Kein Grund zur Veranlassung!

Posted on Juni 18, 2010


Das musste ja passieren – wieder einmal mussten wir lernen, dass wer „Euphorie“ kennt, auch das Wort „Dämpfer“ kennen muss. Nachdem unsere Nationalmannschaft gegen die international drittklassigen Australier nicht mehr getan hat, als einen standesgemäßen Sieg einzufahren, wurden dieser unerfahrenen und von einem ahnungslosen Trainer zusammengewürfelten Truppe im ersten Test gegen einen ernstzunehmenden Gegner sofort ihre Grenzen aufgezeigt. Richtig?

Was für ein Quatsch! (Aber einer, den man gerade überall in deutschen Foren lesen kann – da brauche ich gar nicht erst nachzusehen, um das zu wissen.) Einmal war das Spiel gegen Australien absolute Klasse, völlig unabhängig davon, was danach noch passiert. Zum anderen ist auch die Geschichte unserer 0:1 Niederlage gegen Serbien ein bisschen eine andere.

Aber ja, es sind reichlich Fehler gemacht worden: Zuallererst vom Schiedsrichter. Wie er dazu gekommen ist, in dieser überdurchschnittlich fairen Partie insgesamt NEUN gelbwürdige Fouls zu erkennen, das weiß nur er allein. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Schiedsrichterbeobachter das anders beurteilt, und dass Herr Mallenco in den nächsten Partien noch viele Einsätze haben wird. Allgemein sehe ich übrigens das Problem, dass bei dieser WM zu viele Spiele durch Platzverweise entschieden oder zumindest sehr stark beeinflusst werden – das kann nicht der Sinn von roten Karten sein! Hier sollte die FIFA sich endlich einmal ein neues System einfallen lassen, damit aus einer Disziplinarstrafe für einen Spieler nicht gleich eine Niederlage für seine gesamte Mannschaft wird – zum Beispiel könnte man nach 5 Minuten Unterzahlspiel eine Auswechslung des bestraften Spielers gestatten (ich verstehe sowieso nicht, warum nicht beliebig viele Auswechslungen pro Spiel erlaubt sind, so lange nur sicher gestellt ist, dass sie den Spielfluss nicht unterbrechen). Bei Deutschland-Serbien allerdings hätte kein Spieler durch seine Aktionen in Gefahr geraten dürfen, vom Platz gestellt zu werden.

Das soll Klose nicht von Mitschuld an seiner Karte freisprechen! Er hatte zu diesem Zeitpunkt deutlich demonstriert bekommen, wie kleinlich der Schiedsrichter pfiff, und daher hätte er niemals diesen unnötigen Zweikampf in der gegnerischen Hälfte beginnen dürfen, bei dem er, von hinten kommend, immer riskiert die Beine seines Gegenspielers zu treffen.

Einen größeren Teil Mitschuld verorte ich jedoch bei unserem Bundestrainer. Ja, ich habe ihn zuletzt noch gelobt, und ich stehe dazu, aber diesmal hat er es schlicht versäumt, rechtzeitig zu reagieren. Welchen Sinn hat es, einen Stürmer, welcher dermaßen von seinem Körpereinsatz profitiert wie Klose, auf dem Feld zu belassen, nachdem dieser bereits in der 13. Minute die gelbe Karte erhalten hat? Ja, den Zweikampf, für den er vom Platz gestellt wurde, hätte er vermeiden können und müssen, aber viele andere im weiteren Spielverlauf hätte er nicht vermeiden dürfen, um seine Stürmeraufgaben zu erfüllen. Eine dermaßen frühe gelbe Karte kastriert einen Stoßstürmer von Kloses Typ, daher war es abzusehen, dass dieser entweder zur Wirkungslosigkeit verdammt bliebe oder seine Mannschaft irgendwann in Unterzahl bringen würde.

Wenn das allein Löw noch nicht genügt hätte, um rasch Cacau für Klose zu bringen, dann hätte es eine Analyse der deutschen Angriffe sein müssen: Wenn sie sich mit schnellem, variablen Spiel in den deutschen Strafraum kombinierten, wurde es gefährlich für die Serben (aber Klose war daran kaum beteiligt), wenn sie jedoch versuchten, Klose mit Hilfe von Flanken ins Spiel zu bringen, verpuffte die deutsche Offensive wirkungslos. Auch das wäre ein zwingender Grund gewesen, den besser mit den deutschen Mittelfeldspielern harmonierenden Cacau zu bringen.

Es passierten auch noch mehr Fehler:  Badstuber ließ sich immer wieder von dem blitzschnellen Krasic überlaufen. Wieder muss man hier fragen, wessen Schuld das eigentlich war: Dass der nicht ohne Grund eigentlich zum Innen- statt Außenverteidiger ausgebildete Badstuber keine Laufduelle am Flügel gewinnen würde, war bekannt; das gehört nicht zu seinen Stärken. Wenn ich Löw richtig verstanden habe, sollten solche Situationen dadurch vermieden werden, dass gegnerische Stürmer an der Außenlinie gedoppelt werden. Dazu bedarf es allerdings einer äußerst disziplinierten und geordneten Defensivarbeit, und dass diese unmittelbar nach Kloses Platzverweis, aber auch im späteren Spiel, als die deutsche Mannschaft in Unterzahl gegen ihren Rückstand anrannte, verloren gegangen ist – damit muss man rechnen.

Ich glaube, dass das 0:1 im wesentlichen Pech war – die allererste Torchancen der Serben überhaupt, direkt in die Konfusion von Kloses Platzverweis hinein – so etwas passiert manchmal eben. Für den weiteren Spielverlauf hätte Löw aber reagieren müssen, denn dass Serbien gegen eine geschwächte, jedoch trotzdem offensiv spielende deutsche Mannschaft Räume zum Kontern bekommen würde, und dass dadurch genau solche Situationen entstehen, in denen Badstuber im 1 zu 1 in Laufduelle gezwungen wird, die er nicht gewinnen kann – das hätte ihm klar sein müssen.

Und dann war da noch der verschossene Elfmeter von Podolski, zu dem es wohl nichts weiter zu sagen gibt.

Schließlich, ein letztes Mal Löw: Die Einwechslungen von Cacau und Marin waren offensichtlich richtig und notwendig, aber wenn Thomas Müller nicht am Rand der Erschöpfung gestanden haben sollte, war es ein Riesenfehler, ausgerechnet ihn auszuwechseln! Nicht nur, dass Müller der Aktivposten Nummer Eins im deutschen Sturm war; er arbeitete vor allem auch konsequent nach hinten und sorgte dafür, dass Deutschland trotz Unterzahl immer wieder in die Offensive gelangte. Die Sturm- und Drangphase unserer Nationalmannschaft fand daher mit seiner Auswechslung ein jähes Ende. Stattdessen hätte der einsatzfreudige, aber heute ineffiziente Podolski den Platz verlassen sollen. Mit Marin links, Müller rechts und Cacau als mitspielendem Stürmer in der Mitte wäre das deutsche Angriffsspiel lebendig und variantenreich geblieben, und diese drei Spieler sind alle auch in der Lage, im defensiven Mittelfeld bei Balleroberung und Aufbauspiel Unterstützung zu leisten. Bei allen Qualitäten Podolskis als Vollstrecker und Vorbereiter ist er dafür, insbesondere im Unterzahlspiel, nicht laufstark und quirlig genug. Ach ja, und dann war da noch Gomez. Ich muss es leider sagen: Selbst Badstuber hat in der zweiten Halbzeit mehr für die deutsche Offensive getan als er! Was Löw bei Klose und Podolski gelungen ist, daran ist er bei Gomez gescheitert: Ihn aus seinem Leistungstief herauszuholen.

So, das waren also die zahlreichen Fehler. Aber jetzt kommt’s: Ich sehe dem Spiel gegen Ghana trotzdem mit einem gesunden, aber auch begründeten Optimismus entgegen! Denn Deutschland hat zwar verloren, aber alles andere als schlecht gespielt. Bevor Klose vom Platz flog, waren wir das deutlich bessere Team und hatten uns im Gegensatz zu Serbien auch bereits einige Torchancen herausgespielt. Noch wichtiger: Selbst in Unterzahl setzten wir dieses dominante Spiel fort, ja bauten es sogar aus! Der Knaller Khediras an die Unterlatte war nur der erste Höhepunkt eines bereits gegen Ende der ersten Halbzeit begonnenen Sturmlaufes, der sich dann in der zweiten Halbzeit noch intensivierte. IN UNTERZAHL, wohlgemerkt! Es dauerte bis zur 67, Minute, bis die Serben ihre zweite Torchance hatten – bei den Deutschen hingegen war diese Zahl unterdessen längst zweistellig.

Im Fußball gewinnt eben nicht immer die bessere Mannschaft. Wir sollten uns darüber nicht allzu laut beklagen – oft genug haben wir selbst davon profitiert: Bei der letzten WM zum Beispiel, im Viertelfinale gegen Argentinien. Oder bei der jüngsten EM, als sowohl Portugal als auch die Türkei gegen uns klar besseren Fußball spielten (die Türkei allerdings verdiente es auch nicht besser – sie hatte dafür vorher zwei Vorrundenspiele trotz großen kämpferischen Einsatzes letztlich völlig unverdient gewonnen).

Sehen wir das Spiel doch einmal aus der Perspektive Serbiens: Obwohl sie offensiv zu 99% nicht stattgefunden hatten, konnten sie mit elf gegen zehn Spielern ihren knappen Eintorevorsprung mit Geschick & Glück, sowie mit Müh und Not über die Zeit retten. Nein: Nicht mit zehn gegen elf Spielern, MIT ELF GEGEN ZEHN. In Überzahl ließen sie sich von den Deutschen hinten einschnüren und lieferten ihnen eine Abwehrschlacht, ohne jedoch verhindern zu können, dass wir uns eine Vielzahl von Chancen erspielten. Ich denke, die Serben wissen sehr genau, mit wie viel Glück sie diesen Sieg errungen haben. Unsere Leistung mag nicht so gut gewesen sein wie gegen Australien, aber sie ist gewiss kein Grund zur Beunruhigung.

Vielleicht hat das Ganze ja auch sein Gutes: Wenn wir in unserer Gruppe nur Zweiter werden sollten, gehen wir im Viertelfinale vermutlich Argentinien aus dem Weg (ja, ich glaube, dass wir jeden Gegner aus der englischen Gruppe – England eingeschlossen – schlagen können!) Zugegeben, das ist sehr optimistisch und sehr weit gedacht, und natürlich kann der GAU noch eintreten, dass wir nach dem Spiel gegen Ghana zum ersten Mal in einer WM-Vorrunde ausgeschieden sein werden. Doch auch und gerade nach der Leistung der Deutschen in der Partie gegen Serbien befürchte ich das nicht wirklich.

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Posted in: Sport