Schade, schade, schade

Posted on Juli 8, 2010


Es gab ein paar „hätte“: Kroos HÄTTE die Deutschen in Führung bringen können. Der Schiedsrichter HÄTTE Deutschland einen Freistoß an der Strafraumgrenze geben müssen. Deutschland HÄTTE gewinnen können.

Aber, mal ehrlich: Sie HÄTTEN es nicht verdient! Tatsache ist: Die Spanier waren die bessere Mannschaft – nicht nur ein bisschen besser, sondern um so viel besser, dass alles andere als ein spanischer Sieg aus ihrer Perspektive eine große Ungerechtigkeit gewesen wäre. (Und über die zahlreichen „hätte“ der Spanier schweigen wir hier besser.) Ausgerechnet gegen uns haben die Iberer ihre bisher beste WM-Partie gezeigt, und ausgerechnet gegen sie haben wir unsere schlechteste gezeigt. Aber – und das ist es, was all diejenigen, welche Australien, England und Argentinien im Nachhinein kleingeredet haben, nicht begreifen wollen – da besteht eben auch ein Zusammenhang!

Eine detaillierte Analyse spare ich mir: Spanien war in allen Belangen besser. Selbst in dieser Partie waren die Deutschen nicht wirklich schlecht, aber „nicht wirklich schlecht“ ist gegen eine spanische Mannschaft in Topform einfach nicht ausreichend. Abgesehen von Neuer, der tat was zu tun war (und wie üblich auch noch ein kleines bisschen mehr), stimmte es in allen Mannschaftsteilen nicht. Die Abwehr war wacklig und ließ sich viel zu häufig von den Spaniern schwindlig spielen. Das Mittelfeld verlor deutlich zu viele Bälle und brachte fast nie den Ball schnell und präzise in die Spitze. Dem Sturm gelang es kaum, einen Angriff gefährlich abzuschließen.

Und ja, Thomas Müller fehlte uns bitterlich! Wie unglaublich ärgerlich, dass er auf Grund zweier gelber Karten, die von einem souveränen Schiedsrichter beide nicht gegeben worden wären, auf der Tribüne sitzen musste (und wie absolut lächerlich, dass die Offiziellen ihn selbst nach dem Schlusspfiff nicht auf den Platz ließen). Von seinen Ideen, seiner Laufbereitschaft und seinem überragenden Stellungsspiel lebte die deutsche Offensive in den vorigen Partien. Ich will es einmal ganz klar sagen: Özil ist der meistüberschätzte deutsche Spieler! Ja, ab und zu hat er geniale Momente, aber „ab und zu“ ist viel zu selten, und viel zu oft resultieren seine Aktionen in Ballverlusten, ohne die gegnerische Verteidigung in Gefahr gebracht zu haben. Überhaupt neigt er zum Schönwetterspielertum. Dass ausgerechnet er das entscheidende Tor gegen Ghana gemacht hat, so erfreulich das war, entsprach überhaupt nicht seiner in diesem Spiel ansonsten äußerst schwachen Leistung. Jedes Mal wieder, wenn Özil vor Müller oder auch nur mit ihm in einem Atemzug genannt wurde, habe ich mich gefragt, ob diejenigen die Spiele der deutschen Elf tatsächlich gesehen haben!

Das war, neben der allgemeinen Nervosität und Verkrampftheit der deutschen Elf (und natürlich der hervorragenden Vorstellung der Spanier), der Knackpunkt: Deutschland hatte keinen Spieler auf dem Platz, der die Spanier wirklich unter Druck setzen konnte, der Ideen hatte und umsetzte, der Lücken riss. Und hier muss sich Löw auch fragen lassen, ob er den Ausfall von Müller und dessen Bedeutung für das deutsche Team nicht unterschätzt hat. Trochowski als Ersatz für Müller, das konnte nicht funktionieren, denn selbst ein formstarker Trochowski reißt keine Lücken in die gegnerische Offensive. Was zur Hölle ist eigentlich mit Marin gewesen? Offenbar hat Löw ihn niemals auch nur in Erwägung gezogen – dabei ist Marin genau der richtige Spielertyp, um Müller zu ersetzen. Waren Marins Trainingsleistungen denn so schlecht? Hatte er eine Durchfallerkrankung? Hat er sich mit Löw überworfen? Selbstverständlich kann ich das nicht beurteilen. Ich weiß aber dass ich, vorausgesetzt er ist in Form, niemals daran gezweifelt hätte, dass Marin für Müller spielen würde.

Auch die Einwechslung von Jansen für Boateng wirkte überfällig. Sicher, gegen Spanien wollte Löw der Defensive so viel Stabilität wie nur möglich verleihen, und die Variante mit Boateng hatte sich bislang bei der WM als die erfolgreichste erwiesen. Aber die Situation hatte sich durch den Ausfall Müllers eben geändert, und die etwas stabilere Abwehr nützt nichts, wenn die Offensive noch stärker geschwächt ist. Jansen kann nach vorne Impulse setzen, und im Nachhinein erscheint es klar, dass er von Anfang an hätte spielen müssen, denn mit seinen Vorstößen am Flügel hätte er die Kardinalschwäche des deutschen Spiels ausbügeln können, nämlich die Unfähigkeit, das Mittelfeld zu überbrücken.

Ich habe Löw viel gelobt, aber in manchen Dingen auch kritisiert, und ich denke, ich kann meine Ansichten unterdessen zusammenfassen: Löw ist ein exzellenter Analytiker und Stratege. Er kann das Potenzial von Spielern selbst dann, wenn sie in ihren Vereinsmannschaften unterirdische Leistungen bringen oder sogar nur die Bank drücken, einschätzen bzw. zutage fördern. Er kann aus einzelnen Spielern eine unglaublich gut zusammenspielende Mannschaft formen. Er kann ein Team hervorragend auf den jeweiligen Gegner einstellen.

Seine Schwäche aber ist das Umdenken, wenn etwas nicht nach seinem Willen läuft und die Einsicht, dass man nicht jede Position mit jedem Spielertyp besetzen kann. Auch wenn niemand Frings in der Startelf dieses Teams vermissen konnte: Wenn der schlimmste anzunehmende Fall eingetreten wäre und Schweinsteiger sich verletzt hätte oder gesperrt worden wäre, hätte Löw nach der deutschen Verletzungsmisere im Vorfeld der WM niemanden mehr im Kader gehabt, der diese Lücke hätte stopfen können. Ebenso die Sperre von Müller: Ohne ihn fehlte dem deutschen Team ein essenzielles Element, und Trochoski trug nichts dazu bei, ihm dieses Element zurückzugeben – er war schlicht eine Fehlbesetzung. Ein anderes Beispiel war in der Partie gegen Serbien die frühe gelbe Karte gegen Klose und Löws fehlende Reaktion darauf: Ein nach einer Viertelstunde gelbbelasteter Klose KONNTE bei einem kleinlich pfeifenden Schiedsrichter sein körper- und zweikampfbetontes Spiel nicht fortsetzen, ohne irgendwann vom Platz gestellt zu werden.

Auch ansonsten wirken Löws Einwechslungen selten durchdacht. Das Team, das auf dem Platz steht, das hat er nach seinen Vorstellungen geformt, und von dem erwartet er auch, dass es seine Vorstellungen umsetzt. Wenn das nicht gelingt, fehlt ihm die Flexibilität – er benötigt Zeit für seine Analysen, und er liebt es, langfristige Pläne umzusetzen, aber wenn etwas nicht nach Plan läuft, schaltet er auf stur. Genau so, wie das deutsche Team insgesamt eine großartige WM gespielt hat, sich aber in vielen Bereichen noch verbessern kann, gilt dies auch für Löws Arbeit.

Für die Zukunft darf man jedoch optimistisch sein! So leid es einem für den nur durch seine Verletzung ausgefallenen Rene Adler tun mag: Mit Manuel Neuer haben wir einen Weltklassetorwart, der sein Potenzial gerade erst auszuschöpfen beginnt. In der Abwehr wird Arne Friedrich aus Altersgründen ersetzt werden müssen, aber Badstuber steht bereits bereit, und Boateng oder Aogo haben jetzt genügend Zeit, um zu reifen, und auch ein Hummels wird gewiss seine Chancen bekommen. Unsere wichtigsten defensiven Stützen, Lahm und Schweinsteiger, werden noch mindestens bis zur nächsten WM auf höchstem Niveau spielen können, und Khedira ist sogar noch jung genug, dass man von ihm eine weitere Leistungssteigerung erwarten kann. (Außerdem werden natürlich auch die verletzten Spieler wieder gesund.) Unser absolutes Prunkstück ist jedoch das offensive Mittelfeld, in dem Kroos, Marin und Özil alle noch am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Im Sturm sieht es ein wenig anders aus: Neben Müller, bei dem eigentlich kaum vorstellbar ist, dass seine Leistungskurve noch weiter nach oben zeigt, wie es bei einem Zwanzigjährigen jedoch eigentlich zu erwarten wäre, sehe ich doch durchaus einige Plätze, die neu zu vergeben sein könnten. Miroslav Klose hat seinen Zenit erreicht, Gomez und Kießling keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Cacau und Podolski sind keine Stoßstürmer und werden ihre Berufung in den nächsten Monaten vermtlich erneut bestätigen müssen.

Für Michael Ballack jedoch ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen. So ungerecht die Stimmen auch sind, die sich bei Kevin-Prince Boateng für sein Foulspiel bedankt haben, weil er damit unser Team von Ballack befreit habe: Diese WM war realistisch gesehen seine letzte Chance gewesen. Es gibt nur eine Position im deutschen Team, auf der Ballack sinnvoll eingesetzt werden kann, und das ist jetzt die von Schweinsteiger. Schweinsteiger ist einfach der bessere Ballack (bzw. muss man ja heute schon sagen, Ballack ist ein schwächerer Schweinsteiger), und eine Zweitbesetzung kann sinnvoll nur perspektivisch mit einem jüngeren Spieler erfolgen.

Das also sind die „Umbrüche“, die in unserem Team gemacht werden müssen: Friedrich muss ersetzt werden (und Badstuber steht bereits parat), Ballack ist längst ersetzt worden, und die einzige tatsächliche Lücke wird – wer hätte das vor der WM gedacht? – Mirosklav Klose hinterlassen. Ich will aber eine gewagte These aufstellen: Die deutsche Mannschaft braucht gar keinen Stürmer vom Typ Klose/Gomez/Kießling! Sicherlich ist ein Mann mit Knipserqualitäten immer ein Bonus, aber die meisten deutschen Tore werden doch auf eine Weise herausgespielt, die ihre Existenz überflüssig macht – wer letzten Endes den Fuß hinhält, ist doch eigentlich egal!

Übrigens ist die WM ja auch für uns noch nicht zu Ende. Zwar weiß niemand genau, wozu dieses Spiel um den dritten Platz eigentlich gut sein soll (wer erinnert sich schon an die WM-Dritten der früheren WMs?), aber über eine gute Abschiedsvorstellung unseres Teams würden wir uns natürlich trotzdem freuen! Außerdem hat Klose da immer noch die Möglichkeit, der beste WM-Schütze aller Zeiten zu werden, und Müller ist ja auch noch gut im Rennen um die Scorer- und vielleicht sogar noch die Torjägerkanone. Schließlich kann man erwarten, dass gegen Uruguay noch einige der Reservisten zum Zuge kommen.

In jedem Fall ist ein weiterer Halbfinaleinzug des DFB-Teams ein ganz hervorragender Erfolg, inbesondere, da er dieses Mal auch noch mit teilweise brilliantem Fußball einherging (was 2006, wenn man ehrlich ist, nicht wirklich der Fall gewesen war)! Was bin ich froh, dass wir in Deutschland (noch) nicht diese furchtbare amerikanische Mentalität verinnerlicht haben, dass nur der Sieger etwas zählt. Und auch, wenn es mit dem vierten Stern wieder nichts geworden ist, haben wir doch eine Gesamtbilanz, um die uns JEDE, wirklich absolut jede andere Nation beneiden kann: Seit 1954 ist Deutschland IMMER unter den besten 8 Mannschaften der WM gewesen und hat SIEBEN Mal das Finale erreicht – wir sind eigentlich die erfolgverwöhnteste Fußballnation der Welt! Und doch schauen wir neidisch auf die Brasilianer und Italiener, die zwei bzw. einen Titel mehr als wir geholt haben. Als wenn nur die Titel zählten! Deutschland hat sich seit nunmehr 15 WMs in Folge konstant in der Weltspitze gehalten.

Deswegen haben wir eigentlich nie WIRKLICH einen Grund zum Meckern gehabt. Sicher, sich mit Niederlagen gegen Österreich, Kroatien oder Bulgarien aus einem Turnier zu verabschieden, stellte keine Sternstunden des deutschen Fußballs dar, und unter ästhetischen Gesichtspunkten haben unsere früheren Teams (im Gegensatz zu unserem aktuellen) auch nur selten geglänzt. Doch wenn wir uns einmal ansehen, welche Schicksale bei dieser WM die aktuellen Welt- und Vizeweltmeister Italien und Frankreich ereilt haben, sollte uns klar werden, dass Fußballweltmeisterschaften für uns eigentlich immer Fußballfeste gewesen sind.

Nun schauen wir uns also noch unser Spiel gegen Uruguay und am Sonntag das Finale der Niederlande gegen Spanien an, und dann ist der fußballerische Ausnahmezustand auch bereits wieder vorbei. Auch das schade eigentlich! Wieder über die „wirkliche“ Welt nachdenken zu müssen ist niederschmetternder, als es jedes WM-Vorrundenaus hätte gewesen sein können.

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Posted in: Sport