Just like ol`times

Posted on Juni 23, 2010


Na also, die Deutschen sind doch immer noch die Deutschen: Viel Kampf, etwas Krampf, ein wenig Geschick, ein wenig Glück – und am Ende 1:0 gewonnen.

Das Spiel gegen Ghana war bislang das schlechteste Spiel unseres Teams bei dieser WM. Dabei war es immer noch kein schlechtes Spiel, aber eben auch kein gutes mehr. Ärgerlicherweise bot Ghana ausgerechnet gegen uns seine bisher beste WM-Leistung, aber glücklicherweise haben sie keinen Elfmeter erhalten, und dass sie auf andere Weise Tore erzielen können, den Beweis sind sie weiterhin schuldig geblieben.

Insgesamt waren wir übrigens auch gegen die Afrikaner das bessere Team – aber diesmal war es wirklich sehr, sehr knapp! Ein leistungsgerechtes Ergebnis wäre wohl eher ein Unentschieden gewesen (das übrigens den angenehmen Nebeneffekt gehabt hätte, dass wir im Achtelfinale England und im Viertelfinale dann Argentinien aus dem Weg gegangen wären) – nun ja, gegen Serbien haben wir gut gespielt und verloren, diesmal nicht gut gespielt, aber gewonnen, das geht also in Ordnung.

Spielerisch war es leider ein spürbarer Rückschritt. Zwar war es noch lange nicht der „Rumpelfußball“ früherer Zeiten, aber diesmal war irgendwie überall der Wurm drin – die Kombinationen vorne liefen nur selten flüssig; die Phasen, in denen wir die Herrschaft über das Mittelfeld abgaben, waren deutlich zu lang; und in unserer Abwehr taten sich mehrmals erschreckende Lücken auf.

Ich denke, größtenteils lag es an der Nervosität des Teams, und ich hoffe, dass das Abwenden der „historischen“ Blamage des Ausscheidens in der Vorrunde das verloren gegangene Selbstbewusstsein wieder zurückbringt. Ich will mich diesmal an einer Einzelkritik versuchen:

Manuel Neuer hat für mich bewiesen, dass er die einzig richtige Wahl war. Es sind gerade diejenigen Szenen, die von den Kommentatoren meistens ignoriert oder falsch bewertet werden: Sein frühes Herauslaufen, das zwar gefährlich aussehen mag, aber letztlich potenziell viel gefährlichere Situationen verhindert, und allgemein seine Fähigkeit mitzuspielen – seine ständige Anspielbereitschaft, sein Einsatz, den Ball im Spiel zu halten und seine raschen, präzisen Abwürfe, die sofort Konterchancen einleiten, entlasten seine Vorderleute enorm. Dass er außerdem noch eine Riesenchance vereitelt hat ist nur das Sahnehäubchen – es ist ja nicht so, dass Tim Wiese oder Hans-Jörg Butt nicht auch tolle Paraden zeigen könnten. Da nehmen sich unsere Torhüter nicht viel (und vor Fehlern sind sie auch alle nicht gefeit), aber Neuer besitzt eben eine überlegene Spielanlage.

Jerome Boateng hat ordentlich gespielt, aber keine Verbesserung gegenüber Badstuber dargestellt. Exakt in den Situationen, in denen Badstuber gegen Serbien schlecht ausgesehen hat, sah Boateng auch gegen Ghana schlecht aus. Solche Situationen müssen im deutschen Spielsystem von der gesamten Abwehr verhindert werden. Ich würde erwarten, dass Badstuber auf diese Position zurückkehrt, weil er ruhiger und passsicherer im Spielaufbau ist.

Arne Friedrich hat eine großartige Partie geboten. Mehrmals hat er hochgefährliche Situationen souverän entschärft, und ab und zu hat er sehr gute Vorstöße nach vorne gezeigt.

Per Mertesacker hingegen war so schwach, wie Friedrich stark war – viel schwächer zum Beispiel als Badstuber gegen Serbien. Man musste ihn in diesem Spiel geradezu als Gefahrenherd in der deutschen Verteidigung einstufen. Was ist mit dem Bremer nur los? So richtig wüsste ich nicht, wer ihn auf seiner Position ersetzen sollte. Die beste Lösung wäre gewiss, wenn er wieder in Bestform geriete.

Philipp Lahm hingegen war für mich der beste deutsche Spieler: Er war einfach überall, verhinderte hinten Großchancen, sorgte vorne für Gefahr und schien irgendwie um die Hälfte schneller unterwegs zu sein als alles andere, was auf dem Platz herumrannte!

Ebenfalls hervorragend gespielt hat Bastian Schweinsteiger. Wie immer stopfte er sich auftuende Lücken in Verteidigung und Spielaufbau und organisierte das deutsche Spiel. Er ist immer die richtige Anspielstation, wenn der Ball nicht verloren gehen darf – ohne Foul scheint er im Zweikampf überhaupt nicht besiegbar zu sein!

Sami Khedira hingegen war diesmal eher unauffällig. Nach vorne setzte er kaum Impulse, und hinten hatte er Kevin-Prince Boateng auch nicht überzeugend im Griff.

Thomas Müller wiederum war zum wiederholten Mal der beste deutsche Offensivspieler. Ich war jedes Mal wieder erleichtert, wenn er am Ball war, weil ich mich dann darauf verlassen konnte, dass ein vernünftig fortgesetzter deutscher Angriff bevorstand. Seine Auswechslung hatte gewiss nichts mit seiner Leistung zu tun, sondern vermutlich eher mit seiner gelben Karte – Löw hat wohl aus der Serbienpartie gelernt und das Riskio minimieren wollen, gegen Ghana in Unterzahl zu geraten.

An Mesut Özil hingegen kann man recht gut die Leistungskurve der Deutschen demonstrieren: Gegen Australien großartig, gegen Serbien durchwachsen, und gegen Ghana… nun ja, wenn er das Tor nicht geschossen hätte, wäre dies eine eindeutig schwache Partie von ihm gewesen! Seine Angriffsbemühungen waren im Unterschied zu denen von Müller selten zielführend, er verlor viel zu häufig den Ball, und dann vergab er auch noch eine „hundertprozentige“ Torchance… ABER er HAT das TOR geschossen (nach Vorarbeit von Müller), und das macht vieles wett!

Lukas Podolski war okay. Mir hat gefallen, dass er sich als ballsicherer und kombinationsfreudiger erwies, als ich ihn in Erinnerung hatte, aber so richtig durchschlagskräftig war er diesmal nicht.

Cacau hat seine Sache insgesamt ebenfalls ordentlich gemacht. In der ersten Hälfte fand ich ihn recht stark, und ich denke, es war gut, dass er statt Klose auf dem Platz stand – mit ihm können die Deutschen erheblich flüssiger kombinieren, und er trägt auch mehr zum Spielaufbau bei. In der zweiten Halbzeit hingegen tauchte er zu sehr ab, aber das galt eigentlich für die gesamte Mannschaft. Glücklicherweise ließ dann auch Ghana nach einer Stunde sehr stark nach.

Bemerkenswert finde ich noch, dass die achso schwachen Australier, gegen die der hohe deutsche Sieg nach Auffassung vieler Leute völlig aussagelos gewesen sein soll, am Ende mit 4 Punkten nur auf Grund des schwächeren Torverhältnisses ausgeschieden sind!

Und nun geht es also gegen England. Die sind ja wohl gerade noch rechtzeitig einigermaßen in Form gekommen. Ich fürchte, jetzt beginnen wieder die altvertrauten Zitterspiele; klare deutsche Siege sind wohl keine mehr zu erwarten. Und danach würde im Viertelfinale Argentinien warten – wenn wir es tatsächlich ins Finale schaffen sollten, darf diesmal aber wirklich niemand behaupten, wir hätten einen leichten Weg gehabt!

Ich sehe die Partie gegen England völlig offen. Vor dem letzten Spieltag hätte ich Deutschland sogar zum Favoriten erklärt, aber leider laufen die Leistungskurven beider Mannschaften zur Zeit in die (aus unserer Sicht) falschen Richtungen. Und ich hoffe wirklich, dass Schweinsteiger nicht schwer verletzt ist, denn ansonsten gehen wir mit einem dicken, dicken Handicap ins Spiel: Keiner in unserem Team ist unersetzlicher als er! Aber da es ja nicht nur noch nie passiert ist, dass eine deutsche Mannschaft bei einer WM in der Vorrunde ausgeschieden ist, sondern auch, seit wir regelmäßig teilnehmen (also seit 1954!), noch nie passiert ist, dass wir nicht unter die letzten acht Mannschaften gekommen sind, müssen wir uns hier ja keine Sorgen machen, nicht wahr?

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Posted in: Sport