Einsicht & Einstellung

Posted on Dezember 10, 2010


Dies ist mein Abschiedseintrag für Andis Andersartige Ansichten. Diejenigen, die diesem Blog hier zuletzt noch gefolgt sind (viele wart Ihr ja nicht mehr, aber das ist natürlich meine ureigenste Schuld) werden festgestellt haben, dass er zuletzt praktisch komplett eingeschlafen ist.

Nun ist privates Bloggen ja immer eine Beschäftigung, deren Intensität an- und abschwillt, je nachdem, wie viel Zeit man gerade dafür hat bzw. sich nimmt, aber ich musste einsehen, dass mein Problem ein Grundlegenderes ist: Ich will/kann einfach nicht mehr! Die Ursachen dafür habe ich teilweise bereits in Einträgen hier angesprochen, aber noch nicht die Konsequenzen daraus gezogen.

Griffig ausgedrückt: Es gibt viel – VIEL!  – zu viel, worüber ich hätte bloggen müssen, und viel zu wenig, worüber ich hätte bloggen wollen. Alleine bereits die Geschehnisse in der Welt zu verfolgen, ist eine durchaus zeitaufwändige Aufgabe. Sich auf die Suche nach unabhängigen und seriösen Quellen und Analysen zu begeben, droht mich bereits zu überfordern. Daraus dann aber meine Schlüsse zu ziehen und diese argumentativ vernünftig darzulegen – das hat sich als zu viel für mich erwiesen. Dass mein ursprüngliches Engagement auf diesem Gebiet, welches mich bewogen hat, dieses Blog einzurichten, unterdessen beinahe vollständig verschwunden ist, liegt aber hauptsächlich schlicht daran, dass ich die Hoffnung aufgegeben habe.

Ich habe alleine aus den letzten paar Monaten eine dreistellige Anzahl Links zu Artikeln, die sich mit Themen befassen, zu denen ich eigentlich etwas sagen MÜSSTE. Ich habe mir selbst vorgegaukelt, dass ich bewusst eine kreative Pause einlegte, um diese Links dann in zusammenfassender Form abzuarbeiten und Zusammenhänge, die zwischen den dort behandelten Themen bestehen, darzulegen.

Ich werde das nie tun.

Es läuft zu viel in der Welt schief, und auf zu vielen verschiedenen, jedoch miteinander verwobenen Ebenen. Ich käme mit meinen Kommentaren nicht ansatzweise hinterher.

Da ist einmal die Umweltzerstörung und der menschengemachte Klimawandel. Dazu kann ich nur sagen (und habe es auch bereits): Es WIRD passieren. Es gibt keinerlei gesellschaftliche Mechanismen, welche in der Lage sind, diesen Prozess zu stoppen.

Der Grund dafür ist die Entmachtung der Politik durch die „Globalisierung“ der Wirtschaft. Ebenso wie beim Thema Klimawandel vorübergehend Aufbruchstimmung verbreitet wurde, schien auch hier nach der großen internationalen Bankenkrise ein wenig in Bewegung zu kommen, aber auch das war trügerisch: Nichts ist wirklich passiert, und nichts wird wirklich passieren. Die Politik regiert sich selbst in immer stärkere Abhängigkeit von Wirtschaftslobbyisten und in ihre eigene Handlungsunfähigkeit hinein. Auch hier wird kein Umdenken mehr stattfinden: Der starke, sozial verantwortlich handelnde Staat wird in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend diskreditiert, und diejenigen politischen Kräffte, welche für die großen Krisen verantwortlich sind, profitieren paradoxerweise auch noch davon.

Das wiederum hängt mit der Entwicklung in der Medien- und Informationslandschaft zusammen. Wirtschaftliche Zwänge (oder oft auch nur Anreize) führen zu einer immer stärker werdenden Gleichschaltung und Verflachung. Bei allem, was ich an den NachDenkSeiten kritisch sehe: Die von ihnen immer wieder angeprangerte Meinungsmache besteht, und sie hat auch die letzten größeren einstmals unabhängigen und kritischen Medien (wie zum Beispiel den Spiegel) erreicht. Selbst für einigermaßen engagierte Bürger ist es praktisch unmöglich geworden, sich vernünftig zu informieren, denn man hat eben nur noch die Wahl zwischen den großen, weitgehend gleichgeschalteten Medien und zahllosen kleineren Publikationen, deren Seriosität man jeweils einzeln überprüfen müsste (und das auch noch immer wieder, da qualitative Kontinuität hier keineswegs vorauszusetzen ist), und die – verständlicher-, aber auch fatalerweise – dazu neigen, mit entgegengesetzter Intention genau so Meinungsmache  zu betreiben wie die Mainstream-Medien. Ausgewogener, seriöser, objektiver Journalismus war schon immer eine Seltenheit gewesen, ist aber heute praktisch ausgestorben. Spiegel Online ist vielleicht das dramatischste Beispiel dafür, wo die meisten Beiträge ganz offensichtlich von ungeschulten Praktikanten verfasst werden – klar, alles andere rechnet sich ja heute nicht mehr… Man kann die Medien auch nicht für diese Entwicklung allein verantwortlich machen, denn es ist einfach praktisch niemand mehr bereit, sich für seriöse, ausführliche Informationen auch nur die Zeit zu nehmen, geschweige denn, sie zu bezahlen!

Medienmacht funktioniert wie Monopoly: Sobald es denjenigen politischen Kräften, welche kein Interesse an kritischer, fundierter Berichterstattung haben (und sind das nicht fast alle?) gelungen ist, eine Meinungsmehrheit für Maßnahmen herzustellen, welche solche Berichterstattung weiter erschwert, entsteht eine Spirale der medialen Gleichschaltung. Es ist unfasslich, wie es zum Beispiel der deutschen Politik in den letzten Jahrzehnten gelungen ist, in der Bevölkerung eine breite Unterstützung für einen Sparkurs zu erlangen, der nachweislich zwar nicht den Haushalt saniert, wohl aber die Reichen reicher und die Armen ärmer macht, und der gleichzeitig die Aufstiegschancen und die Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe (was insbesondere auch die Teilnahme am politischen Geschehen miteinschließt) der unteren Gesellschaftsschichten immer weiter reduziert. Insbesondere der gelungene Aufbau des Feindbildes der Hartz-4-Empfänger als Sozialschmarotzer beweist, wie weit die Gehirnwäsche der Bevölkerung unterdessen reicht: Während Banken und Konzernen, die durch ihr eigenes Handeln sich selbst und den gesamten Staat von einer Krise in die nächste stürzen, ein Vielfaches an Geldmitteln an Hilfen zur Verfügung gestellt wird und Konjunkturprogramme für die Wirtschaft geschaffen werden, welche unseren Staatshaushalt auf Jahrzehnte hinaus belasten, wird bei den Sozialtransfers im Bereich des Existenzminimums, die zwingenderweise zu 100% der Wirtschaft wieder zugute kommen (denn Hartz-4-Empfänger geben ihr Geld aus!) gespart, wo es nur möglich ist, mit dem erklärten Ziel, einen wirtschaftsfreundlichen Niedriglohnsektor zu schaffen – und die Bevölkerung applaudiert diesen Maßnahmen zunehmend, weil sie nicht begreifen, dass für den größten Teil von ihnen die Frage, welche Arbeit die ganzen Arbeitslosen (und man beachte, dass ein großer Teil der Hartz-4-Empfänger gar nicht arbeitslos ist, sondern Aufstockungen für seine Niedriglohnarbeiten erhält bzw. in MAE-Maßnahmen beschäftigt ist, deren Existenz potenzielle Arbeitsplätze vernichtet) eigentlich annehmen sollen, so zu beantworten ist: IHRE Arbeit – nur schlechter bezahlt!

Über ihre Lobbyarbeit hat die Wirtschaft die Politik schon immer gesteuert, und auch auf die Presse hat sie schon immer Einfluss genommen, aber das Ausmaß, in dem die wirtschaftliche Globalisierung die Politik in Sachzwängen erstarren lässt, und in dem die Zentralisierung der Medien (die Schattenseite des technischen Fortschrittes und insbesondere auch des Internets) fortschreitet, ist von einer neuen Dimension, und führt zu einer schleichenden, aber katastrophalen Entwicklung: Die Demokratie schafft sich selbst ab – nicht durch den spektakulären, bejubelten Wahlsieg eines populistischen Diktators, sondern durch die zunemhmende, gezielte Steuerung der politischen Meinungsbildung über die Medien.

Und mit der Demokratie verschwindet auch die Meinungsfreiheit, wenn auch ebenfalls primär in schleichender Weise. Dienste, die wir alle in Anspruch nehmen, so wie Google oder Paypal, nehmen aus finanziellen Gründen Rücksicht auf die Zensurwünsche totalitärer und fundamentalistischer Staaten. Kritische Berichterstatttung über diese erlegt sich selbst in westlichen Medien zunehmend eine Selbstzensur auf (ein schlagendes Beispiel dafür, was passiert, wenn dieses nicht gelingt, ist das unerwartete klägliche Scheitern der englischen Bewerbung für die Fußball-WM, welches in engem Zusammenhang damit steht, dass britische Medien im Vorfeld der Wahl über Korruption in diesem Wahlgremium berichtet haben) – das gilt für Kritik an totalitäten oder korrupten Staaten wie China oder Russland ebenso wie solche an religiösen Gruppen, oder eben auch mächtigen Unternehmen und Organisationen.

Doch auch im Kleinen wird die Meinungsfreiheit im Internet langsam unterminiert. Beinahe völlig unbeachtet von der öffentlichen Wahrnehmung tritt da ein Staatsvertrag in Kraft, welcher  – falls seine Bestimmungen tatsächlich angewendet wurden – es privaten Bloggern praktisch unmöglich macht, sich zu ernsthaften Themen zu äußern. Klar, wir gehen alle davon aus, dass wir diesen unsinnigen neuen Staatsvertrag einfach ignorieren können – ebenso wie den alten Staatsvertrag, oder wie die Umsetzung der EU-Rechtlinie zum Jugendschutz in nationales Recht, oder wie die Impressumspflicht, oder wie die teilweise erschreckenden Auslegungen mancher Gerichte des Persönlichkeitsrechtes zugunsten von Unternehmen, oderoderoder… Das Problem ist jedoch, dass die rechtlichen Möglichkeiten nun einmal bestehen, Blogger zu schikanieren und mundtot zu machen, und sobald diese die Aufmerksamkeit einer Instanz geweckt haben, welche ein Interesse daran hat, ihnen Schwierigkeiten zu bereiten (und seien es auch „nur“ Abmahnanwälte, die sich damit ihr Geld verdienen), können sie für allerlei Verstöße gegen diese unsinnigen Gesetze, von denen alle hoffen, dass sie aus gesundem Menschenverstand nicht angewandt werden, vor Gericht gezerrt werden (und selbst, wenn eine Chance bestünde, dass sie dort Recht erhielten, können sich die meisten privaten Blogger die Kosten für diese gerichtliche Auseinandersetzung gar nicht leisten). Im Prinzip läuft es darauf hinaus: Entweder man hat die finanziellen und logistischen Ressourcen, allen Gesetzen Genüge zu tun und auch Rechtsstreitigkeiten durchzustehen, oder man sollte tunlichst vermeiden, mit kritischen Beiträgen zu viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Selbst, wenn unmittelbar nach Inkrafttreten eines solchen Gesetzes zunächst einmal nichts passiert: Die Grundlagen sind vorhanden, und das böse Erwachen kann jederzeit kommen – wenn es viel zu spät ist, sich noch dagegen zu wehren.

Ist es da ein Wunder, wenn die allermeisten Menschen – vorausgesetzt, sie hatten überhaupt jemals die Bereitschaft, sich für gesellschaftliche Zusammenhänge zu interessieren und politisch zu engagieren – sich in einfache Antworten flüchten? Ob sie Sozialschmarotzer für die finanzielle Not des Staates verantwortlich machen, ob sie pauschale ausländerfeindliche Parolen skandieren, ob sie sich auf „christlich-konservative“ Werte besinnen, ob sie sich eine Rückkehr zu einem verklärten DDR-Sozialismus wünschen, oder ob sie die Lösung aller Weltprobleme im Veganismus gefunden zu haben glauben – in der Welt des 21. Jahrhunderts zerfällt die Menschheit im Wesentlichen in zwei  Lager: Diejenigen, die sich arrangieren und anpassen und von den gesellschaftlichen Fehlentwicklungen auf Kosten anderer rücksichtslos profitieren; und diejenigen, die sich Veränderungen wünschen und dabei vereinfachten Bauernfängerparolen folgen. Ja, diese Gruppen hat es natürlich schon immer gegeben, aber eine neue Qualität erhält dieses Schisma durch die faktische Unmöglichkeit, sich hinreichend zu informieren, um eine objektive, kritische eigene Meinung aufzubauen, welche einen praktisch dazu zwingt, sich einer dieser beiden Gruppen anzuschließen, oder sich eben aus der politischen Willensbildung zurückzuziehen. Informationsmöglichkeiten sind im Internet heute gewiss quantitativ mehr vorhanden als jemals zuvor, aber ihre Qualität, die natürlich in den meisten Fällen höchst fragwürdig ist (kein Wunder, wenn absolut jeder seine Ansichten unüberprüft ins Netz stellen kann – die Schattenseite der Meinungsfreiheit), lässt sich kaum noch feststellen, und ihre Unabhängigkeit von mehr oder weniger mächtigen bzw. fanatischen Interessengruppen erst recht nicht: Wer sich erst einmal eine Meinung gebildet hat, der wird im Internet dafür Bestätigung finden, und es liegt nicht in der Natur des Menschen, dann noch gezielt und unvoreingenommen nach gegensätzlichen Positionen zu suchen. Das Internet ist groß genug, dass jeder Gleichgesinnte findet, sofern seine Ansichten nur hinreichend unreflektiert sind.

Ich ziehe mich also zurück – ich besitze nicht mehr die Kraft und will mir nicht mehr die Zeit nehmen, winzige Tröpfchen eigenständiger Reflexion in den trüben Ozean manipulierter und vorgefasster Meinungen des Internets fallen zu lassen. Wäre es nur alleine die beinahe vollständige Sinnlosigkeit dieses Unterfangens, würde ich noch versuchen mich zu motivieren, aber ich habe festgestellt, dass meine Frustration darüber, nicht die Zeit dafür zu finden, mich auch nur einigermaßen regelmäßig zu den wichtigsten Themen zu äußern, mich auch in anderen Belangen lähmt. Insbesondere meine kreativen Tätgikeiten drohen darunter zu leiden, und auch wenn ich mir über deren Relevanz im Vergleich nicht ganz im Klaren bin, so bin ich doch zumindest hier in der Lage, mir Ziele zu stecken und zu erreichen.

Sollte mich ab und zu doch wieder einmal das Verlangen überkommen, etwas zu politischen oder gesellschaftlichen Themen zu schreiben, dann tue ich das eben wieder, wie früher auch bereits, auf Ein Platz für Andi, doch allzu häufig wird dies wohl nicht mehr vorkommen, und überhaupt habe ich alles Wichtige eigentlich längst gesagt – einige meiner vor ein paar Jahren verfassten Texte könnte ich einfach neu veröffentlichen, ohne dass jemand es merken würde – sie sind einfach dauerhaft aktuell. Wenn es überhaupt eine Hoffnung dafür gibt, der Menschheit, die nach einigen vergleichsweise paradiesischen Jahrzehnten (zumindest in den westlichen Industriestaaten), während derer leben zu dürfen, ich auch sehr dankbar bin (wem auch immer), alle Zeichen auf die Rückkehr in dunkle Zeitalter gestellt hat, zu helfen, dann kann sie nur in einer Veränderung des menschlichen Denkens ansetzen. Um die Welt zu verbessern, muss man die Menschheit verbessern – und, wie die letzten Jahrhunderte bewiesen haben, IST das möglich – nur leider aus finanzieller und gesellschaftlicher Sicht nicht unmittelbar einträglich. (Und leider hält der moralische Fortschritt der Menschheit mit ihrer Fähigkeit, sich selbst und der Welt, in der sie lebt, Schaden zuzufügen, nicht annähernd Schritt.)

Und wie kann man die Gedanken möglichst vieler Menschen erreichen? Indem man ihnen Geschichten erzählt. WAHRE Geschichten. Damit meine ich aber nicht die faktische Wahrheit, die sich selten objektiv überprüfen lässt. Ich rede von der Wahrheit, die sich in das Gewand des Fiktiven und Phantastischen hüllt; die Wahrheit, welche die Menschheit bereits in ihren ältesten Mythen und Legenden versteckte. Bücher wie Die Leiden des jungen Werthers oder Nathan der Weise haben viel stärker zur Entwicklung der humanistischen Weltsicht beigetragen, als jedes politishe Pamphlet es vermocht hätte. Selbst triviale Werke wie Harry Potter oder Star Wars vermitteln denjenigen, die in der Lage sind, sie wahrzunehmen, wichtige Botschaften und Einsichten.

Nur unsere Phantasie versetzt uns in die Lage, die Realität zu ändern. Deswegen werde ich mich als Schreiber jetzt wieder auf das konzentrieren, was ich am liebsten tue und am besten kann. Andis Andersartige Ansichten werde ich lediglich als Archiv aufbewahren, und Ein Platz für Andi wird wieder offiziell die Rolle meines primären Blogs einnehmen. An diejenigen, die hier mitgelesen und kommentiert haben: Vielen Dank, und ich hoffe Ihr schaut ab und zu dort hinein!

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Posted in: Erkenntnisse