Es war einmal, in einem gar nicht fernen Schland…

Posted on Juli 4, 2010


Nachdem ich nach den Spielen der deutschen Mannschaft gegen Australien, Serbien und Ghana jeweils einen Blogeintrag verfasst hatte, wunderte sich vielleicht der eine oder andere von Euch, warum ich nichts zu diesem unglaublichen Spiel gegen England geschrieben habe. Die traurige Antwort ist: Ich konnte es nicht sehen – das vielleicht unglaublichste Spiel einer deutschen Mannschaft bei einer WM überhaupt, UND ICH KONNTE ES NICHT SEHEN!

Deswegen habe ich mir einen Eintrag darüber gespart. Klar, ich habe einige Zusammenfassungen gesehen, aber ein Spiel nach ca. 8 ausgewählten Szenen zu beurteilen, das geht einfach nicht. Ob Deutschland wirklich drückend überlegend war und eine Weltklasseleistung gezeigt hat, oder ob sie zwar gut gespielt haben, aber letztlich doch nur mit Glück und einer krassen Schiedsrichterfehlentscheidung gegen eine starke Offensive dichthalten konnten, das weiß ich nicht. Nach den ausgewählten Szenen war die deutsche Offensive großartig und die Defensive furchtbar wacklig – aber wie kann es auch anders sein? Schließlich bekommt man aus nahe liegenden Gründen in Zusammenfassungen immer gerade diejenigen Szenen gezeigt, in denen die Offensiven der Teams stark und ihre Defensiven schwach erscheinen. Dass der deutsche Angriff tatsächlich stark war, kann man hieraus natürlich schließen, aber die Leistung einer Verteidigung kann man nun einmal nur beurteilen, wenn man das gesamte Spiel verfolgt hat.

Daher will ich hier nur auf zwei Details in diesen Szenen eingehen, die meiner Ansicht nach wieder einmal falsch bewertet wurden: Da war einmal dieses Tor von Müller, in dem er den Ball aus kurzer Distanz geradeaus ins Torwarteck schießt, und wo der Torhüt gerade noch rechtzeitig beiseite springt, um ihn nicht zu halten: Das sah aus wie einfach mal draufgehalten und Glück gehabt – aber das war es nicht! Aus der Torwartperspektive sieht man sehr deutlich, wie Müller unmittelbar vor seinem Schuss einen raschen Blick in die lange Ecke wirft und dann mit seinem Fuß ausholt.  Er hat den Keeper schlicht und einfach wie bei einem Elfmeter verladen und in die falsche Ecke geschickt!

Und dann ist da das Gegentor, bei dem Neuer dem köpfenden Spieler entgegenspringt, ohne eine Chance zu haben, den Ball vor diesem zu erreichen. Dafür ist er (natürlich) kritisiert worden – aber wieso eigentlich? Er springt wie ein Handballtorwart vor dem Angreifer heraus und macht einen großen Teil von dessen potenziellem Schussfeld dicht. (Man sieht sehr deutlich, dass er gar nicht erst versucht hat den Ball zu erreichen, lediglich den Winkel zu verkürzen.) Warum ist das eigentlich eine schlechtere Abwehr, als auf der Linie stehen zu bleiben? Aus dieser kurzen Distanz kann er eh nicht mehr reagieren und den Ball nur halten, wenn der Stürmer ihn genau auf ihn platziert. Dann hat er ihn aber auch, wenn er mit weit ausgebreiteten Armen herausspringt! Tatsächlich deckt er so sogar einen größeren Winkel ab als auf der Linie stehend (und falls er ihn erwischt, dann als kleinen Bonus mit deutlich mehr Schwung als auf der Linie stehend, so dass er ihn vermutlich sogar aus dem Strafraum hinaus abwehren kann, was mit einem bloßen Fäuste hochreißen kaum möglich gewesen wäre). Ich bin überzeugt, dass Neuer mit dieser unorthodoxen Parade erheblich bessere Chancen hat ein Tor zu verhindern (und wer auch ein paar Spiele von ihm bei der U21 und bei Schalke gesehen hat, der weiß, dass er mit solchen Sprüngen schon den einen oder anderen „Unhaltbaren“ gehalten hat!) Sicher gibt es dieses Mantra „wenn der Torwart herauskommt, muss er den Ball haben“, aber wer einmal ein bisschen darüber nachdenkt, dem wird klar, dass das nicht für solche glasklaren Torchancen gelten kann, sondern für Flankenbälle, bei denen noch nicht abzusehen ist, ob sie direkt aufs Tor gespielt werden, und bei denen der Torwart auf der Linie noch gute Chancen hat. Klar, nach solchen Szenen heißt es immer „da sieht der Torhüter aber nicht gut aus“, und bleibt er stattdessen auf der Linie, sagt man stattdessen „keine Chance für den Torhüter“, wenn der Ball dann erwartungsgemaß einschlägt – aber ist es die Aufgabe des Torhüters, gut auszusehen oder Tore zu verhindern? Wie auch beim Herauslaufen gilt: Die unorthodoxe, scheinbar so „riskante“ Spielweise ist auf lange Sicht weniger riskant als das feige Stehenbleiben.

Das wollte ich nur noch zu Deutschland – England loswerden. Die Partie gegen Argentinien habe ich jetzt wieder verfolgen können, und ich denke, es hat mich über das verpasste Achtelfinale hervorragend hinweggetröstet: So sensationell ein 4:1 bei einer WM gegen England auch war – für ein 4:0 gegen Argentinien im Viertelfinale muss man ja eigentlich neue Wörter erfinden! Und selbstverständlich war Argentinien vor diesem Spiel der Titelfavorit Nummer Eins gewesen – keine andere Mannschaft hatte in den ersten vier Spielen insgesamt dermaßen überzeugt. Ebenso unglaublicher- wie erwarteterweise liest man jetzt auch wieder Stimmen, welche die Südamerikaner kleinreden wollen. Klar, dass Australien nach ihrer Auftaktschlappe gegen Deutschland als Thekenmannschaft bezeichnet wurde, mussten sie sich gefallen lassen – obwohl sie 20. der Weltrangliste waren, sich in der Qualifikation deutlich vor dem späteren Achtelfinalisten Japan durchgesetzt hatten und eine hervorragende Vorbereitung gespielt hatten. (Und später gegen Ghana und Serbien dann bewiesen, dass sie absolut kein Kanonenfutter bei dieser WM waren, sondern ein ernsthafter Mitbewerber um die Runde der letzten 16.) Und England, von dem man vorher gelesen hatte, dass die deutsche Mannschaft gegen sie chancenlos sein würde, konnte im Nachhinein dann auch zu einem Totalausfall umdeklariert werden – immerhin hatten sie ja eine reichlich schwache Vorrunde gespielt. Wenn dieser Mechanismus nun aber auch noch bei Argentinien greift, dann ist das einfach nur noch lächerlich! Die Gauchos haben eine sehr starke WM gespielt, und zwar so lange, bis sie auf ein Team trafen, dass noch stärker war. Nur das ist die Realität.

Und ja, das 4:0 ist vielleicht ein wenig zu hoch ausgefallen. Aber im Gegensatz zu England hatte Argentinien gegen Deutschland tatsächlich einfach keine Chance! Es kam genau ein wirklich gefährlicher Ball auf das Tor von Neuer, den dieser nach einem Panthersprung sicher festhielt. Alles andere waren vielleicht argentinische Torschüsse, aber keine wirklichen TorCHANCEN. Natürlich überließen die Deutschen im mittleren Spieldrittel ihrem Gegner zu sehr das Mittelfeld und verloren zu oft den Ball – eine perfekte Leistung war es nicht. Doch auch in dieser Phase war das deutsche Tor nie wirklich in Gefahr.

Deutschland hingegen hat vier blitzsaubere Tore geschossen (und ja, sie waren alle absolut regelgerecht), und außerdem hat Klose auch wieder seine obligatorische Hundertprozentige vergeben. Auch wenn viele der Ansicht sind, diese Aussage müsste allein um des Relativierens willen relativiert werden: Deutschland hat den bisherigen Turnierfavoriten Nummer Eins demontiert!

Nur, leider, leider, beginnt in Fußball jedes Spiel wieder bei Null, und es gibt keine Garantie dafür, dass unser Team auch gegen Spanien wieder eine solche Weltklasseleistung abrufen kann. WENN es ihnen gelingt, dann werden sie die Iberer schlagen, denn obwohl diese ein sehr starkes Team haben, fehlt es ihnen an der mannschaftlichen Geschlossenheit und dem Spielfluss, welche die deutsche Elf in Südafrika so überzeugend demonstrieren. Ich bin aber alleine schon deswegen vorsichtig optimistisch, weil ich bereits vor den Spielen gegen England und Argentinien jeweils das Gefühl hatte „diesmal wird es wohl sehr knapp werden“.

Allerdings: Gegen Spanien wird unser bester Angreifer fehlen. Nein, ich kann die Entscheidung des Schiedsrichters hier nicht nachvollziehen, Müller eine gelbe Karte zu geben! Tatsächlich habe ich es in allen Zeitlupen bislang nicht einmal geschafft, überhaupt ein Handspiel zu erkennen – sicher ist nur, dass Müller den Ball mit der Hüfte angenommen hat, und dass sein Arm am Körper angelegt war. Eine unnatürliche Armhaltung kann ich beim besten Willen nicht erkennen. In jedem Fall aber verstehe ich die Linie dieses Schiedsrichters nicht, der in der Anfangsphase ein zehntausend Mal eindeutigeres Handspiel eines Argentiners, bei dem dieser mit seinem Arm weit ausholte und klar nach dem Ball griff, zwar gepfiffen, aber nicht mit Gelb geahndet hatte.

Aber nun ja, sich darüber aufzuregen ist wohl müßig – im Bereich der Spielleitung hat die FIFA erheblich schlimmere Baustellen. Nichtsdestotrotz triffft der Ausfall von Müller die deutsche Elf sehr, sehr hart – Müller ist vermutlich der drittwichtigste Spieler im Team nach dem absolut unersetzlichen Schweinsteiger und den ebenfalls völlig konkurrenzlosen Philipp Lahm. Gefühlt war Müller bislang an so ziemlich jeder gelungenen Offensivaktion der deutschen Mannschaft überhaupt beteiligt gewesen! Er ist der gefährlichste Torschütze, er ist der beste Vorbereiter, und er arbeitet hervorragend nach hinten mit – wenn Schweinsteiger nicht ebenfalls absolut großartig wäre, wäre Müller der beste Spieler der WM! Sein Fehlen zu kompensieren, das wird die bislang größte Herausforderung für Löw und sein Team.

Aber wenigstens ist er prinzipiell ersetzbar – anders als Schweinsteiger, der tut, was wohl weltweit niemand sonst tun kann, oder auch Lahm, der unser einziger erstklassiger Rechtsverteidiger (übrigens auch Linksverteidiger) ist. Ein Özil in Bestform kann ihn ersetzen – aber Hand aufs Herz, wer genau hingesehen hat, der wird festgestellt haben, dass Özil im Gegensatz zu Müller nur recht sporadisch Spitzenleistungen gezeigt hat und insbesondere zu oft die Effizienz vermissen ließ. Ein Marin in Bestform kann ihn ersetzen – aber leider schien Marin nach hervorragenden Leistungen in der Vorbereitung ausgerechnet zum Turnierbeginn nicht mehr in Bestform zu sein. Ein Trochowski oder Kroos könnten seine Position ausfüllen, aber nicht seine Funktion übernehmen, immer wieder Lücken zu reißen und zu nutzen.

Tröstlich ist allerdings folgender Gedanke: Selbst wenn die deutsche Offensive ohne Müller nur noch halb so gut ist, sollten zwei Tore gegen Spanien doch eigentlich genügen, oder? Jetzt, wo Mertesacker seine Form wiedergefunden hat und Podolski begonnen hat, nach hinten zu arbeiten und Boateng damit zu entlasten (schade, dass Badstuber diese Hilfe nicht erhalten hat), werden uns die Spanier hoffentlich keine zwei Dinger einschenken.

Wie auch immer es aber ausgeht: Deutschland spielt eine großartige WM! Sie haben wiederholt herausragende Leistungen gezeigt und nicht nur spektakulär erfolgreichen, sondern auch spektakulär schönen Fußball gezeigt, um den wir weltweit beneidet werden. Jeder, der angesichts dieser Tatsachen an Löws Trainerkompetenz zweifelt, beweist damit nur, dass ihm selbst diese Kompetenz abgeht.

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Posted in: Sport