virtuellen Scheinrealität gefangen. DAS ist die ultimative rohstoffsparende Form unserer Existenz; damit lässt sich die Bevölkerungszahl auf der Erde maximieren. Doch soll dies wirklich unser Ziel sein? Leben wir dann noch als Menschen? (Und gibt es nicht doch noch eine nächste Stufe, in der wir die Verbindung zu unseren biologischen Körpern vollständig kappen und ausschließlich als „lebendige“ Programme in dieser virtuellen Welt existieren?)

Tatsächlich sind dies nicht nur rhetorische Fragen, sondern substanzielle philosophische. Ist Mensch sein ausschließlich an unser Bewusstsein gebunden, oder gehört ein tatsächlich existierender, nicht nur virtuell simulierter Körper untrennbar dazu? Ich kann diese Frage nicht beantworten, aber ich bin auf jeden Fall der Auffassung, dass niemand das Recht hat, sie für die gesamte Menschheit zu beantworten. Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch nicht nur das Recht besitzt zu leben, sondern auch als biologischer Mensch zu leben, und dass alle Forderungen nach einer Selbstbeschränkung unseres Lebenswandels diesen Umstand berücksichtigen müssen.

Das Recht eines jeden Menschen auf Selbstverwirklichung findet seine Schranken, sobald andere Menschen dadurch geschädigt werden. Ebenso muss auch das Recht der Menschheit sich fortzupflanzen seine Schranken finden, wenn es zu Lasten des menschlichen Lebens allgemein geht! Nein, wir dürfen nicht so verschwenderisch leben, wie es die US-Amerikaner tun, denn damit ruinieren wir unsere Welt. Nein, wir Europäer haben hierbei auch noch lange nicht das richtige Maß gefunden.

Doch welcher Lebensstandard für uns Menschen angemessen ist, hängt nicht von Verteilungsrechnungen in Abhängigkeit von einer stetig steigenden Weltbevölkerung ab! Es mag ja sein, dass die Welt 12 Milliarden Menschen versorgen kann, wenn wir uns alle vegan ernähren. Es mag ja sein, dass sie 20 Milliarden Menschen tragen kann, wenn wir persönlichen Besitz und privaten Wohnraum auf ein Minimum reduzieren. Es mag ja sein, dass vielleicht eine Billion Menschen in einem weltumspannenden Lebenserhaltungssystem mit angeschlossener virtuellen Realität existieren können. Ich akzeptiere aber nicht das Recht der Menschheit auf uneingeschränktes Wachstum auf Kosten individueller Lebensqualität!

Ich will nicht so verschwenderisch leben, dass ich den Lebensraum Erde damit zerstöre. Ich bin bereit Energie zu sparen, Rohstoffe zu recyclen und meinen Konsum auf Produkte auszurichten, die ich langfristig nutze; und ich erwarte diese allgemeine Rücksicht auf die begrenzten Ressourcen unseres Planeten auch von anderen. Ich bin jedoch NICHT bereit dazu, meine menschlichen Bedürfnisse zu vernachlässigen! Ich will privaten Lebensraum an Stelle von Gemeinschaftsunterkünften haben; ich will privaten Besitz haben, den ich anfassen, in meinem privaten Lebensbereich sammeln und mit mir herumtragen kann; und ich will mich sowohl von pflanzlichen als auch von tierischen Produkten ernähren. Ich interessiere mich nicht für Modellrechnungen, wie viele Menschen mehr die Welt bevölkern könnten, wenn wir alle in Kapselhotels lebten, sämtliche medialen Produkte digitalisierten und ausschließlich veganes Essen zu uns nähmen. Es muss eine Obergrenze der Weltbevölkerung geben, und diese Grenze darf sich weder als Equilibrium zwischen einer unkontrollierten Geburtenrate und einer mit der Überbevölkerung steigenden Sterblichkeit einpendeln, noch am Minimum menschlicher Existenzbedürfnisse kalkuliert sein – sie muss sich den bestehenden Ressourcen des Planeten Erde und den angemessenen menschlichen Bedürfnissen anpassen.

Sicher ist die Frage, welche menschlichen Bedürfnisse genau denn nun angemessen sind, eine Aufforderung zu gigantischen Diskussionen, aber sie muss zunächst einmal gestellt werden, und zwar unter der ausdrücklichen Maßgabe, dass die anzustrebende Größe der Weltbevölkerung von ihrer Beantwortung abhängt, UND NICHT UMGEKEHRT. Wenn x Milliarden Menschen zu viele sind, um in moderatem Wohlstand zu leben, dann sind es eben ZU VIELE. Forderungen nach einer Senkung unseres Lebensstandards, die nicht auf Notwendigkeiten zum Erhalt des Lebensraum Erde basieren, sondern auf bloßen Verteilungsrechnungen, tragen nicht dazu bei das grundlegende Problem der Überbevölkerung zu lösen – lediglich es zu verschleppen.

Advertisements