Der Wert eines Menschenlebens

Posted on April 15, 2010


Was ist ein Menschenleben wert? Ich stelle mir diese Frage nicht, um sie mit einer Zahl beantwortet zu sehen, sondern weil dieser Wert offensichtlich auch in unserer subjektiven Betrachtung stark schwankt, was mir besonders im Rahmen der Diskussion um diesen Blogeintrag aufgefallen ist.

Insbesondere scheint das Leben eines Menschen dann besonders wertvoll zu sein, wenn es endet. Da sind sich (glücklicherweise) die meisten Kommentatoren hier einig: Menschen ohne wirklich dringende Notwendigkeit zu töten, ist ein schreckliches Verbrechen.

Menschen auf die Welt zu bringen andererseits, das ist für einige wohl eher eine Art Freizeitbeschäftigung, für andere hingegen ein Rentenersatz. Das macht man (frau) halt, und dafür muss man (frau) sich nicht rechtfertigen. Darauf hat man (frau) ein RECHT!

Und was ist mit dem Kind? Mit völliger Selbstverständlichkeit wird von vielen das Recht, dessen Existenz herbeizuführen, ausschließlich als Elternrecht gesehen. Wo aber sind die Pflichten, welche diesem Recht gegenüberstehen? Wer steht dafür ein, dass dieses Kind eine menschenwürdige Existenz führen kann, dass es ein Leben führen kann, welches LEBENSWERT ist?

Wiederum wird selbstverständlich gesagt: Das muss halt der Rest der Welt tun! Jetzt ist das Kind ja nun einmal da; und JETZT ist sein Leben auch etwas wert. Es darf nicht einfach beendet werden, und es soll auch nicht von dritter Seite darüber bestimmt werden. Nur begonnen werden durfte es so nebenbei.

Ein Kind in die Welt zu bringen bedeutet, Gott zu spielen. Das Kind wird nicht gefragt – nicht, ob es überhaupt leben will, und auch nicht, ob es so leben will, wie es leben wird. Wir nehmen uns ganz selbstverständlich heraus, Menschen zu erschaffen – letztlich aus dem selben vielzitierten Grund, aus dem ein Hund sich am Hintern leckt: Weil wir es können. So viel Wert wir einem Menschenleben (zu Recht) auch beimessen, wenn es zu enden droht, so wenige Gedanken machen wir uns häufig darum, es überhaupt beginnen zu lassen, obwohl dies eine Entscheidung von enormer Tragweite für diesen potenziellen Menschen bedeutet. Die Frage, welches Recht wir haben, menschliches Leben zu beenden, ist allgegenwärtig. Welche Gedanken aber machen wir uns über die Frage, mit welchem Recht wir es kreieren?

Und was ist mit den bereits lebenden Menschen, deren Rechte durch das hinzu gekommene menschliche Leben naturgemäß und zwingend geschmälert werden? Wir können viel über die Unantastbarkeit der menschlichen Würde schwadronieren, aber der TATSÄCHLICHE Wert, den wir einem Menschenleben beimessen, äußert sich daran, welche Rechte wir diesem Menschen zugestehen. Der Wert eines Objektes bemisst sich daran, was man dafür herzugeben bereit ist – alles andere ist nur dummes Geschwätz! Auch, wenn er sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt: Der Wert eines Menschenlebens für die menschliche Gesellschaft ist gleich der Summe der Rechte, welche die Gesellschaft diesem Menschen zugesteht.

Diese Rechte allerdings, die hängen von den Rechten anderer Menschen ab, und mit jedem Menschen, der hinzukommt, ist das Leben jedes einzelnen Menschen weniger wert. Egal, worin sich dieser Wert konkret äußert, ob an dem Recht dieses Menschen auf Lebensraum, auf Wohlstand, auf Lebenserwartung – je mehr Menschen es gibt, desto weniger kann die Menschheit jedem einzelnen zugestehen.

Natürlich ist es prinzipiell möglich, Werte zu schaffen. Für menschliches Leben bedeutet dies, eine lebenswertere Welt zu schaffen, Fortschritte in Bereichen wie Wohlstand, Sicherheit, Freiheit und Lebensqualität zu erzielen. Dazu sind wir moralisch verpflichtet, aber letztlich liegt es auch in unserem Eigeninteresse. Es ist eigentlich trivial: Wenn unsere Leben lebenswerter sind, sind unsere Leben mehr wert!

Bloße Vermehrung der Spezies Mensch hingegen schafft keinen solchen Wert, sondern mindert im Gegenteil den Wert jedes einzelnen menschlichen Lebens. Dies hinzunehmen ist in letzter Konsequenz nicht weniger menschenverachtend als die Tötung von Menschen zu akzeptieren, und es mit Argumenten wie dem fundamentalen Bedürfnis nach Fortpflanzung oder dem Streben nach materiellen Sicherheiten zu rechtfertigen, ist letztlich das gleiche, wie Mord mit unserem fundamentalen Bedürfnis nach Aggression und dem Streben nach Besitz zu rechtfertigen. Wir mögen Verständnis für Mörder aufbringen, denen Unrecht widerfahren ist, die aus berechtigter Wut oder allgemeiner Frustration töten, oder die versuchen, mit Hilfe eines Tötungsdeliktes ihrer Armut zu entkommen, aber wir verurteilen sie natürlich trotzdem, juristisch ebenso wie moralisch. Ebenso können wir Verständnis für Menschen haben, die sich viele Nachkommen wünschen, oder die versuchen, sich auf diese Weise ihren Altersruhestand zu sichern, insbesondere dann, wenn sie teilweise durch Fremdverschulden (sprich, durch das Handeln der großen Wirtschaftsmächte) in ihre Lebenssituation geraten sind, aber nichtsdestotrotz müssen wir einfordern, dass auch diese Menschen einen Respekt vor menschlichem Leben zeigen, der sich in vernunftgeleitetem Handeln äußert. Der Wert eines Menschenlebens darf nicht davon abhängen, ob wir diesen Menschen als störend oder überflüssig empfinden; aber ebenso wenig darf er davon abhängen, ob wir seine Existenz als erfüllend oder nützlich ansehen.

Menschen besitzen das Recht, nicht ohne zwingenden Grund getötet zu werden. Sie müssen genau so das Recht besitzen, nicht ohne guten Grund geboren zu werden.

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